«Nein! Einen solchen Umgang wollen wir nicht …»

Jugendgewalt braucht unser entschiedenes Entgegentreten

von Dr. Eliane Perret, Psychologin und Heilpädagogin

Seit 2015 haben die Jugendkriminalität und Jugendgewalt kontinuierlich zugenommen, nachdem sie in den vorhergegangenen Jahren rückläufig waren. Eine solche Entwicklung darf von der Gesellschaft nicht einfach hingenommen werden, sondern es braucht ein geeintes Vorgehen von uns allen. Die Zukunft der nachwachsenden Generation und der Gesellschaft darf uns nicht gleichgültig sein.

Warum diese Sprache?

Vor einiger Zeit wurde ich zufälligerweise Zeugin eines Gesprächs zwischen zwei Jugendlichen. Marc berichtete seinem Freund Mario von einer zu Ende gegangenen Beziehung zu einem Mädchen. Sie hatte ihn per WhatsApp verabschiedet. Marc hatte sie offenbar auch so kennengelernt, als Kollegin eines Kollegen einer Kollegin. Natürlich war er sehr betroffen, wiegen doch Erfahrungen bei den ersten Versuchen einer Liebesbeziehung besonders schwer, und das Gefühlsleben von Jugendlichen ist gerade in dieser Altersspanne speziell empfindlich. Zum Glück hatte er in Mario einen Freund, dem er seine Not anvertrauen konnte. Marc tat mir leid, und ich hoffte, dass er seinen Liebeskummer bald verkraften und wieder Zuversicht und einen klareren Blick gewinnen konnte. Ich kannte die beiden Jugendlichen persönlich und wusste ihre umgängliche und oft humorvolle Art zu schätzen. Um so erstaunter war ich hinsichtlich des Wortgebrauchs der beiden. Da ging es um «Schlampe», «Looser», «verpissen», «abhängen» usw. Immerhin mehrheitlich Deutsch …

Eine zunehmend rauhere Grundstimmung

Mich fröstelte beim Zuhören, denn seit längeren beschäftigt mich die rauhe Grundstimmung im zwischenmenschlichen Umgang, die sich auch in der Sprache von Jugendlichen spiegelt. Für manche von ihnen ist der oben beschriebene Jugendslang «normal» geworden. Nicht bös gemeint, eher eine Hilflosigkeit und mangelnde Sorgfalt im Umgang ausdrückend, aber auch von ihren erwachsenen Bezugspersonen nicht anders verlangt. Natürlich weiss ich, dass jede Generation «ihre» Sprache hat, die sich immer wieder ändert. Oder wer weiss wohl noch, was das Wort «läss» bedeutet, das wir in Abgrenzung zu den Erwachsenen inflationär gebrauchten, um etwas zu umschreiben, das wir toll fanden? Seither ersetzt durch «mega», «cool» und «super»! Trotzdem: «Das Klima unter den Jugendlichen ist wieder rauher geworden», hielt 2020 auch die Jugendanwaltschaft des Kantons Zürich in einer Medienmitteilung fest.1 Und das muss uns doch zu denken geben.

Erneuter Anstieg von Jugendkriminalität und Jugendgewalt

Im April 2021 gelangte die Jugendanwaltschaft des Kantons Zürich wiederum an die Öffentlichkeit mit ihrem Bericht zur Jugendkriminalität und Jugendgewalt und berichtete, dass die gegen Jugendliche eröffneten 5208 Strafverfahren eine Zunahme von 3,6 % gegenüber dem Vorjahr bedeuteten. Zum fünften Mal in Folge war ein Anstieg der registrierten Jugendgewalt zu vermelden. Jede zwanzigste Verurteilung betraf ein Delikt gegen Leib und Leben. Seit 2015 hat die Jugendgewalt im Kanton Zürich kontinuierlich zugenommen, am markantesten im Jahr 2019 mit erschreckenden 35,6 %.
  Bei den Beschuldigten aller verzeigten Gewaltstraftaten handelte es sich zumeist um männliche Täter (91,3 %), die durchschnittlich 15,7 Jahre alt waren. Mehrheitlich waren sie vorher noch nie straffällig geworden. Gestiegen war auch die Zahl der Jugendlichen, die wegen mehrerer Gewaltdelikte verzeigt wurden. Auffallend war zudem, dass Gruppendelikte nochmals leicht – im Jahr zuvor markant – zugenommen hatten, vor allem bei den älteren Jugendlichen, die fern elterlicher Kontrolle nachts oder abends unterwegs waren und oft unter Einfluss von Alkohol vermehrt auch im öffentlichen Raum delinquierten. Die Opfer waren meist andere Jugendliche, wobei sich Opfer und Täter nicht zwangsläufig kannten.2 Zum Medienkonsum, der in erwiesenem Zusammenhang mit dem gewalttätigen Verhalten steht, werden seit 2016 auch die Zahlen zu missbräuchlichem Medienkonsum bei Jugendlichen erhoben mit dem Ziel, einen Beitrag zur Sensibilisierung von Eltern und Jugendlichen für die Möglichkeiten und Gefahren des Internets zu leisten. «Denn unüberlegtes Online-verhalten lässt sich kaum mehr rückgängig machen und kann nicht nur strafrechtliche Konsequenzen, sondern auch massive persönliche Schädigungen zur Folge haben.»3

