Die Bedeutung des Katholizismus und der Katholisch-Konservativen für die Entwicklung einer demokratischen Kultur in der Schweiz

von Dr. phil. René Roca, Forschungsinstitut direkte Demokratie (www.fidd.ch)

In der Schweiz haben die Bürgerinnen und Bürger die Demokratie in den letzten 200 Jahren zu einem weltweit einmaligen Modell entwickelt. Die direkte Demokratie ist fester Bestandteil der politischen Kultur und das entscheidende Fundament für den wirtschaftlichen Erfolg des Landes. Der Artikel «Geschichtsforschung und direkte Demokratie» (siehe Zeit-Fragen Nr. 16 vom 28. Juli 2020) fasste als Auftakt und kurzer Überblickstext die bisherigen Forschungen zusammen. Nun sollen, wie angekündigt, in einer losen Folge die Forschungsresultate anhand einzelner Themen vertieft werden. Den Anfang machen der Katholizismus und seine Bedeutung für die Demokratiegeschichte. Sein Einfluss, besonders in Form des katholischen Konservatismus, für die Entstehung und Entwicklung der direkten Demokratie in der Schweiz wird bis heute sehr stark unterschätzt und in der Geschichtswissenschaft komplett ignoriert. Nachfolgend nun ein Auszug aus dem einleitenden Kapitel des Tagungsbandes «Katholizismus und moderne Schweiz».1

Historiographische Forschungsarbeiten haben die Bedeutung des Katholizismus für die Herausbildung der demokratischen Strukturen der Schweiz bereits festgestellt.2 Die direkte Demokratie besitzt auf der Gemeindeebene mit dem Genossenschaftsprinzip ein wichtiges Fundament. Die früheste organisierte Gemeindeform waren die Kirchgemeinden, die in der Schweiz genossenschaftlich und dezentral aufgebaut waren (Kirchgenossen).
  Die durch das Genossenschaftsprinzip geförderte «Gemeindefreiheit», kurz, die gemeindlich-genossenschaftliche Selbstbestimmung in Kirchgemeinden, Korporationen und politischen Gemeinden ist eine oft unterschätzte Tradition. Sie beruht auf einer naturrechtlichen Grundlage und trug viel zur späteren Konkretisierung der Volkssouveränität und Herausbildung der direkten Demokratie auf Kantons- und Bundesebene bei. In diesem Prozess, der im frühen 19. Jahrhundert begann, spielten der Katholizismus und später die katholische Soziallehre eine zentrale Rolle.

Definition und geschichtliche Aspekte

Was ist unter «Katholizismus» zu verstehen? Katholizismus ist die Gesamtheit der wahrnehmbaren, historisch-kontingenten Erscheinungsformen des katholischen Christentums. Der Begriff entstand im 16. Jahrhundert im Kontext der Konfessionalisierung, will heissen im Gegensatz zum Protestantismus. Heutzutage existieren verschiedenartig geprägte Katholizismen, die sich in den einzelnen Ländern im jeweiligen historischen Kontext herausgebildet haben.3
  Ab 1523 schaffte die Reformation in den Schweizer Städten den Durchbruch. Doch bereits 1531 setzte der Zweite Kappeler Krieg dieser Entwicklung ein vorläufiges Ende. Danach begann in der Eidgenossenschaft ein langwieriger Prozess der «Konfessionalisierung», was zur Herausbildung von zwei Konfessionskirchen und zwei relativ streng voneinander geschiedenen Gesellschaften und Kulturen führte.4
  Bis 1712 war die Schweiz durch eine politische Vorherrschaft der katholischen Orte geprägt. Die Beschlüsse des Konzils von Trient (1545–1563) leiteten eine katholische Reform ein, was unter anderem den Aufbau eines katholischen Bildungswesens mit sich brachte, gefördert vor allem durch die neuen Orden der Jesuiten und Kapuziner. Nach dem Zweiten Villmerger Krieg 1712 ergab sich ein wirtschaftliches und politisches Übergewicht der reformierten Orte, der Konfessionalismus flaute etwas ab. Gleichzeitig nahm die Aufklärung auf katholischer Seite lediglich Einfluss auf die politische und teilweise kirchliche Elite. Dies hatte einerseits staatskirchliche Tendenzen zur Folge und löste andererseits eine vielseitige, an der katholischen Aufklärung orientierte kirchliche Reformtätigkeit aus.5
  Nach den Umbrüchen der Helvetik führte die kirchliche Neuordnung ab 1821 zur Bildung von neuen Bistümern in der Schweiz. Im 19. Jahrhundert wurden etwa 50 klösterliche Niederlassungen säkularisiert. Dieser Prozess konnte teilweise durch die ab 1830 zahlreich gegründeten Kongregationen für Männer und Frauen aufgefangen werden (u. a. Schwesterngemeinschaften von Ingenbohl und Menzingen, zu denen Carlo Moos im Tagungsband einen Text publizierte).6
  Die Jahre nach 1830 waren durch die politische Regeneration der Liberalen geprägt. Damals begann im Grunde bereits der «Kulturkampf» in der Schweiz, der bis etwa 1880 dauerte. In diesem Zusammenhang entwickelten sich im Rahmen des Schweizer Katholizismus zwei Richtungen: Die liberalen Katholiken bildeten eine heterogene Minderheit, während die Mehrheit katholisch-konservativer Gesinnung blieb.7

