Die «kleine Welt» im Klassenzimmer

Was die Verheerungen des Krieges und wirtschaftliche Not mit sich bringen

von Dr. Eliane Perret, Psychologin und Heilpädagogin

In vielen Schulklassen sind heute Kinder aus der ganzen Welt versammelt. Einige Familien sind schon seit Generationen hier ansässig, andere erst seit kurzem hier. Für die Lehrer ergibt sich die anspruchsvolle Aufgabe, ihre Schüler und Schülerinnen zusammenzuführen und sie darin zu unterstützen, sich in ihrer jetzigen Heimat zu verwurzeln, ohne dabei den gefühlsmässigen Bezug zu ihrem Ursprungsland zu verlieren.

Aus Griechenland, Spanien, dem Kosovo, Irak oder Peru

Die Sommerferien sind vorbei. Die Schülerinnen und Schüler sitzen wieder in ihren Schulzimmern. Erwartungsvoll und mit vielen guten Vorsätzen, was sie im neuen Schuljahr gut oder noch besser machen wollen. Wenige Tage zuvor waren viele von ihnen noch weit weg gewesen: in Griechenland, Spanien, im Kosovo, im Irak oder auch in Peru, bei ihren Grosseltern, Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen, sofern es die augenblickliche Situation zuliess. Eine «kleine Welt» in unserem Klassenzimmer! Die meisten dieser Kinder und Jugendlichen sind hier geboren. Unter ihnen sind Muslime, Juden oder auch Hindus, andere sind Christen oder gehören keiner Religionsgemeinschaft an. Das ist schon seit langem so. Daraus ergeben sich bewegende Einblicke in Lebenswege von Familien.

Was sollen wir tun?

Ich denke zum Beispiel an Lorenzo und frage mich, was aus ihm geworden ist. Er hatte grosse Schwierigkeiten beim Lernen und kam mit den Kindern nicht zurecht. Sein Beispiel zeigt viele Probleme auf, mit denen Eltern konfrontiert sein können, die aus einem anderen Kulturkreis zu uns kommen. Lorenzo hätte gerne immer alles schon gewusst und gekonnt. Sich hinzusetzen und mühsam die Schreibweise von Wörtern zu lernen, fiel ihm schwer. Er verlegte seine Aktivität vielmehr auf Störaktionen im Unterricht, mit welchen er die fleissigeren und erfolgreicheren Mitschülerinnen beim Lernen störte. Oft schlug er uns Erwachsenen gegenüber einen respektlosen Ton an und hörte nicht auf unsere Überlegungen. Auch die Eltern waren darüber unglücklich und auch ratlos. Auch mit seiner Freizeit wusste er nicht viel anzufangen. Er bewunderte Kollegen, die in ihrer Freizeit herumhingen, und orientierte sich immer mehr an ihnen. Wir fragten uns immer wieder, wie er einen besseren Weg einschlagen könnte, und konnten dabei auf die Unterstützung seiner Eltern bauen.

Redliche, tüchtige Menschen, die ihr Leben meistern

Lorenzos Mutter war Kroatin, jedoch in Bosnien aufgewachsen, der Vater kam aus Italien. Schon als Sechzehnjähriger war er aus Kalabrien in die Schweiz gekommen, um hier Arbeit zu suchen. Seither arbeitet er im Baugewerbe. In den kurzen Ferien versucht er, sich von seiner anspruchsvollen, strengen Tätigkeit zu erholen. Jedes Jahr besucht die Familie abwechselnd eines ihrer Heimatländer. Lorenzos Mutter hatte eine Anstellung im Gastgewerbe, auch das eine strenge Arbeit, die ihr aber gut gefiel. Beides redliche, tüchtige Menschen, die ihr Leben meisterten. Der Vater konnte nur selten an den Elterngesprächen teilnehmen, aber die Mutter bezog ihn in alle anstehenden Fragen ein.

