Afghanistan eine Chance geben

Den Afghanen ist nach mehr als 40 Jahren Krieg endlich Frieden zu wünschen

von Karl-Jürgen Müller

Am 14. und 15. August 2021 sind bewaffnete Gruppen, die gemeinhin als Taliban bezeichnet werden, in die afghanische Hauptstadt Kabul einmarschiert und haben dort die Kontrolle übernommen. Der bis dahin amtierende afghanische Präsident Aschraf Ghani hatte Stunden zuvor das Land verlassen. Die Übernahme der Kontrolle in Kabul erfolgte weitgehend kampflos. Ob damit der nun schon mehr als 40 Jahre dauernde Krieg in und gegen Afghanistan beendet wurde, ist derzeit noch offen. Die weitere Entwicklung wird auch davon abhängen, wie die Staatenwelt auf die neuen Verhältnisse in Afghanistan reagiert.

Auch die bisherige Bilanz des Nato-Krieges der vergangenen 20 Jahre ist verheerend. Gesicherte Zahlen gibt es nicht. Sicher ist aber, dass nicht nur mehr als 3500 Nato-Soldaten und mehr als 70 000 afghanische Sicherheitskräfte ums Leben gekommen sind, sondern auch mehr als 100 000 Zivilisten getötet oder verletzt wurden. Allein der US-Drohnenkrieg der letzten Jahre hat Tausende afghanische Zivilisten das Leben gekostet, darunter mehr als 2000 Kinder.
  Das US-amerikanische Watson Institute hat im April 2021 für die USA Kriegskosten in Höhe von 2,26 Billionen US-Dollar berechnet1, und das sind nur die Kosten für ein Land. Kaum einer spricht davon, wie hoch die Kosten für die Menschen in Afghanistan waren. Erneut hat sich bestätigt, dass ein Krieg, jeder Krieg, unermessliches Leid über die betroffenen Menschen bringt.

Übereilt Afghanistan verlassen?

Aber diese Ansicht teilen nicht alle. Am 15. August meldete sich der Vorsitzende des aussenpolitischen Ausschusses im Deutschen Bundestag, Norbert Röttgen von der CDU, via Twitter gleich mehrfach zu Wort. Da hiess es zum Bespiel: «Der heutige Tag ist eine unermessliche Katastrophe. Er ist die Folge der fatalen Fehlentscheidung der USA, übereilt Afghanistan zu verlassen, und unserer Inaktivität im Anschluss an diese Entscheidung. Ein Versagen des Westens mit dramatischen Folgen für Afghanistan und unsere Glaubwürdigkeit.» Röttgen steht damit für eine Lesart, die nicht den Krieg in Afghanistan hinterfragt, sondern dessen Ende. Ihn sorgt der Ruf und der mögliche Verlust der bisherigen Machtstellung der Nato-Staaten und nicht die Tatsache, dass der Ruf der Nato schon lange zerstört ist – seitdem das Militärbündnis weltweit völkerrechtswidrige Kriege führt. Zu dieser Lesart gehören die Bilder von Afghanen, die den Flugplatz in Kabul stürmen, sich an Flugzeuge klammern und das Land unbedingt verlassen wollen; gehört die Konzentration unserer Politik und Medien auf die Frage, wie es gelingen könnte, dass möglichst viele Menschen Afghanistan verlassen können; gehören die Schreckensgeschichten über die neue Herrschaft der Taliban.

Oder Chance für das Land?

Eine andere Lesart sieht in der Übernahme der staatlichen Macht durch die Taliban eine Chance für das Land. Das Hauptargument für diese Sichtweise: Nun endlich besteht vielleicht eine Chance, dass die nun schon mehr als 40 Jahre währenden kriegerischen Auseinandersetzungen im und gegen das Land ein Ende finden und das Land einen selbstbestimmten Weg gehen kann.
  Der Sprecher der Taliban, Sabiullah Mudschadid, erklärte auf der ersten internationalen Pressekonferenz der Taliban in Kabul am 17. August2, die Taliban strebten die Bildung einer starken, islamischen Regierung an, an der alle Parteien und gesellschaftlichen Gruppen beteiligt würden, einschliesslich der ehemaligen Feinde der Taliban. Alle Mitarbeiter der vorherigen Regierung und der westlichen Staaten seien begnadigt, egal, welche Rolle sie hatten. Wörtlich sagte Sabiullah: «Wir möchten in Frieden leben. Wir möchten weder interne noch externe Feinde haben.» Man wolle keine Probleme mit der internationalen Gemeinschaft. Man benötige deren Hilfe beim Wiederaufbau des Landes. Man erwarte von der internationalen Gemeinschaft aber auch, das Recht der Afghanen zu respektieren, ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln. Die Afghanen hätten das Recht, ihre eigene Politik in Übereinstimmung mit ihren eigenen Werten zu gestalten.
  Sabiullah rief seine Landsleute auf, das Land nicht zu verlassen, man benötige ihre Fähigkeiten. Mit Blick auf die Frauen im Land erklärte der Sprecher der Taliban, sie seien den Frauenrechten innerhalb der Vorschriften der Scharia verpflichtet. Frauen erhielten auch künftig Zugang zu Bildung, Gesundheitswesen und anderen Bereichen. Es werde keine Diskriminierung von Frauen geben. Mit Blick auf die Medien forderte Sabiullah von diesen Objektivität. Sie dürften die Arbeit der Taliban auch kritisieren, um diese Arbeit zu verbessern. Schliesslich: Bezüglich der Reife und des Weitblicks gebe es einen grossen Unterschied zwischen den Taliban heute und denen vor 20 Jahren.