Kein Platz für Jugendgewalt

Ein grosser Teil der Jugendlichen kommt nie mit dem Gesetz in Konflikt. Von den 10- bis 17jährigen war es im Jahr 2020 nur ungefähr jeder fünfte. Oft sind es leichte bis mittelschwere Vergehen wie Schwarzfahren, Ladendiebstahl oder Sachbeschädigungen. Und glücklicherweise reicht bei den meisten von ihnen die «gelbe Karte» eines Verweises, und der Verstoss gegen das Gesetz bleibt einmalig. «Doch unabhängig von der Schwere des Delikts: Jegliche Formen von Jugendgewalt haben in unserer Gesellschaft keinen Platz und werden dementsprechend nicht toleriert»4, hält die Strafbehörde weiter fest. Oft sei die Motivation für delikthaftes Verhalten pure Langeweile, wie Alexandra Ott Müller, die Leitende Jugendanwältin der Jugendanwaltschaft Winterthur feststellt. Die Mehrheit der Beschuldigten verfüge zwar über eine Tagesstruktur, habe aber wenig Struktur im Freizeitverhalten. «Sie haben keine Hobbys, hängen herum und begehen aus Langeweile eine Straftat.» Als Beispiel erzählt sie von einem 15jährigen Schüler, der in ein problematisches Umfeld geriet und in einem Streit einem Jugendlichen die Faust ins Gesicht geschlagen habe. Trotz Strafe war er kurze Zeit danach an einem Raub beteiligt. Nun muss er sich auch dafür vor Gericht verantworten.

Corona ist es nicht

Im Corona-Jahr lag es auf der Hand, die Ursachen für die erneute Zunahme von Jugendgewalt bei den einschränkenden Massnahmen zu suchen. Dagegen spricht jedoch, dass der Anstieg bereits seit fünf Jahren erfolgt und 2019, im Jahr vor der Pandemie, sogar sprunghaft emporschnellte. Auch ist es keineswegs so, dass erschwerte Lebensbedingungen zu delikthaftem Verhalten führen, wie immer wieder behauptet wird. Im Kanton Zürich beging der Grossteil von Jugendlichen aus solchen Verhältnissen keine Delikte. Es mag sein, dass Risikofaktoren wie familiäre Belastungen, finanzielle Probleme und fehlende Tagesstrukturen während der Pandemie zugenommen haben, wie der Bericht weiter festhält.5 Aber die Hauptursache der Zunahme von Gewalthandlungen sei es nicht.

Prävention braucht gesicherte wissenschaftliche Grundlagen

Die Frage der Jugendgewalt ist nicht neu. Verschiedene Wissenschaftszweige haben sich mit den Ursachen von Aggressivität und Gewalt befasst und die noch offenen Fragen abschliessend geklärt. Auch wenn sich diese wissenschaftlichen Erkenntnisse noch nicht durchgehend in der Bevölkerung und auch bei Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft verbreitet haben, besteht auf wissenschaftlicher Ebene Einigkeit.6 Gewalttätigkeit ist keine dem Menschen innewohnende Verhaltensweise, sondern wird gelernt. Entscheidende Erkenntnisse dazu liefert die soziale Lerntheorie Albert Banduras. Das Wissen um diese Zusammenhänge muss nachhaltigen Präventionsbemühungen zugrundeliegen, die – heute um so mehr – auf unterschiedlichen Ebenen nötig sind.

