Nukleare Rüstung – Abbau tut not

von Gerd Brenner, Oberst iG

Neue Akteure, neue Technologien und veränderte geopolitische Verhältnisse machen in Zukunft neue Verträge über nukleare Waffensysteme und deren Träger notwendig. Darüber hinaus müssen im Lichte der Erkenntnisse über einen nuklearen Winter die Obergrenzen der Anzahl Waffen endlich drastisch gesenkt werden. Diese Erkenntnisse sind keineswegs neu, würden heute aber gebührende Beachtung verdienen. Generell ist wohl eine umfassende Neubeurteilung der Arsenale notwendig, denn einfach dort anzuknüpfen, wo man vor zehn Jahren stand, macht keinen Sinn.

Im Jahr 1987 unterzeichneten der damalige US-Präsident Ronald Reagan und der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow den Vertrag über nukleare Mittelstreckenwaffen INF (Intermediate-Range Nuclear Forces). Dieser wird oft als doppelte Nulllösung bezeichnet, denn er beinhaltete die Zerstörung vorhandener und den Verzicht auf den Bau neuer Atomwaffen kürzerer und mittlerer Reichweite, das heisst solcher mit einer Reichweite zwischen 500 und 5500 km. In der Folge vernichteten die USA ihre Bestände an nuklearen Mittelstreckenraketen des Typs «Pershing II» und die Sowjetunion bzw. Russland ihre RSD-10, die im Westen unter der Bezeichnung SS-20 bekannt geworden war. Vom INF-Vertrag unberührt blieben allerdings luft- und seegestützte Waffen mittlerer Reichweite. Nach langjährigen Vorwürfen seitens Russlands, die USA hätten gegen den INF-Vertrag verstossen, kündigte die Administration Trump am 1. Februar 2019 den Vertrag. Daraufhin zog sich auch Russland vom INF-Vertrag zurück, der seit dem 2. August 2019 offiziell nicht mehr in Kraft ist.1 
  Im Jahr 2010 unterschrieben der damalige russische Präsident Dmitri Medwedew und US-Präsident Barack Obama auf dem Gipfeltreffen in Prag den Vertrag über die Reduktion strategischer Atomwaffen (Strategic Arms Reduction Treaty), auch New-START-Vertrag genannt.2 Russland und die USA einigten sich auf eine Reduktion der Anzahl der Sprengköpfe von 2200 auf je 1550 und die Anzahl der Trägersysteme von 1600 auf 800. In Kraft getreten im Februar 2011, sollte er bis Februar 2021 gültig bleiben. Die Administration Trump unternahm nichts, um die Vertragsdauer zu verlängern, wahrscheinlich, weil Donald Trump einmal mehr glaubte, einen besseren Deal herausholen zu können. Kurz nach seiner Amtsübernahme verlängerte der neue US-Präsident Joe Biden die Gültigkeitsdauer des Vertrags. So weit, so gut, aber alte, bisher ungenügend umgesetzt gebliebene wissenschaftliche Erkenntnisse, neue geopolitische Gegebenheiten, neue Akteure und neue Technologien zwingen dazu, Anstrengungen im Bereich der nuklearen Rüstungskontrolle fortzusetzen und auszuweiten.

