Wer wagt es, dem Fortschritt entgegenzutreten?

von Nicole Duprat, Frankreich

Wie eine Hydra* mit tausend Köpfen und vielen Tentakeln dringt das ultra vernetzte Smartphone in den Raum und die Zeit seiner Nutzer ein, indem es ständig ihre Aufmerksamkeit erregt und ihr tägliches Verhalten verändert.
  Permanenter Konzentrationsverlust und unaufhörliche Beanspruchung, Abhängigkeiten, zerstörtes Familienleben, Sprachstörungen, physische Isolation, Süchte, Depressionen, Angstzustände, Augenermüdung, Migräne, Schlaflosigkeit, Hörverlust, Narzissmus, Pornografie, Mobbing, Gefährdung der persönlichen Sicherheit (im Auto, auf dem Motorrad, zu Fuss) – das sind die schädlichen Beeinträchtigungen (einige davon sind irreversibel) und verschiedenen Zerrbilder, die derzeit beobachtet werden.
  Wer würde es wagen, dem Fortschritt entgegenzutreten? Natürlich gibt es einige, die dagegen sind, und das sind nicht wenige! Ein Artikel in der Zeitschrift Le Point (20. September 2014) belehrt uns eines Besseren! Er trägt – welche Überraschung – den Titel: «The children of Steve Jobs deprived of Ipad.» Der Gründer von Apple habe seine Kinder immer von neuen Technologien ferngehalten, enthüllt uns dessen Autor. Im Silicon Valley lassen die Verantwortlichen für Tablets, iPhones oder Videospiele ihre Kinder kaum ein Smartphone anfassen; sie werden zum Lesen von Büchern aus Papier angehalten. Wir erfahren auch mit Erstaunen, dass viele Führungskräfte und Mitarbeiter von Google, Yahoo, Apple und eBay, um der Manipulation und Fehlinformation etwas entgegenzusetzen, ihre Kinder auf Waldorf-, Steiner-, Montessori-Schulen schicken, deren Pädagogik besonders technikfeindlich ist! Und aus gutem Grund erlaubt die Leitung dieser Schulen kein Tablet oder Smartphone, da diese eine gewisse Gefahr und ein ernsthaftes Hindernis für die Entwicklung von Kreativität, Konzentration und sozialem Verhalten der Schüler darstellen.
  Denn wer könnte es besser als Steve Jobs wissen, ob die Nutzung von Smartphones und Tablets schädlich für Kinder ist? Da durch diese «Modernität» viele im hohen Masse abhängig oder gar versklavt sind, sollte diese wichtige Information an viele Jugendliche und Erwachsene weitergegeben werden.
  Zwischen Bildschirm und Papier muss man sich entscheiden können. Zahlreiche Studien (University of Pittsburg, University of Virginia auf der Seite adozen.fr, OECD in einem Artikel in «Le Monde» vom 25. September 2015) kommen ausnahmslos zum gleichen Schluss: nämlich dass die Leistungsfähigkeit von Schülern, die mit Smartphones arbeiten, einen Rückgang der intellektuellen Leistungsfähigkeit um 30 % zeigen im Vergleich zu denen, die sie nicht nutzen. Vergessen wir nicht, dass die Funktion des geschriebenen Wortes darin besteht, es im Gedächtnis zu fixieren. Das Schreiben von Hand auf ein leeres Blatt Papier ist ein Akt, der das Gedächtnis in unserem Gehirn aktiviert, entwickelt und stärkt, während das Tippen auf einer Tastatur die Neuronen nicht auf dieselbe Weise arbeiten lässt. Wenn wir schreiben, lassen wir uns von unseren Gedanken leiten, und das Schreiben folgt dem Rhythmus unserer Gedanken.
  Während Milliarden für die Ausstattung von Schulen ausgegeben werden, scheint die digitale Technologie eher zum Scheitern verurteilt als erfolgversprechend zu sein… Einen Kurs auf einer Tastatur statt auf einem Stück Papier mitzuschreiben, scheint für einige wenige ein Unding zu sein! Für viele ist heute dagegen der Anspruch, einen Kurs auf einem Stück Papier statt auf einer Tastatur mitzuschreiben, ein Unding.
  Ausserdem stellte die britische Tageszeitung «The Guardian» vom 25. Februar 2018 fest, dass Schulkinder wegen Smartphones und Tablets nicht mehr wissen, wie man einen Stift richtig hält. Laut den von der Zeitung befragten Kinderärzten haben Kinder durch die Zeit, die sie vor den Bildschirmen verbringen, eine unzureichende Muskelentwicklung zum Schreiben. «Es ist einfacher, einem Kind ein iPad zu schenken, als es zu ermutigen, die Zeit mit Konstruktionsspielen, mit Tätigkeiten wie etwas auszuschneiden und einzufügen, Tücher zu nähen, zu zeichnen zu verbringen. Deshalb entwickeln sie nicht die grundlegenden Fähigkeiten, die nötig sind, um einen Stift zu greifen und zu halten», sagt die Kinderärztin Sally Payne, leitende Ergotherapeutin am Heart-of-England-NHS-Trust
  Der Artikel von Eliane Perret in Zeit-Fragen Nr. 24 vom 3. November 2020 lädt Jugendliche und Erwachsene in einem interessanten pädagogischen Ansatz dazu ein, sich diesem modernen Zugriff zu widersetzen!
  Der Mensch ist der Herr der Maschine, nicht die Maschine darf den Menschen beherrschen. Wir dürfen nie den Vorrang des Menschen vor der technologischen Dimension aus den Augen verlieren. Im Konsumrausch einer auf Hightech ausgerichteten Gesellschaft ist digitale Nüchternheit ein zu erwerbender Vorteil!
  Regulierung und das Recht auf Abschalten müssen genutzt werden, um den verdrehten Auswirkungen der digitalen Technologie entgegenzuwirken. Mit den Mitteln unserer Zeit zu leben, bedeutet nicht, sich in der Hektik und Quälerei des Fortschritts zu verlieren.  •
 



(Übersetzung Zeit-Fragen)

* Die Hydra von Lerna war ein Seeungeheuer mit mehreren Köpfen, die sich doppelt regenerierten, wenn sie abgeschlagen wurden, und selbst im Schlaf ein gefährliches Gift ausstiessen. Der Held der griechischen Mythologie, Herkules, tötete sie, indem er ihr den Hauptkopf mit Hilfe einer goldenen Schlange abschlug (dies ist die zweite der zwölf Arbeiten des Herkules).

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