Verdorrte Weiden – abgemagerte Tiere – hungernde Menschen

Vétérinaires Sans Frontières leisten Hilfe zur Selbsthilfe

von Heini Hofmann

Grösser und bekannter sind Médecins Sans Frontières MSF. Doch auch Vétérinaires Sans Frontières VSF haben sich in den letzten Jahren zu einer schlagkräftigen, momentan aus zwölf nationalen Einheiten bestehenden Organisation entwickelt, die nicht allein Nothilfe leistet wie die humane Partnerorganisation, sondern vorab nachhaltige Hilfe zur Selbsthilfe.

So setzen Vétérinaires Sans Frontières Suisse, ein gemeinnütziger Verein der Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte mit Sitz in Bern, als Schlüssel zum Erfolg auf die One-Health-Strategie, arbeiten also nicht nur notfallmässig-kurativ, sondern vielseitig und spartenübergreifend, weil die Gesundheit von Mensch und Tier sowie die Intaktheit der Umwelt wechselwirkend viel stärker vernetzt sind, als man denkt, zum Beispiel, was zwischen Mensch und Tier übertragbare Krankheiten (Zoonosen) anbetrifft. Denn wenn die Nutztiere leiden, dann hungern die Menschen.

Über Hindernisse zum Erfolg

Begonnen hat diese «grenzenlose» Hilfeleistung vor bald einem halben Jahrhundert mit der Gründung der humanmedizinischen Nothilfeorganisation MSF International 1971 in Paris. Dieses sympathische Prinzip der Hilfe «über den Gartenzaun hinaus» übernahm dann auch die Veterinärmedizin als VSF International, heute mit Sitz in Brüssel. Während die Gründung des humanmedizinischen Schweizer Ablegers MSF Suisse bereits 1981 erfolgte, geschah dies für die veterinärmedizinische Schweizer Sektion VSF Suisse 1988, also vor gut drei Jahrzehnten, und zwar an der tiermedizinischen Fakultät Bern im Anschluss an einen offensichtlich motivierenden Vortrag des Direktors von VSF France. Nach schwierigen Anfangsjahren für die Gründeridealisten stellte sich der Erfolg ein: 1999 Zewo-Gütesiegel, 2004 bereits ein Geschäftsvolumen von 5 Millionen Franken. Doch plötzlich, ab 2010, führten negative Jahresabschlüsse in die Krise, und man überlegte sich sogar, den Verein aufzulösen. 2013 erging ein dramatischer Weckruf an die Schweizer Tierärzteschaft: Rettet die VSF Suisse!
  Dies zeigte Wirkung: Ein neues Powerteam mit Ueli Kihm an der Spitze (Professor der Veterinärmedizin und früherer Direktor des Bundesamtes für Veterinärwesen) schaffte mit grossem Einsatz und Hartnäckigkeit den Turnaround mit positiven Geschäftsabschlüssen seit 2014 und kontinuierlichem Wachstum. Dazu beigetragen haben, neben professionellem Management, ein Anstieg im Projektportfolio, die Optimierung von Prozessen und Kontrollsystemen sowie eine erfreulicherweise gewachsene Spendenbereitschaft.