Wissenschaftliche Erkenntnisse, bis jetzt unbeachtet

Grundsätzlich gilt, dass die Sprengkraft einer beliebigen Sprengladung, sei diese konventionell oder nuklear, sich im dreidimensionalen Raum verteilt und dass damit der Radius, in welchem eine Detonation eine bestimmte Form von Zerstörung anrichtet, nicht proportional zur Sprengkraft wächst, sondern nur in der Kubikwurzel. Eine achtfach stärkere Sprengladung vergrössert den Zerstörungs-Radius theoretisch nur um das doppelte. Das Ausmass der Zerstörung, welche Sprengladungen anrichten – und das umfasst auch nukleare – lässt sich theoretisch somit recht gut beschränken. Dazu kommt, dass die Topographie die Wirkung von Druck, umherfliegenden Trümmern, Hitzestrahlung und radioaktiver Strahlung abschwächt. Das gilt aber nur für die unmittelbaren Auswirkungen einer Kernexplosion. Der von einer Explosion aufgewirbelte Staub, kombiniert mit Radioaktivität, führt dazu, dass die mittelbaren Folgen einer Atomexplosion in Raum und Zeit kaum zu begrenzen sind. Das ist wohl der Grund, weshalb die Atommächte seit 1945 vor dem Einsatz von Kernwaffen zurückschreckten.
  Nach den ersten Einsätzen von Atomwaffen im Jahr 1945 bemühten sich die amerikanischen Militärs, deren radiologische Auswirkungen zu verheimlichen und zu verharmlosen, aber spätestens in der Phase praktisch ungehemmter atomarer Experimentierfreudigkeit während des Kalten Kriegs traten diese offen zutage.3 Nach diversen Reaktorunfällen in Nordamerika, Europa und Asien sind die globalen Folgen der Freisetzung von Radioaktivität heutzutage wohl jedermann klar. Ungewollte und langfristige Folgen der Führung von Kampfhandlungen mit Kernwaffen sind somit unvermeidlich. Eine solche ungewollte politische Folge wäre ein nuklearer Winter.

Nuklearer «Todesfrost»

Ab der Mitte der siebziger Jahre kamen Wissenschaftler zur Erkenntnis, dass der Einsatz von Kernwaffen Auswirkungen hätte, die weit über den Einsatzort der Waffe hinausgehen. Die Verbesserung der Rechenkapazität von Computern, kombiniert mit Fortschritten in der Klimaforschung, erlaubten die Aussage, dass der massenhafte Einsatz nuklearer Sprengkörper unwiderrufliche Schäden an der natürlichen Umwelt weltweit und damit an der Lebensgrundlage der Menschheit verursachen würde.
  So skizzierte der US-amerikanische Wissenschaftler John Hampson im Jahr 1974 die Veränderungen im photochemischen Regime der Atmosphäre, die durch nukleare Explosionen hervorgerufen werden können. Das klingt harmlos, aber es läuft auf eine Verdunkelung der Atmosphäre hinaus, die massiv weniger Sonnenlicht zur Erdoberfläche durchkommen lässt. Vergeblich schlug er vor, dass diese Effekte in zukünftigen Gesprächen über Rüstungsbegrenzung berücksichtigt werden müssten.4
  Eine Gruppe weiterer amerikanischer Wissenschaftler kam im Jahr 1983 zu ähnlichen Schlüssen:
