Zum Jahresbeginn

von Erika Vögeli

Mit der Verbreitung des Virus SARS-CoV-2 und den dagegen ergriffenen Massnahmen wurde unser Leben rund um den Globus zum Teil massiv auf den Kopf gestellt. Für viele Menschen – besonders in armen Ländern – wurde das Leben noch schwieriger. Die ungeheuerlichen Ungerechtigkeiten sind noch grösser geworden. Die globale Finanzelite und einige Wirtschaftsbereiche haben sich noch weiter bereichert, die Superreichen sind noch reicher und die Armen noch ärmer geworden. Das steht in allen Zeitungen, und die Prognosen über die negativen Folgen häufen sich überall. Die Frage ist nur, welche Schlussfolgerungen wir daraus ziehen. Die Möchtegern-Global-Governance wird alles daransetzen, ihre Position zu halten und möglichst auszubauen. Und nach dem Motto «Teile und herrsche» werden die Debatten über Richtigkeit und Unsinn der ergriffenen Massnahmen, das Schüren von Gegensätzen und angeblichen Interessenkonflikten da wohl ihren Platz finden. Tatsache ist, dass all die angeblich wegen Corona notwendigen Veränderungen im Sinne des «grossen Umbruches» schon lange in Planung – und Umsetzung – sind. Man nimmt die Gelegenheit gerne, um sie weiter voranzutreiben.
  Alfred de Zayas setzt dem eine entschieden andere Möglichkeit entgegen. In seinem engagierten Plädoyer ruft er alle auf, die Situation als «historische Gelegenheit» zu erfassen und unsere Regierungen anzuhalten, unsere begrenzten Ressourcen statt für Kriege und die Vernichtung des Lebens für dessen Schutz, für weitsichtige Prävention und entsprechende Forschung einzusetzen. «Es ist Zeit, sich der Herausforderung zu stellen, vernünftige Haushaltsprioritäten zu fordern, Gesetze und Vorschriften, die den Menschen über den Profit stellen, Ethik in der Aussenpolitik zu fordern, ein Ende des irrsinnigen Wettrüstens und der kriminellen Kriege zu fordern.»
  Diana Johnstone hat in ihrem Beitrag «Der grosse Vorwand … für eine Anti-Utopie» (in der letzten Ausgabe) darauf hingewiesen, dass dabei «Alarmrufe von den Rändern» das Kräfteverhältnis nicht ändern werden. Nötig wäre, so ihr Ansatz, «dass sich die Menschen überall zusammenfinden, um die Probleme zu studieren und eine fundierte Meinung über Ziele und Methoden der zukünftigen Entwicklung zu erarbeiten». Sicher stellt sich dabei auch die Frage, ob und wie solche Bürgergespräche vor unlauterer Beeinflussung zu schützen wären … um einen wirklichen «freien Markt der Ideen» zu ermöglichen und ungeachet jedweder Political Correctness «das Recht falsch zu liegen» (Alfred de Zayas) gewährleistet bleibt.
  Jedenfalls kommt in Diana Johnstones Rat etwas Grundlegendes zum Ausdruck, das unsere Zeit bitter nötig hätte: Statt dass die zu Recht mit den gegenwärtigen politischen wie wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen Unzufriedenen sich durch Polarisierung und damit verbundener Unruhe und Zersplitterung aufreiben oder in «Wutbürger»-Strategien eingespannt werden, statt sich mit unendlichen scheindemokratischen Hickhack-Diskussionen abspeisen zu lassen, könnte sich die eigentliche Mehrheit unserer Staaten, die es satt hat, mit «geführter Demokratie» und Steuerung via Global governance bedient zu werden, der tatsächlichen Fragen selbst annehmen. Dringend nötig wäre im Gewittersturm der Globalisierung die Rückbesinnung auf werteorientierte Zusammenschlüsse, auf Initiativen und Möglichkeiten der direkten, nicht «gesteuerten» Diskussion und Begegnung von Mensch zu Mensch, die Wiedergewinnung des Politischen, von Treu und Glauben, so dass die Menschen wieder eine eigene Stimme «von unten» bekommen, sowie die Stärkung bestehender Selbstorganisation. Das geht nicht von heute auf morgen, aber dort, wo man es beginnt, ändert es etwas Grundlegendes: Es ist der Schritt aus Ohnmacht, Resignation, Wut zu bürgerlicher Selbstverantwortung und Selbsthilfe: Es gibt diese Ansätze in vielen Bereichen – wir schöpfen sie vielleicht einfach zu wenig aus.
