Lessing und seine Ringparabel – ein Meisterwerk echter Toleranz

Das Kernstück in Lessings «Nathan der Weise» ist voll überraschender Aktualität

von Peter Küpfer

Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) wurde in eine unruhige Zeit hineingeboren. Anders als viele seiner Zeitgenossen konnte er sich aber nicht damit abfinden, dass anerzogene oder erworbene Vorurteile gemeinsames Handeln erschweren, verhindern, zu Streit, Hader, ja sogar zu Kriegen führen. Sein ganzes eindrückliches Leben ist geprägt von der Frage, wie es zu vorgefertigten Meinungen und Besserwisserei kommt und wie die menschliche Vernunft damit umgehen sollte. Mit seinem «Nathan der Weise» hat er darauf eine gültige Antwort gegeben. Sie ist bis zum heutigen Tag wegweisend geblieben. Angesichts der heute wieder vermehrt spürbaren Tendenz, dass unterschiedliche Vorstellungen in sachlichen, politischen oder weltanschaulichen Fragen immer noch in einer Art «Glaubenskrieg» enden, der tragfähige gemeinsame Lösungen blockiert, ist der Blick auf Lessing besonders wohltuend.

Lessing kam als Sohn eines pietistischen Pfarrers in der kleinen Provinzstadt Kamenz in der Lausitz (Sachsen) auf die Welt. Sein Vater, strenger Protestant, betrachtete die christlichen Glaubensinhalte allerdings nicht als Gegensatz zur menschlichen Vernunft. Er gab seinem drittältesten Kind Gotthold den jüdischen zweiten Vornamen Ephraim. Damit setzte der protestantische Pfarrer in einer damaligen deutschen Kleinstadt ein ungewöhnliches und mutiges Zeichen für den religiösen Frieden, und dies in einer Zeit, in der Judenpogrome noch nicht so lange der Vergangenheit angehörten. Diesen Mut hat sein Sohn mitbekommen. Ursprünglich Theologiestudent an der Universität Leipzig, wechselte der lernbegierige junge Mann zur Medizin. Aber schon bald beschloss der leidenschaftliche Leser, freier Schriftsteller zu werden, ein stolzes Unterfangen in einer Zeit, in der die Literatur (wie die Musik und die Malerei) meist immer noch auf adlige Mäzene angewiesen war. Denn der freie Kunstmarkt, wie wir ihn heute kennen, war damals, in den Jahren vor der Französischen Revolution, erst in seinen Anfängen.
  Nach dem Wechsel nach Berlin und seinem intensiven Kontakt mit aufklärerischen Literaten und Schriftstellern, darunter Moses Mendelssohn, erwirbt Lessing in Wittenberg den Magistergrad und kehrt 1752 nach Berlin zurück. Der sprachenkundige junge Literat übersetzt Texte von Voltaire, auch auf Französisch verfasste Abhandlungen Friedrichs des Grossen. Der Briefwechsel mit den Berliner Freunden und Schriftstellern über Neuerscheinungen und Aufführungen führt zur Herausgabe seiner «Briefe die neueste Literatur betreffend». Im Siebenjährigen Krieg dient der oft mittellose Literat dem preussischen General von Tauentzien als Sekretär und lernt die Schrecken und Greuel damaliger Kriege aus nächster Nähe kennen, wie übrigens auch schon als junger Internatsschüler bei der Belagerung von Meissen im Zweiten Schlesischen Krieg. In Briefen schildert der junge Lessing sein Entsetzen angesichts der Verwundeten in den kriegszerschossenen Häusern, die dort ohne jede Hilfe eingeschlossen blieben, da die Stadt den Ausbruch der Pest befürchtete. (Lessing, Gesammelte Werke, hg. v. P. Rilla, Weimar 1968, Bd IX, S. 8f.) Lessings auch heute noch oft gespieltes Lustspiel «Minna von Barnhelm» ist eine heitere Verarbeitung seiner damaligen ernsten Erfahrungen.

