Können wir von China lernen?

von Moritz Nestor

In dem 2009 auf Deutsch erschienenen Buch von Yu Dan «Konfuzius im Herzen. Alte Weisheiten für die moderne Welt» heisst es:
  «Arm, aber trotzdem glücklich und zufrieden sein, das riecht in der heutigen Welt leicht nach mangelndem Ehrgeiz. Es herrscht ein riesiger Konkurrenzdruck, und jeder versucht nach Kräften, in seinem Beruf voranzukommen. Die Höhe des Einkommens und das Prestige des jeweiligen Postens sind scheinbar die einzigen Kriterien geworden, den Erfolg eines Menschen zu beurteilen. Doch je schärfer der Wettbewerb, desto wichtiger ist es für uns, unsere Einstellung zu überdenken und auch im Umgang mit anderen Menschen offen zu sein. Wie kann man sich im einundzwanzigsten Jahrhundert noch wahrhaft menschlich verhalten?» (S. 34)
  Auf diese Frage versucht das Buch der 1965 geborenen Chinesin Yu Dan, Professorin für Chinesische Literatur und Dekanin am Fachbereich Film und Fernsehen an der Beijing Normal University, aus der Sicht der chinesischen Philosophie tragende Antworten für die Lebensführung zu geben – für das heutige selbstbewusste China. Und für «uns Menschen». Mehr als zehn Millionen Exemplare ihres Konfuzius-Buches sind bereits an ein begeistertes Publikum verkauft. Die deutsche Ausgabe erschien 2009, grosszügig unterstützt vom Übersetzungsfond des Amtes für Presse und Publikationswesen der Volksrepublik China. Das chinesische Fernsehen begeistert mit Yu Dans Sendungen über die Gespräche des Konfuzius (Lun Yu) ebenfalls Millionen Zuschauer.
  Für Yu Dan ist die 2500 Jahre alte Lehre des Konfuzius gleichsam eine heilende heisse Quelle.
  «Was ich tun kann, ist, mich selbst ins Wasser zu begeben und – wie unzählige Menschen vor mir – am eigenen Leib der wohltuenden Wirkung dieser Quelle nachzuspüren, die uns seit über zweitausend Jahren ihre Wärme spendet. Der Gütige erkennt die Güte anderer, der Weise auch eine fremde Weisheit.» (S. 10f.)
  Man meint zwischen diesen und ähnlichen Zeilen herauszulesen, was es bedeutete, dass Yu Dan schon als Sechsjährige an der Hand ihres Grossvaters, eines Literaturwissenschaftlers und Philosophen, mit der 2500 Jahre alten Lehre des Konfuzius vertraut wurde.
  «Klassiker wie Konfuzius rufen in uns Menschen Ehrfurcht hervor», sagt Yu Dan. Aber mehr noch: Es sei deren «Offenheit und Anpassungsfähigkeit, die uns Menschen seit Jahrtausenden ihre Nähe suchen lässt. Ein jeder kann durch sie individuelle, ganz persönliche Einsichten gewinnen, denn so unterschiedlich die Lebenswege sein mögen, ihnen liegen die gleichen gemeinsamen Werte zugrunde. ‹Echte Wahrheit ist uns nah›, dieser Ausspruch trifft es wohl am besten. Ich glaube, die wirklich Weisen dieser Welt verschrecken die Menschen nicht.» (S. 11)
  Wenn Yu Dan «in uns Menschen» sagt und dass unseren individuellen Lebenswegen «die gleichen gemeinsamen Werte zugrunde» liegen, betont sie damit den naturrechtlichen Gehalt der konfuzianistischen Lehre, um es in westlichen Worten zu sagen. Der europäische Leser kann das dann für sich weiterdenken und mit der eigenen Kulturentwicklung vergleichen, wann, wo und wie die Grundprinzipien der konfuzianistischen Lehre unter anderen Bedingungen und auf anderen denkerischen Wegen und in einer anderen Sprache auch in der europäischen Naturrechtsphilosophie, im Christentum und in der personalen Psychologie und Anthropologie auftauchen. Und er findet für sich heute eine wertvolle Weisheit, die ihn über das populistische Tagesgeschwätz erhebt: dass das Naturrecht eben keine «katholische Sonderlehre» ist, sondern gerade in den tausendjährigen Hochkulturen, wie es China mit seinen 5000 Jahren und das «alte Europa» mit seinen 2500 Jahren sind, Ausdruck humanen Denkens und Fühlens: dass der Mensch geboren ist mit einer «Intention auf aufrechten Gang, auf menschliche Würde», wie Ernst Bloch einmal schrieb.
  Um nur ein Beispiel zu nennen: Vor 2500 Jahren lehrte Konfuzius in China. Im antiken Europa schufen die Staatsmänner und Philosophen der griechischen Aufklärung in etwa der gleichen Zeit die ersten grossen Werke demokratischen und naturrechtlichen Denkens. Wenn sie auch andere Wege als Konfuzius gingen, so kamen sie doch wie der grosse chinesische Meister zum gleichen Ziel: dass allen Kulturen «die gleichen gemeinsamen Werte zugrunde» liegen, weil sie trotz ihrer individuellen Unterschiede Menschen sind: das Zoon politikon, wie Aristoteles sagt. Politisch hiess das: In der Natur des Menschen liegt etwas Überzeitliches, an dem sich staatliches Handeln messen lassen muss, damit Recht gerecht werden kann. Macht allein schafft noch kein Recht, erkennen Konfuzius wie die antiken Griechen. Frieden allein reicht nicht. Es muss ein gerechter Friede sein. Der konfuzianistisch gebildete chinesische Herrscher musste zum Wohl des Volkes handeln, ansonsten hatte das Volk ein Recht auf Widerstand.
  Der europäische Leser wird bescheiden bei der Lektüre, denn er sieht, wie im China vor 2500 Jahren ein moralphilosophisches und staatspolitisches Denken entsteht, mit dem China Europa weit voraus war.

