«Europäer, die so schön predigen und so schlecht handeln»

von Fridtjof Nansen

mn. Auch der norwegische Polarforscher und spätere Friedensnobelpreisträger Fridtjof Nansen lebte eine Zeit unter den Eskimos Grönlands. In seinem bewegenden Buch «Eskimoleben» hat er deren Kultur ausführlich beschrieben.

«Selten oder nie kommt Streit vor. Die Grönländer können einfach nicht die Zeit mit nichtigem Gezänk vergeuden; der Kampf mit den Naturgewalten […] ist hier schwerer als irgendwo auf Erden, und das kleine Volk führt ihn ohne unnötige Zersplitterung. Seine erste Gemeinschaftspflicht heisst: andern helfen. Darauf und auf dem Zusammenhalt in Glück und Unglück beruht das Dasein in den kleinen Gemeinschaftswesen der Eskimos. Ein hartes Leben hat den Grönländer gelehrt, dass, selbst wenn er tüchtig ist und sich in der Regel allein durchhelfen kann, doch Zeiten kommen, wo er ohne die Hilfe seiner Mitmenschen untergehen muss. Darum ist es erforderlich, dass man ständig hilfsbereit ist. ‹Und wie ihr wollet, dass die Menschen euch tun, so tut ihnen› – diesen Lehrsatz, einen der ersten und wichtigsten des Christentums, hat die Natur selbst die Grönländer gelehrt. Ebenso wie Hilfsbereitschaft gegenüber Nachbarn ist Gastfreundschaft gegen Fremde Gesetz. […]
  Dass einige in Überfluss schwelgen, während andere Not leiden, so wie es in der europäischen Gesellschaft tagtäglich geschieht, ist unter den Eskimos […] undenkbar. […] Im Umgang sind sie friedlich und wohlwollend. Schimpfworte kennt ihre Sprache nicht. Schlägereien und andere Roheiten kommen unter ihnen nicht vor. Mord ist eine grosse Seltenheit. Einen Menschen zu töten, betrachten sie als Grausamkeit. Krieg ist in ihren Augen deshalb unverständlich und abscheulich, und ihre Sprache besitzt kein Wort dafür; in Soldaten und Offizieren […] sehen sie geradezu Menschenschlächter. […]
  So kamen die Europäer. Ohne das Volk zu kennen und zu wissen, was es braucht, nahmen sie ohne weiteres an, dass es von Grund auf der Verbesserung bedürfe. Sie […] griffen überall in die alten Lebensgrundlagen ein und zerstörten zugleich mit dem alten, Gleichgewicht haltenden System die gesunden Lebensgrundlagen der Eskimos. Und […] [sie] überschütteten die ‹Wilden› mit den ‹Segnungen der Kultur› – angefangen bei Kaffee, Tabak und Branntwein. […]
  Welch Unglück haben wir nicht mit unserem Geld über sie gebracht! Wenn sie jetzt mehr besitzen, als der Augenblick verlangt, wird für sie die Versuchung zu gross, den Überfluss an die Europäer zu verkaufen, anstatt, wie zuvor, ihn dem hilfsbedürftigen Nachbarn zu geben. Damit zerstören wir Christen ihre aufopfernde Nächstenliebe, statt sie zu entwickeln. […]
  Mit einem Schlag gaben wir ihnen eine völlig neue Religion, zerbrachen die Achtung vor den alten Bräuchen und Traditionen, natürlich ohne ihnen dafür neue geben zu können; es fiel ihnen dabei gar nicht ein, dass dieses Volk im Herzen christlicher war als sie selbst und die christliche Liebelehre ganz anders durchgeführt hatte als irgend-eine ‹christliche› Nation. […] Wir fanden ein von Natur hochbegabtes Volk vor, das gut lebte und trotz seiner Fehler auf sittlich hoher Stufe stand. Mit unserer Kulturarbeit aber, unserer Mission und Fabrikware haben wir seine materiellen Bedingungen, seine Moral und seine Gemeinschaftsordnung in traurigen Verfall gebracht – und nun scheint es dem Untergang geweiht. […] Ist nicht die Frucht der Berührung mit Europäern und Missionaren überall dieselbe? Was ist aus den Indianern geworden, aus den vormals stolzen Mexikanern, aus den hochbegabten Inkas in Peru? […] Und Afrika? […] Unverdrossen sprechen wir in hohen Tönen von dem ‹Segen des Christentums und der Zivilisation›, den wir ihnen bringen wollen. […] Wir erkennen dieselbe Rasse wieder [gemeint sind die Europäer], die – als China sich gegen das zersetzende Gift des Opiums wehren wollte – es mit blutigem Kriege zwang, seine Häfen für den Opiumhandel zu öffnen, damit die Europäer Riesenvermögen einheimsen konnten, während Staat und Gesellschaft in China untergraben wurden. […] Die Grönländer sehen auf die dummen, selbstherrlichen Europäer verächtlich herab, die so schön predigen und so schlecht handeln, und die von […] allem, was für ihr Leben von Wichtigkeit ist, so gar nichts verstehen. […] Es ist gewiss ein schöner Gedanke, diesen armen Wilden, die man nie gesehen hat und deren Not man nicht kennt, helfen zu wollen; aber […] warum dann nicht bei den Nächsten beginnen; und wenn allen hier [in Europa] im eigenen Haus geholfen wäre, so könnten wir vielleicht untersuchen, ob es auch an andern Orten Menschen gibt, die unserer Hilfe bedürfen. […] Sollen uns denn niemals die Augen darüber aufgehen, was wir tun? Werden nicht bald von Pol zu Pol alle wahren Menschenfreunde sich in vernichtendem Protest gegen dieses Unwesen erheben, gegen diese selbstherrliche, skandalöse Behandlung von Menschen anderer Rassen, anderen Glaubens und anderer Kultur? Es wird eine Zeit kommen, wo unsere Kinder und Kindeskinder uns streng verurteilen. […] Dann wird die Moral sich soweit entwickelt haben, dass man nur tüchtigen und gut ausgerüsteten Menschen gestattet, sich erst sorgsam in das Leben und die Kultur eines fremden Volkes hineinzuversetzen, um zu untersuchen, ob es unserer Stütze bedürfe, und auf welche Weise man ihm für diesen Fall am besten dienen könne. […] Und dass man ein Volk in Ruhe in Frieden lässt, wenn sich zeigt, dass man nichts von Wert ausrichten kann. […] Ich musste mein Gewissen erleichtern; es war mir eine heilige Pflicht, meinen geringen Beitrag zu leisten. […] Meine einzige Hoffnung ist, dass mein Ruf hie und da Gefühl für die Eskimos und Mitleid mit ihrem Schicksal erwecken möge.»

Quelle: Fridtjof Nansen. Eskimoleben, 17. Auflage 2014
ISBN 978-3-9561-0279-0

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