Demokratie heisst nicht einfach zu tun, was man will!

Es braucht Erziehung und Bildung im Sinne des Gemeinwohls

von Dr. Eliane Perret, Psychologin und Heilpädagogin

Die Sommerferien stehen an! Die Schweiz, Kroatien, Thailand, Spanien, Mallorca, was immer die Feriendestinationen sein mögen, sie geben uns die Möglichkeit, andere Kulturen und andere Formen des Zusammenlebens kennenzulernen. In langen geschichtlichen Zeiträumen haben sich die je eigenen kulturellen Identitäten mit ihren Wertvorstellungen, Traditionen und Formen des Zusammenlebens entwickelt. Zur Geschichte eines Landes gehören deshalb Mythen und historische Fakten. Sie zu kennen ist wichtig für die Verwurzelung der Menschen in ihrem Land. Sie gehören deshalb unbedingt zum Schulstoff als Baustein der Persönlichkeitsbildung eines Kindes und für sein Gefühl der Zusammengehörigkeit über den engeren Kreis der Familie hinaus. In der Schweiz beispielsweise leben Menschen in vier verschiedenen Sprachregionen mit je unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zusammen. Sie haben sich in langen Prozessen der Auseinandersetzung und Einigung zu einer direktdemokratischen Willensnation zusammengetan, in der heute die Menschen in sehr hohem Masse die Grundlagen des Zusammenlebens mitbestimmen können. Dazu gehören Rechte und Pflichten. Sie als Teil der eigenen Lebensgestaltung zu sehen wird in der Erziehung gelegt.

Liebe, Wärme und Geborgenheit

Es liegt in der menschlichen Natur, sich zusammenzutun und die Aufgaben des Lebens in gemeinschaftlicher Unterstützung und den lokalen Gegebenheiten entsprechend zu gestalten. Daraus erwächst das Gefühl, in seiner Kultur verwurzelt zu sein. Für jedes Kind steht deshalb an, sich in seiner Lebenswelt zu beheimaten. Damit das gelingt, braucht es tragende Beziehungen, die in den ersten Stunden seines Lebens ihren Anfang nehmen. Durch die Liebe, Wärme und Geborgenheit, die ein Kind bei seinen ersten Beziehungspersonen erfährt, beginnt es sich mit seinen Mitmenschen zu verbinden und ein Gefühl der Sicherheit und des Geschütztseins aufzubauen. Selbstverständlich gehört es dazu, Kinder vor Gefahren zu schützen und ihnen deshalb auch gewisse Dinge zu verbieten. Aber solche Verbote müssen stets mit Respekt und Mitgefühl fürs Kind verbunden sein. So entwickelt es im geglückten Fall den nötigen Lebensmut und die Kraft, sich anstehenden Lebensaufgaben zu stellen. Das entspricht der sozialen Natur des Menschen und ist Grundlage der freien Entfaltung seiner Persönlichkeit. Dazu gehört aber auch, das Kind an seine Lebensaufgaben heranzuführen und von ihm altersgemäss seinen Beitrag im Zusammenleben einzufordern.

«Aus den Kindern schaut immer ein Sonnenaufgang»

Der Jugendbuchautor Ernst Kappeler (1911–1987) beschrieb damit die Hoffnung, die sich mit jedem neuen Menschenleben auftut, wenn es den Weg zu einer erfüllten Lebensgestaltung findet und damit zum Licht und zur Wärme beiträgt, die es in unserer Welt braucht. Eine sichere Bindung zu seinen erwachsenen Bezugspersonen macht es ihm möglich, jeden Tag sicherer und freier die Welt zu erforschen, persönliche Erfahrungen zu machen und seine Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln. Wir können und müssen ihm unser Wissen und unsere Lebenserfahrung weitergeben und ihm Modell sein, wie man sich mit seinen Mitmenschen verbindet. Doch frei sein und seinen Platz im Leben finden kann nur, wer das Wohl aller beachtet. Nur dann wird seine Sonne aufgehen. Das müssen die Erwachsenen dem Kind vorleben und es dazu anleiten. Dann begleiten sie es auf dem Weg zu einem verantwortungsbewussten Mitspieler. Doch, was heisst das?

Das Leben «erleichtern»?