  «[…] die Schwelle für grössere optische und klimatische Folgen kann sehr niedrig sein: nur etwa 100 Megatonnen, die über grossen städtischen Zentren detonieren, können […] selbst im Sommer monatelang Temperaturen unter dem Gefrierpunkt erzeugen».5
  Die katastrophalen Auswirkungen eines Kriegs mit Kernwaffen wurden auch in der Sowjetunion erkannt. Auf der Basis computergestützter Berechnungen prognostizierten zwei sowjetische Wissenschaftler, dass ein Krieg mit Kernwaffen «einen starken Temperaturabfall über der Oberfläche der Kontinente der nördlichen Hemisphäre, die Erwärmung grosser Gebirge, entscheidende Veränderungen des Wasserkreislaufs und des Mechanismus der globalen Zirkulation der Atmosphäre» verursachen würde.6
  Und heute wissen wir, dass die Gefahr nicht nur vom US-amerikanischen und vom russischen Arsenal an Kernwaffen ausgeht:
  «Die Vereinigten Staaten und Russland sind nicht die einzigen Länder, die in der Lage sind, das weltweite Klima zu zerstören. Alle Nuklearstaaten – ausser Nordkorea mit seinem relativ kleinen Arsenal – haben im Falle eines Atomkrieges die nötige Zerstörungskraft, um die globale Umwelt zu verändern.»7
  Es macht im Hinblick auf die Praxis keinen Sinn, die Erkenntnisse der Wissenschaftler weiter zu diskutieren, denn eines ist klar: Ein grossmassstäblicher nuklearer Schlagabtausch im Umfang von 100 MT, möglicherweise erheblich weniger, unterzieht die Erdatmosphäre einem physikalischen Experiment, dessen Auswirkungen auf die Erdoberfläche, die Ozeane und letztlich das Leben auf der Erde insgesamt kaum vorhersagbar sind. Diese Auswirkungen aber könnten die Auslöschung der Menschheit und des Gros des Lebens auf der Erde überhaupt umfassen. Die Strategie der garantierten gegenseitigen Zerstörung (Mutual Assured Destruction MAD) aus den frühen Stadien des Kalten Kriegs würde sich in eine garantierte globale Zerstörung verwandeln, die innerhalb von Tagen bis Wochen auch den Anwender von Kernwaffen trifft.8
  Aber es genügen wohl schon erheblich weniger dramatische ökologische Folgen, um das politische und wirtschaftliche Gleichgewicht ganzer Weltregionen aus den Fugen zu werfen. Man stelle sich einmal vor, was geschieht, wenn dicht besiedelte Regionen der Nordhemisphäre plötzlich unbewohnbar werden, die gesamten dort befindlichen Produktionsmittel für die Güter des täglichen Bedarfs sowie die ganze Infrastruktur verlorengehen und Abermillionen Menschen nach Süden fliehen, wo auch so schon Armut herrscht. Die Zahl von 100 MT ist wohl immer noch zu grosszügig bemessen. Angesichts der Unsicherheit, wie viele Kernexplosionen einen «nuklearen Winter» herbeiführen würden, können wir auch heute noch nicht mit Bestimmtheit sagen, ob wir immer noch in einem Zeitalter der garantierten gegenseitigen Zerstörung leben, das wir eigentlich hinter uns glaubten. Damit würden wir wieder einer Doktrin folgen, die Selbstverteidigung durch Selbstmord ersetzt.

