Schweiz ohne verfassungsmässige Armee im nächsten Krieg?

Unverzichtbare Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg

von Gotthard Frick*, Bottmingen

In der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 30. Juli 2021 wird ausführlich über eine interessante, aber militärisch nur symbolische Widerstandsaktion gegen die deutschen Besatzer Norwegens im Zweiten Weltkrieg berichtet.1 Was heute kaum noch bekannt ist: Fast alle europäischen, sich damals neutral erklärenden Staaten wurden sofort von Nazideutschland, Italien, aber auch von den Alliierten gewaltsam ihren Kriegsinteressen unterworfen, sofern sie keine starken Armeen hatten, die das hätten verhindern können. Viele kapitulierten innert Tagen.
  Norwegen war von Topographie und Lage her noch besser für eine erfolgreiche Verteidigung geeignet als die Schweiz. Aber seine pazifistische Arbeiterpartei, die das Land regierte, wollte kein Geld für eine Armee ausgeben. Die Norweger bezahlten mit vier Jahren Krieg. (1940 umfassten die Streitkräfte Norwegens 30 000 Mann, die der Schweiz bei der Mobilmachung am 11. Mai 1940: 450 000 Mann plus 150 000 Hilfsdienstpflichtige.)
  Die zahlreichen anderen überfallenen neutralen Länder wie das von einem sozialdemokratisch-landwirtschaftlichen Bündnis regierte Finnland hatten auch keine nennenswerten Armeen. Dessen Premierminister, Aimoo Kaarlo Cajander, hatte im August 1940 noch stolz verkündet, kein Geld für Waffen «verschwendet» zu haben, worauf eine mächtige Sowjetarmee im November 1940 Finnland überfiel. Der Premier trat sofort zurück. Von den 200 000 finnischen Soldaten (bei einer Bevölkerung von damals etwa 3 Mio.) waren viele nur mit ihren privaten Schusswaffen und Kleidern ausgerüstet. Sie hatten praktisch keine Luftunterstützung und schwere Waffen, leisteten auf Skiern in weissen Tarnanzügen im eiskalten Winter und unterstützt durch viel Schnee der Sowjetarmee fast vier Monate lang erfolgreich Widerstand. Diese erlitt katastrophale Verluste und musste von Stalin – statt nach seinen vorherigen «sozialistischen» – nach allgemeingültigen militärischen Prinzipien neu aufgebaut werden, bevor sie Finnland besiegte. Jeder finnische Soldat trug ein von der Regierung abgegebenes Kennzeichen, um ihn gemäss internationalen Abkommen als Soldaten anzuerkennen, auch wenn er nur seine Privatkleider trug (wie zum Beispiel die Mitglieder der Schweizer Ortswehren aus demselben Grund eine Armbinde mit Schweizerkreuz tragen mussten). Finnland war das einzige von der Sowjetunion besiegte Land, dass nicht in den Ostblock eingegliedert wurde. Hatte der Widerstand Stalin so beeindruckt?
  Auch Griechenland hatte entschlossen gekämpft. Deshalb meinte Churchill nach dessen Kapitulation: «Von jetzt an werden wir nicht mehr sagen, dass Griechen wie Helden kämpfen, sondern Helden wie Griechen.» Warum? Am 28. Oktober 1940 morgens um 3.00 Uhr hatte der italienische Botschafter dem autoritären, politisch rechts stehenden Ministerpräsidenten Ioannis Metaxas ein Ultimatum unterbreitet, bei dessen Ablehnung Krieg sei. Metaxas lehnte ab («Ochi. Dann ist also Krieg.»). An Massendemonstrationen skandierten die Griechen noch am gleichen Tag nur «Ochi, ochi, ochi», «nein» zur Unterwerfung. Deshalb ist auch heute noch der 28. Oktober als «Ochi-Tag» ein griechischer Nationalfeiertag.
  Eine grosse italienische Armee griff aus dem schon vorher besetzten Albanien an, wurde aber von der griechischen Armee bis weit nach Albanien hinein zurückgestossen und blieb dort stecken. Mussolini übernahm persönlich den Oberbefehl und griff am 9. März 1941 mit 17 Divisionen die dort kämpfenden 13 griechischen erneut an. Er scheiterte nach wenigen Tagen und stellte den Angriff ein. Inzwischen hatte Hitler eine grosse Armee für den Angriff auf die Sowjetunion bereitgestellt. Aber er musste zuerst Italien helfen, das Problem Griechenland zu lösen. Er befahl der in Bulgarien bereitstehenden 12. Armee, am 6. April 1941 Griechenland von der anderen Seite her, über Thessaloniki, anzugreifen. Da Griechenland grosse Verbände von der Front an der albanischen Grenze abziehen musste, um die Wehrmacht zu bekämpfen, hatten auch Italiens Truppen Erfolg. Am 23. April 1941, nach insgesamt sechs Monaten erfolgreichen Widerstandes, musste Griechenland kapitulieren.
  Heute ist kaum allgemein bekannt, dass es mit seinem langen Widerstand bei der Wehrmacht die erste katastrophale Niederlage auslöste. Wegen des nicht geplanten Einsatzes der für Russland vorgesehenen deutschen 12. Armee in Griechenland verzögerte sich der deutsche Angriff auf Russland um sechs Wochen. So stiess die Wehrmacht vor Moskau nicht nur auf zusätzliche, starke, gut ausgebildete, rasch aus Sibirien herangebrachte Truppen (700 000 Mann), sondern geriet voll in den russischen Winter (bei -35° Celsius), für den die Wehrmacht nicht vorbereitet war. Sie verlor wegen Kälte und Feindeinwirkungen 1 Mio. Mann und praktisch ihre ganze Ausrüstung (z. B. 2800 von insgesamt 3400 Panzern, 35 000 schwere Lastwagen usw. Allein in den Stellungen der Geschütze erfroren 100 000 Mann). Nur mit einer extremen Anstrengung konnte Hitler die Lage noch einigermassen unter Kontrolle bringen.