Ein Leben im Kampf gegen Vorurteile

Der junge Schriftsteller hat es von Anfang an nicht leicht. Seine grosse Begabung, sein solides Wissen, sein breites Interesse und seine elegante, oft etwas spitze Feder sind belastet durch die Anforderung, sich sein Leben durch sein Schreiben alleine zu verdienen. Übersetzungen, Theaterkritiken, Buchrezensionen, auch erste Bühnenwerke bringen nicht viel ein, so dass ihn bald einmal Schulden plagen. Seine ersten theatralischen Versuche führen zu wenig Erfolg. Darunter fällt auch die Komödie «Die Juden», in welcher der junge Lessing im Gewand des gehobenen Lustspiels äusserst ernsthafte Befunde über Entstehung und Wirkung von Vorurteilen unterbringt. Lessing erkennt schon in diesem Frühwerk als Hauptursache für die in der europäischen Geschichte so zahlreichen Judenverfolgungen die Geltung von sich selbst auferlegten Denkschranken, die es verhindern, die Realität unvoreingenommen zu prüfen. Bei der Konzeption seines Hauptdramas, «Nathan der Weise», das erst viel später entsteht, wird Lessing auf dieses Jugendwerk zurückgreifen. Mit seinem bürgerlichen Trauerspiel «Miss Sara Sampson», eine der ersten Tragödien deutscher Sprache, in der nicht nur Könige und hochgestellte Persönlichkeiten Schicksalhaftes erleben (wie es die damals noch gültige Dramatik der französischen Klassik verlangt), sondern Menschen wie du und ich, wollte er dem deutschen Theaterpublikum echtes Mitgefühl und Anteilnahme an menschlichen Verstrickungen ermöglichen.
  Eine erste festere Anstellung, die direkter mit seiner Gesinnung verknüpft war, ergab sich durch seine Berufung als Dramaturg beim neu gegründeten Hamburger Nationaltheater, wechselvolle Jahre, in denen seine viel beachtete Schrift «Hamburgische Dramaturgie» entstand. Eine gewisse materielle Konsolidierung erfolgte 1770, als der Herzog von Braunschweig Lessing zum Kustos der damals berühmtesten Bibliothek Deutschlands berief, derjenigen von Wolfenbüttel, eine Anstellung, die Lessing bis zu seinem Tode (1781) innehatte. Lessing heiratete, verlor aber seine junge Frau und seinen Sohn wenige Tage nach dessen Geburt. 1772 erfolgte die Endfassung seines bekannten bürgerlichen Trauerspiels «Emilia Galotti», in welchem Lessing die moralische Skrupellosigkeit eines italienischen Fürsten an einem sittenlosen und leichtfertigen Hof ans Licht bringt. Der fiktive Schauplatz hatte viel Ähnlichkeiten mit dem damals vielerorts luxuriösen und ausschweifenden Leben an deutschen Fürstenhöfen. Das Stück wurde kein Erfolg, es hat jedoch Schillers themenverwandtes Jugendstück «Kabale und Liebe», das elf Jahre später Furore machte (Uraufführung 1783, sechs Jahre vor der Französischen Revolution), in seiner ungestümen Anklage gegen absolutistische Willkür und Korruption an deutschen Höfen der Rokoko-Zeit deutlich beeinflusst.

«Nathan der Weise» – Lessings Vermächtnis

Als Bibliothekar der berühmten Wolfenbütteler Bibliothek gab Lessing auch Texte und Textauszüge aus den hier vorhandenen bibliophilen Schätzen heraus. Er bevorzugte Autoren, welche dem Realismus und dem Vernunftdenken verpflichtet waren. Besonderes Aufsehen erregte dann aber Lessings Herausgabe von Schriften des Hamburger Gymnasialprofessors Hermann Samuel Reimarus im Rahmen von Lessings «Wolfenbütteler Fragmenten». Dieser vertrat die damals viele Theologen verletzenden Ansichten, die Bibel sei nicht Wort Gottes, sondern ein von Menschen geschriebener Text, Jesus nicht der Sohn Gottes, sondern ein Mensch, der den Messiaserwartungen seiner Zeit entgegengekommen sei, die Auferstehungsgeschichte das Produkt der Phantasie seiner Jünger. Diese Publikation Lessings stiess auf besonders scharfe öffentliche Ablehnung, insbesondere derjenigen des Hamburger Pastors Melchior Goeze, welcher die Veröffentlichung Lessings als Frontalangriff auf die Religion wertete und in mehreren Abhandlungen scharf kritisierte. Auf diese reagierte wiederum Lessing ebenso entschieden, ebenfalls öffentlich. Schliesslich belegte Lessings Schirmherr, der Herzog von Braunschweig, seinen kämpferischen Bibliothekar mit einem Schreibverbot in dieser Sache. Lessing gab aber nicht auf und fasste den Plan, seine Sicht in einem Theaterstück zu klären, «die Kanzel mit der Bühne zu vertauschen», wie er in einem Brief schrieb. So entstand sein «Nathan der Weise», sein Vermächtnis in der Frage der religiösen und zwischenmenschlichen Toleranz, ein Stück, das immer wieder gespielt wird und in dem Lessing auf die Frage nach den verbindenden Kräften in uns Menschen mit den Mitteln des Schauspiels antwortet.