Geschichtsschreibung und Forschungsansätze

Franz Xaver Bischof schrieb im kürzlich abgeschlossenen Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) zu den Katholisch-Konservativen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgendes:

«Eine Mehrheit konservativer Katholiken, die aus Angst insbesondere vor dem Verlust kultureller Identität an den überkommenen Traditionen festhalten wollte, lehnte unter Hinwendung nach Rom die Moderne mehr oder weniger stark ab. [Dies bewirkte eine] Abschottung gegenüber dem Zeitgeist […]. Diese Ultramontanisierung ging in den katholisch-konservativen, überwiegend ländlich-agrarisch geprägten Gebieten tendenziell einher mit Rückständigkeit in Wirtschaft, Bildung und Kultur.»8

Eine solche, durchaus gängige Zuordnung der Katholisch-Konservativen kann auf Grund neuester historiographischer Erkenntnisse nicht aufrechterhalten werden (siehe den Beitrag von Heinrich R. Schmidt zum «Bildungsvorsprung des Schweizer Katholizismus» sowie den Beitrag von René Roca zu den Kantonen Schwyz und St. Gallen im Tagungsband). Was sind die Gründe für die eindimensionale Sichtweise auf die Bedeutung der Katholisch-Konservativen?
  Die schweizerische Geschichtswissenschaft favorisierte in den letzten 40 Jahren auch bezüglich der Kirchen- und Religionsgeschichte zu einseitig die Sozial-, Kulturund Mentalitätsgeschichte. Methodische und theoretische Ansätze der Institutionen- sowie der Politik- und Ideengeschichte wurden vernachlässigt und nicht gefördert. Urs Altermatt hielt dazu fest: «Wenn man die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Literatur zum Thema ‹Schweizer Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert› überblickt, stellt man um 1970 einen Paradigmenwechsel fest.»9 Gründe für den historiographischen Bruch sah Altermatt unter anderem in den Folgen des II. Vatikanischen Konzils von 1962–1965 und im Generationenwechsel unter den führenden Historikern, an dem er selbst beteiligt war. Bis um 1970 verfassten die meisten Geschichtswerke zum schweizerischen Bundesstaat Schweizer Historiker der liberal-konservativen Richtung. Der Grund dafür war, dass die nationale Kultur in der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts protestantisch-liberal dominiert war. Laut Altermatt wirkte bis in die fünfziger und frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts «das katholische Ghetto im Kulturbereich nach».10 Seit Beginn des Bundesstaates sahen sich die Historiker katholischer Observanz an den Rand gedrängt. Erst um 1970 erhielten sie einen festen Platz in der Geschichtswissenschaft der Schweiz, allerdings nur, weil sie den Paradigmenwechsel mittrugen. Namhafte katholische Historiker wie Oskar Vasella, Professor für Schweizer Geschichte an der Universität Freiburg von 1931 bis 1966, gerieten in Vergessenheit oder wurden aktiv ins Abseits gestellt. Gerade Vasella hatte in einem seiner Forschungsgebiete, der Reformationsgeschichte, Bahnbrechendes geleistet: «Mit seiner Neubeurteilung der Reformation öffnete Oskar Vasella den Dialog über die konfessionellen Gräben hinweg und nahm den ökumenischen Aufbruch des Vaticanums II vorweg.»11 Vasella thematisierte auch immer wieder die Gründungsphase des Bundesstaates und die diesbezügliche Rolle der Katholisch-Konservativen. Er konstatierte, dass gerade in der Beurteilung des katholischen Konservatismus «eine grössere Freiheit im geschichtlichen Denken»12 nötig sei, um die Vorgeschichte der Bundesstaatsgründung wahrheitsgetreuer darzustellen. Das ist bis heute nicht geschehen. Die Universität Freiburg blieb zwar ein Zentrum der Geschichtsschreibung über den Schweizer Katholizismus, aber mit einem veränderten Fundament.