«Ich muss meine Wut rauslassen …»

Trotz allem halten sich längst veraltete Theorien und sind schnell zur Hand, wenn Randale und Gewalt erklärt oder auch entschuldigt werden sollen. Das stellte ich in der Argumentation eines Jugendlichen fest, der sich unbedingt zum Box- oder Kickbox-Training anmelden wollte. Alex ärgerte sich über seine schlechten Noten, einen Kollegen, der ihm die Freundin ausgespannt hatte, und dass die Eltern von ihm verlangten, während der Woche spätestens um zehn Uhr zu Hause zu sein. Irgendwo hatte Alex aufgeschnappt, dass das Einschlagen auf einen Boxsack helfen würde, wieder entspannter im Leben zu stehen, ausserdem brauche man das heute zur Selbstverteidigung. Er vertrat damit unwissentlich eine Aggressionstheorie, die ihre Anfänge in der Triebtheorie Freuds hat. Diese Vorstellung von der «Naturgegebenheit» menschlicher Aggression wurde in den 1940er Jahren mit der Frustrations-Aggressions-Theorie weitergeführt. Jede Aggression sei Folge von Frustration, und jede Frustration führe wiederum zu Aggression. Darum: Kinder auf keinen Fall frustrieren! In ähnlicher Weise begründete der Verhaltensforscher Konrad Lorenz aggressives und gewalttätiges Verhalten, als er in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts seine Instinkttheorie formulierte. Aggressionen und Gewalt seien die Entladung von Energie, die sich im menschlichen Gefühlsleben gestaut habe und ein Ventil brauche.7& Erstaunlich, wie hartnäckig sich überholte Theorien halten, dachte ich, als ich den Jugendlichen argumentieren hörte. – Genauso falsch war im übrigen sein Argument der Selbstverteidigung. Jeder Sicherheitsexperte würde ihm sagen, dass es am besten sei, sich schnellstmöglich aus brenzligen Situationen zu entfernen, bzw. noch besser, sich schon gar nicht an solchen Orten aufzuhalten. Auch das müssen Jugendliche heute wissen, denn viele suchen vermehrt das Risiko, orientieren sich an Gleichaltrigen und grenzen sich ein Stück weit von den Erwachsenen ab. So hatten der Jugendliche und ich eine spannende Diskussion zusammen, und ich hoffe, dass meine Argumente doch irgendwie bei ihm hängen bleiben.

Positives und negatives Verhalten wird gelernt

Heute ist klar: Aggressives und gewalttätiges Verhalten werden genauso gelernt wie ein gemeinschaftlicher Umgang in zwischenmenschlichen Beziehungen! Diese Erkenntnis des amerikanischen Forscherteams Bandura und Walters ist bis heute nicht widerlegt worden. Dabei geht es nicht nur um Verhalten im engeren Sinne, sondern auch um Einstellungen und bestimmte Handlungsnormen. Genauso wie sozial positive Verhaltensweisen lernen Kinder auch aggressives Verhalten, wenn sie entsprechende Vorbilder haben. Modelle dafür stammen aus der unmittelbaren Umgebung – Eltern, Erziehende und Gleichaltrige. Zunehmend spielen aber auch Rollenmodelle aus den Medien, der Musik- und Computerspielszene eine wichtige Rolle, genauso wie Drogen und Alkohol. Doch diese Fragen sind heute geklärt. «Das ist klar, die Vorbilder aus den Medien. Aus der Gewaltforschung weiss man, dass klare Zusammenhänge zwischen Medien und Gewalt bestehen. Man hat klare Fakten. Wer will das schon leugnen?», meint die renommierte Gewalt- und Mobbingforscherin Françoise Alsaker.8 

Prävention braucht gemeinsame Grundlagen

Aggressivem und gewalttätigem Verhalten muss durch nachhaltige Prävention vorgebeugt werden. Dazu gehört Einigkeit darüber, auf welchen Werten unser gesellschaftliches Zusammenleben aufbauen soll. Unsere Kultur und unsere nationalen und internationalen Rechtssysteme haben sich, beruhend auf der christlich-abendländischen Kultur, über einen langen Zeitraum hinweg entwickelt. Der Mensch als Person und seine Würde stehen im Zentrum, und aus seiner sozialen Natur ergibt sich notwendigerweise das Gefühl des Aufeinander-angewiesen-Seins. Das bedeutet auch, Verantwortung zu haben für das Zusammenleben, Rücksicht zu nehmen und einander in Notsituationen beizustehen. Jede Generation steht vor neu auftauchenden Aufgaben, für die sie geeignete Lösungen suchen und das erworbene Wissen der nächsten Generation weitergeben muss. So können Kinder und Jugendliche in dieses Denken und die Lebensauffassung hineinwachsen und die Sicherheit erlangen, anstehenden Aufgaben in ihrem sozialen Umfeld gewachsen zu sein. Den gesetzlichen Rahmen für das Zusammenleben bilden die nationalen Rechtssysteme und internationale Vereinbarungen. Dieses über Jahrhunderte entstandene Fundament menschlichen Zusammenlebens muss der Staat sichern und Verstösse dagegen ahnden.9