Nochmals zur Schweiz

Alle grösseren, in Europa eingesetzten Streitkräfte prüften damals einen Angriff auf unser Land, nicht nur Deutschland. Wie alle anderen kam auch das Oberkommando der so mächtigen, kriegserfahrenen US-Streitkräfte 1944 bei der Prüfung des von Stalin geforderten Angriffs aus Frankreich durch die Schweiz auf Deutschland zu einem negativen Schluss, den es mit folgenden Worten dem Oberbefehlshaber in Europa mitteilte: «Die Schwierigkeiten des Geländes und die anerkannten Fähigkeiten der kleinen, aber effizienten Schweizer Streitkräfte im Kampf auf ihrem eigenen Boden würden ein solches Projekt zweifelhaft (‹doubtful›) machen.» (Telegramm vom 29. Dezember 1944 des US-Oberkommandos (Combined Chiefs of Staff, Washington) an General Eisenhower in Versailles)
  Trotz des in der Bundesverfassung Art. 58 eindeutig definierten Zwecks der Schweizer Armee, d. h die «Kriegsverhinderung», haben wir sie weitgehend zerschlagen. Im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg wird heute kein Generalstab bei der Prüfung eines Angriffs auf unser Land zum Schluss kommen, ein Erfolg sei «zweifelhaft», und so würden wir gleich zu Beginn eines durchaus möglichen grossen Krieges in Europa – mitten in der Nato liegend – sofort einbezogen. Vor einiger Zeit, bei einem freundschaftlichen Nachtessen in Beijing mit einem Kadermitarbeiter eines der grössten chinesischen Konzerne, fragte dieser den Verfasser ganz unvermittelt: «Warum hat das reichste Land der Welt seine Armee abgeschafft?»  •



1  Nuspliger, Niklaus. «Geheimoperation ‹Shetland-Bus›». In: Neue Zürcher Zeitung vom 30.7.2021, S. 6

*  Economist & business administrator; dipl. Sciences Po & Sorbonne, Paris

Bundesverfassung Art. 58 Armee

  1. Die Schweiz hat eine Armee. Diese ist grundsätzlich nach dem Milizprinzip organisiert.
  2. Die Armee dient der Kriegsverhinderung und trägt bei zur Erhaltung des Friedens; sie verteidigt das Land und seine Bevölkerung. Sie unterstützt die zivilen Behörden bei der Abwehr schwerwiegender Bedrohungen der inneren Sicherheit und bei der Bewältigung anderer ausserordentlicher Lagen. Das Gesetz kann weitere Aufgaben vorsehen.
  3. Der Einsatz der Armee ist Sache des Bundes.

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