Sie hatte keine andere Wahl

Ich kam mit ihr schnell in einen guten Kontakt, und so erzählte sie mir bei einer Gelegenheit den komplizierten Weg, der sie in die Schweiz geführt hatte:
  «Meine Mutter hatte vor meiner Geburt in der Schweiz gearbeitet. Als sie mit mir schwanger war, kehrte die Familie nach Bosnien zurück. Dort kam ich zur Welt. Mein Vater ging bald wieder in die Schweiz, und auch die Mutter folgte ihm ein Jahr später. Mein älterer Bruder und ich lebten fortan bei unserer Grossmutter. Sie war eine strenge Frau. Aber sie hat uns viel Liebe gegeben und war wie eine zweite Mutter für uns. Ich denke gerne an sie. Nach neun Monaten kam unsere Mutter jeweils für drei Monate zurück nach Bosnien. Wir freuten uns immer. Die Situation mit uns Kindern bedrückte sie sehr, sie vermisste uns. Heute kann ich das gut verstehen, wie schlimm es für sie gewesen sein muss. Aber die wirtschaftliche Situation in unserem Land liess ihr keine andere Wahl.

Wir waren stolz, Jugoslawen zu sein

Eine befreundete Schweizer Familie war ihr dann behilflich, eine Bewilligung zu erhalten, so dass wir zu ihr in die Schweiz ziehen konnten. Darum verlebte ich dort meine ersten Schuljahre. Als 1983 meine jüngere Schwester zur Welt kam, kehrten wir Kinder mit der Mutter nach Bosnien zurück. Sie hatte mittlerweile etwas Geld gespart, damit eröffnete sie in unserer Heimat ein kleines Restaurant. Wir waren froh, wieder zu Hause zu sein, vermissten aber unseren Vater sehr. Trotz allem habe ich diese Zeit in Bosnien in guter Erinnerung. Wir waren katholisch, aber hatten viele muslimische Freunde. Das war damals kein Problem, man war einfach miteinander befreundet, egal, welcher Religion man angehörte. Wir waren stolz, Jugoslawen zu sein. Als 1980 Josip Tito starb, war das ein grosser Verlust für unser Land. Ich besuchte in Bosnien die Schule bis 1989.

Hätte ich auf meine Mutter gehört …

Eigentlich hätte meine Mutter gerne gehabt, wenn ich nun bei ihr im Restaurant mitgearbeitet hätte. Aber das passte mir nicht. Aus Trotz und jugendlicher Unbedachtheit entschloss ich mich, in die Schweiz zu gehen. So kam ich als 17jährige in das Land zurück, wo ich meine ersten Lebensjahre verbracht hatte. Ich arbeitete in verschiedenen Restaurant- und Hotelbetrieben. Es war eine harte Zeit für mich. Oft wünschte ich mir, ich hätte auf meine Mutter gehört. Ich arbeitete jeweils neun Monate, dann kehrte ich nach Hause zurück. Nach drei Monaten ging ich für eine weitere Saison in die Schweiz. Meine Mutter hatte mittlerweile in Sarajewo eine Existenz für uns alle aufgebaut. Zusammen mit dem, was uns der Vater aus der Schweiz schickte, hatten wir genügend Geld und konnten uns einiges leisten. Das war eine schöne Zeit.

Innerhalb weniger Stunden verloren wir alles

Dann brach 1991 der erste Bosnien-Krieg aus. Wir versuchten, nach Kroatien zu fliehen, wo wir ursprünglich herkamen. Wir waren zwar Kroaten und katholisch, aber mit unserem serbischen Familiennamen wurden wir schnell als unerwünschte Serben eingestuft. So kehrten wir nach Bosnien zurück. Für kurze Zeit kehrte dann etwas Ruhe in unser Leben ein. 1993 brach der zweite Krieg aus. Innerhalb weniger Stunden verloren wir alles, was wir aufgebaut hatten, wofür meine Familie schwer gearbeitet und auf vieles verzichtet hatte. Das war am 3. Juni 1993! Wir versammelten uns in der Kirche. Ich hatte nichts bei mir. Ich weiss noch, wie ich fror und der Pfarrer mir seine blaue Jacke gab. Wir alle hofften, dass es bald wieder vorbei sein würde. In unserem Haus hatten wir damals 20 Flüchtlinge aufgenommen, die nun ebenfalls alles verloren hatten. Dann aber sagte man uns, es sei viel zu gefährlich, hier zu bleiben, wir müssten weggehen.

