Die Drogenpolitik zur Zeit des Platzspitz und ihre Fortführung

von Sabina Geissbühler-Strupler*

Im Vorstand unserer Schweizerischen Vereinigung «Eltern gegen Drogen», die zu Beginn der neunziger Jahre gegründet wurde und deren Präsidium ich ausübe, engagieren sich einige, die damals auf irgendeine Art und Weise vom Elend der Süchtigen betroffen waren.
  Damals wurden auch andere Vereinigungen gegründet, welche gegen die Drogenpolitik der ideologisch motivierten Legalisierungslobby ankämpfen wollten, zum Beispiel «Gesunde Jugend», «Jugend ohne Drogen», «Ärzte gegen Drogen», «Vereinigung ehemals Süchtiger».
  In der Deutschschweiz wurden die Schaltstellen der Medien, der Fürsorge- und Sozialämter, aber auch der Drogenpolitik von sogenannten Fachleuten in Suchtfragen besetzt. Ihre Strategie war, dass der Staat jedem Einzelnen «das Recht, Drogen konsumieren zu dürfen» einräumen müsse. Der Staat sollte «saubere Rauschgifte» selbst anpflanzen oder einkaufen, kontrollieren und auf Rechnung der Krankenkassen abgeben. Damit die Schweizer Bevölkerung diesem Plan zustimmen würde, wurden der Drogenhandel und -konsum in den Städten ohne Intervention der Polizei so lange zugelassen, bis das Elend in den offenen Drogenszenen offensichtlich war. Auch die Sicherheit der Bevölkerung war nicht mehr gewährleistet. Mit schauerlichem Bildmaterial von den offenen Drogenszenen versuchten die Medien, in der Bevölkerung einen Meinungsumschwung für eine Drogenliberalisierung und ein Ja zur staatlichen Abgabe von Rauschgiften wie Methadon und Heroin zu bewirken.
  Damals lagen Hunderte von wissenschaftlichen Studienergebnissen zu den Gefahren von Cannabiskonsum vor, welche aber von den verantwortlichen sogenannten «Suchtexperten» ignoriert wurden. Auch Eltern, Behördenmitglieder, Politiker/-innen waren oft schlecht informiert. Dass Cannabis die Konzentration, die Reaktion, die Leistungsbereitschaft und das Gedächtnis beeinträchtigen und damit oft Schul- und Lehrabbrüche nach sich ziehen kann, wurde unterschlagen. Dass Kiffen für den Ausbruch einer Psychose oder Schizophrenie verantwortlich sein kann, konnte schon in den neunziger Jahren in verschiedenen wissenschaftlichen Publikationen nachgelesen werden.

Gefährliche Verharmlosung und Verfügbarkeit von Suchtmitteln

Zu jener Zeit war ich besorgte Mutter von vier Jugendlichen. Den jungen Menschen wurde suggeriert, dass Rauschmittel zu einem coolen Lebensstil gehörten. Auch war es möglich, überall zu Drogen zu kommen, und es gab immer mehr Abhängige, welche sich jahrelang unbehelligt mit Drogen vollpumpen konnten.
  Heute setzt leider wieder dieselbe Drogenlegalisierungslobby alle Hebel in Bewegung, um das Betäubungsmittelgesetz weiter zu verwässern, zu unterlaufen und neuerdings mit einem «Experimentier»-Artikel ad absurdum zu führen. Dies würde zur Zerstörung vieler weiterer Menschenleben führen.

Jeanne Hersch: Freiheit und Drogenkonsum schliessen sich aus

Zum Glück fanden wir damals Unterstützung von mutigen Menschen wie von Frau Professor Jeanne Hersch, Philosophieprofessorin in Genf. Sie verfolgte mit grosser Besorgnis die Entwicklung in der Schweizer Drogenpolitik und nahm folgendermassen Stellung: «Zum Wesentlichen des Menschseins gehört die Freiheit zur Entscheidung. Der Drogenkonsum aber verhindert, dass der Mensch wirklich Mensch sein kann. Der Drogenkonsument verliert seine Freiheit und seine Fähigkeit, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Deswegen ist es eine reine Perversion des Denkens, wenn man behauptet, es gehöre zu den Menschenrechten, Drogen konsumieren zu dürfen.»