  Altermatt selbst prägte den Paradigmenwechsel in der Geschichtsschreibung des Katholizismus ab 1970 massgeblich mit seiner Studie «Der Weg der Schweizer Katholiken ins Ghetto»13, die 1970 an der Universität Bern als Dissertation angenommen wurde. Die Studie behandelt die besonders nach 1848 feststellbare Tendenz, dass die Katholisch-Konservativen teils freiwillig, teils unfreiwillig auf nationaler Ebene in eine gesellschaftlich-kulturelle Isolation, eben in ein eigentliches «Ghetto», gerieten. Seit dem Ende der 1970er Jahre gehören von Altermatt geprägte Begriffe wie «katholisches Ghetto», «Subkultur» oder «Sondergesellschaft» zum Gemeingut der katholischen Sprachregelung. Die nationale Geschichtsforschung ordnete fortan den Schweizer Katholizismus allzu einseitig nach diesen soziologischen Kriterien und daraus abgeleiteten Fragestellungen.14
  Die Schweiz ist religionsgeschichtlich wie auch im kirchenpolitischen Bereich ein Sonderfall. Seit der Gründung des Bundesstaates besitzen die Kantone die Kirchenhoheit. Die Katholische Kirche weist eine duale Struktur aus demokratischen staatskirchenrechtlichen Institutionen (z.B. Pfarrwahl) und der hierarchischen Struktur nach kirchlichem Recht auf.15 Die diesbezügliche Förderung des Föderalismus und des demokratischen Bewusstseins von katholischer Seite wurde bisher in der historischen Forschung bloss am Rande erwähnt und zu wenig gewürdigt. Die Katholisch-Konservativen entwickelten zwar nach 1815 einen Widerstand gegen die Bundesrevision und lehnten einen Bundesstaat ab, förderten aber einen Föderalismus eigener schweizerischer Prägung. Dazu kommen die Verdienste der Katholisch-Konservativen hinsichtlich der demokratischen Kultur in der Schweiz. Wie Vasella richtig betonte, sollte daher die Geschichte des Sonderbundes einer Neubewertung unterzogen werden. Dies wurde mit einem Artikel zum «Sonderbund» im Historischen Lexikon der Schweiz bereits versucht:

«Nach der Gründung des Bundesstaats herrschte lange Zeit eine Geschichtsschreibung vor, die den liberal-radikalen Siegern des Sonderbundskriegs alle staatspolitischen Errungenschaften, selbst den weiteren Ausbau der direktdemokratischen Instrumente, zusprach. Die einseitige historische Sicht muss ergänzt werden. Trotz der Niederlage des Sonderbunds flossen nämlich einige seiner Forderungen in die Ausgestaltung der neuen Bundesverfassung von 1848 ein. Die siegreiche Mehrheit nahm Rücksicht auf die Anliegen der Unterlegenen. Insbesondere dem Wunsch nach Souveränität der Kantone, der auch von gemässigten Liberalen geäussert wurde, trugen die Sieger Rechnung. Auch darf das Jesuitenverbot nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Bundesstaat mit der Festsetzung der kantonalen Schul- und Kirchenhoheit sowie der Einführung des Ständerats und des Ständemehrs deutliche föderalistische Akzente setzte. So half der Sonderbund indirekt mit, eine zentralistische Lösung zu erschweren und weitere revolutionäre Umgestaltungen im Sinn der Radikalen zu unterbinden. In den nächsten Jahrzehnten standen dann Ausgleich und Einbindung der Verlierer und nicht mehr Siegerdiktat und Ausgrenzung im Vordergrund.»16