Neue Technologien, neue Möglichkeiten

Grundsätzlich müssen Einsatzreichweite, Präzision und Sprengkraft einer bestimmten Munitionssorte, konventioneller wie nuklearer, zusammenpassen. Bei ballistisch fliegenden Munitionssorten wie Freifallbomben, Artilleriegranaten oder Raketen besteht ein enger Zusammenhang zwischen Schussweite und Präzision. Je grösser die Schussweite, desto grösser ist die zu erwartende Abweichung des Einschlags vom Ziel. Geringe Präzision machen Waffen-Konstrukteure aber mit grösserer Wirkung wett. Je grösser die zu erwartende Abweichung vom Ziel, desto stärker muss der Sprengkopf sein. So ist es zu erklären, dass im Kalten Krieg Kernwaffen von der Stärke der Hiroshima-Bombe eingeplant wurden, um Einzelobjekte zu vernichten. Dazu kommt die Anwendung von Statistik bei der Erhöhung der Treffer- oder Vernichtungswahrscheinlichkeit: Wenn eine Bombe das Ziel nicht mit der gewünschten Wahrscheinlichkeit vernichtet, dann wirft man eben eine zweite oder eine dritte. So kamen im Kalten Krieg die ungeheuren Zahlen an nuklearen Sprengköpfen zusammen, welche die Supermächte in ihren Arsenalen anhäuften.
  Die heutige Technologie gelenkter Flugkörper mit grosser Präzision erlaubt den Einsatz kleinerer Sprengköpfe bis zu einem Mass, dass hochwirksame konventionelle Sprengköpfe die Aufgaben unpräziser Kernwaffen übernehmen können. Darüber hinaus senkt verbesserte Präzision den zahlenmässigen Bedarf an Waffen. Auf diese Weise ist neuerdings auch eine nichtnukleare strategische Abschreckung denkbar, die auf der Fähigkeit beruht, Ziele nationaler oder militärstrategischer Bedeutung des Gegners durch präzise nichtnukleare Waffen zu zerstören. Flugkörper mit Trägheits- oder Satellitennavigationssystemen, ausgerüstet mit einem thermobaren oder Aerosol-Sprengkopf, können ein Ziel zerstören, für welches vorher eine oder gar mehrere nukleare Gefechtsköpfe notwendig gewesen wären.
  Diese Form der Abschreckung wird in russischen Generalstabskreisen seit Jahren diskutiert.9 Vorerst tut sich der Westen schwer damit und argumentiert gerne, dass einem anfliegenden Flugkörper nicht anzusehen sei, ob er einen konventionellen oder einen nuklearen Sprengkopf trage, und dass die neuen russischen Waffen theoretisch mit solchen ausgerüstet werden könnten. In der Tat könnte ein vergleichsweise kleiner und leichter nuklearer Sprengkopf anstelle eines grossen und schweren konventionellen die Reichweite des ihn tragenden Flugkörpers erhöhen. Eine operativ-taktische Rakete mit einer Reichweite von unter 500 km und einem konventionellen Sprengkopf von mehreren hundert Kilogramm Gewicht würde mit einem 100 kg schweren nuklearen Sprengkopf wahrscheinlich weiter als die vertraglich vereinbarten 500 km fliegen. Aber das ist und bleibt vorerst Theorie. Es ginge hier zu weit, die Kontroversen zwischen Russland und den USA bzw. der Nato abzuhandeln. Vielleicht ist es aber an der Zeit, sich über Rüstungskontroll-Massnahmen im konventionellen Bereich Gedanken zu machen.
  Hyperschallwaffen und ähnliche Schlagwörter sind derzeit in aller Munde. In der Tat arbeiten die Techniker in Russland und in den USA an einer neuen Generation von Interkontinentalraketen. Naturgemäss sind die genauen technisch-taktischen Kennzahlen dieser Neuentwicklungen der Geheimhaltung unterworfen, was es schwierig macht, die konkreten Auswirkungen abzuschätzen. Auf der einen Seite dürfte die neue Generation russischer ballistischer Raketen dank präziser bordeigener Navigationssysteme in der Lage sein, in der Freiflugphase Ausweichmanöver durchzuführen, damit Abfang-Raketen an ihrem Ziel vorbeifliegen. Damit wird die Abwehr anfliegender Gefechtsköpfe erst in der Endphase des Fluges möglich, wofür nur wenig Zeit in der Grössenordnung von zwei bis drei Minuten zur Verfügung steht. Der Abschuss anfliegender Gefechtsköpfe ist aber nur kleinräumig möglich, durch Raketenabwehrsysteme, die selbst in der Nähe des Ziels stehen. Der flächendeckende Schutz ganzer Länder würde einen unmöglich zu erbringenden Aufwand erfordern.
  Die zweite, derzeit in Diskussion befindliche Technologie ist jene der suborbitalen Stratosphären-Gleitflugkörper, welche in den dreissiger Jahren vom österreichischen Ingenieur Eugen Sänger erdacht wurde. Über den russischen «Awangard» Flugkörper ist noch wenig bekannt. Klar ist, dass er nach Erreichen einer geeigneten Flughöhe quasi auf der Erdatmosphäre «gleitet» bzw. sich mehrmals von der Erdatmosphäre abprallen lässt, um dann im richtigen Moment in diese einzutreten und auf sein Ziel zu fallen. Mit dieser Technologie lassen sich hohe Reichweiten erzielen, so dass auch denkbar wäre, dass solche Flugkörper die USA nicht auf dem kürzesten Weg über den Nordpol anfliegen, sondern über den Südpol, und damit die Kette US-amerikanischer Radar-Stationen im hohen Norden quasi umfliegen. Dadurch vergrössert sich zwar die Flugdistanz auf bis zu 30 000 km und die Flugzeit auf bis zu eine Stunde. Da suborbitale Stratosphären-Gleitflugkörper aber auf ihrer, im Vergleich zu ballistischen Raketen niedrigen Flughöhe durch bodengestützte Radarstationen erst spät erkennbar sind, könnte sich die Zeit zwischen Entdeckung und Aufschlag auf wenige Minuten verringern; möglicherweise auf nur gerade fünf bis sechs Minuten. Das ist das Niveau von Mittelstreckenraketen.10
  Durch diese Neuentwicklungen wird die Abwehr einer grossen Zahl anfliegender Atomraketen für beide Seiten ein unerreichbares Ziel, und die Logik der strategischen Abschreckung bleibt uns erhalten. Der Streit zwischen Russland und den USA um die Raketenabwehr könnte allerdings an Bedeutung verlieren. Bemühungen um nukleare Rüstungskontrolle bleiben aber so wichtig wie eh und je.