Bröckelndes Fundament, aber …

In einem schleichenden Prozess werden diese Grundlagen unserer Gesellschaft seit längerem von verschiedenen Seiten in Frage gestellt und haben einen Wertezerfall und Werterelativismus nach sich gezogen. Ohne diesen Wertewandel einzubeziehen, lässt sich die Frage nach den Ursachen zunehmender Jugendgewalt nicht klären, denn er hat einen Graben zwischen den Generationen aufgerissen. Darum ist die Weitergabe grundlegender Werthaltungen brüchig geworden, und die zwischenmenschlichen Beziehungen sind fragil.10
  Trotz dieses bröckelnden Fundaments zeigt es sich immer wieder, dass das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Anteilnahme auch heute noch bei vielen Menschen lebt. Das war zu Beginn der Covid-19-Pandemie gut zu beobachten, als sich die Menschen gegenseitig halfen und unterstützten und dankbar waren für die Arbeit und das Engagement von Mitmenschen, die in speziell exponierten Berufen tätig waren – auch viele Jugendliche. Sie liessen sich gerne dazu gewinnen oder entwickelten eigenaktiv Ideen, wie sie ihren Beitrag zur Bewältigung der schwierigen Situation leisten konnten.

«Was es braucht, ist eine konzertierte Aktion …»

«… und eine gemeinsame Haltung derjenigen Akteure, die sich mit Jugendlichen beschäftigen. Da sind die Schulen genauso gefragt wie die Elternhäuser und die Jugendsozialarbeit. Sie müssen es gemeinsam tun», forderte Kriminologe Dirk Baier kürzlich in einem Fernsehinterview.11 Gewalttätiges Verhalten darf nicht verharmlost werden und muss auf jeden Fall und in jeder Altersstufe sehr ernstgenommen werden. Dazu braucht es bei den Kindern und Jugendlichen in allen Lebensbereichen den Aufbau eines inneren und äusseren Schutzes gegenüber Gewalt. Das beginnt im Elternhaus, wo die Familie das gefühlsmässige Fundament dafür aufbauen kann, dass ihre Kinder ihren Mitmenschen mit Respekt und Würde begegnen, dass sie dies auch für sich einfordern und bereit sind, einen sinnvollen Beitrag in der Gesellschaft zu leisten. Kinder brauchen die gefühlsmässige Sicherheit dafür, dass ihnen die Eltern zur Seite stehen, wenn sie ihre ersten Schritte ins Leben machen. Soll das gelingen, dürfen die Erziehenden nicht dem Irrtum zum Opfer fallen, ihre Kinder vor den Anforderungen des Lebens zu verschonen und stets darauf bedacht zu sein, deren Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen. So schwächen sie ihre Kinder, ohne es zu wollen; diese entwickeln keine natürliche Achtung vor ihnen, und der natürliche Prozess der Übernahme von Werten wird empfindlich gestört oder gar verhindert. Gegenseitige Hilfe, mitmenschliche Verantwortung, Anteilnahme und andere Werte können sich so nicht ausbilden. – Diese Aufbauarbeit im familiären Umfeld muss in Kindergarten und Schule fortgesetzt werden. Da liegt ein breites Feld, um der Entstehung von Gewalt entgegenzutreten.
  Die Kinder müssen lernen, einander mit Achtung und Sorgfalt zu begegnen, mit Meinungsverschiedenheiten, Rivalitäten und Konflikten zurande zu kommen und diese fair auszutragen. Dazu braucht es die Achtsamkeit und Entschlossenheit aller Beteiligten, ansonsten kann sich schnell ein aggressives Schulklima ausbreiten. Es genügt nicht, über eine gewisse Zeit Gewaltpräventionsprogramme einzusetzen, und wenn sie versanden, darüber zu klagen, dass alles nichts nützt. Auch kann diese Aufgabe nicht speziell ausgebildeten Kindern und Jugendlichen übergeben werden.12 Sondern es braucht ein Zusammenstehen und den Schulterschluss aller unter Einbezug der Eltern, um Gewalt- und Konfliktsituationen schnell und entschieden Einhalt zu gebieten.13 – Auch auf gesellschaftlicher Ebene ist ein Konsens gefordert. Wenn es da keine klare Übereinkunft zu Gewalt und Aggression gibt, kann schnell ein Flächenbrand entstehen. Denn eine fehlende oder zweifelnde Stellungnahme bedeutet für die Jugendlichen Bejahung und Akzeptanz. Dieser gesellschaftliche Konsens muss heute wiederhergestellt werden. Er schliesst ein, die Kinder und Jugendlichen auf die Aufgaben des Zusammenlebens vorzubereiten und sie bei der Lösung anstehender Fragen einzubeziehen. Nach wie vor gibt es zum Beispiel viele Jugendorganisationen, die Kindern und Jugendlichen ausgezeichnete Möglichkeiten bieten, gemeinsam mit andern aktiv zu sein und sich zu engagieren, sei es in der Jugendfeuerwehr, dem Jugend-SAC, der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft und viele mehr. Es ist auffallend, dass solchermassen Engagierte reifer sind als ihre Altersgenossen. Denn sie entdecken nicht nur ein neues Hobby (und sie müssen sich nicht mehr über Langweile beklagen!), sondern sie erfahren auch, welche Anforderungen sich ihnen später im Beruf, in der Verantwortung als Eltern und in der Gesellschaft stellen werden. So lernen sie vorauszudenken und sich auf ihre Zukunft auch in den sozialen Fähigkeiten vorzubereiten. Solche Fähigkeiten kann bereits ein Kleinkind entwickeln, aber es ist auch nie zu spät, dies nachzuholen.14 Und es gibt für jeden von uns ein Wirkungsfeld!  •