Altermatt ging über das Faktum, dass die Katholisch-Konservativen die demokratische Kultur gefördert hatten, nicht hinweg. Er schrieb anerkennend, dass die politische Emanzipationsbewegung der Katholiken nach 1848 das kirchentreue Volk auf demokratischer Basis organisierte: «Im Gegensatz zu den politischen Programmen anderer katholischer Parteien Europas anerkannte der politische Katholizismus in der Schweiz die Demokratie von Anfang an als selbstverständliche Staatsform […].»17 Darüber hinaus muss betont werden, dass KatholischKonservative – neben den Frühsozialisten – massgeblich an der Entwicklung der direkten Demokratie beteiligt waren (vgl. unter anderem das Beispiel Luzern18)  •



1 Roca, René. «Einleitung», in: Ders. (Hg.), Katholizismus und moderne Schweiz, Beiträge zur Erforschung der Demokratie, Band 1, Basel 2016, S. 17–21
2 Roca, René. Wenn die Volkssouveränität wirklich eine Wahrheit werden soll … Die schweizerische direkte Demokratie in Theorie und Praxis – Das Beispiel des Kantons Luzern, Zürich 2012, S. 222f.
3 Bischof, Franz Xaver. «Art. Katholizismus», in: Historisches Lexikon der Schweiz, Band 7, Basel 2008, S. 132–135, hier S. 132
4 Ebd., S. 132f.
5 Roca, René. «Genossenschaftsprinzip und Naturrecht als Grundlage. Schweizerische und luzernische Demokratiegeschichte bis zur Helvetischen Revolution», in: Historische Gesellschaft Luzern (Hg.): Jahrbuch 31, Luzern 2013, S. 45–62, hier S. 54–56
6 Bischof, Franz Xaver. «Art. Katholische Kirche», in: Historisches Lexikon der Schweiz, Band 7, Basel 2008, S. 126–128, hier S. 127
7 Stadler, Peter. Der Kulturkampf in der Schweiz. Eidgenossenschaft und katholische Kirche im europäischen Umkreis, erweiterte und durchgesehene Neuauflage, Zürich 1996, S. 65–81
8 Bischof, Katholizismus, S. 133
9 Altermatt, Urs. «Katholiken und Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert», in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Band 41, Heft 4, Zürich 1991, S. 493–511, hier S. 493
10 Ebd., S. 494
11 Jorio, Marco. «Oskar Vasella (1904–1966) – ein bedeutender Reformationshistoriker», in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte, 90. Jahrgang, Freiburg 1996, S. 83–99, hier S. 90
12 Vasella, Oskar. «Zur historischen Würdigung des Sonderbundes», in: Schweizer Rundschau 47/48, Heft 4 und 5, Einsiedeln 1947, S. 259–282, hier S. 260
13 Altermatt, Urs. Der Weg der Schweizer Katholiken ins Ghetto. Die Entstehungsgeschichte der nationalen Volksorganisationen im Schweizer Katholizismus 1848–1919, 2. erweiterte Auflage, Zürich 1991
14 Altermatt, Urs. Katholizismus und Moderne. Zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Schweizer Katholiken im 19. und 20. Jahrhundert, Zürich 1989
15 Berner, Hans. «Art. Kirchgemeinde», in: Historisches Lexikon der Schweiz, Band 7, Basel 2008, S. 240f.
16 Roca, René. «Art. Sonderbund», in: Historisches Lexikon der Schweiz, Band 11, Basel 2012, S. 618– 621, hier S. 621
17 Altermatt, Urs. «Art. Katholisch-Konservative», in: Historisches Lexikon der Schweiz, Band 7, Basel 2008, S. 132
18 Roca, Volkssouveränität, S. 95–208

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