Uranwaffen-Einsatz in Afghanistan

von Frieder Wagner

Im Mai 2002 entsandte das Uranium Medical Research Center (UMRC), eine NGO aus Kanada unter Leitung von Prof. Dr. Asaf Durakovic, ein Forschungsteam nach Afghanistan. Das UMRC-Team begann seine Arbeit, indem es zunächst einige hundert Menschen identifizierte, die an Krankheiten oder medizinischen Zustandsbildern litten, die jene klinischen Symptome widerspiegeln, die als charakteristisch für eine radioaktive Verstrahlung gelten. Um zu untersuchen, ob diese Symptome die Folge einer Strahlenkrankheit sind, wurden Urinproben und Proben des Erdbodens gesammelt, die in ein unabhängiges Forschungslabor nach England gebracht wurden.
  Das UMRC-Forschungsteam fand so sehr schnell erschreckend viele afghanische Zivilisten mit akuten Symptomen einer radioaktiven Vergiftung, die einhergingen mit chronischen Symptomen einer inneren Urankontamination, einschliesslich Missbildungen bei Neugeborenen. Bewohner vor Ort berichteten von grossen, dichten, blau-schwarzen Staub- und Rauchwolken, die seit 2001 bei Bombardierungen immer wieder an den Einschlagstellen aufstiegen, verbunden mit einem beissenden Geruch, gefolgt von einem Brennen in den Nasenhöhlen, im Hals und den oberen Atemwegen. Die Opfer schilderten zunächst Schmerzen in der oberen Halswirbelsäule, in den oberen Schulterpartien, in der Schädelbasis, Schmerzen im unteren Rücken, an den Nieren, Gelenk- und Muskelschwäche, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Gedächtnisprobleme und Desorientierung.
  Insgesamt zwei Forschungsgruppen wurden nach Afghanistan entsandt. Die erste konzentrierte sich auf die Region um Jalalabad. Die zweite folgte vier Monate später und erweiterte die Studie um die Hauptstadt Kabul mit ihren annähernd 3,5 Millionen Einwohnern. In der Stadt selbst fanden die Forscher die höchste registrierte Anzahl an unbeweglichen Zielen, die während der «Operation Enduring Freedom» 2001 beschossen wurden. Das Team hatte erwartet, dass man in den Urin- und Bodenproben, die man genommen hatte, Spuren von abgereichertem Uran finden würde. Aber das Team war nicht auf den Schock vorbereitet, der durch die Ergebnisse bei ihnen ausgelöst wurde: Tests mit einer Anzahl Menschen aus Jalalabad und Kabul zeigten Konzentrationen, die 400 % bis 2000 % über denen lagen, die in normalen Populationen vorkommen – Mengen, die nie zuvor in Untersuchungen an Zivilisten gemessen worden waren, auch nicht in Tschernobyl. In Jalalabad und in Kabul zeigte sich so, dass Uran das hohe Ausmass an Krankheiten verursachte.
  Anders als im Irak zeigten die UMRC-Laboruntersuchungen in Afghanistan hohe Konzentrationen von nicht abgereichertem Uran – deshalb war die Kontamination viel höher als bei den Opfern des abgereicherten Urans im Irak. In Afghanistan wurde – so UMRC – eine Mischung aus sogenanntem «jungfräulichem Uran» und dem Abfall von Anreicherungsprozessen in Atomreaktoren verwendet, denn in allen Proben wurde auch das Uran 236 gefunden, und Uran 236 kommt, wie wir inzwischen wissen, in der Natur nicht vor und entsteht erst in der Wiederaufbereitung von Brennstäben aus den Atomkraftwerken.
  Die Menschen in Kabul, die den amerikanisch-britischen Präzisions-Bombardements unmittelbar ausgesetzt waren, zeigten darum extreme Anzeichen einer Verseuchung durch Uranlegierungen. Die von den Bombenangriffen Betroffenen berichteten auch über grippeähnliche Symptome wie eine blutende, laufende Nase und eine blutende Mundschleimhaut. Sogar das Forschungsteam selbst klagte über ähnliche Symptome während seines Aufenthaltes. Die meisten dieser Symptome dauerten Tage bis Monate an. Im August 2002 brachte das UMRC-Team seine vorläufige Analyse der Ergebnisse aus Afghanistan zum Abschluss: Ohne Ausnahme wurde jede Person, die eine Urinprobe abgegeben hatte, positiv auf Urankontamination getestet. Die spezifischen Ergebnisse wiesen einen erschreckend hohen Verseuchungsgrad auf. Die Konzentrationen waren 100 – 400mal grösser als jene der Golf-Kriegsveteranen, die von UMRC 1999 und später 2003 mit uns im Irak getestet worden waren.
  Im Sommer 2003 kehrte das UMRC-Team erneut nach Afghanistan zurück, um eine breiter angelegte Untersuchung durchzuführen. Diese ergab eine noch grössere Belastung als anfänglich angenommen. Ungefähr 30 % der Interviewten in den betroffenen Gegenden zeigten Symptome der Strahlenkrankheit. Auch Neugeborene gehörten zu den Symptomträgern, und die Dorfältesten berichteten, dass über 25 % aller Kinder unerklärlich krank seien.