Ein cleveres Businessmodell

Die Brüsseler Koordinatonsstelle VSF International verfügt heute über ein Netzwerk in mehr als 40 Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Ihre nationalen Mitglieder stimmen die Aktivitäten untereinander geografisch ab und pflegen Erfahrungsaustausch. So konzentriert sich VSF Suisse momentan auf sechs Länder im Westen und am Horn von Afrika: Mali und Togo sowie Südsudan, Äthiopien, Kenia und Somalia. Indem kleinbäuerliche Familienbetriebe und Nomaden unterstützt werden, die von der Nutztierhaltung abhängig sind, wird den Ärmsten unter den Armen geholfen.
  In den afrikanischen Ländern südlich der Sahara lebt fast jeder zweite Mensch unter der Armutsgrenze, und fast jeder vierte leidet an Unterernährung. Gefragt sind deshalb, so Kihm, Hilfsaktionen mit Multiplikatoreffekt wie etwa in Kenia: «Vom Projekt, bedürftigen Familien Kamele zu verschaffen und benachteiligte Frauengruppen bei der Verarbeitung und Vermarktung der Milch zu unterstützen, profitiert jetzt das ganze Dorf; denn von der Produktion bis zum Verbrauch sind sowohl Züchter als auch Kleinbauern und Milchverkäufer involviert.»
  VSF Suisse verfolgt ein kluges Businessmodell: Basierung auf Projekten, die von Regierungen, grossen Hilfsorganisationen und privaten Geldgebern international ausgeschrieben werden und für die man sich bewerben muss. Sie beinhalten assistenztierärztliche Aus- und Weiterbildung sowie landwirtschaftliche Fortbildung. Momentan sind es 45 solche Unterfangen pro Jahr mit einem Umsatz von rund 7 Millionen Franken, wobei die Administrationskosten weniger als 10 Prozent betragen.

Kranke Nutztiere = hungernde Menschen

In Trockengebieten am Horn von Afrika, wo Ackerbau keine Option ist, stellt Tierhaltung auf grossen Naturweiden das sinnvollste Prinzip der Landnutzung dar. Doch bei Dürrekatastrophen, wenn das spärliche Gras verdorrt, die Wasserquellen versiegen, die ausgemergelten Tiere kaum mehr Milch geben,  krankheitsanfällig werden und ihr Marktwert abstürzt, während umgekehrt Nahrungs- und Futtermittelpreise explodieren, hungern bald auch die Menschen – ein Teufelskreis. Resultat: Allenthalben Kadaver verendeter Nutztiere und erschöpfte Nomaden in Auffanglagern.
  Hier braucht es vorab Nothilfe: Verteilen von Wasser an die Bevölkerung und von nährstoffreicher Nahrung an Familien mit unterernährten Kleinkindern. Doch selbst diese Soforthilfe ist nicht allein auf Lebensrettung ausgelegt, sondern auch darauf, die Lebensgrundlagen der Notleidenden langfristig zu schützen, also Verteilung von Tierfutter, um die Zuchtbestände der Rinder, Schafe, Ziegen und Kamele zu retten zwecks Wiederaufbau der Herden, was Jahre dauert. Zudem werden lokale Apotheken mit Tierarzneimitteln und Tierhalter mit Behandlungs-Gutscheinen versorgt.
  Und weil die Naturkatastrophen inskünftig noch heftiger ausfallen sollen, gilt es, die Bevölkerung darin zu unterstützen, beim Wiederaufbau ihre Lebensgrundlagen breiter abzustützen. Deshalb engagiert sich VSF Suisse bei der Reparatur von Wasserstellen und Bewässerungskanälen, der Einführung des Anbaus von Futtermitteln und Gemüse sowie der Stärkung der Märkte für tierische Produkte. Diese Erhöhung der Widerstandskraft von Mensch und Tier hilft den Nomaden und Kleinbauern, sowohl Ertrag und Einkommen als auch die eigene Gesundheit im Griff zu haben.