Aus folgenden Quellen habe ich wichtige Gedanken und Fakten entnommen (weitere Angaben befinden sich in den Fussnoten):

Alsaker, Françoise (2012). Mutig gegen Mobbing in Kindergarten und Schule.  Bern: Verlag Hans Huber, Hogrefe AG Bern. ISBN 978-3-456-84913-3

Burger, Alfred/Gautschi, Eliane (2011). Jugend und Gewalt. Unsere Kinder und Jugendlichen brauchen Erziehung. Zürich: Verlag Zeit-Fragen. ISBN 978–3-909234-13-4

Ivanov, Petra (2015). Geballte Wut. Zürich: Unions-Verlag. ISBN 978-3-293-20701-1

Killias, Martin; Kuhn, André; Aebi, Marcelo F. (2011). Grundriss der Kriminologie. Eine europäische Perspektive. Bern: Stämpfli-Verlag. ISBN 978-3-7272-8662-9

Olweus, D. (2016). Gewalt in der Schule: Was Lehrer und Eltern wissen sollten – und tun können. Bern: Verlag Hans Huber. ISBN: 3-456-84390-9

Walser Kessel, Caroline; Valär, Martina; Hug, Christoph N. (2019). Was ist verboten und warum? Über Sinn, Zweck und Art der Strafe für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

www.weblaw.ch/dam/weblaw_ag/ce/buecher/kesr/strafrecht_fuer_kinder. (abgerufen am 13.6.2021)

Walser Kessel, Caroline (2011). Kennst du das Recht? Ein Sachbuch für Kinder und Jugendliche. Editions Weblaw