  Es gibt eine menschliche Kraft, die diesem menschlichen Weg eine solide Grundlage und Schwung verleihen könnte: das Gefühl menschlicher Verbundenheit. Momentan dominiert in der medialen Öffentlichkeit eine Stimmung, in der Ermüdung, angebliche Gegensätze der Interessen, eine Art Vereinzelung der Anliegen vorherrschen.
  Das war aber nicht immer so. Ganz zu Beginn der Pandemie gab es noch etwas ganz anderes – jedenfalls hierzulande. Da herrschte eine andere Stimmung. Auch nicht überschwenglich. Keine Festlaune. Aber etwas sehr Tragfähiges, menschlich Verbindendes. Etwas, das Mut machte, das angesichts der Probleme schöpferische Aktivität anregte, nach Lösungen suchen liess. Etwas, das eine echte Grundlage für die Bewältigung einer solchen Krise und vieler anderer Fragen abgeben könnte. Interessanterweise bekam es anfänglich auch in zahlreichen Medien eine Stimme. Es war das Bewusstsein, dass wir eine solche Situation nur gemeinsam bewältigen können. Solidarität im echten Sinne des Wortes. Mitmenschlichkeit. Dazu gehören gegenseitige Rücksichtnahme, aufeinander achten, gegenseitige Hilfe. Es begann etwas wie Nachdenken über unsere Situation und unser Zusammenleben im weiteren Sinne. Über die Bedeutung echter, menschlicher Beziehungen, vernünftiges Wirtschaften, Nachdenken über Globalisierung und vieles mehr. Darüber, dass es «so» eben nicht weitergehen könne – nicht nur hierzulande, durchaus auch in der grösseren Dimension globaler Verhältnisse. Nicht aktivistisch, sondern sehr ernsthaft und überlegt. Auf dieser Grundlage könnte man zusammenarbeiten. Lösungen entwickeln. Auch für die Folgen der Pandemie und ihre Bekämpfung.
  Wir könnten dort auch einmal über das Wesen der Freiheit nachdenken. Darüber, dass sie nur Sinn macht im sozialen Zusammenhang. Und darüber, dass sie ohne Moral nicht zu haben und nicht zu halten ist. Vielleicht wären wir dann schon besser gewappnet gegen die Wirkung völlig unnötiger Debatten, zum Beispiel derjenigen über eine angebliche Güterabwägung von Wirtschaft und Gesundheit oder den konstruierten Gegensatz von Freiheit und Gesundheit. Besser gewappnet auch gegen die Suggestionstechniken von «Kommunikationsfachleuten», die das natürliche menschliche Streben nach bestmöglichem Schutz des Lebens- und der Gesundheit als «Gesundheitsfanatismus» abtun wollen und mit dem Spin, dass die Freiheit schon immer «ihren Preis hatte», die Schutzbemühungen als «übertrieben» ins Abseits stellen. Also täglich rund hundert Tote für die «Freiheit» des Partyfeierns, Restaurantbesuchs, Skigondelfahrens? Für wessen Freiheit? Die des Haifisches im Forellenteich? Die politische Freiheit geht nicht durch die Einschränkungen gegen die Verbreitung eines Virus verloren, sondern zunächst im Kopf. Im fehlenden Bewusstsein, was denn die Bedingungen menschlichen Zusammenlebens und der Freiheit sind, und dass das Leben des Menschen das höchste Gut ist; es sind dessen Erhalt und Fortbestand und möglichste Verbesserung, denen menschliches Tun seit jeher dient – dienen muss, auch das wirtschaftliche. Denn ohne Leben gibt es auch keine Freiheit.
  Als die Bewohner der Talschaft Uri die damals mögliche Freiheit erhalten wollten und sich von den Habsburgern freikauften, indem sie dem Kaiser die Ablösung seiner Pfandschulden bei den Habsburgern ermöglichten, hatten sie zunächst einmal grosse Einschränkungen auf sich genommen: Sie sparten sich die Freiheit buchstäblich vom Mund ab – eine entschlossen solidarische Leistung der ganzen Gemeinschaft – für alle.
  Wie wär’s mit dieser Haltung? Die Stimmung im Frühjahr hatte das Potential dazu.
  Oder in anderen Worten des grossen Dichters der Freiheit, Friedrich Schiller:

Freiheit liebt das Tier der Wüste,
Frei im Äther herrscht der Gott,
Ihrer Brust gewaltg’e Lüste
Zähmet das Naturgebot;
Doch der Mensch in ihrer Mitte
Soll sich an den Menschen reihn,
Und allein durch seine Sitte
Kann er frei und mächtig sein.
(aus: Das Eleusische Fest)  •

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