«Der ewige Friede ist keine leere Idee, sondern eine Aufgabe»

Gedanken zur Friedenserziehung

von Dr. Eliane Perret, Psychologin und Heilpädagogin

Die jüngsten Ereignisse in Afghanistan haben viele Menschen wachgerüttelt und veranlasst, darüber nachzudenken, wohin wir in unserer Welt steuern. Man kann Immanuel Kant nur zustimmen, der 1795 in seiner Schrift mit dem Titel «Zum ewigen Frieden» festhielt: «Der ewige Friede ist keine leere Idee, sondern eine Aufgabe.» Es ist eine Aufgabe, die uns alle fordert! Nicht nur mit Blick auf die Verwüstungen, welche die Kriege in Afghanistan, im Kongo, im Irak, im Jemen, im ehemaligen Jugoslawien und vielen anderen Ländern hinterlassen haben, sondern auch angesichts der Länder, die durch Sanktionen gebeutelt sind, und der zahlreichen ungelösten sozialen und politischen Probleme in vielen Teilen der Welt. Gleichzeitig steht die Frage im Raum, warum die bisherigen Bemühungen, in Frieden zusammenzuleben, nicht gefruchtet haben. Diesem Problem müssen sich vom Volk beauftragte Verantwortungsträger und Vertreter aller Fachdisziplinen stellen. Sie sind gefordert, ihren Beitrag zur Lösung von Konflikten und zum Frieden auf der Welt zu leisten. Sie müssen ihre Verantwortung im Sinne des Bonum commune gegenüber den Mitmenschen ernst nehmen, so wie dies in der Vergangenheit viele getan haben. Eine Rückbesinnung auf deren Bemühungen und bereits Erreichtes ist wertvoll und nötig.

Ein kurzer Blick in die Geschichte

Der Wunsch, in Frieden zusammenzuleben, hat die Menschen schon immer bewegt. Bereits bei Aristoteles, dem grossen Denker und Naturforscher der griechischen Antike, finden wir grundlegende Überlegungen, wie diesem zutiefst menschlichen Bedürfnis entsprochen werden könnte. Er sah die Aufgabe der Menschen darin, kraft der Vernunft ihre Stellung im Kosmos zu finden und mit den in der Erziehung gelegten Kardinaltugenden – Besonnenheit, Gerechtigkeit, Klugheit und Mut – ein friedliches und harmonisches Zusammenleben im Staat möglich zu machen. Auch in der römischen Philosophie finden sich Gedanken zum Frieden. «Im Krieg ist kein Heil, um Frieden bitten wir alle», schrieb der römische Dichter Vergil und verwies auf diese grosse Menschheitsfrage.
  In späteren Jahren, an der Schwelle zur Neuzeit, engagierte sich der niederländische Gelehrte Erasmus von Rotterdam mit grosser Entschiedenheit für den Frieden und hielt in seiner Schrift «Klage über den Krieg» zu Recht fest, dass die Menschen Ruhe und Frieden brauchen, um ihre tägliche Arbeit verrichten und das Gemeinwesen zum Wohle aller einrichten zu können. Er beklagte das grosse Elend, das Krieg für den einzelnen Menschen und das ganze Volk mit sich bringe. Auch bei Baruch de Spinoza, ebenfalls ein niederländischer Philosoph, finden wir wichtige Gedanken, indem er Frieden nicht einfach als Abwesenheit von Krieg definierte, sondern als «[…] Tugend, eine Geisteshaltung, eine Neigung zu Güte, Vertrauen, Gerechtigkeit […]». Damit verwies er auf die pädagogische Aufgabe, den Menschen durch Erziehung zum Frieden zu befähigen, wie das in der Folge auch andere Philosophen und Pädagogen erforschten und diskutierten. Beispielsweise vertiefte sich auch Johann Amos Comenius, der selbst die Schrecken des Dreissigjährigen Krieges erlebt hatte, in die Frage einer Erziehung zum Frieden. Und hundert Jahre später verlangte Immanuel Kant, die stehenden Heere abzuschaffen, um die Gegner nicht zu einem Wettrüsten anzustacheln. Frieden zu schaffen war für ihn keine Zukunftsvision, sondern ein erreichbares Ziel, dem sich die Menschen dank ihrer Vernunft und ihrer Bildung annähern können.
  Wir sehen also: Schon in frühester Zeit unserer Kulturgeschichte haben sich Menschen Überlegungen zu Krieg und Frieden gemacht, und wir täten gut daran, sie mit dem nötigen Ernst und Respekt zu überdenken und politische Entscheidungsträger auf sie zu verpflichten.