Neue geopolitische Gegebenheiten

Der INF-Vertrag bezieht sich ausschliesslich auf landgestützte Systeme mit einer Reichweite von 500 km bis 5500 km. Im Kalten Krieg stationierte die Sowjetunion ihre RSD-10/SS-20 Raketen grundsätzlich auf eigenem Gebiet, so dass diese aus Belarus oder der Ukraine bis knapp an die Ostküste der USA gelangen konnten. In Sibirien und in Fernost stationierte Systeme reichten gerade an die Westküste der USA. Für Ziele in ganz Europa und im Nahen Osten genügte die Reichweite der RSD-10 aber allemal. Das war wohl der Grund für die Besorgnis seitens der Europäer, die beiden Supermächte könnten nach der nuklearen Verwüstung Europas einen Atomkrieg abbrechen, um sich nicht gegenseitig auch noch zu verheeren. Wenn man um die Möglichkeit eines nuklearen Winters weiss, wird klar, dass solche Überlegungen eher theoretischer Natur sind.11
  Heute liegen mögliche Stationierungsorte für Atomraketen in Russland mehrere hundert Kilometer weiter östlich als zu Zeiten des Kalten Krieges. Wie damals die sowjetische, so fordert heute die russische Doktrin, dass nach Abwehr einer Aggression die Kampfhandlungen so lange fortzuführen seien, bis dem Gegner Fähigkeit oder Motivation zur Fortsetzung des Kriegs abhandengekommen sind. Sollte es Russland zur Umsetzung dieser Doktrin wirklich darum gehen, Waffen zu entwickeln, welche vom eigenen Territorium aus die wirtschaftlichen und politischen Zentren Westeuropas, die bekannten Stationierungsorte von Kernwaffen und die wichtigsten Häfen an Atlantik-, Kanal- und Nordseeküste zerstören können, dann würden Reichweiten um die 2000 km genügen.12 Umgekehrt liegen die wichtigsten Zentren Russlands wie Moskau und St. Petersburg sowie die Wirtschaftszentren entlang der Wolga in einer Distanz von maximal 1500 km vom Territorium der europäischen Nato-Staaten. Allenfalls müsste in neuen Rüstungskontrollverhandlungen mit neuen Distanzen gerechnet werden.
  Mit seinen weit in den Kontinent einspringenden Nebenmeeren des Atlantischen Ozeans ist Europa ein Kontinent, für welchen seegestützte Waffen von grosser Bedeutung sind. Da aber nicht alle diese Gewässer von ihrer Hydrographie her für den Einsatz von U-Booten mit ballistischen Raketen geeignet sind, wären in zukünftigen Rüstungskontrollverhandlungen auch Überwassereinheiten zu berücksichtigen, die Mittelstreckenraketen tragen können. Dazu gehören die US-amerikanischen Kreuzer der Ticonderoga-, die Fregatten der Arleigh-Burke-Klasse, die britischen Fregatten der City-Klasse sowie die russischen Mehrzweckkampfschiffe der Admiral Grigorowitsch- und der Admiral-Gorschkow-Klasse.

Folgerungen für die nukleare Rüstungskontrolle

Mit der Verlängerung der Gültigkeitsdauer des New-START-Vertrags hat die Administration Biden erst einmal klargemacht, dass sie an einer Fortsetzung der unter Donald Trump unterbrochenen Bemühungen um Rüstungskontrolle interessiert ist. Aber damit ist es nicht getan. Es müssen auch Verhandlungen mit weiteren Akteuren geführt werden. Neue Technologien machen neue Verträge über Träger- und Waffensysteme notwendig. Und schliesslich müssen im Lichte der Erkenntnisse über einen nuklearen Winter die Obergrenzen der Anzahl Waffen drastisch gesenkt werden. Grundsätzlich darf weder den offiziellen, noch den inoffiziellen Atommächten das Recht eingeräumt werden, mit ihrem Arsenal die am dichtest bewohnten Räume der Erdnordhalbkugel unbewohnbar zu machen. Eine drastische Reduktion der Kernwaffen-Arsenale aller Atommächte muss eine zentrale Forderung nuklearer Rüstungskontrolle der Zukunft werden.  •



