«Ich musste mit ihnen auskommen»

Gontran de Poncins «Kabluna»

von Moritz Nestor

«Kabluna» ist das Wort der Eskimos der Arktis für die «zivilisierten» Weissen. Der französische Völkerkundler Gontran de Poncins, der eigentlich Jean-Pierre Gontran de Montaigne, Vicomte de Poncins hiess, also ein Nachfahre des grossen europäischen Pädagogen Michel de Montaigne (1533–1592) war, schrieb den wunderbaren Reisebericht «Kabluna» 1938 auf. Er hatte zwei Jahre lang unter Eskimos gelebt. Wie einer der ihren.
   «Kabluna» erzählt davon, wie es dem Franzosen Poncin gelingt, in wenigen Monaten die zivilisatorischen Gewohnheiten von Jahrtausenden abzustreifen und mit den Polareingeborenen zu leben, bei einer normalen Temperatur von vierzig Grad Kälte und einer Ernährung mit Schneewasser, rohem vereisten Fisch und Robbenfleisch. Das Buch ist der packende Bericht einer Reise in die Eiszeit, die Geschichte des Zusammenstosses zweier Welten und Denkweisen. Gontran de Poncins verliert sich nicht in Vermutungen und Reflexionen: Er stellt Tatsachen dar, zeichnet Erlebtes gewissenhaft auf und berichtet Beobachtungen und Erfahrungen aus dem Leben dieser Menschen.
  Das Schwierigste aber für den europäischen Adligen Gontran de Poncins waren nicht die Entbehrungen bei vierzig Grad minus, sondern «die Denkweise der Eskimos. Man konnte mit ihnen nicht zurechtkommen, ausser man suchte sich mit ihnen in ihrer eigenen Ausdrucksweise zu verständigen; und ich war nicht ein Tourist, für den das nebensächliche Dinge sind, sondern ich war auf die Hilfe der Eskimos angewiesen. Ich muss-te mit ihnen auskommen.» (S. 10) Welche humane Geisteshaltung: Wir Menschen müssen miteinander auskomnen. Was wäre heute für eine Welt, denkt man unwillkürlich angesichts dieser Haltung des französischen Völkerkundlers, die dessen Reisebericht wie ein roter Faden durchzieht, hätten wir Europäer diese mitmenschliche Grundhaltung leben können, statt jahrhundertlang andere Kontinente, Kulturen und «wilde» Völker zu «entdecken», zu «christianisieren» und zu «zivilisieren» – und heute zu «demokratisieren» und im Namen der Menschenrechte zu bombardieren und verhungern zu lassen!
  Die menschliche Haltung dieses Völkerkundlers aus dem Jahr 1938 gilt doch eigentlich für die Begegnung mit einem jeden Menschen! Man kann doch mit jedem Menschen, mit jedem Volk und mit jeder Kultur, um es in den Worten Poncins zu sagen, «nicht zurechtkommen, ausser man suchte sich mit ihnen in ihrer eigenen Ausdrucksweise zu verständigen»! Die Extrembedingungen der unwirtlichen Eiswüste der Arktis üben einen besonders hohen Druck auf die Menschen aus, die in ihr (über)leben wollen. So dass, möchte man meinen, Gontran de Poncins nicht viel mehr übrig blieb als die Einsicht: «[…] ich war auf die Hilfe der Eskimos angewiesen. Ich musste mit ihnen auskommen.» Doch es war nicht der äussere Druck der unwirtlichen Eiswüste, der den französischen Völkerkundler letztendlich zu dieser gleichwertigen friedlichen Haltung gegenüber einer fremden Kultur drängte. Gontran de Poncins beschreibt, dass das Entscheidende die Arbeit an sich und die Veränderung seiner inneren Haltung war. Für die Priester, Trapper und Jäger nämlich, die damals unter den gleichen klimatischen Extrembedingungen wie der Völkerkundler überleben mussten, beschreibt er, seien die Eskimos «ausnahmslos alle ‹nichts wert›» gewesen. Diese sich zivilisiert und Christen nennenden Weissen «leben das Leben der Eskimos, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Sie reisen auf Schlitten, holen Fische unter dem Eis hervor, tragen Pelze und bauen, allerdings selten, Schneehäuser (Iglus). Aber in die geistige Eskimowelt dringen sie nie und nimmer ein.» Zwischen ihnen und dem Franzosen besteht «der wesentliche Unterschied, dass ich hierher gekommen war, um in eine Welt einzudringen, die ihnen [den Kablunas] gleichgültig war.» (S. 21f.)
  Damit ist dieses Buch viel mehr als der wirklich packend geschriebene Reisebericht eines Franzosen am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Es enthält eine Fülle von Schilderungen innerer Lernprozesse. Sie machen das Buch auch zu einem lebendigen Erziehungsbuch: Ein europäischer Adliger – für uns «Kablunas» alle stehend – stellt sich beim Kennenlernen einer anderen Kultur der Aufgabe der inneren Auseinandersetzung mit sich und den eigenen kulturellen Vorurteilen. Er überwindet das hohe Ross des Eingebildeten, der sich anderen Kulturen höchstens als «Tourist» nähern kann und den die Geisteswelt ihm fremder Menschen nicht interessiert. So liest sich Kabluna auch als Erziehungsroman für das Leben-Lernen des Friedens und der Verständigung zwischen Kulturen. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges ein kleines Friedenslicht in schwerer Zeit. Und eine würdige Hommage an das Toleranzdenken von Poncins berühmtem Urahnen Michel de Montaigne, der einst anmahnte, dass erst das Hineindenken und -fühlen in andere die Menschen befähige, nicht nur ihr eigenes Wesen, sondern auch das der anderen Menschen wirklich zu verstehen. Während die angloamerikanischen Macht-eliten die atomare Hochrüstung in atemberaubendem Tempo vorantreiben und die Welt damit bedrohen und in Angst und Schrecken versetzen, mahnt das in «Kabluna» verewigte humanistische Ethos der beiden Montaignes aus dem «alten Europa», das jene Schrecken verbreitenden einfältigen Machteliten spöttisch abtun, heute drängender denn je: «Ich musste mit ihnen auskommen.»  •

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