1 Kanton Zürich. Direktion der Justiz und des Innern. Jugendanwaltschaft. Erneuter Anstieg von Jugendkriminalität und Jugendgewalt. Medienmitteilung vom 22. April 2020. S. 1
2 Erneute Zunahme der Jugendkriminalität – deutlicher Anstieg bei der Jugendgewalt. Medienmitteilung vom 22. April 2021, S. 3.
3 Kanton Zürich. Zahlen & Fakten zum Jugendstrafrecht. S. 8, www.zh.ch/de/sicherheit-justiz/jugendstrafrecht/zahlen-fakten.html (abgerufen am 6.6.2021)
4 Kanton Zürich. Zahlen & Fakten zum Jugendstrafrecht, www.zh.ch/de/sicherheit-justiz/jugendstrafrecht/zahlen-fakten.html (abgerufen am 6.6.2021)
5 Erneute Zunahme der Jugendkriminalität – deutlicher Anstieg bei der Jugendgewalt. Medienmitteilung vom 22. April 2021, S. 4
6 siehe dazu: Unesco (1986). Erklärung von Sevilla. https://wayback.archive-it.org/all/20050928235336/http://portal.unesco.org/education/en/ev.php-URL_ID=3247&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201.html
7 vgl. Burger, Alfred/Gautschi, Eliane. S. 10ff.
8 Das Wohlergehen aller sicherstellen – mit allen zusammen. Ein Interview mit Professor Dr. Françoise D. Alsaker, Universität Bern. In: Zeit-Fragen Nr. 3 vom 17.1.2012.  https://www.zeit-fragen.ch/archiv/2012/nr3-vom-1712012/das-wohlergehen-aller-sicherstellen-mit-allen-zusammen.html (abgerufen am 13.6.2021)
9 vgl. Burger, Alfred/Gautschi, Eliane. S. 8
10 vgl. Burger, Alfred/Gautschi, Eliane. S. 9
11  Baier, Dirk. «Eine Kultur der Wertschätzung von Gewalt hat sich durchgesetzt». SRF. 10 vor 10. 29.6.2020. https://www.srf.ch/news/schweiz/anstieg-der-jugendgewalt-eine-kultur-der-wertschaetzung-von-gewalt-hat-sich-durchgesetzt (abgerufen am 7.6.2021)
12 vgl. Killias et al. S. 251
13 Dan Olweus, der norwegische Pionier der Gewaltforschung, hat dazu ein ausgezeichnetes Grundlagenwerk verfasst. Es bietet nebst einer sorgfältigen Analyse der Problematik eine Fülle von Anregungen, wie ein gewaltfreies Schulklima erreicht werden kann. Es müsste Pflichtlektüre für Schulleitende, Lehrpersonen und Jugendbeauftragte sein.
14 vgl. Burger, Alfred/Gautschi, Eliane. S. 52f.


Erklärung von Sevilla zur Gewaltfrage

zf. Im April 2021 schrieb der Psychobiologieprofessor J. Martín Ramírez zum 35. Jahrestag der Erklärung von Sevilla, «dass wir nicht aufgrund unserer Biologie zu Krieg und Gewalt verdammt sind. Vielmehr ist es uns möglich, Krieg und das damit verbundene Leid zu beenden. Wir können es nicht alleine schaffen, sondern nur gemeinsam. Es macht jedoch einen grossen Unterschied, ob jeder von uns daran glaubt, dass wir es tun können oder nicht. Genauso wie der Krieg in der Antike erfunden wurde, können wir den Frieden in unserer Zeit erfinden. Es liegt an jedem von uns, seinen Teil dazu beizutragen.»
  Im November 1989 hatte die 25. Generalkonferenz der Unesco mit ihrer Resolution 25C/Res.7.1 beschlossen, die am 16. Mai 1986 von 20 Wissenschaftlern als Beitrag zum Internationalen Friedensjahr 1986 formulierte Erklärung zur Gewaltfrage weltweit zu verbreiten und als Grundlage eigener Expertentagungen zu verwenden. Sie wendet sich energisch gegen das fatalistische Festhalten an der Meinung, Gewalt und Aggression seien eine Art «Naturgesetz», und auch noch so gut gemeinte Aktionen könnten nichts daran ändern. Wir tun gut daran, uns heute, 35 Jahre danach, dieses Grundlagenpapier in Erinnerung zu rufen.

Wir halten es für unsere Pflicht, uns aus der Sicht verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen mit den gefährlichsten und vernichtendsten Aktivitäten der Menschheit zu befassen: mit Krieg und Gewalt.
  Wir wissen, dass die Wissenschaft ein Produkt des Menschen ist, sie deshalb weder endgültig noch allumfassend sein kann.
  Wir danken der Stadt Sevilla sowie den Vertretern der Spanischen Unesco-Kommission für die Unterstützung unseres Treffens. In Sevilla trafen sich Wissenschafter aus der ganzen Welt, die sich mit dem Thema Krieg und Gewalt beschäftigen.
  Unsere wissenschaftlichen Befunde haben wir in der folgenden «Erklärung zur Gewalt» dargelegt.
  In dieser wenden wir uns gegen den Missbrauch biologischer Forschungsergebnisse, die – auch von einigen Vertretern unserer Fachbereiche – zur Rechtfertigung von Krieg und Gewalt herangezogen wurden. Einige dieser Erkenntnisse, die wir als solche nicht bestreiten, haben das Aufkommen einer pessimistischen Grundstimmung in der Öffentlichkeit mitverursacht. Wir sind der Auffassung, dass die öffentliche und gut begründete Zurückweisung falscher Interpretationen von Forschungsergebnissen einen wirksamen Beitrag zum «Internationalen Jahr des Friedens» (1986) und zu künftigen Friedensbemühungen leisten kann.
  Der Missbrauch wissenschaftlicher Theorien und Forschungsergebnisse zur Rechtfertigung von Krieg und Gewalt ist nichts Neues; er hat die gesamte Geschichte der modernen Wissenschaften begleitet. So wurde beispielsweise Krieg, Völkermord, Kolonialismus und die Unterdrückung von Schwächeren mit der Evolutionstheorie gerechtfertigt.
  Wir stellen unsere Positionen in Form von fünf Aussagen dar, sind uns dabei aber bewusst, dass es vom Standpunkt unserer Fachbereiche aus noch zahlreiche weitere Fragen zu Krieg und Gewalt gibt.
  Wir wollen uns auf fünf Kernaussagen, die wir für einen ersten wichtigen Schritt zur Erarbeitung einer umfassenden wissenschaftlichen Position halten, beschränken.