Erklärungen der Taliban nicht als Propaganda abtun

Man sollte diese Äusserungen nicht gleich als Propaganda abtun.
  Conrad Schetter, Professor für Friedens- und Konfliktforschung am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie am International Center for Conversion in Bonn, sagte in einem Interview mit dem Schweizer Sender SRF («Echo der Zeit») vom 16. August, die Taliban bemühten sich «schon seit ein, zwei Jahren darum, Vertrauen aufzubauen. Schon während der Verhandlungen mit den Amerikanern zeigten die Taliban stark, dass sie zu ihren Punkten stehen. […] Immer wieder bestätigen die Taliban, dass sie bereit sind, ihre Verpflichtungen einzuhalten. Sie wollen das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft gewinnen. Man will zum Ausdruck bringen, dass man regierungsfähig ist.»

«Die Taliban wollen langfristig in diesem Land regieren»

Der Politikwissenschaftler Matin Baraki, vor seiner Pensionierung Lehrbeauftragter an der Universität Marburg und seit vielen Jahren in Deutschland lebender Afghane mit guten Kontakten ins Land (siehe auch den Artikel «Nach 20 Jahren Bürgerkrieg und 20 Jahren Nato-Krieg
sehnen sich die afghanischen Völker nur noch nach Frieden!»), wurde von der Internetseite www.hessenschau.de am 16. August gefragt, ob denn nicht mit der Rache der Taliban an den Ortskräften, den einheimischen Hilfskräften der Besatzungsmächte, zu rechnen sei. Seine Antwort: «Das wird in den Medien so verbreitet. Aber es gibt inzwischen zwei Erklärungen der Taliban, in denen Menschen, die für die Bundeswehr oder andere ausländische Organisationen gearbeitet haben, aufgerufen werden zu bleiben. Es handelt sich schliess-lich um Fachkräfte, die gebraucht werden. Deshalb sagen die Taliban: Wir tun ihnen nichts – wenn sie die Zusammenarbeit bereuen. […] Ob die Taliban ihre Versprechen halten, wissen wir nicht. Wir sind ja keine Hellseher. Aber die Taliban wollen langfristig in diesem Land regieren. Wenn sie das wollen, müssen sie mit den Menschen, die dort leben, zurechtkommen.»

«Die Taliban wollen ihr trauriges Schicksal nicht ein zweites Mal wiederholen»

Interessant ist auch, Medien ausserhalb der Nato-Herrschaft zu studieren. So war bei RT Deutsch am 16. August zu lesen: «Russland glaubt nicht, dass sich Afghanistan unter den Taliban in eine Version des Islamischen Staates (IS) verwandeln wird, sagte der russische Gesandte des [russischen] Präsidenten für Afghanistan, Samir Kabulow, am Montag gegenüber der Nachrichtenagentur Tass. ‹Nein, diese Sorge habe ich nicht›, sagte er auf eine diesbezügliche Frage. ‹Ich habe in der Realität gesehen, wie die Taliban den IS bekämpft haben, und zwar mit aller Härte, im Gegensatz zu den Amerikanern und der gesamten Nato, einschliesslich der afghanischen Führung, die geflohen ist und die dem IS nicht entgegengetreten ist, sondern sich ihm nur gebeugt hat.› […] Der Gesandte des Präsidenten rief auch dazu auf, die Entwicklungen in Afghanistan Schritt für Schritt zu beobachten, da es leicht sei, sich ‹mit einer reichen Phantasie von der Realität zu entfernen. […] Die Taliban, wie sie gesagt haben, und ich spüre auch, dass es hier sehr aufrichtig zugeht, wollen ihr trauriges Schicksal nicht ein zweites Mal wiederholen.›»