Immer wieder gibt es Begegnungen, die zum Nachdenken anregen. Da war kürzlich ein Kleiner mit seinem Trottinett unterwegs zum Kindergarten. Neben ihm ging sein Vater, an dessen Hand der kleine Rucksack seines Sprösslings baumelte. Vermutlich war darin die Znünibox mit gesunden Köstlichkeiten untergebracht. Aber, fragte ich mich, sind diese lustigen kleinen Rucksäcke nicht dazu gedacht, an den Schultern zu hängen, damit die Hände frei bleiben zum Kinderwagenschieben – oder eben zum Trottinettfahren? Nun schaukelte er aber an der Hand des Vaters, womit er seinem Sohn im wörtlichen Sinne das Leben «erleichterte». Aber ist das für ein Kind tatsächlich eine Hilfe, ein Liebesdienst? Die «Aufgabenverteilung» zwischen den beiden mutete mich nämlich sehr selbstverständlich an, als ob sie in ihrem gemeinsamen Lebensalltag oft üblich wäre. Solche Situationen sind nicht ungewöhnlich und heute in vielen Spielarten zu beobachten. Doch wie sollte der kleine Bub auf diese Weise das Gefühl entwickeln, seine Aufgaben anpacken und etwas beitragen zu können? Mit anderen Worten, es geht schon bei kleinen Kindern darum, ihnen altersgemäss Aufgaben im Zusammenleben zu übergeben, denn eine gesunde Beziehung besteht immer aus gegenseitigem Geben und Nehmen.

«Ich bin gross und kann das schon»

Vor kurzem kam mir eine Zusammenstellung in die Hände mit dem Titel «Ich bin gross und kann das schon», in der altersgerechte Hausarbeiten für Kinder aufgelistet waren. Für den Kleinen im Kindergartenalter im obigen Beispiel wäre da unter anderem vorgesehen, sein Spielzeug einzusortieren, den Küchentisch abzuwischen, Geschirr abzutrocknen, einen kleinen Snack vorzubereiten, das Bett zu machen, Verschüttetes aufzuwischen usw.1 Den Rucksack mit dem eigenen Znüni selber in den Kindergarten zu tragen würde sich da gut einreihen lassen.
  Marty Rossmann, eine amerikanische Forscherin, hat die Bedeutung solcher Alltagsaufgaben für die Entwicklung von Kindern untersucht und dazu deren Lebensläufe bis ins Erwachsenenalter verfolgt. Sie ist zu einem interessanten, aber eigentlich naheliegenden Schluss gekommen: Kinder, die bereits im Alter von drei bis vier Jahren in die Aufgaben des familiären Lebensalltags eingebunden wurden, waren am besten für eine erfolgreiche Lebensgestaltung vorbereitet. Mussten (durften) sie hingegen bis ins Alter von 15 oder 16 Jahren keine Verantwortung für das häusliche Zusammenleben übernehmen, so waren sie am meisten gefährdet, ernsthafte Probleme in der beruflichen und persönlichen Entwicklung zu bekommen.2 Wenig erstaunlich, aber doch wieder einmal Anlass, darüber nachzudenken, was das bedeutet!

Mitdenken und Mithelfen

Der Wunsch, zu helfen und etwas zum Zusammenleben beizutragen, gehört zur Natur des Menschen. Es lohnt sich beispielsweise, die überraschenden Forschungsergebnisse des amerikanischen Psychologen und Anthropologen Michael Tomasello zu studieren, in denen festgehalten wird, dass schon ganz kleine Kinder im Alter von 14 bis 18 Monaten in der Lage sind, die Absicht eines Erwachsenen zu erfassen, der etwas sucht, und ihm mit einer Zeigegeste den entscheidenden Hinweis zu geben.3 Das ermöglichen nicht etwa genetisch angelegte Programme, sondern das kindliche Denken bringt schon bei der Geburt eine entsprechende soziale Prädisposition mit.
  Auch die Psychologin Kiley Hamlin und ihr Forscherteam konnten zeigen, dass bereits Säuglinge positiv auf Figuren reagieren, die andern helfen, und diejenigen ablehnen, die sich unfair verhalten. Die Kleinen sahen drei verschiedenfarbige Figuren, von denen eine versuchte, einen Hügel zu erklimmen. Dabei wurde sie von einer Figur angeschoben, während die dritte Figur sie daran hinderte. Danach durften die Babys eine Figur auswählen und sie entschieden sich unabhängig von der Farbe für die Helferfigur, deren Verhalten ihnen offensichtlich am besten gefiel.4

