Wie eine Grossmutter ihren Enkel fördert

von Brigitte von Bergen

Kürzlich habe ich meine Nachbarin getroffen, und wir haben uns unterhalten. Sie hatte eine grosse Korbtasche in der Hand mit vielen Schachteln und Schächtelchen von verschiedenen Produkten. Auf meine Frage, ob sie gerade zur Entsorgung gehen wolle, antwortete sie: «Nein, ich gehe zu meinem Enkel Jens, er wartet auf mich, wir spielen jeweils mit kleinen Gegenständen aus dem Alltag, die ich mitbringe; dieses Mal bringe ich ihm diese Schächtelchen mit.» Jeden Samstagnachmittag besucht sie ihren Enkel, er ist knapp zwei Jahre alt. Sie hütet ihn, damit ihre Tochter mit ihrem Mann gemeinsam die grösseren Einkäufe machen kann. Ihre unerwartete Antwort weckte mein Interesse. Auch war mir die Frau durch ihre Natürlichkeit und ihre Zugewandtheit schon früher aufgefallen. Bei weiteren Begegnungen erfuhr ich mehr. Sie erzählte so lebhaft, dass ich es wiedergeben möchte.
  Diese Grossmutter ist eine sehr feinfühlige, in sich ruhende Persönlichkeit und freut sich, mit ihrem Enkel Zeit zu verbringen. Sie überlegt sich, was sie mit ihm spielen kann. Er freut sich: Die Oma kommt mit einer grossen Tasche; er ist neugierig, was wohl dieses Mal in der Tasche steckt. Er darf hineinschauen und sieht viele Schächtelchen. Sie schauen miteinander die verschiedenen leeren Schächtelchen an: die bunt gemusterten, die langen, schmalen und rechteckigen, z. B. von einer Gesichtscreme. Sie nehmen jedes Schächtelchen in die Hand, schauen es an, sie tasten die Kanten ab, berühren die Ecken und öffnen sie. So lernt er die unterschiedlichen Formen kennen. Da kann man ja etwas hineintun! Jens sucht in der Spielzeugkiste und findet verschiedene Dinge, Klötzchen, Kugeln und vieles mehr. Sie probieren miteinander aus, was in ein Schächtelchen passt. In eines passen Kugeln, in ein grösseres passen besser die Klötzchen usw. Jedes gefüllte Schächtelchen wird mit dem Deckel geschlossen.
  Beim Füllen der Schächtelchen unterstützt ihn die Oma nur dann, wenn es nötig ist. Die Grossmutter sagt immer, was sie machen, er hört so die Worte zum Tun. So fängt Jens an, Begriffe zu hören und langsam zu verstehen. In diesem spielerischen Ablauf übt der zweijährige Jens viele feinmotorische Fertigkeiten mit seinen kleinen Händen. Er entwickelt auch ein Gefühl dafür, wie unterschiedlich sich die verschiedenen Sachen anfühlen und dass die einen Schächtelchen leichter und andere schwerer sind. Dieses gemeinsame Erleben gibt dem Kind Sicherheit, und beide, die Oma und Jens, freuen sich daran.
  Nach einiger Zeit wird das Spiel beendet, und die Schächtelchen werden ausgeleert, und alles wird wieder an seinem Platz versorgt. Nun haben sie noch Zeit, etwas anderes zu tun, mit dem Ball zu spielen oder einen Spaziergang zu machen, einen Zvieri zu essen, bis die Eltern wiederkommen.
  Bei einem nächsten Besuch bringt sie andere Schächtelchen, dann werden die Farben angeschaut. Jens zeigt auf eine Farbe und hört den Namen, er zeigt auf die rote Farbe, und die Oma sagt «Rot»; das Spiel geht weiter, sie suchen nach weiteren Farben, die auf den Schächtelchen zu sehen sind. In diesem Hin und Her mit der Oma schult der kleine Bub alle seine Sinne.
  Jens lernt Ideen kennen, wie er mit Gegenständen aus dem Alltag spielen kann, anstelle von Plastikspielzeug oder elektronischen Geräten.
  Ein anderes Mal bei heissem Wetter spielen sie mit einem Becken voll Wasser. Sie suchen einen Becher und schöpfen vom grossen Becken in eine kleine Spritzkanne. Das ist lustig und spritzt auch, was bei der warmen Sonne herrlich ist. Dabei zählen sie, wie viele Male sie schöpfen, bis die kleine Spritzkanne voll ist. Er lernt und übt in der ruhigen kontinuierlichen Beziehung zu seiner Grossmutter feinmotorische Fähigkeiten wie beispielsweise greifen, Abläufe erfassen, logisches Denken, schult seine Sinne, wie das Beobachten und vieles mehr. Seine Fähigkeiten werden dabei seinem Alter entsprechend gefördert.
  Jens erlebt schon früh, dass seine Grossmutter jede Woche zuverlässig kommt und mit ihm etwas macht. Seine Eltern wie auch seine Grossmutter geben Jens diese Sicherheit und Verbindlichkeit, dass sie sich gerne mit ihm beschäftigen und dass sie ihm helfen, wenn er es braucht; dabei entsteht eine vertrauensvolle Beziehung.
  Kinder, die in ihrer frühen Kindheit eine sichere stabile, verbindliche Beziehung erleben, werden so fähig, widerstandsfähig ins Leben hineinzuwachsen und menschliche Kontakte zu finden. Wenn der Mensch in seinem erwachsenen Leben auf Probleme stösst, kann er sich auch helfen lassen und Hilfe holen, er kann gut lernen und hilft auch gerne anderen.  •

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