Innehalten! Neu sehen! Sich Gedanken machen …

Johannes Vermeer. Vom Innehalten – Zur Ausstellung in der Gemäldegalerie Dresden

von Gisela Schlatterbeck-Kersten

Als im März dieses Jahres die Ausstellung von Bildern des holländischen Malers Jan Vermeer in den Staatlichen Kunstsammlungen von Dresden* angekündigt wurde, erregten zwei Dinge meine Aufmerksamkeit.
  Eine Ausstellung – die einigen Rummel mit sich bringen würde – mit dem Titel «Vom Innehalten» anzukündigen, hat mich sehr berührt. In meiner Studienzeit hatte mich das Bild von Vermeer «Dorfstrasse» im Rijksmuseum in Amsterdam intensiv beschäftigt. Ich musste wirklich innehalten, als ich aus dem grossen Saal mit dem Riesengemälde der «Nachtwache» von Rembrandt kam, weil die verhältnismässig kleinformatigen Bilder Vermeers Zeit brauchen, um all die kleinteiligen «Nachrichten» zu entziffern, die das Bild bietet. 

Zum anderen: Innehalten? Warum?

Man muss sich vorstellen: Ein Bild, das viele, viele Male reproduziert worden ist, über das viele Interpretationen geschrieben wurden, dieses «Brieflesende Mädchen am offenen Fenster» wird im Laufe der Restauration fast plötzlich für den Kunstbetrachter neu erfunden, ist neu zu interpretieren, bringt überhaupt viele Aspekte über Gemälde und ihre Geschichte ans Licht.
  Da hatte jemand, vermutlich nach Vermeers Tod, veranlasst, ein für ihn vielleicht störendes oder sogar anstössiges Detail, nämlich einen nackten Putto oberhalb des Mädchenkopfes, zu übermalen. Und heute, wo es möglich ist, ein Bild zu durchleuchten, war klar: Da ist ein Eingriff geschehen, nicht vom Maler selbst, sondern später.
  Und Experten haben beraten, ob man das Wagnis eingehen solle, so einen Eingriff rückgängig zu machen. Eine Kommission beschloss, das Bild «Brieflesendes Mädchen» in den vom Maler konzipierten Zustand zurückzuführen.
  Es ist beeindruckend, in Videos diesen Restaurationsvorgang zu verfolgen.
  Innehalten! Neu sehen! Sich Gedanken machen, was jetzt zu sehen ist, vergleichen mit anderen Bildern Vermeers, mit Bildern von Kollegen, eine Schau von Werken aus der goldenen Zeit der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, die jetzt in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden ausgestellt ist.
  Wichtig zu wissen, dass man sich Karten für ein Zeitfenster besorgen muss, zu dem man eingelassen wird. Gut daran ist, dass die Ausstellung nie überfüllt ist, obwohl man bleiben kann, so lange man möchte. Es ist wohltuend ruhig dort, die Besucher lassen rücksichtsvoll jeden in Ruhe vor den Bildern stehen.
  Die einzige Sitzbank steht im letzten Raum, wo auch das Bild «Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster» hängt. Dort ist man endlich vor dem Bild, von dem man im Vorraum die Nahaufnahmen des Restaurierungsprozesses und von Farbanalysen sieht.
  Die Aufforderung zum Innehalten gilt im Besonderen den Bildern von Jan Vermeer. Meist haben die Gemälde eine verborgene Bedeutung. Ein gebildeter Betrachter des 17. Jahrhunderts konnte wohl entschlüsseln, was der Putto mit Bogen bedeutete, der da noch auf eine am Boden liegende Maske tritt. Wir Heutigen erkennen einen Amor, übersehen aber die Masken am Boden des gemalten Bildes im Hintergrund. Was sollen die bedeuten? Masken dienen der Verstellung, also der Falschheit. So bedeutet der Amor die Liebe, er tritt auf die Maske als Falschheit, also ist wohl die wahre Liebe gemeint.
  Oder in dem Bild der «Frau mit der Waage». Sie hält inne, bis die Goldwaage im Gleichgewicht ist. Auf dem Tisch sieht man Perlenketten und Goldschmuck. Und auch wieder ein Bild im Hintergrund: Das jüngste Gericht, Christus als Weltenrichter. Dann könnte eine mitzulesende Bedeutung die Frage der Gerechtigkeit, der Ehrlichkeit oder sogar der Mildtätigkeit sein. Aber diese Hinweise stehen wirklich nur im Hintergrund. Jedes Bild ist eine Kostbarkeit.
  Eine interessante Entdeckung gab es noch: Bei einigen der vergoldeten Rahmen fiel mir ein feiner Schnitt rundum etwa in der Mitte der Rahmenbreite auf, sogar Scharniere sah ich und ein winziges Schlüsselloch. Auf die Frage an den Aufseher, ob das ein Wechselrahmen sei, erklärte er, wohl froh um die Abwechslung, dass der König als Besitzer der Sammlung ausgewählten Besuchern einige Bilder ohne die Scheibe davor zeigte, um die Ölfarben noch schöner zum Leuchten zu bringen.  •



* Ausstellung: Johannes Vermeer. Vom Innehalten; 10.9.2021–2.1.2022 in der Gemäldegalerie Alte Meister im Zwinger Dresden – Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Interessant ist auch das Video: Die Restaurierung von Johannes Vermeers «Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster».

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