1 siehe Informationen und Vertragstext engl. unter https://2009-2017.state.gov/t/avc/trty/102360.htm#text und http://www.peterhall.de/treaties/inf/inf1.html. Zu den gegenseitigen Vorwürfen siehe https://slub.qucosa.de/api/qucosa%3A71608/attachment/ATT-0/
2 siehe https://2009-2017.state.gov/t/avc/newstart/index.htm. Der New-START-Vertrag folgte auf den START I, der von 1994 bis 2009 gültig war und den START II Vertrag, der nie in Kraft trat.
3 siehe https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article144994003/Niemand-kennt-die-wirkliche-Zahl-der-Opfer.html; der erste Journalist, der trotz Widerstands der US-Militärs über die Folgen der Kernwaffenexplosion in Hiroshima berichtete, war der Amerikaner John Hersey; siehe https://www.perlentaucher.de/buch/john-hersey/hiroshima.html; vgl. auch den Bericht des Mitarbeiters des IKRK Benoît Junod unter https://www.swissinfo.ch/ger/der-schweizer-samariter-von-hiroshima/4654838
4 siehe Hampson J. Photochemical war on the atmosphere, in: Nature. 250, Nr. 5463, 1974, S. 189–91, online unter https://www.nature.com/articles/250189a0
5 R. P. Turco, O. B. Toon, T. P. Ackerman, J. B. Pollack, C. Sagan. Nuclear Winter: Global Consequences of Multiple Nuclear Explosions. In: Science. 222, Nr. 4630, 23. Dezember 1983, S. 1283–92, online unter https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17773320/. Dies bestätigte sich in Untersuchungen im Jahr 1990: «Should substantial urban areas or fuel stocks be exposed to nuclear ignition, severe environmental anomalies – possibly leading to more human casualties globally than the direct effects of nuclear war would be not just a remote possibility, but a likely outcome.» Siehe R. P. Turco, O. B. Toon, T. P. Ackerman, J. B. Pollack, C. Sagan. Climate and Smoke: An Appraisal of Nuclear Winter, 1990, online unter https://atmos.washington.edu/~ackerman/Articles/Turco_Nuclear_Winter_90.pdf
6 Alexandrov, V. V., G. I. Stenchikov. On the modeling of the climatic consequences of the nuclear war, the Proceeding of Appl. Mathematics, The Computing Center of the Academy of science of the USSR, Moscow, 1983, online unter http://climate.envsci.rutgers.edu/pdf/AleksandrovStenchikov.pdf
7 Alan Robock, Owen Brian. Self-assured destruction: The climate impacts of nuclear war. In: Bulletin of the Atomic Scientists, November 4, 2016, online unter https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/0096340212459127
8 Um nur eine von zahllosen Darstellungen zu diesem Thema zu erwähnen: https://www.britannica.com/topic/mutual-assured-destruction.
9 Der Autor ist selbst Absolvent der Generalstabsakademie der russischen Armee.
10  Technische Analyse bei Jill Hruby: Russia’s New Nuclear Weapon Delivery Systems – An Open-Source Technical Review. In: nti.org. NTI – The Nuclear Threat Initiative, 1. November 2019, online unter https://media.nti.org/documents/NTI-Hruby_FINAL.PDF, und Hypersonic Weapons: Background and Issues for Congress. In: fas.orgCongressional Research Service, 10. September 201, online unter https://fas.org/sgp/crs/weapons/R45811.pdf zu den politisch-militärischen Auswirkungen. Siehe auch Pawel Podwig, Russia shows Avangard system «to maintain viability» of New START, online unter http://russianforces.org/blog/2019/11/russia_shows_avangard_system_t.shtml. Zu Eugen Sänger und seinem «Antipodenbomber» siehe https://www.deutsche-biographie.de/sfz109535.html
11 vgl. ATOMWAFFEN: Nuklearer Winter. In: Der Spiegel. Nr. 33, 1984, online unter https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13508607.html; angesichts der damals in Europa vorhandenen Bestände an Kernwaffen folgerte der Spiegel: «Schon ein eurostrategischer Schlagabtausch würde mithin im Todesfrost enden.»
12 Zeitweise gingen in der Tat Spekulationen umher, russische «Iskander» könnten Reichweiten von über 2000 km aufweisen: https://www.dw.com/de/ein-nicht-so-geheimes-geheimnis-die-russische-rakete-9m729/a-46603054 und https://www.bazonline.ch/ausland/europa/russland-hat-mehr-marschflugkoerper-als-bisher-bekannt/story/25086690 Und die «Kalibr» ebenso; siehe https://www.armscontrolwonk.com/archive/207816/russian-cruise-missiles-revisited/

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