Starkregen und Flutkatastrophe in Deutschland – eine Zwischenbilanz

von Karl-Jürgen Müller

In der Woche vom 11. bis 17. Juli 2021 wurden Deutschland, Belgien, Luxemburg und die Niederlande, aber auch Österreich und die Schweiz von sehr starken Regenfällen (Starkregen) heimgesucht, in deren Folge es zum Teil zu katastrophalen Überflutungen und Erdrutschen kam. Sehr viele Todesopfer sind zu beklagen. Besonders stark betroffen waren dieses Mal Regionen in den deutschen Bundesländern Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, aber auch in Bayern und Sachsen. Die Medien haben ausführlich darüber berichtet, die Bilder der Katastrophe, der Zerstörungen und Verwüstungen, sind um die Welt gegangen. Hier soll lediglich – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – eine Art Zwischenbilanz gezogen werden.

Mitgefühl und Anteilnahme sowie die Bereitschaft, Hilfe zu leisten, gelten den Angehörigen der vielen Todesopfer und der noch immer Vermissten, den vielen Verletzen, den vielen Tausend Menschen, die zum Teil ihr ganzes Hab und Gut verloren haben.

Überwältigende Hilfsbereitschaft

Und in der Tat hat sich erneut gezeigt, wie gross Anteilnahme und Mitgefühl sind in Anbetracht der Katastrophe. Ja, es gibt sie auch, die «Neugierigen», die Hilfskräfte behindern und sich zum Teil auch selbst in Gefahr bringen – und auch ein paar wenige Plünderer. Aber Umfang und Ausmass der wirklichen Hilfeleistungen sind erneut überwältigend – enorme Sach- und Geldspenden stehen hier neben der tatkräftigen Hilfe vieler vor Ort. Freiwillige Helfer, aber auch die Helfer der Feuerwehren, des Technischen Hilfswerkes THW, des Deutschen Roten Kreuzes DRK, der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft DLRG, der Polizei und auch der Bundeswehr haben Grosses geleistet. Ein Zitat aus der «Mittelbayerischen Zeitung» vom 17. Juli hat es gut zum Ausdruck gebracht: «Hoffnungsschimmer in dieser düsteren Zeit ist die Unterstützung, die aus anderen Bundesländern, von Kommunen und Freiwilligen, auch aus dem Ausland, angeboten und erbracht wird. In der Not – und nicht in wohlfeilen Sonntagsreden – zeigt sich, was echten Zusammenhalt und wirkliche Solidarität ausmacht. Mit diesem Geist, diesem Engagement wird Deutschland auch diese schlimme Prüfung durch Naturgewalten bestehen.»

Schwierige Ursachenforschung

Selbstverständlich wird auch die Frage nach den Ursachen und möglichen Lehren aus der Katastrophe gestellt. Hier gehen die Meinungen auseinander, und man kann den Eindruck gewinnen, dass es nicht immer nur um die Sache geht, sondern auch um andere Motive. Schliesslich befindet sich Deutschland mitten im Bundestagswahlkampf, und die EU-Kommission hat gerade eben erst ein sehr umfangreiches «Klimaschutz-Programm» verabschiedet.
  Dabei ist es noch relativ einfach, wissenschaftlich seriös die akute Wetterlage zu erklären. Aber schon bei der Frage nach den Zusammenhängen zwischen den Regenfällen und den Überschwemmungen und Erdrutschen gehen die Meinungen auseinander. Während die einen sagen, die menschlichen Eingriffe in die Natur, zum Beispiel die Versiegelung der Oberflächen, seien das Problem, betonen andere, dass dies in den Orten, die am stärksten von der Katastrophe betroffen sind, eine «deutlich untergeordnete Rolle» gespielt habe.1
  Auch die Frage, ob die Warnsysteme des Katastrophenschutzes angemessen gearbeitet haben, wird kontrovers diskutiert. Ergänzungen zu den verbreiteten elektronischen Systemen wieder mehr ins Auge zu fassen, zum Beispiel Sirenen, ist berechtigt.

Vorsicht bei der Klimawandel-Behauptung

Ob es wirklich der Sache dient, einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Katastrophe und dem Klimawandel herzustellen, wie das zahlreiche Politiker fast aller Parteien und viele Medien getan haben, ist fraglich. Der Deutschlandfunk hat einer Reihe von Wissenschaftlern die Frage nach den Zusammenhängen zwischen Klimawandel und dem anhaltenden Starkregen gestellt.2 Keiner der befragten Wissenschaftler stellt den Klimawandel in Frage, aber bei der Frage nach den unmittelbaren Zusammenhängen waren viele von ihnen eher vorsichtig. Ein Beispiel: Sebastian Sippel, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe Klimaphysik am Institut für Klima und Atmosphäre der ETH Zürich sagte: «Es ist nach wie vor sehr schwierig, Einzelereignisse kausal auf den Klimawandel zurückzuführen. Das dürfte auch für den aktuellen Starkregen gelten.» Die Wissenschaftler sehen durchaus Zusammenhänge zwischen einer langfristigen Temperaturerhöhung und konkreten Wetterereignissen. So heisst es, dass wärmere Luft mehr Wasserdampf aufnehmen kann, bevor sich dieser abregnet. Konkret: Eine um 1 Grad Celsius wärmere Luft kann 7 Prozent mehr Feuchtigkeit aufnehmen. So kann es mehr Wasser bei Regen geben. Oder: Wenn sich der Temperaturunterschied zwischen den Polen und dem Äquator verringert, verringere sich auch die Strömungsgeschwindigkeit der Luftmassen, und dadurch komme es vor Ort eher zu längerfristig anhaltenden Wetterverhältnissen wie Hitze oder Regenwetter. Aber von solchen Aussagen her unmittelbar auf ein Ereignis wie in der Woche vom 11. bis 17. Juli zu schliessen, ist wohl recht gewagt. Viele konkrete Fragen sind wissenschaftlich noch nicht geklärt.

