Weihnachten 2021: Der verheissene Frieden verlangt nach Taten

von Peter Küpfer

In diesem Advent wollen sich «weihnächtliche» Gefühle nur sehr zögerlich einstellen.
  Die Zeichen stehen nicht auf der Frohbotschaft vom Frieden, eher auf Konfrontation, weltweit (wie die Beiträge in dieser Nummer von Zeit-Fragen einmal mehr zeigen) und im Innern unserer westlichen Gesellschaften. Und dann der immer exzessiver werdende Weihnachtsrummel … Gerade bei uns in der Schweiz scheint es in diesen Tagen, als müssten wir alle die im vergangenen Jahr (wegen Corona) verpassten Genüsse unbedingt noch schnell erjagen, bevor die nächste Pandemiespitze wieder einen Strich durch unsere Rechnungen macht.

Trotzdem erreicht uns manche Weihnachtskarte, in der uns Freunde oder Verwandte eine ruhige und besinnliche Vorweihnachtszeit wünschen. Ein frommer Wunsch? Eher Ausdruck eines tatsächlichen Bedürfnisses. Denn Weihnachten bleibt für viele eine Zeit, in der wir für tiefere Dimensionen unseres Seins empfänglich sind, stärker als sonst im Jahr. Dazu gehört die Sinnfrage.

Ein Plakat lädt zur Besinnung ein

In diesen Tagen fällt mein Blick auf bescheiden aufgemachte und gerade deshalb stark wirkende Adventsplakate in der Nähe unserer Kirchen, die auf den Sinn des Hauptfestes der christlichen Welt aufmerksam machen. Mit dem Schriftzug «Why?Nachten» schaffen sie Betroffenheit beim Betrachter, sie laden ein zu einem kleinen Atemholen inmitten der Hektik. Warum Weihnachten? Was feiern wir denn da eigentlich? Es kann doch nicht sein, dass die manchmal erbarmungslose Jagd nach ultimativen Geschenken und kulinarischen Extravaganzen alles ist, was uns Menschen in dieser Jahreszeit umtreibt. Oder hat die vielerorts ungehemmt ausbrechende Weihnachtshektik etwa damit zu tun, dass wir im gekauften Objekt (also in einer Äusserlichkeit) das suchen, was uns innerlich fehlt? Mehr mitmenschliche Anteilnahme, mehr Verbundenheit?
  Wenn es so ist, müssen wir uns über unsere Hektik nicht wundern. Denn mit Hamsterkäufen und Extravaganzen kommen wir diesem Mangel nicht bei. Sie sind dann das, was die Psychologie Ersatzobjekte nennt. So gesehen, ist es eben oft gar nicht so sehr die Markenuhr oder das Hype-Parfum oder das momentan angesagteste Smartphone, was uns so angestrengt macht. Es ist vermutlich etwas ganz anderes: Die Hoffnung nämlich, dass eines der sorglich unter dem Weihnachtsbaum aufgetürmten Geschenkpakete beim Beschenkten ein dankbares Lächeln auslöse, ein Zeichen seiner emotionalen Verbundenheit mit dem Schenkenden: ein Stück Gewissheit, mehr von dem zu erleben, wonach sich jedes Kind sehnt, und nicht nur das Kind, nach mitmenschlicher Verbundenheit, ja, sagen wir es doch: nach Geborgenheit in all diesem Treiben.
  Dieses Gefühl der Geborgenheit bei ihren Kindern zu erzeugen, war in früheren Zeiten unbestrittenes Ideal der Familie. Gerade deshalb konnte Weihnachten in unseren Breitengraden zum klassischen Familienfest werden. Wenn das gelang, und entscheidend war dazu die Stimmung in der Familie, nicht das exklusive Geschenk, dann war das jährlich wiederkehrende Wunder Weihnacht in der Lage, Kinderherzen echt zu bezaubern, auch wenn die Familie in grosser materieller Bescheidenheit lebte. – Wer’s nicht glaubt, lese Peter Roseggers autobiographischen Roman «Als ich noch der Waldbauernbub war».