Ein gesundes Bedürfnis unterstützen

Die Kinder bringen also Voraussetzungen mit, sich zu Mitspielern zu entwickeln, damit sie sich später im Leben nicht in erster Linie mit «Selbstoptimierung» beschäftigen, sondern Genugtuung daraus ziehen, ihren Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Für uns Erwachsene gilt es, diesen Wunsch aufzugreifen und zu verstärken. Aber leider – wenn wir ehrlich mit uns sind – verunmöglichen immer wieder wir Erwachsenen das spontane Helfen der Kinder. Es geht uns zu lange, wenn ein Kind versucht, die Kartoffeln zu schälen, oder wir befürchten unnötigerweise, dass es sich verletzen könnte. Es lohnt sich jedoch, eine möglicherweise weniger perfekt geschälte Kartoffel und eine schmutzigere Küche in Kauf zu nehmen und damit das gesunde Bedürfnis des Kindes zu unterstützen, mitzutun, Verantwortung zu übernehmen und die eigenen Fähigkeiten zu nutzen.

Belohnung und Lob? Schon, aber …

Belohnungen und Lob gehören heute oft zu den unhinterfragten Bestandteilen in der Erziehung. Fürs Ausräumen der Geschirrwaschmaschine oder das Staubsaugen gibt es eine Schleckerei oder einen Bonus aufs Taschengeld, fürs Aufräumen eine Stunde länger Aufbleiben. Solche Belohnungssysteme sind auch in vielen Schulzimmern üblich, in der Hoffnung, das Verhalten von Kindern in eine positive Richtung zu lenken. Sie sind verhaltenstherapeutischen Konzepten entlehnt und werden dem differenzierten Gefühlsleben eines Kindes kaum gerecht. Oft wird aber durch Belohnungen der Plan des Kindes zunichte gemacht, dem anderen eine Freude oder eine Überraschung zu bereiten, und sein Gefühl der Zusammengehörigkeit wird unterminiert.
  Auch dazu gibt es mittlerweile sorgfältig erbrachte wissenschaftliche Erkenntnisse, die eindeutig belegen, dass Belohnung die Hilfsbereitschaft von Kindern einschränkt.5 Helfenwollen ist der Ausdruck eines natürlichen Mitgefühls und schon beim ganz kleinen Kind vorhanden. Oft wäre deshalb mit einem Lächeln, einem erfreuten Zuspruch oder einem freundlichen Blick als Ausdruck des gefühlsmässigen Verbundenseins mehr getan. Oder wie wäre es mit einem gemeinsamen Spiel oder Ausflug in der Zeit, die man durch die gegenseitige Unterstützung gewonnen hat?

Gleichwertigkeit heisst nicht Gleichheit!

Wenn wir möchten, dass unsere Kinder und Jugendlichen mit Zuversicht ins Leben hineinwachsen und sich stark fühlen, so geht es nicht nur um die Frage, was wir für sie tun können. Genauso wichtig ist es, ihnen Gelegenheit zu geben, einen Beitrag fürs Zusammenleben aller zu leisten. In den letzten Jahrzehnten ist diesbezüglich eine grosse Unsicherheit bei vielen Eltern zu beobachten. Sie wissen nicht, welche Rolle sie ihren Kindern gegenüber einnehmen sollen. Sie versuchen zu Recht, ein demütigendes Verhalten gegenüber ihren Kindern zu vermeiden, das sie vielleicht selbst erlebt haben, und möchten die «besten Freunde» ihrer Kinder sein, ihnen in Gleichwertigkeit begegnen. Doch können sie nicht übergehen, dass sie ihren Kindern an Wissen und Erfahrung voraus sind, und müssen erzieherische Verantwortung übernehmen. Denn Gleichwertigkeit ist nicht Gleichheit! Gleichwertigkeit heisst zu wissen und zu empfinden, dass die Kinder und alle Mitmenschen überhaupt ungeachtet persönlicher Unterschiede und Fähigkeiten denselben Anspruch auf Achtung und menschliche Würde haben.6

«Ich schaue, dass ihm nichts passiert …»