«Zeit ist kostbar»

Yu Dan kleidet ihre Antwort auf die Frage «Wie kann man sich im einundzwanzigsten Jahrhundert noch wahrhaft menschlich verhalten?» in eine Art Gleichnis: Wissenschaftler wollten einmal die Lebensenergie von Kürbissen herausfinden. Dazu belegten sie sie mit unterschiedlichen Gewichten, jeweils gerade soviel, dass die Frucht nicht zerdrückt wurde, sondern weiterwachsen konnte. Alle bis auf einen liessen sich problemlos mit dem Messer zerschneiden, als sie reif waren. Einen aber hatte man besonders lang und schwer belastet. Als er reif war und man ihn aufschneiden wollte, glitten Messer und Beile ab, und man musste eine Kettensäge holen. Fest wie ein Baumstamm war sein Fruchtfleisch geworden.
  Für Yu Dan ist das ein Bild «über das Leben an sich, eine grossartige Metapher für die Welt, in der wir modernen Menschen leben, und für die innere Lebenskraft, die wir entwickeln sollten. […] ‹Zeit ist kostbar› – das gilt heute mehr denn je. Bis zum siebzigsten Lebensjahr zu warten, das dauert zu lange. Fangen wir lieber hier und heute damit an. Die Gespräche des Konfuzius und die anderen konfuzianistischen Klassiker – überhaupt alle Erkenntnisse und Erfahrungen, die die Weisen der alten Tage uns hinterliessen – haben nur einen wahren Sinn: Ihr Studium soll uns helfen, die eigene Lebenszeit besser zu nutzen. Es soll uns Umwege ersparen und uns schneller zu Menschen mit edlem Charakter und Menschenliebe im Herzen werden lassen. […] So werden wir sowohl unserem eigenen Herzen als auch unserem Platz in der Gesellschaft gerecht. […] darin liegt die Bedeutung der weisen Männer des Altertums: dass sie mit einfachen Worten einen Weg aufzeigten, dem ihre Nachfolger über die Jahrhunderte hinweg folgen konnten […]. Dadurch sind sie zu Heiligen geworden und für die Chinesen zur Seele einer Nation.» (S. 218)
  Der Mensch habe neben seinem biologischen immer auch ein «geistiges und gesellschaftliches Alter. Es spricht nichts dagegen, auch mit zwanzig oder dreissig bereits eine der höheren Stufen des Lebensweges zu erreichen. Schon früh lernen, den äusseren Druck, der auf uns lastet, in innere Widerstandskraft zu verwandeln» (S. 217), übersetzt Yu Dan das Bild vom Kürbis.

