Jemen: Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden schaffen

Eröffnungsansprache von António Guterres, Generalsekratär der Vereinten Nationen, zur hochrangigen Geberkonferenz für den Jemen am 1. März 2021 im UN-Hauptquartier in Genf

zf. Am 1. März 2021 schalteten sich Vertreter verschiedener Staaten per Video zu einer «Geberkonferenz» im Hauptquartier der Vereinten Nationen in Genf zusammen, um finanzielle Mittel für dringend benötigte Hilfe für die Menschen im Jemen – dem Land im Süden der arabischen Halbinsel und gegenüber dem Horn von Afrika – zusammenzubringen. Das finanzielle Ergebnis der Konferenz war enttäuschend. Nicht einmal die Hälfte der unbedingt erforderlichen Mittel kam zusammen. Der Jemen, seit 2014 vom Krieg geplagt, ist das Land mit der derzeit grössten humanitären Katastrophe weltweit. Trotzdem wird normalerweise in unseren Ländern fast gar nicht über dieses Land berichtet. Dass die Medien anlässlich der Konferenz in Genf das Thema breit aufgriffen, war eine Ausnahme. Wir dokumentieren die Eröffnungsrede des Generalsekretärs der Vereinten Nationen António Guterres und sein Resümee am Ende der Konferenz.

Ich danke den Regierungen Schwedens und der Schweiz für die Mitausrichtung dieser Konferenz und den Vertretern der teilnehmenden Regierungen und Organisationen für ihre Solidarität mit dem jemenitischen Volk. Der Hunger bedrückt den Jemen heute zutiefst.

Ausmass des Leids kann nicht übertrieben werden

Das grosse Wettrennen hat begonnen, wenn wir verhindern wollen, dass Hunger und Verhungern Millionen Menschen das Leben kosten. Es ist unmöglich, das Ausmass des Leids im Jemen zu übertreiben. Mehr als 20 Millionen Jemeniten benötigen humanitäre Hilfe und Schutz, wobei Frauen und Kinder am stärksten betroffen sind. Das heisst, dass zwei von drei Menschen im Jemen Nahrungsmittelhilfe, medizinische Versorgung oder andere lebensrettende Unterstützung von humanitären Organisationen benötigen. Es wird erwartet, dass in diesem Jahr mehr als 16 Millionen Menschen hungern werden. Fast 50 000 Jemeniten sind bereits an den Folgen einer Hungersnot gestorben. Am schlimmsten ist die Hungersnot in den vom Konflikt betroffenen Gebieten. Vier Millionen Menschen im Jemen sind aus ihren Häusern vertrieben worden. […] Im vergangenen Jahr hat der Konflikt im Jemen mehr als 2000 Zivilisten getötet oder verletzt. Er hat die Wirtschaft verwüstet und die öffentlichen Dienste zerstört. Kaum die Hälfte der jemenitischen Gesundheitseinrichtungen ist voll funktionsfähig. Die Covid-19-Pandemie ist eine weitere tödliche Bedrohung in einem Land, das vor so schweren gesundheitlichen Herausforderungen steht. Für die meisten Menschen ist das Leben im Jemen inzwischen unerträglich.

Für Kinder im Jemen eine besondere Art von Hölle

Eine Kindheit im Jemen wird zu einer besonderen Art der Hölle. Jemenitische Kinder verhungern. In diesem Jahr soll fast die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren im Jemen an akuter Unterernährung leiden. Zu den Symptomen gehören Auszehrung, Depression und Müdigkeit. 400 000 dieser Kinder sind von schwerer akuter Unterernährung betroffen und könnten ohne dringende Behandlung sterben. Hungernde Kinder sind noch anfälliger für vermeidbare Krankheiten wie Cholera, Diphtherie und Masern. Alle zehn Minuten stirbt ein Kind einen unnötigen Tod durch Krankheiten wie diese im Jemen. Und jeden Tag werden jemenitische Kinder in dem Konflikt getötet oder verstümmelt. Kranke und verletzte Kinder werden von überforderten Gesundheitseinrichtungen abgewiesen, die keine Medikamente oder Ausrüstung haben, um sie zu behandeln. Dieser Krieg verschlingt eine ganze Generation von Jemeniten. Er muss aufhören.