Kriegerischer «Konfliktherd»

im europäischen Hochmittelalter, zur Zeit der Kreuzzüge. Christentum, Judentum und Islam treffen hier seit Jahrhunderten aufeinander. Die blutige Eroberung Jerusalems durch die christlichen Heere und ihr Wüten unter der jüdischen Bevölkerung ist bei den Akteuren noch in frischer Erinnerung. Die sanfte Regierung des im Stück idealisierten, milde über Jerusalem herrschenden Sultans Saladin sucht jedes Wiederaufflackern des Hasses der unterschiedlichen Glaubensrichtungen schon im Keim zu besänftigen. Es ist offensichtliche Absicht des Autors, mit diesem Schauplatz Repräsentanten der drei den gleichen Gott verehrenden Religionen – Christentum, Judentum und Islam – in ganz unterschiedlichen Haltungen zu präsentieren. Sultan Saladin entspricht in Lessings Stück dem Inbegriff des weisen Herrschers, dem auf religiösen Frieden hin orientierten politischen Oberhaupt über die Stadt und geistlichen Führer der damals Jerusalem beherrschenden islamischen Staatsgewalt (eine Figur, die nach dem Vorbild der französischen und deutschen Aufklärer gestaltet ist). Ihm steht als Hauptfigur der reiche jüdische Kaufmann Nathan gegenüber, auch er mit allen Attributen der Mitmenschlichkeit, Fürsorge und Weisheit ausgestattet. Gegen diese beiden «humanistisch» agierenden positiven Repräsentanten ihrer Religion fällt der Vertreter der christlichen Religion, der in Jerusalem residierende christliche Patriarch, unvorteilhaft ab. Er, geistiges Oberhaupt der christlichen Angreifer, schnüffelt im Leben der Juden in Jerusalem herum und möchte, kurz vor dem Höhepunkt des Dramas, den angesehenen Juden Nathan als vermeintlichen Religionsfrevler mit dem Tode bestraft sehen. Auch der jugendliche Held der Vordergrundgeschichte, der fränkische Tempelritter Curd von Stauffen (er wird in Lessings Stück «Tempelherr» genannt), der den Kreuzzug der christlichen Truppen mitgemacht und durch Gefangenschaft den Anschluss an seine sich zurückziehenden Waffenbrüder verloren hat, ist zunächst voller christlicher feindseliger Vorurteile gegenüber der jüdischen Bevölkerung Jerusalems. Erst der Kontakt zu Nathan und die damit verknüpfte Liebesgeschichte lässt ihn die Wirklichkeit erkennen, die so anders ist, als er es sich gedacht hat. Es ist das Geschick Lessings, aus dieser Ausgangslage die an sie gebundene Dramatik und die sich daraus ergebende Einsicht in einem packenden dramatischen Geschehen aufgehen zu lassen.