Zwar ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine rauhe Stimmung im zwischenmenschlichen Umgang gerade auch unter Jugendlichen zu beobachten, die zu Sorge Anlass gibt.7 Aber es betrifft nur einen kleinen Teil der heranwachsenden Generation, denen es an sinnstiftenden Aufgaben und Zielen im Leben fehlt. Bei der Mehrheit von Kindern und Jugendlichen ist der Wunsch, mitzutun und beizutragen, nach wie vor vorhanden. Ein eindrückliches Beispiel erlebte ich vor kurzem, als ich aus der Haustüre trat, um die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen. Da kauerte ein kleiner Junge im Kindergartenalter, auf der Strasse, vor sich ein braunes Etwas. Ich fand es riskant, weil doch immer wieder Autos auf der Quartierstrasse daherkommen. Als ich näher kam, erkannte ich, dass das braune Etwas ein behäbiger Igel war, der sich am heiterhellen Tag auf die Strasse verirrt hatte. Der Bub sah mich ratlos an. Offensichtlich war ihm die Gefahr bewusst, in der sich der Igel befand. Aber was tun mit diesem stachligen Ding? Ich ging zu ihm hin. Es war uns klar, dass wir den Igel in Sicherheit bringen mussten. Ich schlug ihm vor, dass ich in unserem Haus eine Schaufel holen könnte, um ihn von der Strasse wegzuholen und in Sicherheit zu bringen. Er war sichtlich erleichtert und sagte: «Ja, und ich bleibe in dieser Zeit bei ihm und schaue, dass ihm nichts passiert!» Unser Vorhaben glückte, und wir überlegten zusammen, dass er im Buschwerk einer höher gelegenen Wiese gut aufgehoben wäre. Dann verabschiedeten wir uns. Der Kleine machte sich weiter auf seinen Heimweg. Mir schien, er wäre etwas grösser geworden. Ehrfurcht vor dem Leben beginnt im Kleinen, dachte ich.

Es liegt in der Natur der Menschen

Es ist ein in der Natur des Menschen angelegtes Bedürfnis, das uns dazu bewegt, sich zusammenzutun und gegenseitig zu unterstützen. Für jedes Kind ist seine familiäre Lebenswelt wieder anders und wird von ihm auch individuell interpretiert. Es erlebt, wie wirtschaftliche, kulturelle, religiöse und soziale Einflüsse gestaltend in seiner Umwelt zum Tragen kommen und wie die Erwachsenen dazu Stellung nehmen. Das familiäre und gesellschaftliche Zusammenleben ist geprägt davon. Auch hier gilt es entsprechende Forschungsergebnisse ernstzunehmen, die zeigen, dass sich die Menschen dann am freiesten und glücklichsten fühlen, wenn sie ihr Zusammenleben in Gleichwertigkeit gemeinsam gestalten können. Verfassungsmässig garantierte Mitbestimmungsrechte, wie sie in der direkten Demokratie üblich sind, erhöhen die Lebenszufriedenheit und damit auch die Bereitschaft, einen Beitrag dazu zu leisten. Denn Demokratie bedeutet nicht die Freiheit zu tun, was man will! Ohne den gegenseitigen Respekt vor der  Freiheit des anderen, ohne menschliches Miteinander gibt es keine wirkliche Freiheit.  •



1 Müller, A. (2018). Schonen schadet. Wie wir unsere Kinder heute verziehen. Bern: Hep-Verlag, S. 133
2 Müller, A. (2018). Schonen schadet. Wie wir unsere Kinder heute verziehen. Bern: Hep-Verlag, S. 132
3 vgl. Tomasello, M. (2012). Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp (Edition Unseld), S. 21
4 Dieser Versuch von Kiley Hamlin und ihrem Team ist beschrieben in: Grolimund, F./Rietzler S. (2019). Geborgen, mutig, frei. Wie Kinder zu innerer Stärke finden. Freiburg i. B. Herder-Verlag, S. 110
5 vgl. Tomasello, M. (2012). Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp (Edition Unseld),  S. 22 ff
6 vgl. Dreikurs, R./Soltz V. (1971). Kinder fordern uns heraus. Wie erziehen wir sie zeitgemäss? Stuttgart: Klett
7 siehe «Nein! Einen solchen Umgang wollen wir nicht …». In: Zeit-Fragen Nr. 15 vom 29.6.2021

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