Verhaltensforschung

Die wissenschaftliche Aussage, der Mensch hätte eine Neigung zu kriegerischen Handlungen von seinen Vorfahren aus dem Tierreich geerbt, ist falsch.
  Zwar kommen Kämpfe innerhalb des ganzen Tierreichs vor, doch gibt es nur wenige Berichte über Kämpfe zwischen organisierten Gruppen von Tieren, und bei keinem dieser Kämpfe wurden – als Waffen gedachte – Werkzeuge eingesetzt. Die normalen Verhaltensweisen von Raubtieren können nicht mit Gewalt innerhalb derselben Spezies gleichgesetzt werden. Kriegsführung ist ein spezifisch menschliches Phänomen, das bei Tieren nicht vorkommt.
  Die Tatsache, dass sich das Führen von Kriegen im Laufe der Geschichte so radikal verändert hat, zeigt: Krieg ist ein Produkt der kulturellen Entwicklung. Biologisch gesehen hat Krieg mit Sprache zu tun, die es ermöglicht, Gruppen zu koordinieren, Technologien zu vermitteln und Werkzeuge zu gebrauchen. Aus der Sicht der Verhaltensforschung und Biologie sind Kriege möglich, jedoch nicht unvermeidbar, wie ihre unterschiedlichen Ausprägungen in verschiedenen Epochen und Regionen zeigen. Es gibt Kulturen, in denen über Jahrhunderte, und andere, in denen nur zeitweise oder gar keine Kriege geführt wurden.

Biologische Vererbungsforschung

Die wissenschaftliche Aussage, Krieg oder anderes gewalttätiges Verhalten sei in der menschlichen Wesensart genetisch vorprogrammiert, ist falsch.
  Gene sind an den Funktionen des Nervensystems in allen Bereichen beteiligt; sie stellen ein Entwicklungspotential dar, das nur in Verbindung mit seinem ökologischen und sozialen Umfeld wirksam werden kann. Individuen haben sehr verschiedene genetische Vorgaben, die ihre persönlichen Erfahrungen beeinflussen; ihre Persönlichkeit bilden Menschen jedoch im Zusammenspiel ihrer genetischen Ausstattung mit den Bedingungen ihrer Erziehung. Mit Ausnahme einiger seltener pathologischer Fälle gibt es keine zwanghafte genetische Prädisposition für Gewalt; für das Gegenteil, die Gewaltlosigkeit, gilt dasselbe. Obwohl Gene an der Entwicklung menschlicher Verhaltensmuster und Verhaltensmöglichkeiten beteiligt sind, bestimmen sie alleine noch nicht deren Ergebnis.

Evolutionsforschung

Die wissenschaftliche Aussage, im Laufe der menschlichen Evolution habe sich aggressives Verhalten gegenüber anderen Verhaltensweisen durchgesetzt, ist falsch.
  Bei allen eingehend untersuchten Gattungen wird der Status innerhalb einer Gruppe durch die Fähigkeit zur Kooperation sowie die Fähigkeit, bedeutende soziale Aufgaben für die Gruppe zu übernehmen, erworben. «Dominanz» setzt soziale Bindungen und Vereinbarungen voraus; auch wo sie sich auf aggressives Verhalten stützt, ist sie nicht einfach gebunden an den Besitz und die Anwendung überlegener physischer Kraft. Immer dann, wenn bei Tieren künstlich die Selektion aggressiven Verhaltens gefördert wird, führt dies schnell zu hyperaggressiven Verhaltensweisen dieser Individuen.
  Dies ist ein Beleg dafür, dass eine ausschliessliche Selektion der Aggression unter normalen Bedingungen nicht vorkommt. Wenn solche experimentell gezüchteten hyperaggressiven Tiere in eine soziale Gruppe eingeführt werden, stören sie entweder deren soziale Struktur, oder sie werden vertrieben. Gewalt ist weder Teil unseres evolutionären Erbes noch in unseren Genen festgelegt.