Menschliche Verstrickungen

Nathan kommt mit seiner Karawane von einer längeren Geschäftsreise zurück. Er erfährt zu seinem Schrecken, dass seine Tochter Recha bei einem Hausbrand beinahe umgekommen wäre. Sie ist dem Tod nur entgangen, weil sie ein unbekannter Tempelritter unter Einsatz seines eigenen Lebens gerettet hat. Es handelt sich dabei um den oben geschilderten jungen christlichen Ritter.
  Nathan, noch voller Schreck, möchte dem jungen Templer seine Dankbarkeit erweisen, aber Recha weiss nicht, wer er ist. Der Templer war vor seiner Rettungstat nach einem Gefecht von den Truppen Saladins gefangengenommen worden und hätte das Schicksal seiner Weggefährten, nämlich den Tod, geteilt, wenn ihm nicht ein Zufall zu Hilfe gekommen wäre: Saladin erkannte in seinem Gesicht eine markante Ähnlichkeit mit seinem in früheren Waffengängen umgekommenen Bruder Assad und begnadigte, einer Eingebung folgend, den jungen Mann. Ziellos irrt dieser in der Folge herum und gelangt schliesslich wieder zum Haus, wo er das «Judenmädchen», wie er sich ausdrückt, gerettet hat. Nathan nähert sich ihm voller Dankbarkeit, aber der Templer weist ihn schroff zurück, von Juden will er weder Dank noch Anerkennung. Schliesslich kann Nathan ihn doch zu einem Besuch seiner Tochter in seinem Haus bewegen.
  Inzwischen erfahren wir anlässlich eines Gesprächs zwischen Saladin und seiner klugen Schwester Sittah von den immer grösseren finanziellen Nöten des Sultans. Sie ergeben sich nicht durch teure Prachtentfaltung, sondern durch die grosse Not seiner Untertanen, denen Saladin im einzelnen Fall immer kräftig unter die Arme greift, mit Beiträgen aus der sich so schnell leerenden Staatskasse. Es gibt nur einen, der den Staat vor dem drohenden Bankrott bewahren kann, der Jude Nathan mit seinem unermesslichen privaten Vermögen. Aber kann man ihm trauen? Saladin will seine Gesinnung auf die Probe stellen, lädt ihn vor und stellt ihm die Frage nach der wahren Religion. Wenn Religion die Wahrheit verkündet, und das wollen doch, so sagt er, alle drei Religionen, die den gleichen Gott verehren, dann können nicht alle drei gleichzeitig im Besitze der Wahrheit sein. Also, welche der drei Religionen ist die wahre? Nathan sieht die Verfänglichkeit der Situation. Da fällt ihm eine alte Geschichte ein, diejenigen von den drei Ringen. Mit ihr will er nicht nur sich selbst retten, sondern dem hohen Herrn auch ein Stück Weisheit mitgeben. Sie ist gestaltet in Lessings Parabel von den drei Ringen, einer Schlüsselszene der deutschen Dramengeschichte.

Die Ringparabel

Sie steht genau in der Mitte des Dramas und ist schon von daher als dessen Zentrum zu erkennen. So geht sie:
  Ein «Mann im Osten» besass einst einen kostbaren Ring, der die magische Eigenschaft hatte, seinen Träger «vor Gott und den Menschen angenehm zu machen». Es wurde Tradition seines Hauses über Generationen, dass der Träger des Rings ihn immer demjenigen seiner Söhne vererbte, «der ihm der liebste war». Das ging lange Zeit gut. Nun hatte aber einmal einer der Ringträger drei Söhne, die ihm alle gleich lieb waren. Als er seinen Tod herannahen fühlte, liess er bei einem geschickten Goldschmied zwei weitere Ringe nachmachen, so kunstfertig, dass man die drei Ringe unmöglich voneinander unterscheiden konnte. Vor seinem Tod übergab der Vater jedem seiner Söhne «den» Ring. Schon bald entspann sich unter ihnen der Streit, wer denn nun den echten Ring besitze. Schliesslich gelangten sie vor einen weisen Richter, den die verzwickte Sachlage ebenfalls an die Grenzen seiner Rechtsprechung brachte. Endlich kam ihm die Lösung in den Sinn. Ihr sagt doch, wandte er sich an die drei, dass der echte Ring die Eigenschaft hat, den Träger vor Gott und den Menschen angenehm zu machen. Nun gut, so tretet ab heute in einen friedlichen Wettstreit unter euch. Jeder von euch dreien bemühe sich, sich vor Gott und den Menschen angenehm zu machen. Und wenn ihr es zum Ende eures Lebens noch nicht wisst, so gebt den Wettstreit euren Söhnen weiter und die wiederum den ihren:

«Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring an’ Tag
Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit inniger Ergebenheit in Gott
Zu Hilf!
Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindern Kindeskindern äussern:
So lad ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht! – So sagte
Der bescheidne Richter.»