Aus den Heroinabgabeversuchen ist eine eigentliche «Drogenindustrie» entstanden

Drogensüchtige Menschen wurden plötzlich nicht mehr als Kranke, sondern als Klienten behandelt, welche selbst bestimmen sollten, was und wie viele Suchtmittel sie konsumieren wollten. Zwar wurde den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern bei der Abstimmung zu den Heroinabgabeversuchen versprochen, dass diese staatliche Rauschgiftabgabe nach der Schliessung der offenen Drogenszenen als Überlebenshilfe für die Süchtigen nur vorübergehend notwendig sei und dass eine zeitliche Beschränkung sowie ein Dosisabbau bis zur Abstinenz praktiziert würden. Natürlich wussten die Promotoren der Heroinabgabe (Uchtenhagen, Hämmig, Gutzwiller, Seidenberg, usw.) auch von gescheiterten Drogenabgabeversuchen aus dem Ausland wie Schweden und England. Wie wir feststellen müssen, ist aus den 1995 gestarteten Experimenten eine eigentliche, staatlich bezahlte «Drogenindustrie» entstanden.

Nicht die Beschaffungskriminalität – die Droge selbst zerstört den Menschen

Viele Schicksale musste ich in den neunziger Jahren miterleben, die mich zum Teil noch bis heute verfolgen und beschäftigen. Da lernte ich eine verzweifelte Mutter kennen. Sie ging mit ihrer drogenabhängigen Tochter von einer Beratungsstelle zur anderen. Aber überall wurde ihr Cannabis als harmlose Droge beschrieben.
  Später erzählte sie: «Lange wusste ich nicht, wie entscheidend die durch Cannabis ausgelösten Charakterveränderungen für das Leben meiner Tochter sein würden. Niemand kann diesen Wandel so gut feststellen wie die Eltern! Am Auffallendsten war das Überhandnehmen einer erstaunlichen Passivität. Konsumieren (Musik, Videos) wurde wichtiger, als selbst etwas zu unternehmen. Sport wurde aufgegeben. Der Freundeskreis wechselte, die neuen ‹Freunde› vermieden den Kontakt mit uns Eltern. Starke Gemütsschwankungen stellten sich ein. Meine Tochter litt an Konzentrationsschwäche, Vergesslichkeit, Unmotiviertheit. Die Leistungen in der Schule gingen zurück, die Berufslehre war gefährdet. Ihre Kleidung wurde nachlässig, sie kleidete sich fast ausschliesslich in Schwarz und Grau. All das hat den Einstieg ins Heroin ganz entscheidend vorbereitet. Meine Tochter war bereits süchtig, der Joint das wichtigste Ereignis, das stärkste Gefühl.
  Warum wird diese hirnschädigende Droge verharmlost? Wer verlangt eine Freigabe von Haschisch? Hunderte von Eltern haben Haschisch als Einstiegsdroge ihrer Kinder erlebt.
  Drogenabhängige haben oft das Gefühl, dass sie arbeitsfähig wären, wenn sie die Droge problemlos zur Verfügung hätten. Meine Tochter musste diese Illusion verlieren – sie wurde entlassen wegen Unzuverlässigkeit, Unfähigkeit, einen Auftrag zu erfassen, Zittern. Wer glaubt, das Drogenproblem sei lösbar, wenn die Droge in der Apotheke gekauft werden könnte, hat nie mit einem Drogenkranken zusammengelebt. Nicht einfach die Beschaffungskriminalität – die Droge selbst zerstört den Menschen.»

Die ungleich gewichteten vier Säulen

Die Viersäulenpolitik (Prävention, Therapie, Schadensminderung, Repression), die seit 1991 in der ganzen Schweiz Gültigkeit hat, und das 2005 ratifizierte Uno-Drogenabkommen haben dieselben auf Abstinenz ausgerichteten Massnahmen zum Ziel bestimmt. Es wäre also die Pflicht der Politik, Angebote klar zu definieren und auf die vier Säulen zu verteilen. Die ambulante Beratung von drogensüchtigen Menschen – immer öfter von kiffenden Jugendlichen, welche unter grossen Problemen mit den Folgeerscheinungen des Rauschgiftes Tetrahydrocannabinol (THC) leiden – wird neuerdings als Therapie «abgebucht». Diese niederschwelligen Angebote holen nur wenige Süchtige aus den Drogen heraus und verschlingen Millionen von Steuergeldern. Stationäre, abstinenzorientierte Therapie-Institutionen werden – als eigentlich gleichwertige Säule – sträflich vernachlässigt. Dies obschon es sich immer wieder gezeigt hat (z.B. in Schweden oder in San Patrignano bei Rimini/Italien), dass eine abstinenzorientierte und somit nachhaltige Suchtpolitik am ehesten aus der Sucht heraushelfen kann und dass deshalb vor allem in solche Institutionen investiert werden müsste.
  Bis heute fehlt eine klare politische Aussage zu einem abstinenzorientierten Therapieangebot. Der Druck «Gefängnis oder abstinenzorientierte Therapie?» oder eine starke Motivierung durch das Umfeld sind bei Drogenabhängigen sehr wichtig. Es kann nicht sein, dass durch Substitutionsangebote oder durch einen vom Staat «regulierten Drogenkonsum» den süchtigen Menschen ein drogenfreies Leben verwehrt bleibt. Dass diese Angebote über die Krankenkasse finanziert werden, ist kein Beleg für deren Tauglichkeit als Therapie und deshalb eigentlich nicht zulässig. Ebenfalls dürften die Methadonprogramme, so wie sie heute durchgeführt werden, nicht zu der «Therapie-Säule», sondern müssten zur «Schadensminderung» gezählt werden.