Die Kommerzialisierung unseres Lebens verflacht das Weihnachtsfest

Heute ist der Begriff «Achtsamkeit» weit verbreitet. Viele bezeugen, dass sie ihnen im mitmenschlichen Kontakt fehlt. Es ist das, was wir früher Respekt nannten vor dem anderen Menschen, gerade dem schwächeren, auch Fürsorglichkeit. Diese natürliche Sorge um seine Mitmenschen war früher stärker. Ich erinnere mich, dass meine Eltern, das Jahr durch kaum sehr «sozial» eingestellt, an Heiligabend jeweils die zurückgezogene Witwe im oberen Stock unseres Mehrfamilienhauses zu uns in die Stube zur Bescherung eingeladen haben.
  Etwas von diesem weihnächtlichen Geist der natürlichen nachbarschaftlichen Teilnahme muss im letzten Jahrhundert sogar Weltkriegssoldaten erreicht haben, von denen mehrfach bezeugt ist, dass an Weihnachten vielerorts an den Fronten die Graben- und Stellungskämpfe eingestellt wurden. Es soll sogar vorgekommen sein, dass sich «feindliche» Soldaten auf beiden Seiten von Schützengräben gegenseitig beschenkt und verständigt haben, entweder in holprigem Deutsch oder ebensolchem Französisch oder Russisch. Es hat unter diesen Bedingungen auch die Zeichensprache genügt, zum Beispiel der Austausch von Fotos der eigenen Kinder. Dieses Gefühl, dass ich im Soldaten da vor mir plötzlich den Vater sehe, im Feind den Menschen, der mein Heimweh versteht und teilt, verdanken wir einer der Gattung Mensch fest gegebenen Ur-Fähigkeit, ganz gleich, wie wir sie nennen: Anteilnahme, Gemeinschaftsgefühl, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl oder Empathie. Ohne Fürsorge und dann auch Fürsorglichkeit könnte kein Kind überleben, ohne sie wäre die Menschheit längst ausgestorben, unter anderem an ihren eigenen geschürten Aversionen und Kriegen.
  Die Hoffnung, dass die Menschen sich im Geiste der Brüderlichkeit begegnen können (auch sollten), wie dies die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948 nach Ende des letzten grossen Weltkrieges verbriefte und die Mitgliederstaaten durch ihre Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen anerkannten (die USA gehörten zu den Gründerstaaten), sie ist so alt wie das Menschengeschlecht selbst. Diese Hoffnung auf den Frieden in der Welt wird im Weihnachtsgeschehen Verheissung, wie es in den bilderstarken Worten der Weihnachtsgeschichte aufscheint. Sie wird in diesen Zeiten wieder überall in der Welt in verschiedenen Sprachen gelesen und vorgelesen, für viele einziger Trost in bedrohlichen Zeiten.

Die biblische Friedensverheissung ist kein Geschenk an die Menschheit, sondern Auftrag an uns alle

Am populärsten ist bei diesen weihnächtlichen Lesungen die Weihnachtsgeschichte nach Lukas. Da steckt «alles drin», was wir von Kindheit her «wussten»: die vollbesetzte Herberge, der Stall, das Kind, gebettet auf Stroh. Dann die Hirten; ihre Angst, als sich plötzlich der Himmel taghell erleuchtet und die Chöre der Engel erscheinen, welche die bedeutungsschweren Worte erklingen lassen: «Ehre sei Gott in der Höhe! Friede auf Erden den Menschen guten Willens», so in der Version der lateinischen Vulgata: «Gloria in aeternis Deo et pax in terra hominibus bonae voluntatis». Luther und Zwingli, die den griechischen Urtext auch als Übersetzer ganz aus ihm heraus ins Deutsche fassen wollten, führten Varianten ein: «… Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens» (Luther) und «Friede auf Erden unter den Menschen, an denen Gott Wohlgefallen hat» (Zwingli). Ich war bei dieser Stelle immer beeindruckt von der Grösse des aufscheinenden Bildes: die plötzliche Strahlung der Sterne mitten in der Nacht, dann der Himmel, der sich auftut, die himmlischen Scharen mit ihrem Jubelgesang und die Kraft in der Einfachheit und gleichzeitigen Rätselhaftigkeit ihrer Botschaft. Als junger Mensch und kecker Kritiker alles Bestehenden konnte ich mir nicht verkneifen, bei dieser Stelle jeweils die grosse Diskrepanz zwischen dem verheissenen Frieden in der Welt und den zahlreichen Kriegen in unserer Realität anzumerken, die sie immer noch heimsuchen. Auch mir kam es vor, die Bibel verspreche uns Menschen hier zu viel.
  Mit meinen dürftigen Lateinkenntnissen ging mir aber doch die Stelle «pax hominibus bonae voluntatis» nie ganz aus dem Sinn. Was bedeutete das wohl, dieses «bonae voluntatis», den Menschen guten Willens? Angesichts der Friedensverheissung der «himmlischen Chöre», so erschloss es sich mir viele Jahre später, kann dieser Zusatz doch wohl nur einen Sinn haben: Das musste doch heissen: willens, mit seinen Kräften für den Frieden einzustehen. So gesehen, bestätigen auch die Varianten den Grundgedanken: Der Friede in der Welt ist nicht einfach ein Geschenk Gottes, quasi ein Weihnachtsgeschenk, und damit hat es sich. Die Menschen müssen etwas für den Frieden in der Welt tun: Sie müssen den ehrlichen Willen haben, gottgefällig, also friedlich untereinander zu leben oder eben so, dass Gott an ihnen Wohlgefallen haben kann (indem sie die Gebote einhalten, vor allem «Du sollst nicht töten», sowie die «neuen Gebote», wie Christus sie lebte und in der Bergpredigt verewigte). So finden sie dann, wenn und im Masse, wie sie sich selbst friedlich verhalten, auch mehr Wohlgefallen vor Gott, vor sich selbst und vor ihren Mitmenschen. Sie werden so friedfertiger und damit eher geeignet, dem grossen Ziel der Menschheit näher zu kommen.
  Ganz anders also als heute, wo wieder eifrig Feindbilder geschaffen werden, auf welche leider, die Geschichte zeigt es, bei uns, aber auch im Kongo und in anderen Ländern der Welt, quasi «automatisch» Kriege hereinbrechen. Aber Krieg bricht nicht einfach so über die Menschen herein. Er liegt nicht in unserer Natur, er wird den Menschen aufgezwungen, von den Kriegstreibern planmässig ausgelöst und professionell als Doktrin oder Feindbild verbreitet, in Schulen, in den Medien, in allen Formen des Hass-Schürens, das heute auch von psychologisch geschulten Spezialisten angewendet wird.
  Demgegenüber wird für mich die biblische Weihnachtsgeschichte zu einem höchst modernen richtungsweisenden Text. (Wird sie wohl bald auch noch zu einem sogenannten blossen «Narrativ» umgepolt?) Die Verheissung des Friedens ist allerdings, zumindest wenn man sie auch so liest, wie hier vorgeschlagen, schon in der Weihnachtsgeschichte an eine Bedingung geknüpft. Gehören wir zu den Menschen «bonae voluntatis», sind wir «guten Willens», also willig, das Gute zu tun? Dann müssen wir uns auch für das Gute einsetzen. Es ist angesichts einer immer noch von Kriegen zerrissenen Welt und angesichts der Geburt des «Friedensfürsten» nicht schwierig, dieses Gute genauer zu bestimmen. Es ist alles, was wir dazu beitragen, dass diese Welt und die Menschen, die sie bewohnen, in Frieden leben können. Die Weihnachtsgeschichte stellt uns alle vor die unausweichliche Frage: Wo ist dein Beitrag zu mehr Frieden in der Welt?