«Mit fünfzehn war mein Wille aufs Lernen ausgerichtet.»

Was sagt der chinesische Klassiker uns Europäern über das Lernen? Der Lebensweg des Menschen beginne mit Lernen, sagt Konfuzius: «Mit fünfzehn war mein Wille aufs Lernen ausgerichtet.» «Lernen, ohne zu denken, ist nutzlos. Denken ohne zu lernen, ist gefährlich.» Und: «Zu viel ist genauso falsch wie zu wenig.» ( S. 196) In anderen Ländern gehe man davon aus, streicht Yu Dan heraus, «erfolgreiches Lernen müsse eine Veränderung des Handelns bewirken», also Steigerung von Effizienz, Veränderung des Wertesystems und bessere Anpassung an die gesellschaftlichen Anforderungen.
  In China dagegen, schreibt sie, «war man immer der Ansicht, dass eine Veränderung im Denken den Lernerfolg kennzeichnet. Lernen bestand demnach darin, sich einen fremden Standpunkt […] zu eigen zu machen und das Gehörte wiederum anderen weitergeben zu können.» (S. 196) Selbständiges Denken und Anwenden des Gelernten bei einer «entspannten Lernweise» gehört untrennbar zum Lernen.

«Mit dreissig war ich eigenständig.»

Anfang zwanzig beginnt der Mensch, ein eigenständiger Teil der Gesellschaft zu werden. Mit dreissig sollte er dann «eigenständig sein», sagt Konfuzius und meint vor allem eine innerliche Eigenständigkeit, mit der man seinen Platz in der Gesellschaft findet: nicht mehr blauäugig, aber auch nicht mehr verloren oder rebellisch. Im Mittelpunkt des «wirklich bereichernden Lernens» steht damit die Persönlichkeitsbildung und die Anwendbarkeit des Gelernten, das heisst auch: Selbstvertrauen besitzen.
  Eine, westlich gesprochen, reife Persönlichkeit «beherrscht Himmel und Erde gleichermassen». Yu Dan erklärt, diese Formulierung stamme aus dem chinesischen Schöpfungsmythos und umfasse «das Persönlichkeitsideal der Chinesen: jemand, der einerseits in seinem Idealismus und seiner Vorstellungskraft völlig frei über den Dingen schwebt und sich in diesem Raum nicht um die Regeln und Hemmnisse der materiellen Welt schert, der aber gleichzeitig mit beiden Beinen auf dem Boden steht und durch sein Handeln in dieser Welt Einfluss auf die Dinge nimmt. Wer also nur von Idealismus getrieben und ohne ‹Bodenhaftung› ist, der ist kein Idealist, sondern ein Träumer. Wer jedoch allzu ‹erdlastig› ist, also, ohne an den Himmel zu denken, nur das Weltliche vor Augen hat, der ist nicht Realist, sondern Pragmatiker.» (S. 22f.)

«Mit vierzig war ich frei von Zweifeln.»