Religion und Volkszugehörigkeit waren nicht wichtig

Wir erhielten Unterstützung von Freunden, Nachbarn und Bekannten; unsere Religion und Volkszugehörigkeit spielten keine Rolle. Da war zum Beispiel ein sehr armer Roma muslimischen Glaubens. Er hatte früher oft bei uns im Restaurant um Essen nachgefragt, und meine Mutter hatte ihm immer etwas gegeben. Nun war er es, der uns das Leben rettete, weil er meine Mutter dazu drängte, sofort wegzugehen. Wir wären sonst erschossen worden. In aller Eile suchten wir zusammen, was wir fanden und mitnehmen wollten. Um zehn Uhr morgens hatten wir alles unbedingt Nötige in ein Auto gepackt. Meine Mutter floh gemeinsam mit der Grossmutter und meiner kleinen Schwester. Für den Grossvater, den Bruder und mich war kein Platz mehr, darum machten wir uns zu Fuss auf die Flucht. Meine Mutter hatte grosse Angst um uns. Aber wir fanden uns wieder, froh, noch am Leben zu sein. Als es uns möglich schien, riskierten wir, nochmals nach Hause zurückzukehren. Aber in der Zwischenzeit hatte es in unserem Haus gebrannt. Meine Mutter hatte gehofft, in den Ruinen noch etwas zu finden, denn sie hatte im Keller Silber und Fotos versteckt.

Unser Lebenstraum war zunichte

Mittlerweile hatten Plünderer alles genommen, was in unserem Haus brauchbar war. Es gab natürlich solche, die unsere Notsituation ausgenutzt haben. Das ist halt so im Krieg! Doch später erlebten wir etwas Wunderbares. Übers Rote Kreuz erhielten wir unsere Fotos zurück. Eine Lehrerin von mir, sie war Muslimin, hatte diese Fotoalben an sich genommen und dem Roten Kreuz übergeben. So erhielten wir wenigstens einige Erinnerungen an unsere wunderschöne Zeit zurück. Unterwegs trafen wir eine Roma-Frau, die wir immer wieder unterstützt hatten. Nun war sie es, die uns zu trösten versuchte. ‹Jetzt sind wir halt alle arm›, sagte sie. So erhielten wir von vielen Menschen etwas geschenkt, auch wenn wir sie gar nicht kannten. Man half sich eben. Schliess-lich flüchteten wir doch noch in einem Camion nach Kroatien. Es folgte für uns alle eine sehr schwierige Zeit. Mein Vater arbeitete nach wie vor in der Schweiz. Wir waren froh, dass wenigstens er in Sicherheit war, aber waren nun ganz auf uns gestellt.

«Ich wollte mit meinem Sohn alles gut machen»

Darum entschlossen wir uns letztlich, zu ihm in die Schweiz zu gehen. Das war 1994. Ich arbeitete in Kantinen und Restaurants. Dort lernte ich meinen heutigen Ehemann kennen. Das war die schönste Belohnung für die Schwierigkeiten, die ich gehabt hatte! Wir verlobten uns bald und heirateten. Es war eine ganz kleine Hochzeitsfeier, nicht so, wie es bei uns zu Hause früher üblich gewesen war. Ein Jahr später kam unser Sohn zur Welt. Ich wollte mit ihm alles gut machen. Nach all den Jahren der Entbehrung, der Angst und der Verzweiflung wollte ich es nun schön haben. So erfüllte ich ihm alle Wünsche und gab seinem Drängen in allen Belangen nach. Heute weiss ich, dass das nicht gut war, aber er sollte nicht belastet sein durch meine Geschichte. Meine Mutter machte mich immer wieder darauf aufmerksam, dass ich meinen Sohn zu sehr verwöhnen würde. Ich hörte darüber hinweg. Aber nun muss ich 180 Grad alles anders machen, so wie es mir meine Mutter immer gesagt hat! Nur dann wird er eine Chance haben.»
  Ihre Geschichte berührte mich. Ich verstand auch besser, warum Lorenzo sich so schwertat, seine Aufgaben im Leben konstruktiv anzupacken. Dieses Gespräch wurde ein wichtiger Meilenstein in unserer Zusammenarbeit.