Der Mensch ist nicht für den Krieg geschaffen, sondern für den Frieden

Mit dieser «Erinnerungsarbeit» in Richtung auf eine der Wurzeln unserer Kultur findet dann auch die Frage eine Antwort, warum unser Weihnachtsfest immer noch und jedes Jahr wieder neu vom hell erleuchteten Weihnachtsbaum geprägt ist und warum Geschenke so unabdingbar dazu gehören (nicht nur teure!). Die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus berichtet uns von den drei Königen oder Weisen aus dem Morgenland und ihren Geschenken, die sie dem eben geborenen dereinstigen «König der Könige» bringen, um ihm zu huldigen. Obwohl bass erstaunt über dessen ärmliches Lager, legen sie diese zu seinen Füssen: Weihrauch, Gold und Myrrhe. Damit bezeugen sie ihre Anerkennung des «neuen» Herrschers, den sie als weltlichen Herrscher missverstehen. Auch sie folgen dem Stern und damit dem Licht, das mit der Geburt Christi in die Welt gekommen ist. So viel zur inzwischen sehr weltlich gewordenen Symbolik um Weihnachten.
  Die von ihr verheissene Erlösung fällt allerdings nicht vom Himmel. Erlösung ist auch Menschenwerk, so gut wie das Böse in der Welt. Wir Heutigen sehen, wie weit wir immer noch davon entfernt sind, dass es sich ins dauerhaft Gute wandle. Angesichts der weltweit brennenden Kriege ist die Erlösung der Menschheit «von dem Bösen» wesentlich eine Erlösung von der Geissel des Krieges. Erlösung von dem Bösen kann aber kein Staat auf sich allein gestellt bringen, ganz im Gegensatz zu dem, was kriegstreiberische Kräfte in die Welt posaunen. Auf dem individual-moralischen Gelände von Gut und Böse ist der Staat oder die Grossmacht, vor allem wenn er oder sie eine Politik der Welt-Vorherrschaft betreibt, ganz falsch am Platz. Ein Staat ist nach Hans Köchler in erster Linie gegenüber seinem Staatsvolk verantwortlich, er ist auf das Bonum commune, das gemeinsam Gute oder Gemeinwohl, zurückgebunden (vgl. Köchler, Hans. «Gemeinwohl oder Staatsraison. Gedanken zum Frieden im Globalzeitalter», Zeit-Fragen Nr. 21 vom 21. September 2021). Jeder Staat muss das Gemeinwohl seiner Völkerschaften zur Richtschnur nehmen. Ein Volk in einen Angriffskrieg zu ziehen, kann doch niemals heissen, das Wohlergehen seines Staatsvolkes zu fördern. Jeder Krieg fordert Todesopfer und Zerstörung, in den Kriegen unserer Zeit sogar mehrheitlich Zivilisten. Friedrich Schiller hat Recht. In seiner unsterblichen Ode an die Freude, vertont in Beethovens 9. Symphonie, setzt er die Freundschaft an die erste Stelle. Der Mensch ist und bleibt ein Gemeinschaftswesen, Freundschaft ist ihr Bindeglied. Dass sich auch Staaten, sogar Grossmächte in Freundschaft begegnen, dazu wäre schon seit langem immer wieder Gelegenheit gewesen. Nach der Verheissung von Bethlehem seit 2021 Jahren. Sie besteht immer noch. Probleme wie Krieg, Hunger oder Covid können höchstwahrscheinlich erst «dauerhaft» gelöst werden, wenn wir das begreifen. Das muss nicht noch einmal 2000 Jahre dauern.  •

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