Neurophysiologie

Die wissenschaftliche Aussage, das menschliche Hirn sei «gewalttätig», ist falsch.
  Zwar verfügen Menschen über einen Nervenapparat, mit dem gewalttätige Handlungen ausgeführt werden können; diese werden jedoch nicht automatisch durch interne oder externe Stimuli aktiviert. Ähnlich wie bei höheren Primaten – im Gegensatz zu anderen Tieren – werden beim Menschen alle Stimuli durch übergeordnete Nervenprozesse gefiltert, ehe sie Handlungen auslösen. Unser Verhalten ist durch die Erfahrungen in unserer Umwelt und den Verlauf unseres Sozialisationsprozesses geprägt. Nichts in der Neurophysiologie des Menschen zwingt zu gewalttätigem Handeln.

Psychologie

Die wissenschaftliche Aussage, dass Krieg durch einen «Trieb», einen «Instinkt» oder ein anderes einzelnes Motiv verursacht sei, ist falsch.
  Die Geschichte der modernen Kriegsführung ist sowohl durch den Vorrang emotionaler Faktoren – die mitunter «Triebe» oder «Instinkte» genannt werden – als auch den Vorrang kognitiver Faktoren gekennzeichnet.
  Krieg basiert auf einer Vielzahl von Faktoren: der systematischen Nutzung individueller Ausprägungen wie Gehorsam, Suggestion und Idealismus, sozialer Fähigkeiten wie der Sprache sowie rationaler Überlegungen wie Kosten-Nutzen-Rechnung, Planung und Informationsverarbeitung. Die Technologie der modernen Kriegsführung legt besonderes Gewicht auf die Förderung «gewalttätiger» Persönlichkeitsmerkmale sowohl bei der Ausbildung der Kampftruppen wie auch bei der Werbung um Unterstützung der Bevölkerung. So kommt es, dass solche Verhaltensmerkmale häufig fälschlicherweise als Ursachen und nicht als Folgen des gesamten Prozesses angesehen werden.

Schlussfolgerungen

Wir ziehen aus allen diesen wissenschaftlichen fachspezifischen Feststellungen den Schluss: Biologisch gesehen ist die Menschheit nicht zum Krieg verdammt; sie kann von falsch verstandenem biologischem Pessimismus befreit und in die Lage versetzt werden, mit Selbstvertrauen im «Internationalen Jahr des Friedens» (1986) und in den kommenden Jahren die notwendigen Veränderungen der herkömmlichen Sichtweise einzuleiten. Obwohl diese Aufgaben hauptsächlich institutioneller und gemeinschaftlicher Art sind, liegen sie doch im Bewusstsein jedes einzelnen begründet, das entweder von Pessimismus oder von Optimismus getragen sein kann.
  Ebenso wie «Kriege im Geist der Menschen entstehen», beginnt auch der Friede in unserem Denken. Dieselbe Spezies, die den Krieg erfunden hat, kann auch den Frieden erfinden.
  Jeder von uns ist dafür mitverantwortlich.

Erstunterzeichner:

David Adams, Psychologie, USA; S. A. Barnett, Ethologie, Australien; N. P. Bechtereva, Neurophysiologie, UdSSR; Bonnie Frank Carter, Psychologie, USA; José M. Rodríguez Delgado, Neurophysiologie, Spanien; José Luis Díaz, Ethologie, Mexiko; Andrzej Eliasz, Differentielle Psychologie, Polen; Santiago Genovés, Biologische Anthropologie, Mexico; Benson E. Ginsburg, Verhaltensgenetik, USA; Jo Groebel, Sozialpsychologie, BRD; Samir-Kuma Ghosh, Soziologie, Indien; Robert Hinde, Verhaltensforschung, England; Richard E. Leaky, Physikalische Anthropologie, Kenia; Taha M. Malasi, Psychiatrie, Kuwait; J. Martín Ramírez, Psychobiologie, Spanien; Frederico Mayor Zaragoza, Biochemie, Spanien; Diana L. Mendoza, Ethologie, Spanien; Ashis Nandy, Politische Psychologie, Indien; John Paul Scott, Verhaltensforschung, USA; Riitta Wahlström, Psychologie, Finnland

Quelle: en.unesco.org
Zeit-Fragen Nr. 29 vom 2.12.2014

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