«Nie wieder Krieg!»

Auch viele Schriftsteller versuchten, mit ihren Werken die Menschheit aufzurütteln. «Nie wieder Krieg» von Bertha von Suttner, «Im Westen nichts Neues» von Erich Maria Remarque, Romain Rollands «Clérambault», die Trilogie von Arnold Zweig «Junge Frau von 1914», «Erziehung vor Verdun» und «Der Streit des Sergeanten Grischa» oder auch Jaroslav Hašeks Roman «Die Abenteuer des braven Soldaten Schweijk» sollten im Gemüt ihrer Leserinnen und Leser eine Abwehr gegen dieses furchtbare Geschehen verankern. Die Werke dieser Autoren dürfen nicht in den Bücherregalen verstauben oder gar aus den Bibliotheken verschwinden. Sie sind ein Vermächtnis an nachfolgende Generationen. Die Auseinandersetzung damit unterstützt junge Menschen in ihrem geistig-seelischen Reifen und gibt ihnen Zuversicht, Sicherheit und Hoffnung für ein Leben in Gleichwertigkeit und Frieden. Genauso wie die berührenden Bilder von Käthe Kollwitz, in denen sie uns die menschlichen Tragödien, die Kriege mit sich bringen, vor Augen führt. Daraus ergeben sich Ausgangspunkte für einen Dialog genauso wie ein Gespräch darüber, was Silvio Gesell, der Begründer der Freiwirtschaftslehre, gemeint haben könnte, als er schrieb: «In der Art, wie Vater und Mutter sich unterhalten, wie die Geschwister untereinander verkehren, steckt schon ein gut Teil von Krieg und Friedensrüstung.»

Krieg gehört nicht zur menschlichen Natur

Auch Psychologie, Pädagogik und andere Humanwissenschaften trugen mit ihren Forschungsarbeiten dazu bei, mit dem verhängnisvollen Irrtum aufzuräumen, Krieg als notwendiges Übel der Menschheit hinzunehmen. Diese Fachbereiche waren und sind besonders gefordert, das ihrige beizutragen, wie Menschen Mitgefühl und seelische Verbundenheit mit den Mitmenschen und den Wunsch, Verantwortung für das Wohl aller zu übernehmen, entwickeln können.
  Leider hatte man sich in der Frage von Krieg und Frieden irrtümlicherweise lange Zeit auf Sigmund Freuds Lehre eines angeborenen Aggressions- und Todestriebes berufen, wie er ihn in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts postuliert hatte. Aus seiner Sicht war Krieg deshalb unvermeidbar mit dem Menschsein verbunden. Diese Annahme ist nach umfassender und sorgfältiger wissenschaftlicher Auseinandersetzung seit den 1960er Jahren geklärt: Ein zum Menschen gehörender Aggressionstrieb ist ein unsinniger Mythos! (vgl. Plack 1973)

Friedenserziehung – eine Frage sozialer Verbundenheit

Zur gleichen Zeit wie Freud hatte sich auch der Wiener Individualpsychologe Alfred Adler mit der Frage von Krieg und Frieden befasst. Er hatte im Ersten Weltkrieg dessen Verheerungen selbst miterlebt und sah sich in der Verantwortung, mit seiner Arbeit als Arzt und Psychologe einen Beitrag zu leisten. Er kam zum Schluss, dass der entscheidende Faktor in der Entwicklung sozialer Verbundenheit liegt. Im Gemeinschaftsgefühl, wie er es nannte, erkannte er nicht nur den wichtigsten Aspekt seelischer Gesundheit, sondern auch einen Schutz gegen die Verführung der Menschen zum Krieg durch macht- und geldgierige Strategen. Mit seiner praktischen Arbeit unterstützte er Eltern und Pädagogen bei einer Erziehung, die der Natur des Kindes entspricht und sie darin unterstützt, das von Natur aus angelegte Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln und zu entfalten. Gerade in jener Zeit waren viele Kinder und Jugendliche als Folge des Ersten Weltkrieges geistig und seelisch verwahrlost. Adler gab mit seiner Beratungs- und Ausbildungstätigkeit Eltern und Pädagogen ein Werkzeug in die Hand, wie sie ihnen wieder zu einer konstruktiven Lebensgestaltung und Zuversicht verhelfen konnten.
  In seiner Tradition engagierte sich eine Vielzahl pädagogisch Tätiger in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern und in Schulversuchen, was leider durch den Nationalsozialismus zum Erliegen kam. Ihr Wirken steht heute aber als wichtiger Beitrag zur Friedenserziehung zur Verfügung, der in den Curricula der heutigen pädagogischen Ausbildungsstätten dringend aufgegriffen werden müsste.