Die vernachlässigte Drogenprävention

Wer hat schon eine Präventionskampagne gegen Cannabis- oder Kokainkonsum gesehen? Wir sind der Meinung, dass Beratende und Behandelnde im Suchtbereich sich auf das Abstinenz- und Ausstiegsziel zu verpflichten haben.
  Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) müsste beauftragt werden, sich mit Präventionskampagnen für erfolgreiche Massnahmen einzusetzen und die überholten Liberalisierungsideen der 68er und neunziger Jahre ad acta zu legen.
  Dies zum Wohle unserer Kinder und der ganzen Bevölkerung.  •



* Sabina Geissbühler-Strupler, Primar- und eidg. dipl. Turn- und Sportlehrerin, Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung «Eltern gegen Drogen», Halen 18, 3037 Herrenschwanden, 031 302 32 92.

Wie sieht die Drogensituation in der Schweiz heute aus?

gl. Die Schweiz ist nach wie vor eine Hochburg des Drogenkonsums. Die grossen offenen Drogenszenen sind heute weitgehend verschwunden.
  Dafür findet der Drogenkonsum in Privathäusern, Clubs oder anderswo statt. Staatlich finanzierte Drogenabgabeprogramme wurden eingerichtet, während abstinenzorientierte Therapieeinrichtungen geschlossen wurden. So erhielten 1994 14 000 Drogenabhängige eine Substitutionsbehandlung (davon 64 % Methadon), seit 1999 liegt die Zahl konstant bei 17 000 bis 18 000 Menschen (https://zahlen-fakten.suchtschweiz.ch/docs/library/labhart_rq5zqh2rifkh.pdf). Mehr als die Hälfte sind heute 45–55 Jahre alt, das heisst, die damaligen Junkies aus der Platzspitz-Zeit, die nie von den Drogen weggekommen sind, bekommen nun ihren Stoff vom Staat. Ein Grossteil dieser Menschen lebt von der IV oder der Sozialhilfe. Über ihre gesundheitlichen, psychischen und familiären Probleme sind keine Untersuchungen zu finden.
  Auch was Cannabis- und Kokainkonsum unter der jungen Generation heute anbelangt, ist die Schweiz trauriger Spitzenreiter in Europa. 2017 (die neueste beim BAG verfügbare Zahl) haben 22 % der jungen Männer zwischen 15 und 24 Jahren innerhalb des letzten Jahres Cannabis konsumiert (https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/determinanten/illegale-drogen.html).
  Von den 15jährigen Jungen sind es sogar 13,7 %, die im letzten Monat Cannabis konsumiert haben – und dies mit einem heute deutlich höheren THC-Gehalt. Wie viele Jugendliche jedes Jahr die Lehre abbrechen müssen wegen ihrer Drogenprobleme oder wie viele in der Psychiatrie landen und nicht mehr herausfinden aus einer Cannabis-Psychose, wird bisher nicht untersucht. Die Zahlen dürften erschreckend sein.
  Auch der Kokainkonsum ist in der Schweiz sehr hoch. Bei der Vergleichsanalyse des Abwassers in 70 europäischen Städten waren vier Schweizer Städte – St. Gallen, Zürich, Basel und Genf – 2020 unter den Top ten zu finden.
  Eine echte, wirksame Drogenprävention findet seit den neunziger Jahren nicht mehr statt. Nach wie vor werden die Drogen verharmlost und als Ziel «der richtige Umgang» mit ihnen propagiert. Wollen wir so die nächste Generation heranbilden, die unsere heutigen Probleme anzupacken hilft?

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