Menschlichkeit gibt Hoffnung und Kraft

von Moritz Nestor

Die Krankenschwester Margrit Lüscher beschreibt 1978 an der jährlichen Tagung des Engadiner Kolloquiums das Schicksal einer zweiunddreissigjährigen Patientin, Mutter zweier acht- und sechsjährigen Kinder. Ihr Ehemann ist Fabrikarbeiter und heimlicher Alkoholiker. Diese Frau erfährt eines Tages ihre Diagnose, metastasiertes Schilddrüsenkarzinom, und fällt in sich zusammen, verliert die Hoffnung, wird depressiv.
  Doch nach ein paar Tagen ist sie verändert: «Ich werde nicht aufgeben. Ich werde kämpfen, meine Situation ist keineswegs hoffnungslos. Ich muss noch vieles erledigen», sagt sie. In der wenigen Zeit, die ihr noch verbleibt, wächst sie über sich hinaus: Sie beginnt, ihrem Mann, dem Alkoholiker, die Verantwortung bewusst zu machen für ihre beiden sechs und acht Jahre alten Kinder, die bald den Weg ins Leben ohne Mutter weitergehen müssen.
  Ihre tödliche Krankheit hat sie in den Hintergrund gestellt. Sie gibt sich ganz ihren Lieben hin. Ihr Denken und Fühlen ist auf die eine Aufgabe konzentriert: Ihr Mann braucht Mut, Glauben an sich und Kraft für das Kommende, für die offene Zukunft ihrer Kinder, die sie bald verlassen muss und die doch noch sehr eine Mutter brauchen. Jeden Tag sagt sie ihrem Mann, der seine kranke Frau nach getaner Arbeit im Spitalzimmer besucht: «Ich glaube an Dich.»
  Der Ehemann ist ein ehrlicher Mensch, ein tüchtiger Arbeiter, voller Schuldgefühle wegen des Alkohols. Zunächst scheint er überfordert. Doch seine Frau schreckt der Tod nicht. Sie muss ja «noch vieles erledigen», sagt sie. Nicht aufräumen, putzen, Rechnungen- oder Testamentschreiben – Äusseres. Sie will ihren geliebten Mann nicht unvorbereitet zurücklassen. Er muss bald übernehmen, was seine Frau bisher alleine getragen hat: die Erziehung und Einführung der Kinder ins Leben. Das Leben weiterzugeben, diese Aufgabe, dieser unsichtbare Vertrag, der uns Menschen bindet, ob wir wollen oder nicht, er ist doch kaum eingelöst. Sechs und acht Jahre alt sind die Kinder erst. Abhängig ist der Vater vom Alkohol, er, der doch jetzt soviel Mut, Zuversicht, innere Kraft und Selbstvertrauen braucht für das Kommende, auf seinen Schultern alleine wird bald unweigerlich alles liegen, was bisher ihre gemeinsame Aufgabe war: die Familie. «Ich glaube an Dich», flösst sie ihm Kraft ein.
  Diese liebende Frau hat ihre Hoffnung aufs Grab gepflanzt. Jeder ihrer gezählten Tage hat einen grossen tiefen Sinn. Sie kann noch etwas geben, für jetzt und für die Zukunft, wenn sie nicht mehr leben wird. Sie kann etwas ins Leben rufen, was nach ihrem unweigerlichen Tod weiterleben und -wirken wird in der seelischen Stärke ihres geliebten Mannes und in den Herzen der drei Hinterbliebenen.
  Angesichts des mit dem Tode ringenden Menschen, beschreibt die sie pflegende Krankenschwester, «komme ich mir dann wie ein Strohhalm vor, an den sich der Kranke mit aller Kraft klammert». Und sie schildert den Kern der inneren Wandlung dieser Frau: «Dem kranken Menschen vermag ich die Angst nicht zu nehmen, indem ich sie relativiere oder ihm Hoffnung predige, sondern durch mein Verhalten, meine Menschlichkeit, die für ihn zur Hoffnung werden, ihn zum Hoffenden machen kann.»
  Immer und immer wieder hört der staunender Ehemann von seiner geliebten todkranken Frau dieses «Ich glaube an Dich». Und er, der seine Schwäche bisher zu verstecken suchte, beginnt zu begreifen, was es heisst, dass an ihn jemand glaubt. Dass nicht nur seine geliebte Frau auf seine Kraft nach ihrem Tod hofft, sondern auch diese beiden Kinder, die ihre Mutter verlieren werden. Und er verspricht ihr, seine Pflichten den Kindern gegenüber zu übernehmen.
  Die Frau stirbt schliesslich. Aber die Krankenschwester sieht eines Tages nach dem Tod der Patientin den Witwer mit den beiden Buben spazierengehen. «Er schien ein anderer Mensch geworden zu sein», berichtet sie. Der Glaube, die Hoffnung seiner Frau seien für ihn zu einer tragenden Kraft geworden, die ihn trotz des schweren Verlusts hoffen und an eine Zukunft glauben lasse.
  Das bedeutet Hoffnung: Selbst in schwierigsten, verzweifelten Lebenslagen kann der Mensch noch etwas Positives entwickeln, wenn er um seine Bedeutung als Mitmensch weiss.  •

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