One-Health – Schlüssel zum Erfolg

Das Sinnvolle pflegt sich durchzusetzen: In den letzten Jahren verbreitete sich die One- Health-Strategie als Modebegriff wie ein Lauffeuer bei allen grossen Regierungsorganisationen wie WHO, FAO oder OIE, aber auch bei NGOs und institutionellen Geldgebern wie Weltbank und USAID. VSF Suisse arbeiten eigentlich, ohne darüber gross Aufhebens zu machen, seit ihrem Bestehen gemäss diesem vernetzten Prinzip an der Schnittstelle der Gesundheit von Mensch, Nutztier und Umwelt.
  Das One-Health-Prinzip ist speziell dort angezeigt, wo Interaktionen zwischen Mensch, Nutztier und Umwelt gross und öffentliche Dienstleistungen Mangelware sind. Das trifft auf die Einsatzgebiete von VSF Suisse in Afrika zu. Hier sind komplexe Situationen zu bewältigen:
  Krankheitsübertragungen über Nahrung und Wasser respektive zwischen Tier und Mensch oder in Verbindung mit Umweltproblemen. Daher ist Zusammenarbeit zwischen Humanmedizin, Veterinärmedizin und Umweltwissenschaften angesagt, wofür Tierärzte sensibilisiert sind.
  «Neben der One-Health-Strategie ist für VSF Suisse wichtig», so betont die Geschäftsleitung, «die Betroffenen als Rechtsinhaber und nicht bloss als Opfer zu behandeln und gute Kontakte auf Augenhöhe zu pflegen sowohl mit Begünstigten als auch mit Partnern und Behörden. Deshalb sind die Mitarbeitenden in allen Projekten durchwegs Einheimische und nicht Schweizer. Denn menschliche Nähe und Kommunikation in den lokalen Idiomen sind der Schlüssel zum Erfolg bei Hilfe zur Selbsthilfe.» Das bestätigen auch langjährige Mitarbeitende.

Ein berührendes Beispiel

Eingedenk dessen, dass ein Siebentel der Weltbevölkerung Hunger leidet und alle paar Sekunden ein Kind an Unterernährung stirbt, ist Hungerbekämpfung etwas, das alle angeht. Zwar steht Entwicklungszusammenarbeit immer wieder mal in der Kritik wegen umstrittenem Vorgehen oder aufgeblähten Administrationskosten. «Doch der Grundsatz», und davon ist Kihm überzeugt, «die Ärmsten der Armen – auch in kleinen Einheiten – zu unterstützen mit Hilfe zur Selbsthilfe, wie dies VSF Suisse tut, ist grossmehrheitlich unbestritten.»
  Die europäische Überflussgesellschaft, die es sich leisten kann, rund die Hälfte eines Schlachttierkörpers im Abfall zu entsorgen, Trinkwasser in Plastikflaschen zu kaufen, Lebensmittelvorräte einzufrieren, Saisonfrüchte rund ums Jahr zu geniessen und sich jederzeit in überquellenden Einkaufstempeln nach Lust und Laune zu bedienen, kann sich nur schwerlich vorstellen, wie konträr die Lebensverhältnisse in von Dürre und Kriegswirren geplagten Ländern sind. Um dies zu illustrieren, erzählt Ueli Kihm die Geschichte eines südsudanesischen Buben: Er heisst John Lomoi: «Sein Vater kam im Bandenkrieg um und der Stiefvater schlug ihn. Als er verzweifelt von zu Hause weglief, griff ihn die Armee auf und rekrutierte ihn als Kindersoldat. Er sah, wie seine Freunde litten und starben. Als er befreit wurde, schenkte ihm VSF Suisse zwei Schafe und ein Überlebens-Kit mit Angeln, Moskitonetzen, Seife, einem Kochtopf und Gemüsesamen. Heute lebt John selbständig und besucht sogar die Schule; er möchte Tierarzt werden.» Dies ist für die Helfer eines von vielen Beispielen, die zum Weitermachen anspornen.  •

Wie man helfen kann

h.h. VSF Suisse ist derzeit in 8 Ländern Afrikas tätig: Äthiopien, Dschibuti, Elfenbeinküste, Kenia, Mali, Somalia, Südsudan und Togo. In diesen Ländern werden 45 Projekte parallel durchgeführt. Das Netzwerk von VSF Suisse wächst kontinuierlich. Dasselbe erhofft man sich auch bezüglich Unterstützung. Infos über Spenden, Mitgliedschaft oder Freundevereinigung: www.vsf-suisse.org

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