Ein Leben für Freiheit, Gleichheit und Frieden

Zum Tod von Mikis Theodorakis

von David Holzmann

Am 2. September 2021 war ich als Referent zu einem Kongress in Thessaloniki eingeladen. Auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel fragte mich der Taxifahrer, welche Musik ich hören möchte. Ich antwortete ihm, da ich jetzt in Griechenland sei, würde ich gerne griechische Musik hören. Dem Taxifahrer kamen die Tränen, und er berichtete mir, dass Mikis Theodorakis am heutigen Tag verstorben sei. In gebrochenem Englisch und Italienisch vermittelte er mir, was dieser Musiker und Volksheld für die Griechen bedeutet. Als wir am Hotel ankamen, haben wir zusammen sicher nochmals fast eine Stunde Musik von Mikis Theodorakis gehört, immer Live-Musik, immer sang das Publikum mit …

Mikis Theodorakis (29. Juli 1925 – 2. September 2021), ein in Griechenland verehrter und hochgelobter Musiker, der über die Landesgrenzen bekannt wurde durch die von ihm komponierte Musik für den Film «Alexis Sorbas», war ein entschiedener Gegner des Nato-Überfalls auf Serbien und des völkerrechtswidrigen US-Beutekriegs gegen den Irak. Als eine der wenigen berühmten Persönlichkeiten protestierte er lautstark gegen diese Kriege. Vielfach wurde er kritisiert, auch von den Kommunisten: Er habe während des Zweiten Weltkriegs und in der Zeit der griechischen Militärdiktatur auf der Seite der Linken gekämpft, habe aber Ende der 80er Jahre auf die rechte Seite gewechselt zur Nea-Dimokratia* (Neue Demokratie). Aus Theodorakis’ Biographie, aus seinen Stellungnahmen, wird der von den Mainstream-Medien fälschlicherweise als Paktieren mit der Macht dargestellte Kurswechsel verständlich. Unter der angloamerikanisch unterstützten Diktatur hatten die griechischen Partisanen als Unterstützer einzig die Kommunisten in der Sowjetunion. Mit anderen Partisanen in der Gefangenschaft, unter täglichen Folterungen hatte Theodorakis die Hoffnung, von russischen Kommunisten und deren Gefolgsleuten Hilfe zu erhalten. Als Theodorakis erkennen musste, dass die politische Linke ihre Ideale von Freiheit, Gleichheit und Frieden in zunehmendem Masse aufgab, trat er von seinen politischen Ämtern zurück und verliess die Partei. So kritisierte Theodorakis fortan die Linken dafür, diesen menschlichen Wunsch nach Demokratie, Frieden und Freiheit preisgegeben zu haben zu Gunsten von mehr Macht und Gewalt. Theodorakis stand aber zu der Tatsache, er und viele Linke seien dem Irrglauben aufgesessen, sie hätten mit dem Kommunismus eine Unterstützung für ihren Kampf gegen die Diktatur. Daraus machte er keinen Hehl. Er verstand sich als politischer Linker, allerdings mit den Werten der sozialen Gerechtigkeit und des unablässigen Eintretens für den Frieden und gegen den Krieg.
  Neben Symphonien, Kammermusik, Chorwerken, Oratorien, Ballettmusik, Opern und Filmmusik komponierte Mikis Theodorakis auch über tausend Lieder – immer wieder auch zu aktuellen Anlässen oder zu Ehren von Weggefährten – mit denen er nicht nur die Herzen der Griechen eroberte. Die Freude an seiner Musik war gepaart mit der Achtung für seine stets aufrechte und menschlich integere Haltung. Mit der Musik hatte er die Möglichkeit, Menschen unterschiedlicher politischer Auffassung zu verbinden, zu verbinden für mehr Frieden und Aussöhnung. Seine Musik verband europäische symphonische Musik – Vorbilder waren Robert Schumann und Franz Schubert – mit der Folklore seiner Heimat Griechenland. Er verhalf der einstmals von den Nazis und der Diktatur verbotenen «Bouzouki» (eine Schalenhalslaute, die vor allem in der griechischen Musik verwendet wird) zu einer Wiedergeburt. Bei seinen Konzerten flocht er immer Lieder ein, bei denen das Publikum mitsingen konnte. Musik, so Mikis Theodorakis, soll die Menschen verbinden und versöhnen. Im Internet findet man zahlreiche seiner Konzerte, Lieder und Texte. •



Nea-Dimokratia ist eine liberal-konservative Partei in Griechenland, die 1974 von Konstantinos Karamanlis nach dem Sturz der griechischen Militärdiktatur gegründet wurde.