Verheerende, unverschuldete Lebenssituationen

Lorenzos Beispiel ist nur eines von vielen. Sie spiegeln die Situation in unserer Welt. Bei den meisten Kindern und Jugendlichen, die ich in Erinnerung habe, waren es schwerwiegende Gründe, die ihre Eltern oder Grosseltern gezwungen hatten, ihre Heimat zu verlassen. Denn niemand kehrt seiner Heimat freiwillig und leichten Herzens den Rücken. Ob es nun die völkerrechtswidrigen Kriege sind oder ein Land zum Schauplatz von Stellvertreterkriegen für die strategischen Interessen von Grossmächten wird oder die schamlose Ausbeutung von Bodenschätzen die Menschen in Hunger und Elend treibt, bei vielen ist die Flucht nach Europa der letzte Ausweg aus einer verheerenden Lebenssituation, die sie nicht selbst verschuldet haben.

Das Gemeinsame suchen

Oft ist jedoch das Leben an ihrem Zufluchtsort nicht einfach. Nicht nur die Sprache, sondern die fremden kulturellen Gepflogenheiten und das gesellschaftliche Zusammenleben können sehr herausfordernd sein. Dessen müssen sich auch diejenigen bewusst sein, die sich um die Integration dieser Familien bemühen. Oft wird die Exotik herausgehoben, das von unserer Kultur unterscheidbare Leben der Fremden. Das ist aber wenig hilfreich. Das Hauptgewicht darf nicht auf der Betonung der Andersartigkeit liegen, sondern wir müssen das Gemeinsame suchen. Das, was alle Menschen verbindet wie etwa die Sorge um das Wohl der Familie und der Kinder, der Wunsch auf ein friedfertiges Zusammenleben, der Wunsch nach einer sinnvollen Arbeit usw.

Gegenseitiger Respekt

Unsere Bemühungen müssen getragen sein vom Respekt gegenüber der Kulturleistung der verschiedenen Länder, aus denen sich unsere «kleine Welt» im Schulzimmer zusammensetzt. So kann es zum Lernfeld werden, wie wir uns in Gleichwertigkeit und gegenseitigem Respekt begegnen und voneinander lernen können. Dabei kann es durchaus sein, dass wir mit uns gänzlich fremden Reaktions- und Verhaltensweisen konfrontiert werden, die in einigen Fällen auch nicht mit unserem Rechtssystem vereinbar sind. Da steht für diese Kinder und Jugendlichen und allenfalls auch für deren Eltern an, unsere grundlegenden Regeln zu respektieren. Damit wird der Weg für sie frei, sich das Rüstzeug anzueignen, um später einmal in ihrem Ursprungsland Aufbauarbeit zu leisten und dort anderen Menschen die Grundlagen zu zeigen, wie man das Leben meistern kann.

Gefahr, sich der eigenen Kultur zu entfremden

Wir müssen uns aber gerade in der heutigen Zeit bewusst sein, dass viele dieser Familien einen kulturellen Hintergrund haben, von dem wir lernen können, insbesondere, was das soziale Leben betrifft. Lorenzos Mutter hatte ein Problem angesprochen, das viele Familien in ähnlicher Weise kennen. Ihre Kinder beginnen, einseitig die modischen Strömungen der aktuellen europäischen Kultur zu bewundern, und können vor dem Hintergrund einer eher patriarchalischen Ausrichtung der eigenen Kultur zum Schluss kommen, dass hier keine Regeln gelten und erlaubt ist, was zu Hause niemals möglich wäre. Deren Eltern erleben, dass sich ihre eigenen Kinder von ihrer Kultur entfremden, und getrauen sich nicht, etwas dagegen zu sagen, verstehen aber auch nicht, warum bei uns den Kindern fast alles zugestanden wird und die Kinder ihren Eltern oft wenig Achtung entgegenbringen. Hier täten wir gut daran, uns auf die natürliche Ausrichtung, die Kinder auf ihre Eltern und andere Erwachsene haben, zurückzubesinnen.

Die Kinder zu Mitspielern erziehen

In diesem Sinne könnten wir alle voneinander lernen. Die Schule nimmt in diesem Prozess eine wichtige Rolle ein. Sie ist eine «kleine Welt» im Schulzimmer, in der alle Kinder, in- und ausländische, lernen können, sich an die in der Gemeinschaft aufgestellten Regeln zu halten.
  Für die Lehrpersonen steht an, diese Regeln auch unbedingt einzufordern und durchzusetzen. Tatsächlich haben wir es, gemeinsam mit allen Eltern, mit den gleichen Problemen zu tun und stehen vor der gleichen Aufgabe: nämlich ihre Kinder zu Mitspielern zu erziehen, die in der Lage und willens sind, ihren Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. •

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