Aschraf Ghani wollte mit vier Autos voller Geld fliehen

Dieselbe Internetseite zitiert am selben Tag auch den Sprecher der russischen Botschaft in Kabul, Nikitas Ischenko: «Was den Zusammenbruch des Regimes [von Aschraf Ghani] betrifft, so wird er am besten durch die Art und Weise charakterisiert, wie Ghani aus Afghanistan geflohen ist: Vier Autos waren voll mit Geld, sie versuchten, einen Teil des Geldes in einen Hubschrauber zu packen, aber alles passte nicht hinein. Und ein Teil des Geldes wurde auf der Landebahn zurückgelassen.»
  Und nochmals dieselbe Internetseite vom selben Tag: «China hat die […] Taliban zu einer friedlichen und reibungslosen Machtübernahme in Afghanistan aufgefordert. ‹Die Lage in Afghanistan hat sich wesentlich verändert, und wir respektieren den Willen und die Entscheidung des afghanischen Volkes›, sagte die Sprecherin des Aussenministeriums, Hua Chunaying, am Montag vor der Presse in Peking. Ein Ende des Krieges und die Schaffung von Frieden seien sowohl der einhellige Wunsch der mehr als 30 Millionen Afghanen als auch die gemeinsame Erwartung der internationalen Gemeinschaft und der Länder in der Region.»

Wie reagieren die Nato-Staaten? Bislang keinerlei Lehren aus dem Schlamassel!

Wie reagieren bislang die Verantwortlichen im Herrschaftsbereich der Nato? Dazu noch einmal Matin Baraki: «Man kann nicht, wie es der aussenpolitische Sprecher der CDU gesagt hat, nochmal die Bundeswehr nach Afghanistan schicken. Da war ich wirklich sprachlos. Wo haben diese Leute die letzten 20 Jahre gelebt? Die haben keinerlei Lehren gezogen aus dem Schlamassel, der da angerichtet worden ist. 40 Jahre Krieg, davon 20 Jahre Nato- und Bundeswehreinsatz, haben den Konflikt nicht gelöst. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat schon gesagt: Wir sollten endlich damit aufhören, den Weltpolizisten zu spielen. Ich denke, wir sollten es den Afghanen überlassen, ihre Probleme zu lösen. Die werden das besser machen als die Nato oder die Bundeswehr.»

Noch immer tut man so, als habe man nur das Beste gewollt

In der Tat muss man den Eindruck gewinnen, dass kaum einer der Verantwortlichen im Herrschaftsgebiet der Nato deren Krieg gegen Afghanistan grundsätzlich in Frage stellt – selbst wenn vom «grössten Debakel» in der Geschichte der Nato die Rede ist (so der Kanzlerkandidat der CDU, Armin Laschet, zitiert nach www.zeit.de vom 16. August 2021). Laschet möchte mit einem erneuten «robusten» Bundeswehreinsatz nicht nur die «Ortskräfte» der Deutschen in Afghanistan nach Deutschland holen, sondern auch die Frauenrechtlerinnen des Landes. Annalena Baerbock, die Kanzlerkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen, fordert, mindestens 10 000 Ortskräfte, die in den vergangenen Jahren für die deutsche Bundeswehr und die «Nato-Partner» in Afghanistan tätig waren, nach Deutschland zu holen. Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt noch immer vor, für das «Gute» gehandelt zu haben, wenn sie die Ereignisse in Afghanistan wie folgt charakterisiert: «Für die vielen, die an Fortschritt und Freiheit gebaut haben, vor allem die Frauen, sind das bittere Ereignisse.» (zitiert nach www.spiegel.de vom 16. August 2021) Der neokonservative US-Politiker John Bolton ist sogar der Meinung, nun werde Afghanistan «zurück ins 15. Jahrhundert» fallen; denn die Taliban seien eine Gruppe des «mittelalterlichen religiösen Fanatismus» (zitiert nach www.tagesspiegel.de vom 16. August 2021). Und die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» kommentierte am 16. August: «Das Projekt ‹Aufbau Afghanistan› stand auch 20 Jahre nach 9/11 erst am Anfang. Es war noch nicht aus eigener Kraft lebensfähig.»
  Zugleich wird der geopolitische Kalte Krieg fortgesetzt. «Afghanistan: Putins gefährlicher Flirt mit den Taliban» titelte die «Luzerner Zeitung» am 16. August, und bei Spiegel online war am selben Tag zu lesen: «Afghanistan. China will ‹freundliche Beziehungen› zu den Taliban.»