Eine innere Abwehr gegen den Krieg entwickeln

Die Schrecknisse und das Elend der beiden Weltkriege und der Schock des Abwurfes der ersten Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki waren für viele Menschen Anlass, die Frage zu diskutieren, wie ein weiterer Krieg verhindert werden könnte. Ein Meilenstein in dieser Entwicklung war die Gründung der Uno und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 durch umsichtige und reife Persönlichkeiten aus der ganzen Welt. Die Unesco, eine Unterorganisation der Uno, hielt in ihrer Präambel fest: «Da Kriege im Geiste der Menschen entstehen, so müssen auch im Geiste des Menschen die Werke zur Verteidigung des Friedens errichtet werden.» Vor diesem Hintergrund arbeitete sie Stoffpläne für Schulen aus mit wertvollen Vorschlägen zur völkerverbindenden Unterrichtsgestaltung in verschiedenen Schulfächern. Es würde sich lohnen, sie in ihren Grundlagen und Erfolgen auszuwerten.

Prophylaxe als Weg

Es ist hier leider nicht der Ort, um die zahlreichen Beiträge zur Friedensförderung weiterer Exponenten der Humanwissenschaften genauer darzustellen. Zum Beispiel trugen die Neopsychoanalytiker in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts Wertvolles zur Frage einer Erziehung zum Frieden bei. Der Psychiater Harry Stuck Sullivan formulierte einen eindrücklichen Aufruf an alle im Gesundheits- und Sozialwesen Tätigen, sich an den von ihm konzipierten Möglichkeiten der Prophylaxe zu beteiligen, um einen weiteren Krieg zu verhindern und einen dauerhaften Frieden möglich zu machen. Auch ein Internationaler Kongress für Psychohygiene in London 1948 und das Unesco Tension Project in Paris widmeten sich diesem Thema. Zu den dabei beteiligten Psychiatern gehörte der ungarische Psychoanalytiker und Arzt Franz Alexander, der im Anschluss an den erwähnten Kongress den Artikel zur «Psychiatrischen Prophylaxe gegen den Krieg» publizierte. Und auch Maria Montessori, die italienische Reformpädagogin, hielt in einem Buchbeitrag fest: «Die wahre Verteidigung der Völker kann nicht auf Waffen beruhen. Denn Kriege folgen einander, und der Sieg sichert nie den Frieden oder die Wohlfahrt eines jeden – er wird es auch nie tun können, wenn wir nicht die Erziehung als grosse ‹Rüstung für den Frieden› einsetzen.»

Fehlgeschlagene Überlegungen

In Erziehung und Bildung sahen viele Pädagogen und Psychologen einen möglichen Weg zur Prophylaxe, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden verschiedene Programme zur Friedenserziehung ausgearbeitet. Wie konnte man in den Kindern und Jugendlichen einen Widerwillen erzeugen, sich für einen Krieg instrumentalisieren zu lassen? Nicht immer führten die Überlegungen zum Ziel. Zum Beispiel gestaltete man Ausstellungen mit Bildern, welche die Gräuel des Krieges dokumentierten. Aber die damit konfrontierten Kinder entwickelten entweder Ängste, Nervosität oder Unsicherheit, oder sie bildeten eine Gewöhnung an Gewalt und gefühlsmässige Abstumpfung aus. Heute ist auf Grund der entwicklungspsychologischen Forschung klar, dass dieser Weg nicht tauglich war, weil er das Grundvertrauen des Kindes in seine Mitmenschen, in die menschliche Gemeinschaft herabsetzt und es überhaupt in seiner ganzen Persönlichkeit geschwächt wird. Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen als Vorbilder den Weg des Friedens vorleben und ihnen den notwendigen Schutz geben, damit ihre seelische Entwicklung nicht leidet.
  Der kanadische Psychologe Albert Bandura mit seinen Forschungen zur Aggression und die Forschergruppe um Monroe Lefkowitz mit seiner 1977 erschienenen Langzeitstudie «Growing up to be violent» zeigten klar, dass sich Kinder an Vorbildern ihres näheren Umfeldes orientieren. Nehmen Eltern und Lehrer die entsprechende Rolle nicht ein, so suchen die Kinder anderweitig Vorbilder, zum Beispiel in den Medien. Eine Erkenntnis, die all jene zur Kenntnis nehmen müssen, die unseren Kindern und Jugendlichen die heute sehr verbreiteten Gewaltdarstellungen in Filmen und gewaltverherrlichende Videospiele zumuten.