ΑΡΝΗΣΗ (Στο περιγιάλι το κρυφό)

Στο περιγιάλι το κρυφό
κι άσπρο σαν περιστέρι
διψάσαμε το μεσημέρι,
μα το νερό γλυφό
Πάνω στην άμμο την ξανθή
γράψαμε τ’ όνομά της
Ωραία που φύσηξε ο μπάτης
και σβήστηκε η γραφή
Με τι καρδιά, με τι πνοή,
τι πόθους και τι πάθος
Πήραμε τη ζωή μας λάθος
Κι αλλάξαμε ζωή

Quelle: www.stimmvolk.ch

Entsagung (In der versteckten Bucht)*

In einer versteckten Bucht,
weiss wie eine Taube,
bekamen wir Durst am Mittag,
doch das Wasser war salzig.
In den Sand so goldig-hell
haben wir ihren Namen geschrieben,
aber Meeres-Winde wehten,
und ihr Name war vom Wind verweht.
Mit wie viel Herz und Atem (Geist),
mit wie viel Sehnsucht und Leidenschaft
haben wir unser Leben falsch gelebt!
… und wir haben es verändert.

* Der Text des griechischen Dichters und Diplomaten Giorgos Seferis (1900–1971) wurde von Mikis Theodorakis vertont und zur heimlichen Hymne des Widerstands gegen die griechische Militärdiktatur (1967–1974). Siehe z.B. www.youtube.com/watch?v=cDEb4EYmaQY

«Wir Griechen sagen nein zur Barbarei»

Mikis Theodorakis Rede vom 26. April 1999 zu den Nato-Bombardierungen in Serbien

zf. Griechenland war beim Jugoslawienkrieg das einzige Nato-Mitglied, das sich weigerte, den griechischen Luftraum für die Bombardierungen von Serbien zur Verfügung zu stellen. Athen war die einzige Hauptstadt, in der Tausende Bürger tagtäglich gegen die Bombardierungen demonstrierten.

Am Abend des 26. April 1999 fand auf dem Syntagma-Platz im Zentrum von Athen ein grosses Konzert statt zur Unterstützung der Serben und zur Verurteilung der Angriffe der Nato gegen ihr Land. Mikis Theodorakis, dessen Beitrag den Abschluss und Höhepunkt der Veranstaltung bildete, hielt dort vor über 50 000 Teilnehmern, die ihn regelmässig mit lautstarkem Beifall unterbrachen, eine denkwürdige Rede (als Video zu sehen unter https://www.youtube.com/watch?v=if9n20iM01E):

«Gestern [am 25. April 1999] haben die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsstaaten der Nato

  • das Todesurteil der Vereinten Nationen,
  • den Tod des internationalen Rechtes,
  • das Gesetz des Dschungels,
  • das Recht des Stärkeren

unterzeichnet.
  Die Vereinigten Staaten können jetzt mit der Komplizenschaft der europäischen Länder, jeden

  • richten,
  • verurteilen,
  • bestrafen,

der ihren Absichten in die Quere kommt.
  Ich halte es nicht für übertrieben zu sagen, dass wir dabei sind, in eine neue Ära des Mittelalters einzutreten. Also, besorgen Sie sich warme, wollene Kleidung, Schal, Handschuhe, Stiefel: Es wird bitterkalt werden.
  Wie ich seit Beginn der Bombenangriffe erklärt habe, ist alles, was in bezug auf die ethnische Säuberung gesagt wird, nur ein Vorwand.
  Ich habe gesagt, dass sie (die Nato) sich nicht um Dialog und Vereinbarungen scheren; ihr einziges Ziel ist die Verwandlung des häretischen Jugoslawiens in Verbrannte Erde.
  Und genau das wird sie tun, Serbien in eine Wüste von Staub und Blut verwandeln und das Land ihren zukünftigen Opfern zur Abschreckung vorzeigen: ‹Seht her, das kommt auf euch zu, wenn ihr euch nicht unterwerft.›
  Wir Griechen sollten stolz sein, denn wir waren die einzigen, die gemeinsam und einstimmig nein zur Barbarei gesagt haben. Wir werden an der Seite der Opfer, der Serben, stehen. Wir wollen, dass unser Gesang heute die Luftschutzsirenen und das Getöse der Raketen übertönt.
  Belgrad, heute singen wir für dich.
  Lasst uns alle sehr laut singen, um gehört zu werden.
  Wir sind an eurer Seite.
  Nur Mut!
  Das Recht ist mit euch. Und das Recht triumphiert am Ende immer.
  Ich würde sagen: Singen wir auch, damit die Europäer uns hören können.
  Aber ich fürchte, dass dies vergebene Mühe ist.
  Leider sind die meisten von ihnen blind und taub …»

Quelle: www.mikis-theodorakis.org

«Auf Wiedersehen, grosser Komponist – Serbien wird dich nicht vergessen.» Mit diesen Worten verabschiedete sich der Präsident Serbiens, Aleksandar Vucic, von Mikis Theodorakis.

(Übersetzung Zeit-Fragen)

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