(Lessing, Nathan der Weise, 3. Aufzug, 7. Auftritt)

«Alle Menschen werden Brüder»

Saladin ist von der Weisheit der Parabel gerührt und bewirbt sich um Nathans Freundschaft, die mit dem Staatsdarlehen besiegelt werden soll. Da nimmt nun aber die Entwicklung der menschlichen Verstrickungen ihren dramatischen Verlauf.
  Der Tempelritter besucht schliesslich auf Drängen Nathans widerstrebend Recha und verliebt sich – «Rache» der Natur an dessen anerzogenen Vorurteilen – prompt in die Tochter des Juden. Von ihrer Freundin und Wärterin Daja erfährt der Tempelritter allerdings, dass Recha nicht die leibliche Tochter von Nathan ist, sondern ein angenommenes Kind einer Christin. Der Tempelritter erfährt bei dieser Gelegenheit auch, dass Nathan Recha nicht nach den Vorschriften der christlichen Kirche aufgezogen hat. Der erboste christliche Gottesstreiter sieht darin religiöse Gängelung eines Kindes und hinterbringt die Geschichte dem Patriarchen von Jerusalem, der hier das Vorenthalten der wahren Religion gegenüber einem getauften Christen wittert und Nathan vor Gericht bringen will. Immer wieder hämmert er dabei den verhängnisvollen Satz ein, der seitdem zum Inbegriff des religiös geschürten Fanatismus geworden ist: «Der Jude wird verbrannt!»
  Im Schlussteil des philosophischen Dramas lösen sich die menschlichen Verstrickungen aber eine nach der anderen. Der vorschnelle junge Tempelritter wird durch die Wahrheit beschämt. Nathan hat Recha nicht konfessionell aufgezogen, sondern nur in allgemein menschlicher Gesittung. Wenn sie erst erwachsen ist, so Nathans kindgerechte Einstellung, wird sie die Wahrheit über ihre Herkunft erfahren und kann dann selbst wählen, welcher Religion sie angehören will. Auch der Tempelherr muss erkennen, dass sein rasch aufflammender Affekt ihm vor einem tieferen Verständnis stand. Stück um Stück erfährt er die Wahrheit, und zwar die ganze: Bei der Eroberung Jerusalems durch die Christen wurden Nathans Ehefrau und seine sieben Söhne bestialisch getötet. Der verzweifelte Nathan hatte dann aber nur wenige Tage später die Grösse, Recha, das Kind einer Christin (sie war kurz nach der Geburt verstorben, der Vater in kriegerische Wirren verstrickt), an Kindesstatt anzunehmen, als Geschenk Gottes. Nachforschungen, Dokumente und Zeugen der Vergangenheit bringen an den Tag, was Nathan schon lange ahnte: Der junge Tempelherr ist ebenfalls der Sohn des Vaters von Recha. Schliesslich erweist sich, worauf sein Äusseres schon hindeutete: Sein nie gekannter Vater ist Saladins früh verstorbener Bruder Assad, der sich in Deutschland Wolf von Filnek nannte. Damit sind der Tempelherr und Recha Geschwister, die in Saladin und Nathan zwar nicht leibliche, aber echt fürsorgliche Väter gefunden haben. Freundschaft und natürliche Bande überwinden damit die Feindbilder, welche jahrhundertelang Kriege nährten.
  So zeigt der Schluss im Symbolischen, was nach Lessing für die ganze Menschheit gilt: Alle Menschen sind Brüder, oder sollten es werden, wie es dann viel später, nach vielen weiteren Kriegen, der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verlangt: Sie sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen und auf das Mittel des Krieges zur Durchsetzung ihrer Ansprüche verzichten.