Zwischen dreissig und vierzig liegen die besten Lebensjahre: Man lernt sich zu beschränken und ein «richtiges Mass» zu finden, sagt Konfuzius, als habe er den rund 200 Jahre späteren Aristoteles gelesen, der in seiner Tugendlehre sagte, dass der Mensch etwas um vierzig herum das Stadium erreichen könne, wo er im Tun das «Mass der Mitte» in seine Lebensführung integriert habe. «Freude, Wut, Trauer und Heiterkeit nicht nachgeben – das ist die Mitte; ihnen nachgeben, aber dabei das rechte Mass wahren, das ist Harmonie.» (S. 206) So entstehe nach Konfuzius in uns ein Zustand von Harmonie, der ein Leben in Frieden ermögliche. Der Mensch strahle Gelassenheit und Herzensruhe aus und ist zu einem nützlichen Glied der Gemeinschaft geworden. Das meinte Yu Dan eben, wenn sie sagte, die reife Persönlichkeit würde sich nicht als Träumer ohne Bodenhaftung einzig vom Idealismus treiben lassen, sondern sei jemand, der «mit beiden Beinen auf dem Boden steht und durch sein Handeln in dieser Welt Einfluss auf die Dinge nimmt».
  Wir Heutigen im Westen täten besser daran, anderen Ländern und Kulturen zuhören zu lernen. Denn das haben wir verlernt, wenn wir es denn je konnten. Der offene Kolonialismus ist nicht lange her. In unserem Nichtzuhören-Können aber lebt er innerlich fort. Wir könnten von Konfuzius viel lernen. •

Konfuzius, aus dem Buch «Lunyu»

«Wenn ein Edler achtungsvoll ist, ohne es an etwas fehlen zu lassen, und im Umgang mit anderen höflich und anstandsbewusst, dann sind alle auf dem Weltkontinent Brüder.» (12.5)
  «Ein Edler harmoniert mit anderen, aber er macht sich nicht gleich (passt sich nicht an). Ein [charakterlich] Gemeiner macht sich anderen gleich, harmoniert aber nicht mit ihnen.» (13.23)
  «Ein Edler kultiviert sich selbst und bringt damit den anderen Frieden.» (14.42)
  «Ein Edler stellt Forderungen an sich selbst, ein Gemeiner stellt sie an andere.» (15.21)
  «Ein Edler sinnt nach dem Dao (dem rechten Weg), nicht nach dem Verdienst. […] Er macht sich Sorgen um das Dao, nicht um seine Armut.» (15.31)
  «Heutzutage versteht man unter Pietät, sich auf Versorgung zu verstehen. Aber eine Versorgung können sogar Pferde und Hunde erhalten. Worin besteht der Unterschied [zur Versorgung der Eltern], wenn man keine Achtung besitzt?» (2.7)
  Ein Schüler fragte Konfuzius, «was Menschlichkeit sei». Konfuzius antwortete: «Sei im privaten Leben respektvoll, handle achtungsvoll, wenn du eine Sache in die Hand nimmst, und sei im Umgang mit anderen wohlwollend.» (13.19)
  «Ausserhalb des Hauses benehme man sich, als empfange man einen hohen Gast. Setzt man das Volk zur Arbeit ein, dann wie bei einer grossen Opferfeier. Was man selbst nicht wünscht, das tue man anderen nicht an. So wird man sich weder im Staat noch in seinem Clan Feindschaft zuziehen.» (12.2)
  Der Schüler fragte nach der Menschlichkeit. Konfuzius sagte: «Die Menschen lieben.» (2.22)
  Ein Schüler fragte: «Gibt es etwas, was aus einem Wort besteht und was man so das ganze Leben hindurch befolgen kann?» Konfuzius: «Das ist wohl die Gleichbehandlung (shu): Was man selbst nicht wünscht, da tue man anderen nicht an.» (15.24)
  «Für einen Menschlichen gilt: Wenn er selbst den Wunsch hat, auf der Welt zu bestehen, verhilft er auch anderen dazu. Und wenn er Vollendung begehrt, verhilft er auch anderen dazu.» (6.30.2)

Menzius, Schüler des Konfuzius’:
  «Der Wunsch nach Würde ist eine Ambition, die alle Menschen teilen. Aber jeder einzelne Mensch hat eine Würde in sich selbst, an die er nur nicht denkt (liang gui).»(6A17)

Aus: Laass, Henner et al. Lesebuch Interkultureller Humanismus.
Texte aus drei Jahrtausenden. Schwalbach/Ts. 2013, S. 96–98 und S. 103

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