Was die Menschen künftig tun können

Nichts spricht dagegen, etwas gegen die Luft-, Wasser- und Erderwärmung zu tun – soweit das möglich ist. Auch hier gibt es noch offene Fragen. Wenn aber jemand heute behauptet, er (oder sie) könne Ereignisse wie die Naturkatastrophe in Deutschland mit seinem Klimaschutzprogramm künftig verhindern, ist er (oder sie) ein Scharlatan.3Jürgen Jensen vom Forschungsinstitut für Wasser und Umwelt wurde vom Deutschlandfunk gefragt: «Was hätte man denn tun können, um den Verlust von Menschenleben und die Zerstörungen an den Gebäuden und Strassen zu verhindern?» Seine Antwort war: «Das ist eine schwierige Frage, ich fürchte, man kann sich nicht ausreichend darauf vorbereiten. Es ist in dem Fall eher eine Naturkatastrophe, als dass es ein beherrschbares Wetterereignis war.»
  Was nicht bedeutet, dass die Menschen in Zukunft nichts tun können. Derselbe Sachverständige nennt im selben Interview eine bessere Eigenvorsorge, auch vernünftiges Verhalten im Katastrophenfall (leider gab es auch Menschen, die trotz eindeutiger Warnungen noch einmal in ihre Häuser gegangen sind und dabei zu Schaden kamen). Auch bei der Bebauungsplanung und beim eigenen Bauen zum Beispiel kann Vorsorge getroffen werden, indem zum Beispiel gefährdete Gebiete gemieden werden.
  Nicht zuletzt verdient es das zivilgesellschaftliche Engagement, insbesondere auch junger Menschen, unterstützt und gestärkt zu werden. Junge Leute bei der freiwilligen Feuerwehr, beim Deutschen Roten Kreuz oder auch bei den Pfadfindern können nicht nur lernen, sinnvoll Hilfe – auch im Katastrophenfall – zu leisten, mit einem solchen Engagement geht eine Stärkung der ganzen Persönlichkeit einher.

Menschengemachte Katastrophen verhindern

Ein Letztes: Dieses Mal hat es Deutschland besonders stark getroffen. Die Bilder der Zerstörung und Verwüstung in einzelnen Ortschaften erinnern an Bilder aus anderen Gegenden der Welt, an die wir uns vielleicht schon zu sehr gewöhnt haben. Katastrophen, die noch grössere Ausmasse haben. Auch an Bilder aus Regionen der Welt, wo die Zerstörungen und Verwüstungen ganz offensichtlich auf menschliches Verhalten zurückzuführen sind. Am stärksten dort, wo Kriege wüten. Hier kann der Mensch, können die Verantwortlichen in der Tat etwas tun, um Leiden zu beenden, sofort zu beenden. Und schon im voraus verhindern, dass es überhaupt solche von Menschen gemachten katastrophalen Ereignisse gibt.
  Die Flutkatastrophe in Deutschland und seinen Nachbarländern ist ein weiterer Anlass, innezuhalten, nachzudenken und sich zu fragen, was eigentlich wichtig im Leben ist und wie wir künftig leben wollen.  •



1 So Jürgen Jensen von Forschungsinstitut für Wasser und Umwelt der Universität Siegen in einem Interview mit dem Deutschlandfunk vom 15.7.2021; https://www.deutschlandfunk.de/forscher-zu-unwetter-katastrophe-risiko-fuer-solche.676.de.html?dram:article_id=500356
2 www.deutschlandfunk.de/klimawandel-oder-nur-wetter-was-die-wissenschaft-dazu-sagt.1939.de.html vom 16.7.2021 (Abruf am 18.7.2021). In dieselbe Richtung geht ein Beitrag im Bayerischen Rundfunk vom 13. Juli: «Es ist für ein einzelnes Ereignis, egal wie extrem es auch sein mag, unmöglich zu sagen: Der Klimawandel ist die Ursache.» (https://www.br.de/wissen/wetter-extremwetter-klimawandel-100.html)
3 Es gibt auch Medien, die dies erkannt haben. So schrieb die deutsche Welt am Sonntag am 18.7.2021: «Nicht wenige Politikerinnen und -Politiker versuchen, die Überschwemmungen konfrontativ zu politisieren. Funktionieren wird das kaum. […] Wer Politik und Geistesleben alarmistisch aufladen möchte, hat keine guten Karten.» Und die NZZ am Sonntag vom selben Tag schrieb: «Die Angehörigen der Opfer und die Bürger der verwüsteten Ortschaften werden Hilfe benötigen, um ihren Weg zu finden und zerstörte Existenzen wiederaufzubauen. Was sie nicht brauchen, sind Klimaaktivisten in Politik, Medien und leider auch in der Wissenschaft, die in der Katastrophe vor allem die Bestätigung ihrer eigenen klimapolitischen Weltsicht sehen: Wir haben es euch ja schon immer gesagt. Wer so redet, erklärt die Extremereignisse zu erzieherischen Massnahmen […].» Schon einen Tag zuvor hatte die belgische Zeitung «De Standaard» geschrieben: «Dies sollte eine Zeit für Hilfsleistungen sein, nicht für politische Spielereien, geschweige denn für gegenseitige Beschuldigungen.»

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