Die Wahrheit muss sich erweisen

Bei vielen hat sich die Ringparabel als Sinnbild für religiöse Toleranz eingeprägt. So wie die drei Ringe äusserlich nicht zu unterscheiden sind, so kann und sollte nach Lessing keine Religion für sich den Anspruch erheben, die ganze und einzige Wahrheit zu sein. Wahrheit ist für Lessing nicht, sie muss sich erweisen, die Menschen müssen sie sich erringen – allerdings nicht kriegerisch, nicht mit Gewalt. Es eröffnet sich hier eine weitere Dimension der Ringparabel, auf die seltener insistiert wird, ohne die sich die Ringparabel aber verwässert: Lessings Botschaft heisst nicht nur, dass alle drei grossen monotheistischen Religionen gleichwertig sind, als Religion. Das heisst sie zwar auch, aber sie sagt noch mehr. Die Träger der echten Ringe, also diejenigen, die ernsthaft überzeugt sind, wie die Menschen leben sollen, dürfen sich in dieser «rechtgläubigen» Überzeugung moralisch nicht zur Ruhe setzen. Sie dürfen sie anderen Menschen auch nicht aufzwingen, wie es das negative Beispiel des Patriarchen und die katastrophale Vorgeschichte des Geschehens zeigt. Sie müssen im Gegenteil durch Taten beweisen, dass sie Träger des «echten Ringes» sind. Der echte Ring hat ja die Fähigkeit, «seine Träger vor Gott und den Menschen angenehm zu machen». Zur Zeit des Absolutismus konnte das vor allem heissen, dass der gerechte, der menschliche, der aufgeklärte Herrscher derjenige war, der sich den Menschen, damals seinen Untertanen, angenehm machte. Er musste milde, er musste menschenwürdig, er musste gerecht regieren.
  In unseren modernen Zeiten hat die Weisheit der Ringparabel noch an Verbindlichkeit gewonnen. Träger des echten Ringes sind nicht mehr nur die um Gerechtigkeit, gute Gesetze und gute Herrschaft (Good governance) miteinander wetteifernden religiösen Autoritäten, Herrscher oder Regierungen – es sind die inzwischen zur Demokratie übergegangenen oder übergehenden Völker selbst, also die menschliche Familie auf dieser einen Welt. In ihr soll das friedliche Wetteifern seinen Platz haben, vor der Geschichte, das heisst, vor den Menschen zu «beweisen», dass man den Ring zu Recht trägt. Oder besser: ihn zu Recht tragen würde. Denn der moderne Mensch kann auf keine Ringmagie mehr vertrauen, er muss selbst der Keim des Besseren sein. Das ist die Weisheit der Ringparabel heute. Man kann sie ins Reich der schönen Träume verbannen, dort stört sie nicht. Oder man kann versuchen, nach ihr zu leben. Dann ist die tägliche Frage nicht so sehr, wer Recht hat in seiner Sicht des Lebens und des Menschen, sondern wer sich selbst und damit auch die Menschheit einen Schritt weiterbringt in Richtung auf ein angenehmeres, menschengerechteres Leben – für alle. Es ist, einmal mehr, der individuelle, besser noch gemeinschaftliche Beitrag ans Bonum commune, weltweit. Keine Heldentaten sind nach Lessing gefragt, aber Bemühen um das Menschliche in uns allen – möglichst vorurteilsfrei und möglichst täglich.  •

«… dem es genügt, ein Mensch zu heissen»

pk. Curd von Stauffen, der jugendliche und heissblütige Tempelritter, ist anfangs noch ganz im Banne ablehnender Gefühle, die er auf alle Juden überträgt, auch auf Nathan. Dieser stellt dessen Vorurteilen seine Weisheit entgegen, dass nicht das religiöse Bekenntnis zählt, sondern der Umstand, wie menschlich der Mensch seinen Mitmenschen begegnet, auch wenn er einen anderen Glauben hat. Nicht das Bekenntnis zählt, sondern das eigene gelebte Menschentum.

Nathan: […] Ich weiss, wie gute Menschen denken; weiss,
Dass alle Länder gute Menschen tragen. Tempelherr: Mit Unterschied, doch hoffentlich? Nathan: Jawohl; An Farb', an Kleidung, an Gestalt verschieden. […]

Tempelherr: Sehr wohl gesagt! – Doch kennt Ihr auch das Volk,
Das diese Menschenmäkelei zuerst
Getrieben? Wisst Ihr, Nathan, welches Volk
Zuerst das auserwählte Volk sich nannte?
Wie? wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht hasste,
Doch wegen seines Stolzes zu verachten,
Mich nicht entbrechen könnte? Seines Stolzes;
Den es auf Christ und Muselmann vererbte,
Nur sein Gott sei der rechte Gott! […]
Wenn hat, und wo die fromme Raserei,
Den bessern Gott zu haben, diesen bessern
Der ganzen Welt als besten aufzudringen,
In ihrer schwärzesten Gestalt sich mehr
Gezeigt, als hier, als jetzt?
Wem hier, wem jetzt
Die Schuppen nicht vom Auge fallen … Doch
Sei blind, wer will! – Vergesst, was ich gesagt;
Und lasst mich! (will gehen)

Nathan: Ha! Ihr wisst nicht, wie viel fester
Ich nun mich an Euch drängen werde. – Kommt,
Wir müssen, müssen Freunde sein! – Verachtet
Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide
Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind
Wir unser Volk? Was heißt denn Volk?
Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,
Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch
Gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch
Zu heissen! […]

(Lessing. Nathan der Weise, 2. Aufzug, 5. Auftritt)

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