Man könnte es besser wissen

So wird abgelenkt, werden die Tatsachen verdrängt, verleugnet und/oder ignoriert. Dabei könnte man es besser wissen, schon seit Jahren. Eine sonst durchaus der Nato gewogene Zeitung wie die «Neue Zürcher Zeitung» ging am 17. August der Frage nach, warum der afghanische Staat innerhalb weniger Tage kollabieren konnte. Die Antworten sind schon lange bekannt. So ist in der Zeitung zu lesen: «Will man verstehen, weshalb Afghanistan innert zwei Wochen zerbröselt ist, muss man 20 Jahre zurückschauen, sich den Zeitgeist vergegenwärtigen. Und das, was er mit dem Westen gemacht hatte. […] Was in den vergangenen Jahren alles schiefgelaufen sei, werde Historiker noch jahrelang beschäftigen.»

Der Westen und die Korruption in Afghanistan

Die Zeitung nennt das Problem krasser Korruption und die Verantwortung des Westens dafür. Das Problem waren Milliarden sogenannter Hilfsgelder, die unter den Augen der Geldgeber in die falschen Taschen gerieten. Die USA selbst untersuchen schon seit Jahren das Problem – aber ohne Konsequenzen. Im März 2021 hiess es zu einem Bericht der zuständigen Untersuchungsstelle Sigar (Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction): «Wie schon lange berichtet, hat die ausländische Hilfe die afghanische Wirtschaft entstellt und das Korruptionsproblem verschlimmert.» Die Zeitung schreibt: «Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe sind nach Afghanistan geflossen.» Aber auch: «Derzeit haben 14 Millionen Menschen in Afghanistan nicht genug zu essen.» Sie schreibt: «Der Westen unterstützte jahrelang eine Regierung von Kleptokraten.» Und: «Die Korruption in Afghanistan war am Ende so durchdringend, dass die Menschen keine Urkunde beglaubigen lassen, keine Identitätskarte erstellen lassen konnten, ohne Bestechungsgeld zu zahlen.» So hätten die Afghanen «genug von dem Staat» gehabt, «der mehr Fassade denn Institution war».

«Wir haben eine unglaubliche Anzahl Menschen erschossen, aber soviel ich weiss, stellte sich keiner von ihnen als Bedrohung heraus»

«Wir haben eine unglaubliche Anzahl Menschen erschossen, aber soviel ich weiss, stellte sich keiner von ihnen als Bedrohung heraus.» So zitiert die Zeitung den US-General Stanley McChrystal über die US-amerikanische Kriegsführung. Das Zitat stammt aus dem Jahr 2009. Besser geworden war es seitdem nicht. Im Gegenteil: «Zivilisten wurden bei nächtlichen Hausdurchsuchungen getötet, später bei Drohnenangriffen.» Die Folge war eine «Entfremdung der afghanischen Bevölkerung von den ausländischen Truppen». Die Zeitung erwähnt auch die 2019 veröffentlichten Afghanistan Papers (siehe Kasten): «In den Dokumenten erzählen ehemalige Soldaten, dass schlechte Nachrichten und Kritik nicht erwünscht waren im Hauptquartier in Kabul.» Noch nach dem Einmarsch der Taliban in Kabul sprach US-Aussenminister Antony Blinken von einer «erfolgreichen» US-Mission in Afghanistan. Was dem ganzen die Krone aufsetzt: Fast zeitgleich mit dem Nato-Desaster in Afghanistan wurde der US-Bürger Daniel Hale, der als Whistleblower schon 2015 auf die verheerenden Folgen des US-Drohnenkrieges aufmerksam gemacht hat, deshalb in den USA zu 45 Monaten Haft verurteilt. Von Daniel Hale weiss die Öffentlichkeit, dass 90 Prozent der Drohnenopfer Zivilisten sind – viele tausend Menschen.

«Nicht Krieg also kann den Frieden bringen, sondern allein Gerechtigkeit»