Friedenserziehung beginnt am Familientisch

Die Forschungsergebnisse der Humanwissenschaften der letzten Jahrzehnte zeigen, dass der Mensch in seiner Natur sozial ist und Kinder durch Erziehung und Bildung zu Verantwortung, Mitgefühl, Solidarität und Kooperation zu Friedensliebe geführt werden können. Deshalb beginnt Friedenserziehung in der Familie und wird in der Schule im Zusammenleben in der Klassengemeinschaft (sic!) weitergeführt. Soll Friedenserziehung gelingen, so muss sie in den ersten zwischenmenschlichen Beziehungen ansetzen, in denen der Mensch seine Persönlichkeit entwickelt und das Gefühl sozialer Verbundenheit ausbildet. Die Gegenseitigkeit in der Beziehung zwischen Eltern und Kind, die tiefen emotionalen Bindungen, das Verbindende in der gemeinsamen Zukunft, das Miteinander bei der Gestaltung und Sicherung des Lebens sind durch nichts ersetzbar. Wenn das Gespräch am Familientisch lebt, erfährt ein Kind über den familiären Rahmen hinaus Anteilnahme und Interesse an den Belangen seiner Mitmenschen. Hier wird beim Kind gefühlsmässig der Wunsch gelegt, später in der Welt tätig zu sein und einen Beitrag im kleineren oder grösseren Rahmen im Sinne des Bonum commune einzubringen. Ein solches Kind fühlt sich als Erwachsener den Anforderungen in Familie, Beruf und Gemeinschaft gewachsen und zeigt Interesse, Sachverstand und Engagement in der politischen Auseinandersetzung. Es lässt sich nicht gegen seine Mitmenschen aufwiegeln und versteht es, seinen Verstand und seine Vernunft mutig zu gebrauchen, um sich ideologischen Verführungen kritisch und entschieden entgegenzustellen, sich weder in einen Krieg hineintreiben zu lassen, noch sich passiv und wehrlos der Gewalt zu beugen.
  Heute sind wir deshalb gefordert zu überprüfen, was bisher geleistet wurde, und auf dem Boden eines wissenschaftlichen Menschenbildes neu zu durchdenken, was wir dazu beitragen können, dass eine Generation heranwächst, die den Gedanken des Friedens in sich trägt.  •


Quellen und andere Texte zum Nachforschen und Weiterdenken:

Adler, Alfred (1919). Die andere Seite. Eine massenpsychologische Studie über die Schuld des Volkes. Wien: Verlag Leopold Heidrich, Wien

Alexander, Franz (1949). «Psychiatrische Prophylaxe gegen den Krieg». In: Pfister-Ammende M. (Hg.). (1949). Die Psychohygiene. Grundlagen und Ziele. Bern: Hans Huber. S. 164–174

Buchholz, A.; Gautschi, E.; Hanke Güttinger, H. Friedenserziehung heute – eine Besinnung. Unveröffentlichtes Manuskript

Lefkowitz, M. M.; Eron, L. D.; Walder, L. O., & Huesmann, L. R. (1977). Growing up to be violent: A longitudinal study of the development of aggression. Pergamon

Montessori, Maria. In: Roth, K.F. (1981). Erziehung zur Völkerverständigung und zum Friedensdenken. EOS-Verlag

Plack, Arno (Hrsg.) (1973). Der Mythos vom Aggressionstrieb. München: Paul List Verlag

Sullivan, Harry Stuck (1947). «Remobilization for enduring peace and social progress». In: The fusion of psychiatry and social science. H. Swick Perry editor, New York: Norton, 1964, S. 273–289; https://doi.org/10.1080/00332747.1947.11022643 (abgerufen am 15.9.2021)

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