«Wenn ich nur dieses eine Buch geschrieben hätte …»

Zur Aufgabe und Verantwortung von Kinder- und Jugendbuchautoren

von Eliane Perret

Viele Eltern würden ihren Kindern gerne Freude am Lesen vermitteln, denn es ist nicht nur eine wichtige Fertigkeit, um in der Schule erfolgreich zu sein, sondern eine Kulturtechnik, die uns mit unseren Mitmenschen und der Welt verbindet. Sie erfordert vom Lesenden eine gefühlsmässige Aktivität, sich auf eine Geschichte einzulassen, sie gedanklich zu erfassen und in einen inneren Dialog mit den Protagonisten eines Buches zu treten. Eine gedankliche und gefühlsmässige Aufgabe, die ihresgleichen sucht! Gerade in den letzten Monaten, als viele Familien coronabedingt mehr Zeit zu Hause verbrachten, wurde manchen Eltern bewusst, dass Lesen eine gute Alternative zu Bildschirmmedien wäre. Sie realisierten, wie viele Stunden ihre Kinder und Jugendlichen mit Gamen und Chatten verbrachten, und viele befürchteten zu Recht eine damit verbundene Abhängigkeit. Doch mit welchem Lesestoff könnte hier ein attraktives Gegengewicht geschaffen werden?

Der Gang durch die Buchhandlungen und auch Bibliotheken könnte einen oft ratlos, verärgert oder gar fassungslos werden lassen, wie der Beitrag von Nicole Duprat aus Frankreich zeigt. Vielleicht hilft es da, an grundlegende Gedanken, aber auch eigene Erinnerungen ans Lesen anzuknüpfen.

Die Menschen in ihrer Welt kennenlernen

Als ich an Weihnachten meines ersten Schuljahres ein Buch aus dem Geschenkpapier wickelte, war meine Freude gross, und ich machte mich in den folgenden Tagen gleich ans Lesen der «Bunten Geschichten», wie das Buch hiess. Seither sind Bücher meine treuen Begleiter und haben meinen Blick in die Welt erweitert. Waren es zuerst Märchen, verlangte ich schon bald einmal nach «richtigen» Geschichten, womit ich solche meinte, die einen Realitätsbezug hatten. Das konnten Tiergeschichten sein, aber auch Bücher, die den Lebensalltag und die Abenteuer von Kindern und deren Familien beschreiben. Durch «Hansi und Ume» von Elsa Muschg erfuhr ich einiges über das Leben und die Kultur in Japan und war fasziniert von Zimmerwänden aus Papier, auf die man jedoch nicht schreiben und in die man auch kein Loch bohren durfte. Als ich «Heidi» von Johanna Spyri verschlang, erlebte ich, wie aus einem verbitterten alten Mann ein warmherziger Grossvater wurde und wie die Beziehung zwischen seiner Enkelin und ihm für beide bereichernde Aufgaben bereithielt. Ich vertiefte mich in die Lebensgeschichte von «Anneli» aus dem Tösstal, die von Olga Meyer in Anlehnung an die Biographie ihrer Mutter verfasst und ein Kinderbuchklassiker wurde. Sie brachte mir einen ersten Einblick in die Industriegeschichte des Zürcher Oberlandes. Die Ideen der «Roten Zora» von Kurt Held begleiteten mich auf unseren Spielnachmittagen im Wald. Als mir meine Tante «Sadako will leben» von Karl Bruckner schenkte, fieberte ich nicht nur mit, ob das Mädchen nach dem Falten von tausend Kranichen gesund sein würde, sondern ich erfuhr auch vieles über die verheerenden Folgen des Atombombenabwurfs über Hiroshima. Ich könnte noch viele Bücher aufzählen, mit denen ich Stunden verbrachte und die mich zum Lachen und zum Weinen brachten.
  Auch heute noch ist es mir ein Anliegen, Bücher aufzustöbern, die Kindern und Jugendlichen das gleiche Erlebnis wie mir ermöglichen würden. Ich würde es ihnen von Herzen gönnen! Und es gibt sie noch, die Autoren und Autorinnen, die sich Olga Meyer anschliessen und von sich sagen können: «Ich schrieb aus einem inneren Muss heraus, weil ich nicht anders konnte. […] Ich schrieb aus Freude, einzig in der Absicht, das Kinderherz zu erfassen, aus seiner Welt zu schöpfen und ihm auf dem Weg des Guten vorwärts zu helfen.»1

Verwirren und ideologisieren

Leider findet man beim Gang durch die Kinder- und Jugendbuchabteilungen auch viel anderes. Politisch aufgeladene und oft ideologisierte Themen wie der Klimawandel, Corona und die Sterbehilfe finden den Weg in Bilderbücher. «Kinderherzen sind leicht zu beeinflussen», schrieb Olga Meyer. Und wer gibt das Recht, diesen Fakt für eigennützige Zwecke zu missbrauchen? Daneben liegen dicke Wälzer, in denen kleine Jungen eine magische Welt beherrschen. Sie werden – medial inszeniert – verbreitet, finden eine breite Leserschaft und werden in unendlichen Varianten nachgeahmt. Auch hier: Was soll der Sinn sein, die nachfolgende Generation mit unwirklichen, konstruierten und oft konfus anmutenden Phantasien zu verwirren, abgesehen von finanziellen Interessen? Und das in einer Entwicklungsphase, in der sie sich naturgemäss gerne den «echten» Problemen zuwendet und darüber diskutieren würde? Es ist zu hoffen, dass die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen «spürt, ob ein Buch ‹gemacht› oder ob es innerlich wahr, ob es echt ist. Sie spüren die Wärme, die ihnen entgegenkommt, die Liebe, mit der die Gestalten erfasst sind», wie Olga Meyer schrieb.2 

Einer Ethik verpflichtet

Ein Kinder- oder Jugendbuch zu schreiben, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie fordert die Autoren, ihre mitmenschliche und staatsbürgerliche Verantwortung wahrzunehmen. Da haben Ideologien und subtile Manipulationsmechanismen nichts zu suchen. Jeder Schreibende muss sich ehrlich fragen, ob er einer Ethik verpflichtet ist, wie sie Olga Meyer nach der Begegnung mit einer ihrer Leserinnen reflektierte:

«Und wenn ich im Leben nur dieses eine Werk hätte schaffen dürfen, das, was es diesem Mädchen hat geben können, wäre mir Beweis genug gewesen, dass Bücher richtungsgebend – im Guten und Bösen – in das Leben junger Menschen eingreifen, dass sie eine Aufgabe zu erfüllen haben und dass der Autor sich dessen bewusst sein, ich möchte sagen, dass er am gesunden seelischen Gedeihen des jungen Menschen Anteil nehmen, dass er ihn liebhaben muss.»3  •



1 Meyer, Olga. Olga Meyer erzählt aus ihrem Leben. Zürich 1968, S. 259
2 a.a.O. S. 260
3 a.a.O. S. 275

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