Jürgen Rose, damals noch aktiver Offizier der deutschen Bundeswehr, hielt im Oktober 2001, kurz nach Beginn des Nato-Krieges gegen Afghanistan, eine Rede auf einer Friedensdemonstration in Stuttgart. «Kreuzzug gegen den Terrorismus?» hatte er sie betitelt. Was er damals sagte, ist bis heute aktuell. Ein Zitat aus dieser Rede soll deshalb diesen Artikel abschliessen: «Nicht Krieg also kann den Frieden bringen, sondern allein Gerechtigkeit. In Abwandlung des altbekannten römischen Wahlspruchs muss die Devise demnach lauten: Wenn du den Frieden willst, so diene dem Frieden! Dieser Kampf für den Frieden muss um die Seelen und Herzen der Menschen in den islamischen Ländern geführt werden – doch ist unvorstellbar, dass hierbei Bomben und Raketen zum Erfolg führen könnten. Jede Bombe auf Afghanistan steigert den Hass und die Ressentiments gegen die USA in der muslimischen Welt ins Unermessliche. […] Die sich zivilisiert nennenden Nationen dieser Welt sollten nicht dem Jargon von Terror und Gegenterror verfallen. Angesichts der entsetzlichen Katastrophe von New York und Washington und der sich nun abzeichnenden, mindestens so grauenvollen Hunger- und Flüchtlingskatastrophe in Afghanistan sollten sie sich statt dessen mit aller Kraft der Verbesserung der unerträglichen politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse in jener Region der Welt widmen.» •



1 https://watson.brown.edu/costsofwar/figures/2021/BudgetaryCosts
2 Transkript der Pressekonferenz in englischer Sprache: https://www.veteranstoday.com/2021/08/17/transcript-of-the-talibans-first-news-conference-in-kabul/

Die Afghanistan Papers – niemals vergessen!

mw. Die Afghanistan Papers wurden am 9. Dezember 2019 in der «Washington Post» veröffentlicht1 und schlugen in der ganzen Welt wie eine Bombe ein. Sie enthielten Hunderte von Interviews mit hochrangigen militärischen und zivilen Verantwortlichen des Afghanistan-Kriegs, auf deren Grundlage John Sopko, US-Sonder-Generalinspekteur für den Wiederaufbau Afghanistans (SIGAR), im Auftrag des US-Kongresses einen Bericht verfasst hatte. Die Ergebnisse der Befragungen waren so katastrophal, dass die US-Regierung den Bericht geheimhalten wollte. Der Journalist Craig Whitlock kämpfte jedoch jahrelang für die Veröffentlichung der Dokumente und hatte schliesslich Erfolg.
  Die Empörung in den Medien weltweit nach dem Bericht in der «Washington Post» war gross. So schrieb beispielsweise der Spiegel: «Ein 2000-Seiten-Bericht entlarvt, wie US-Regierung und Militär den Konflikt systematisch schönredeten. Nun ist das Dossier veröffentlicht worden – dank einer Klage.» Die Erkenntnis aus den Interviews: «Kein einziger der Generäle oder hohen Beamten glaubte demnach während seines Einsatzes tatsächlich an einen positiven Verlauf der Operation oder gar einen Sieg. Trotzdem behaupteten sie alle öffentlich das Gegenteil.»2 Weil die Befragten davon ausgingen, dass ihre Aussagen nicht an die Öffentlichkeit gelangen, sprachen sie offen.
  Der Spiegel zitiert einige Aussagen von Entscheidungsträgern:

  • General Douglas Lute, Chefberater der Präsidenten George W. Bush und Barack Obama für Afghanistan: «Uns fehlte ein grundlegendes Verständnis von Afghanistan – wir wussten nicht, was wir taten. Wir hatten nicht den blassesten Schimmer.»
  • Dan McNeill, Kommandant der US-Truppen in Afghanistan (2003/2004 und 2007/2008): «Es wurde viel geredet, aber es gab keinen Plan. Ich versuchte zu definieren, was ‹gewinnen› heisst, aber das konnte mir niemand sagen.»
  • Michael Flynn, Generalleutnant in Afghanistan und später Nationaler Sicherheitsberater von Präsident Donald Trump: «Wir hatten keine Ahnung, was unsere Aufgabe war.»

Seit der Publikation der Afghanistan Papers sind erst eineinhalb Jahre vergangen. So viel Leid und Zerstörung, so viele Tote und Verletzte, die Vernichtung des Landes Afghanistan und seiner Bevölkerung – schon vergessen?



1 «U.S. officials misled the public about the war in Afghanistan», in: «Washington Post» vom 9.12.2019
2 Koelbl, Susanne. «Geheimbericht zum US-Einsatz in Afghanistan. Der Krieg und die Lügen», in: Spiegel vom 11.12.2019

Unsere Website verwendet Cookies, damit wir die Page fortlaufend verbessern und Ihnen ein optimiertes Besucher-Erlebnis ermöglichen können. Wenn Sie auf dieser Webseite weiterlesen, erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
 

Wenn Sie das Setzen von Cookies z.B. durch Google Analytics unterbinden möchten, können Sie dies mithilfe dieses Browser Add-Ons einrichten.