Was wir Afghanistan angetan haben

Fünf Wochen ist es nun her, dass Kämpfer der Taliban in die afghanische Hauptstadt Kabul einmarschiert sind. Am 30. August 2021 haben zuletzt auch die am Flughafen von Kabul noch verbliebenen US-Soldaten das Land verlassen. Inwieweit nun die Taliban ganz Afghanistan auch tatsächlich beherrschen, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Und auch die Frage, was aus Afghanistan und den im Land lebenden Menschen werden wird, kann heute nicht beantwortet werden. Zu wünschen ist ihnen, dass sie nach mehr als 40 Jahren nun einen Weg finden, in Frieden zusammenzuleben, dass die katastrophale humanitäre Situation im Land möglichst schnell verbessert werden kann und dass die Afghanen selbst über ihr künftiges Schicksal bestimmen können. Die nächsten Monate und Jahre werden zeigen, wie realistisch diese Wünsche sind. Und wer verantwortlich für die eine oder die andere Richtung ist.
  Mehrheitlich Propaganda ist die Art und Weise, wie die Verantwortlichen in den Nato-Staaten und deren Mainstream-Medien in den vergangenen fünf Wochen auf ihre Niederlage reagiert haben. Historische Vergleiche können Grundlinien, Haltungen der Verantwortlichen, Wege und Irrwege veranschaulichen – und der Verfasser dieser Zeilen musste bei der Lektüre vieler Mainstream-Texte auch an die schwere Niederlage der deutschen Wehrmacht in Stalingrad im Winter 1942/43, die offizielle deutsche Reaktion darauf mit der Rede des deutschen Propagandaministers Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast und den deutschen «totalen» Krieg denken, der trotz der nicht mehr zu leugnenden Niederlage im Krieg weitere mehr als zwei Jahre geführt wurde und mehr Menschenleben kostete und mehr Zerstörungen brachte als die Kriegsjahre zuvor. Wie gesagt, nicht der Gleichsetzung, aber der Grundlinien wegen.
  Es gibt indes auch im Mainstream andere Stimmen. Dazu gehören Aussagen wie die von Gilles Dorronsoro – Professor für Politikwissenschaft an der Pariser Universität Panthéon-Sorbonne und Feldforscher in Afghanistan seit 1988 –, die am 25. August 2021 von der «Neuen Zürcher Zeitung» in einem Interview veröffentlicht wurden: «Nicht die Taliban, sondern wir haben den afghanischen Staat zerstört.» Dazu gehören interessante Stimmen zur Aufarbeitung der Geschichte seit dem 11. September 2001 wie die des Mannheimer Historikers Philipp Gassert und dessen schon im Mai 2021 erschienenes Buch «11. September». Und wenn man über den deutschsprachigen Raum hinausschaut, erkennt man, dass vor allem in den USA selbst sehr kontrovers und auch breit angelegt diskutiert wird. Ein Beispiel dafür ist das US-amerikanische «Quincy Institute for Responsible Statecraft», auf das die «NZZ am Sonntag» am 5. September mit einem Interview aufmerksam gemacht hat. Selbst «Foreign Affairs», die Zeitschrift des einflussreichen Council on Foreign Relations, hatte am 3. September getitelt: «Afghanistan’s corruption was made in America». Wobei – das darf man nicht verschweigen – auch hier vor allem US-amerikanische Eigeninteressen im Zentrum stehen.
  Aber wäre es nach fast 20 Jahren Nato-Krieg nicht auch an der Zeit, andere Fragen als die jetzt noch mehrheitlich verlautbarten in den Mittelpunkt zu stellen? Allen voran: Was haben wir dem Land und den Menschen angetan? Und wie können wir in Anbetracht unserer grossen Schuld – die ja nicht mehr wettzumachen ist – zumindest helfen, dass die Menschen im Land künftig besser leben können als in den vergangenen 40 Jahren? – Zwei Fragen, die sich im übrigen mit Blick auf jedes der von den USA und anderen Staaten mit Krieg überzogenen Länder stellen.
  Anders gefragt: Was für ein Irrweg ist es, wenn in den vergangenen Wochen breit über die «grossartigen» Evakuierungsleistungen von US-Armee und deutscher Bundeswehr gesprochen und «berichtet» wurde? Wenn immer wieder darüber sinniert wird, ob man nicht zu früh aus dem Land abgezogen sei? Wenn sich die Vorwürfe gegen unsere Regierungen vor allem darauf beschränken, man habe zu wenig und zu spät etwas für die Evakuierung der «Ortskräfte» im Land und überhaupt aller Ausreisewilligen getan? Wenn der Fokus ganz auf eine verwestlichte Minderheit von Frauen gerichtet wird – nicht auf die Millionen von Frauen, die und deren Familien all die Jahre unzählige Kriegsleiden und furchtbare Entbehrungen ertragen mussten? Wenn überall danach gesucht wird, wie menschenrechtswidrig die nun herrschenden Taliban handeln? Wenn sich die Nato-Staaten in ihren Forderungen an die Taliban zu überbieten versuchen? Wenn behauptet wird, dass es den Afghanen doch so viel besser gegangen sei, als die Nato-Staaten das Land noch «demokratisieren» und «zivilisieren» wollten – obwohl zugestandenermassen ja nicht alles funktioniert habe und die afghanische Bevölkerung wohl auch noch nicht so richtig «reif» für ihre Verwestlichung gewesen sein soll? Wenn nun von Verantwortlichen in der EU (wie der Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der EU vom 15. September) eine militärische Aufrüstung gefordert wird, um künftig «unabhängig» von den USA in den Krieg ziehen zu können? Und so weiter und so fort.
  Wir haben uns entschieden, den Schwerpunkt anders zu legen als grosse Teile des «Mainstream». Ein Text ist dem 2019 erschienenen Buch des Filmemachers Frieder Wagner, «Todesstaub – Made in USA. Uranmunition verseucht die Welt», entnommen. Es ist das Kapitel über Afghanistan. Der zweite Text ist eine Rede des ehemaligen Bundeswehroffiziers Jürgen Rose, die dieser am 1. September 2021 – am Weltantikriegstag – in München gehalten hat. Beide Autoren haben uns ihre Texte dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.
  Mögen unsere Leser darüber nachdenken und entscheiden, was der Wahrheit, um die es heute gehen würde, am ehesten entspricht.

Karl-Jürgen Müller

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