Keine militärische Lösung im Jemen

Es ist seit Jahren klar, dass es im Jemen keine militärische Lösung gibt. Der einzige Weg zum Frieden führt über einen sofortigen, landesweiten Waffenstillstand und eine Reihe vertrauensbildender Massnahmen, gefolgt von einem inklusiven, von den Jemeniten geführten politischen Prozess unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen und unterstützt von der internationalen Gemeinschaft. Die Menschen im Jemen haben deutlich gemacht, was sie wollen: lebensrettende Unterstützung durch die Welt, friedliche politische Teilhabe, rechenschaftspflichtige Regierungsführung, gleichberechtigte Bürgerschaft und wirtschaftliche Gerechtigkeit. Ich fordere alle Parteien auf, mit meinem Sondergesandten Martin Griffiths zusammenzuarbeiten, um eine friedliche Lösung des Konflikts zu erreichen. Alle unsere Handlungen müssen von diesem Ziel geleitet sein.

Reduzierung der Hilfe bedeutet Todesurteil für ganze Familien

Bereits zum fünften Mal haben wir eine hochrangige Geberkonferenz einberufen, um auf die humanitäre Krise im Jemen zu reagieren. Die bittere Wahrheit ist, dass wir nächstes Jahr eine sechste Veranstaltung einberufen werden, wenn der Krieg nicht endet. Wir müssen jede Möglichkeit schaffen und nutzen, um Leben zu retten, eine Massenhungersnot abzuwenden und einen Weg zum Frieden zu schaffen. Die humanitäre Lage im Jemen war noch nie so schlimm wie heute. Doch im vergangenen Jahr sind die Mittel für humanitäre Hilfe zurückgegangen. Wir haben 1,9 Milliarden US-Dollar erhalten – nur die Hälfte dessen, was wir brauchen, und die Hälfte dessen, was wir im Jahr zuvor erhalten haben. Gleichzeitig brach die jemenitische Währung zusammen, und die Überweisungen von Jemeniten aus dem Ausland versiegten, da die Pandemie die Wirtschaft überall traf. Die Auswirkungen waren brutal.
  Humanitäre Organisationen, die Nahrungsmittel, Wasser und medizinische Versorgung bereitstellen, haben ihre Programme reduziert oder sogar geschlossen. Die Familien haben nichts, worauf sie zurückgreifen können. Vor zwei Jahren, im Jahr 2018, halfen humanitäre Organisationen dank der Grosszügigkeit der Geber, einschliesslich der Nachbarn des Jemens, die damals drohende Hungersnot im Jemen zu verhindern. Heute ist die Reduzierung der Hilfe ein Todesurteil für ganze Familien.

Die Kinder zahlen den Preis für den Krieg

Während der Krieg wütet, zahlen die Kinder im Jemen den Preis dafür. Und wir wissen aus Studien über die Auswirkungen von Konflikten, dass diese Kinder auch noch einen hohen Preis zahlen werden, wenn die Waffen längst verstummt sind. Kinder, die in ihrer Kindheit unter Mangelerscheinungen leiden, werden möglicherweise nie ihr körperliches und geistiges Potential ausschöpfen können.
  Wirtschaftliche Schäden, Spaltungen und Missstände können Jahrzehnte andauern und ganze Regionen in Mitleidenschaft ziehen. Gemeinschaften, die durch den Konflikt verwüstet wurden, tragen über Generationen hinweg seelische Narben davon. Wir müssen diesen sinnlosen Konflikt jetzt beenden und sofort mit der Bekämpfung seiner verheerenden Folgen beginnen. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, sich aus dem Jemen zurückzuziehen. Wir müssen die Mittel, die wir 2018 [und 2019] hatten, erreichen und übertreffen. Dieses Jahr brauchen wir 3,85 Milliarden Dollar, um 16 Millionen Jemeniten am Rande einer Katastrophe zu unterstützen. Ich bitte alle Spender inständig, unseren Appell mit grosszügigen Mitteln zu unterstützen, um zu verhindern, dass eine Hungersnot das Land verschlingt. Jeder Dollar zählt.