  Im Ergebnis bedeutet dies, dass laut UMRC Afghanistan zum Testfeld für eine ganz neue Generation bunkerbrechender Uranmunition und -bomben benutzt worden war, die hohe Konzentrationen von allen möglichen Uranlegierungen enthielten. Der in den USA lebende gebürtige Afghane Prof. Dr. Mohammad Daud Miraki erklärte mir – nach seiner Reise durch Afghanistan –, dass er schwerst geschädigte Kinder in den Hospitälern zum Beispiel von Kabul gesehen und fotografiert hat, die dann wenige Tage nach der Geburt unter furchtbaren Schmerzen gestorben sind, und dass alle Beteiligten, also die Ärzte dieser Kinder, aber auch deren Eltern, nicht nur um ihre Karriere, sondern um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie sich an Untersuchungen von Schäden beteiligen, die einen Uranwaffen-Hintergrund vermuten lassen. Konkret führte Dr. Miraki an: «Eltern wollten ihre Namen und die ihrer geschädigten Kinder nicht nennen und Ärzte wollten sich an solchen Untersuchungen nicht beteiligen.»
  Es scheint, dass die damalige Jagd nach einer Handvoll Terroristen, wie Osama bin Laden, in Afghanistan eine ungeheure, bisher nicht bekannte Anzahl unschuldiger Zivilisten, darunter unverhältnismässig viele Kinder, vergiftet hat. Die Zahl dieser kontaminierten Menschen geht nach Schätzungen von Experten in die Zehntausende, bald in die Hunderttausende. Ähnliche Zahlen gelten für den Irak, Bosnien und den Kosovo, wo die Alliierten ebenfalls tonnenweise Uranmunition und -bomben eingesetzt haben.
  Die US-Regierung gibt inzwischen zu, auch im Urin eigener Soldaten Uran gefunden zu haben, behauptet aber, das sei in den meisten Fällen zu wenig, um sie ernsthaft krank machen zu können. Bisher veröffentlichte Zahlen sprechen allerdings dagegen.
  Inzwischen haben neutrale Wissenschaftler, unter ihnen Prof. Dr. Asaf Durakovic, der deutsche Arzt Prof. Dr. Siegwart-Horst Günther, die Strahlenbiologin Dr. Rosalie Bertell sowie der amerikanische Wissenschaftler Dr. Leonard Dietz, aber auch amerikanische Militärwissenschaftler bewiesen, dass Uranwaffen Massenvernichtungswaffen sind, die weltweit verboten werden müssen. Deshalb sollte Deutschland sofort völkerrechtlich verbindlich den Verzicht auf diese Militärtechnologie fordern.
  Vor einiger Zeit konnte man wieder einmal in der Presse lesen, dass in den vergangenen Jahren etwa 100 000 deutsche Soldaten in Afghanistan im Einsatz waren. Diese Soldaten waren in Kunduz, in Feisalabad und in Massar-i-Sharif stationiert gewesen. In Regionen also, von der auch die Bundesregierung und das Verteidigungsministerium wissen muss, dass dort im Herbst 2001 im Rahmen der «Operation Enduring Freedom» durch US- Kampfflugzeuge Urangeschosse und -bomben eingesetzt worden sind. Neutrale Wissenschaftler und Ärzte und auch NGOs wie UMRC befürchten deshalb, dass sich bis zu 30 % dieser deutschen Soldaten, und das gilt für alle dort eingesetzten Soldaten, mit Uran-Nanopartikelchen kontaminiert haben könnten, mit allen furchtbaren gesundheitlichen Folgen von Immunschwäche, Krebserkrankungen, Leukämien und genetischen Veränderungen, auch für ihre Kinder und Kindeskinder.
  Und die afghanische Bevölkerung? Für sie, so sagen neutrale Wissenschaftler, ist das Risiko, sich zu kontaminieren, etwa 1000fach höher, da sie dort leben müssen. Deshalb sagte ein afghanischer Vater, dessen Kind durch eine amerikanische Bombe getötet wurde, verbittert zu Professor Daud Miraki:

«Wir haben keine Flugzeuge, aber wir haben etwas, was die Amerikaner nicht haben, nämlich Grundsätze und Ethik. Wir werden amerikanischen Kindern nie etwas antun, das im entferntesten dem gleicht, was die Amerikaner unseren Kindern und unseren Familien angetan haben. Vielleicht gewinnen sie noch einige Kämpfe, aber wir haben den grossen Kampf schon gewonnen, jenen um das moralische Recht.»

Auch ich hatte ursprünglich den Plan, für den Film «Todesstaub» in Afghanistan zu drehen. Als ich im Irak darüber mit Tedd Weyman sprach, der zweimal vor Ort war, sagte er mir, dass er mir dringend abrate, nach Afghanistan zu reisen, weil es dort Regionen gäbe, die viel stärker mit Uranwaffen kontaminiert seien als die schlimmsten Orte im Irak. Und da schon die Verseuchungen im Irak furchtbar sind, habe ich diese Idee dann fallengelassen.  •

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