Wie umgehen mit der Covid-19-Pandemie in der Schweiz?

von Alex Kuprecht, Präsident des Schweizer Ständerates

«Die Schweiz wird unversöhnlich» – so lautete die Überschrift der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 31. August dieses Jahres. In der Tat: Die Fronten zwischen den Impfbefürwortern und den Impfgegnern werden immer unüberwindlicher. Die Stimmung in der Bevölkerung wird immer gehässiger, und die Sicht sowie das Verhältnis gegenüber den seitens des Bundesrates angeordneten Massnahmen sind wie jene von Gefangenen in einer Tunnelröhre, ohne Sicht auf die getroffenen Massnahmen unserer Nachbarländer. Zertifikatspflichten werden von den einen verteufelt und von den anderen, die teilweise aus der gleichen Branche stammen, sehr begrüsst, obwohl bzw. weil die Impfquote in unserem Land gegenüber anderen Ländern auf Grund teilweise gelockerter Massnahmen bzw. Zertifikatspflicht weit unter 70 Prozent liegt. Zurückkommend auf eine internationale Tagung der Parlamentspräsidenten aus aller Welt, musste ich feststellen, dass unsere österreichischen Nachbarn trotz erhöhter Impfquote wesentlich strengere Vorschriften durchsetzen, auch in Aussenbereichen von Restaurants. Insofern haben wir bei uns ein geradezu liberales Regime bezüglich Zertifikatspflicht und anderer angeordneter Massnahmen.
  Wer glaubt, die Pandemie lasse sich mit Demonstrationen, Bedrohungen, ja, sogar mit der Anwendung von Gewalt bezwingen, wird dereinst feststellen, dass das Virus darauf keine Rücksicht nehmen wird, dass auch die Spaltung unserer Gesellschaft die Krankheit nicht wird aufhalten können.
  Ich rufe deshalb alle Bürgerinnen und Bürger auf, auf derartige Interventionen zu verzichten und im gegenseitigen friedlichen Gespräch, mit aktivem Zuhören und gegenseitigem Verständnis aufeinander zuzugehen und gemeinsam und in Respekt der Gedanken des anderen diese pandemische Krise zu meistern. Hören wir auf mit gegenseitigen Schuldzuweisungen, hören wir auf mit dem Säen von Verdruss und Zwist zwischen den Gesellschaften, und sorgen wir dafür, dass die Kluft in den Freundeskreisen und Familien nicht weiter zunimmt. Derart verbreitete Stimmungen und Gehässigkeiten lösen mit Sicherheit keine Probleme, hinterlassen aber tiefe Wunden und Gräben, die in der Zukunft nur sehr schwer wieder geheilt oder überwunden werden können.
  Reichen wir uns doch viel lieber gegenseitig die Hände und versuchen gemeinsam, das Beste aus dieser schwierigen Situation zu machen. Die Stärkung des Zusammenhalts, die Kraft, miteinander die Probleme zu lösen und die Zukunft gemeinsam positiv zu gestalten, sind Werte unseres Landes. Sie haben die Schweiz zu dem gemacht, für das wir bis heute im Ausland geachtet, ja, gar bewundert werden. Besinnen wir uns also auf diese Werte der erfolgreichen Vergangenheit und lösen wir uns vom Spaltpilz der Entzweiung unserer Gesellschaft. Ich rufe Sie deshalb alle auf, sich aktiv und verbindend einzusetzen und angesichts der aktuellen Schwierigkeiten als politische Verantwortungsträgerinnen und -träger in unserer Demokratie verbindend mitzuwirken.
  Nehmen Sie die Gelegenheit wahr, bei der Versöhnung in der Gesellschaft, in den Vereinen, aber auch in angespannten Situationen in den Familien mitzuwirken. Benutzen Sie die Gelegenheit, aktiv zur Pandemiebewältigung beizutragen, indem Sie sich impfen oder periodisch testen lassen. Wir hier in unserem Land haben diese Möglichkeiten, währenddessen beispielsweise Menschen in afrikanischen Ländern mit einer Impfquote von unter 5 Prozent nur davon träumen können.
  So weit meine Gedanken zur aktuellen politischen Situation, die mich sehr bewegt; was in diesem Land jetzt vor sich geht, berührt mich.  •

Quelle: Auszug aus dem Amtlichen Bulletin Nr. 21.9001 der Sitzung vom 13.9.2021
(Schweizer Ständerat, Herbstsession 2021: Mitteilungen des Präsidenten);
https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/amtliches-bulletin/amtliches-bulletin-die-verhandlungen?SubjectId=53878

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