Unterschied zwischen Leben und Tod

Die Mittel, die Sie bereitstellen – über den Jemen Humanitarian Response Plan, den Central Emergency Response Fund oder den Country-Based Pooled Fund – werden einen enormen und konkreten Unterschied ausmachen. In vielen Fällen ist es der Unterschied zwischen Leben und Tod. Die Familie der Vereinten Nationen und unsere Partner im Jemen sind bereit, die Hilfsmassnahmen zu verstärken. Die Bereitstellung von Hilfe im Jemen ist eine Herausforderung – aber die humanitären Helfer sind ihr gewachsen. Im vergangenen Jahr haben die Organisationen der Vereinten Nationen und unsere Partner jeden Monat mehr als 10 Millionen Menschen geholfen und in jedem der 333 Bezirke des Jemen gearbeitet.
  Ich fordere alle Parteien erneut auf, die Anforderungen des Humanitären Völkerrechts zu beherzigen, um einen schnellen und ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe zu ermöglichen. Die Hilfe, die Sie heute zusagen, wird nicht nur die Ausbreitung der Hungersnot verhindern und Leben retten. Sie wird auch dazu beitragen, die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden zu schaffen.
  Ich danke Ihnen. Shukran.  •

Quelle: www.un.org/sg/en/content/sg/speeches/2021-03-01/opening-remarks-high-level-pledging-event-for-yemen%C2%A0

(Übersetzung Zeit-Fragen)

«Das Ergebnis der heutigen hochrangigen Geberkonferenz zum Jemen ist enttäuschend»

Nach der Geberkonferenz am 1. März 2021 sagte der Generalsekretär der Vereinten Nationen: «Das Ergebnis der heutigen hochrangigen Geberkonferenz zum Jemen ist enttäuschend. Die angekündigten Zusagen belaufen sich auf etwa 1,7 Milliarden Dollar. Das ist weniger, als wir für den Plan für humanitäre Hilfe im Jahr 2020 erhalten haben. Und eine Milliarde Dollar weniger, als auf unserer Konferenz 2019 zugesagt wurde.
  Millionen von jemenitischen Kindern, Frauen und Männern brauchen dringend Hilfe, um zu überleben. Die Kürzung der Hilfe ist ein Todesurteil. Das Beste, was man über den heutigen Tag sagen kann, ist, dass er eine Anzahlung darstellt. Ich danke denen, die eine grosszügige Zusage gemacht haben, und ich bitte andere, noch einmal zu überlegen, was sie tun können, um die schlimmste Hungersnot abzuwenden, die die Welt seit Jahrzehnten gesehen hat.
  Letztlich führt der einzige Weg zum Frieden über einen sofortigen, landesweiten Waffenstillstand und eine Reihe vertrauensbildender Massnahmen, gefolgt von einem inklusiven, von den Jemeniten geführten politischen Prozess unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen und mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft. Eine andere Lösung gibt es nicht.
  Die Vereinten Nationen werden weiterhin in Solidarität mit dem hungernden Volk im Jemen stehen.»


Quelle: https://www.un.org/sg/en/content/sg/statement/2021-03-01/secretary-generals-statement-yemen

(Übersetzung Zeit-Fragen)
 

Es fehlt nicht an Geld

zf. 3,85 Milliarden Dollar bräuchte es laut Uno-Generalsekretär Guterres für die Nothilfe im Jemen, um 16 Millionen Menschen am Rande der Katastrophe zu unterstützen, um zu verhindern, dass «Hunger und Verhungern Millionen Menschen das Leben kosten». Die Geberkonferenz kürzte ihre Zusagen statt dessen auf 1,7 Milliarden Dollar.

Szenenwechsel: Laut einer Meldung von Bloomberg wurde der derzeit reichste Mensch der Welt, Jeff Bezos, im Corona-Jahr 2020 durch einen Kurssprung der Amazon-Aktie an einem einzigen Tag im Juli um 13 Milliarden Dollar reicher und verfügte damit über ein Vermögen von 189 Milliarden Dollar. Ein Mensch.

Auf Geheiss der US-Regierung und der Nato soll Italien sein Militärbudget von derzeit jährlich 26 Milliarden Euro um 10 Milliarden auf jährlich 36 Milliarden Euro (also um 38 % bzw. auf 2 % des BIP) erhöhen (vgl. S. 2). Ein Staat von vielen.

Ein Flugzeugträger der neuen Ford-Klasse für die US-Navy kostet rund 13 Milliarden Dollar. Plus Kosten für 4500 Besatzungsmitglieder, Flugzeuge und vieles mehr. Ein weiterer Staat.

Woran fehlt es wirklich?

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