Am Beginn stand die Wette

Die Anfänge des Wintersports

von Heini Hofmann

Sport im Winter – von Skifahren und Skispringen oder Eislaufen und Eishockey über Bobsleigh- und Skeletonfahren bis Curling und Skikjöring – ist heute selbstverständlich.  Doch die Anfänge hören sich an wie ein Märchen!

Wie sich das alles angebahnt hat, ist nicht mehr genau zu eruieren. Doch es zirkuliert eine ebenso amüsante wie plausible Legende über die angebliche Geburtsstunde des Wintersports in der Schweiz. Promotoren dieser Neuheit waren englische Touristen.

Abschiedsparty mit Folgen

Man schrieb das Jahr 1864. Die Sommersaison im abgelegenen Hochtal namens Oberengadin neigte sich dem Ende zu; die meisten Gäste waren schon abgereist. Nur eine Gruppe Engländer sass an einem trüben Spätherbstabend noch in der heimeligen Engadinerstube des Kulm Hotel zu St. Moritz und feierte den letzten Ferientag, zusammen mit dem bärtigen Hotelier Johannes Badrutt. Ein Wort gab das andere, und die Whiskyflasche wurde zunehmend trockener.
  Solche feucht-fröhlich-wehmütigen Abschiedspartys gab es immer wieder am Ende oft wochen- und monatelanger Sommerferien. Doch dieser Abschiedstrunk sollte ein ganz besonderer werden, mit gewaltigen Nachwirkungen bis in die heutige Zeit, eine Sternstunde für St. Moritz, ein Markstein in der Geschichte des Engadins und der ganzen Alpenwelt! Dieses kurze Ende Routine gewordener Sommerferien wurde zum langen Anfang eines neuen, dynamischen Wintertourismus.
  «Well», unterbrach Johannes Badrutt die fröhliche Runde der britischen Gentlemen, «Ihr kehrt jetzt in den nebliggrauen, nieselnassen englischen Winteralltag zurück.» Dann strich er sich den Bart und meinte verschmitzt: «Seid Ihr Euch bewusst, dass man hier im Winter zu den Sonnenstunden ohne Hut und Mantel, ja sogar ohne Kittel flanieren kann, und dies, im Gegensatz zu England, ohne Gefahr, sich einen Bronchialkatarrh oder gar eine Lungenentzündung zu holen? Im Gegenteil, frische Alpenluft, Pulverschnee und Wintersonne pur sind eine Wohltat für Geist und Körper!»

Wetten, dass – schon damals!

Hotelier Badrutt hielt kurz inne, als ob er etwas aushecken würde. Mit einem kurzen Blitzen in den Augen fuhr er fort: «Macht doch die Probe aufs Exempel und überzeugt euch selbst. Ihr seid im Winter meine Gäste; wetten, dass ihr’s nicht bereuen werdet!» Und er gab noch gleich eins drauf: «Trifft mein Versprechen nicht zu, vergüte ich euch die Reisespesen; im andern Fall seid ihr Freigäste in meinem Haus.» Wettfreudig, wie die Engländer sind, schlugen sie ohne zu zögern zu; die Würfel waren gefallen.
  Tatsächlich: Kurz vor Weihnachten reisten die vier Gentlemen, begleitet von Familienmitgliedern, wieder nach St. Moritz; denn Kneifen bei Wetten gibt’s bei den Briten nicht. Aber sie genossen heimlich die Vor- und Schadenfreude, den guten Badrutt reinzulegen. In Chur mieteten sie einen Pferdeschlitten und überquerten den tiefverschneiten Julierpass in gleissendem Sonnenlicht. Doch statt der dicken Mäntel hätten sie wohl besser Sonnenbrillen mitgenommen; denn sie erreichten St. Moritz schwitzend und beinahe schneeblind …
  So hatten sie sich den Bergwinter nicht vorgestellt, sondern nebligkalt und finstergrau. Nun aber schien die Sonne heller als im Sommer, und der Schnee glänzte wie ein Glitzerteppich. Badrutt, der die verdutzten Gäste hemdsärmlig empfing, hatte die Wette klar gewonnen! Er löste sein Versprechen ein und gewährte den vier Gentlemen Gastfreundschaft bis Ostern. Sein Entgegenkommen sollte sich bezahlt machen: Diese Engländer kamen von nun an jeden Winter, begleitet von Dutzenden von Verwandten und Bekannten.

Geburtsstunde des Wintersports

So ist denn der November 1864 zur eigentlichen Geburtsstunde des Wintertourismus geworden. Jahr für Jahr kamen mehr Briten in den sonnigen Engadiner Winter, und es dauerte nicht lange, bis der Umfang der Wintersaison jenen der Sommersaison weit überflügelte. Die berühmte Wette, als kleiner Scherz unter Freunden gedacht, hatte eine Lawine ausgelöst, die den Tourismus wandelte und dynamisierte und Johannes Badrutt zum Wettkönig auf Lebzeiten machte.
  Doch wer Gäste empfängt, muss sich von der besten Seite zeigen, sprich: den Ort verschönern. Dazu brauchte es in St. Moritz ein Instrument; also bildete man eine Kommission, deren erste Aufgabe im Rahmen der Ortsbildverschönerung es war, den Friedhof beim Schiefen Turm, in welchem wegen des Bergdrucks die Grabsteine umkippten, zu sanieren. Zehn Jahre danach wurde daraus der «St. Moritzer Curverein», später der «Verkehrsverein» und schliesslich der «Kur- und Verkehrsverein».
  In seinem Auskunftsbüro lag ein Beschwerdebuch auf, worin sich unzufriedene Gäste äussern konnten und worauf man laufend zu reagieren versuchte – nach dem bewährten Grundsatz «Der Gast ist der König». So waren denn also die Anfänge des St. Moritzer Winterkurbetriebs geprägt von der Badruttschen Wette und den Verschönerungsversuchen einer Friedhofskommission … Ob damals wohl jemand davon zu träumen wagte, welch grandiose Dimensionen dieser Engadiner Winter-Kurbetrieb dereinst erleben sollte?

Sportbegeisterte Engländer

Denn diese ersten britischen Wintertouristen kamen nicht als Passiv-Kurgäste und Whiskytrinker, sondern als begeisterte Sportfans, und sie brachten in manchen Disziplinen das Know-how gleich mit. So standen bezüglich Wintersport zunächst Schlitteln und Eislaufen hoch im Kurs. Jeden Winter wurden mehrere Schlittelbahnen bereitgestellt, zum Beispiel am Rand der Badstrasse vom Dorf ins Bad oder vom Kulm Hotel quer über die Wiesen bis hinunter auf den zugefrorenen See. Dem Eislaufvergnügen standen an die zwanzig Eisflächen zur Verfügung, wo auch traumhafte Eisfeste zelebriert wurden. Ganz besonders im Vormarsch war Eishockey und verdrängte dessen Vorläufer, Bandy genannt, das mit einem unten gebogenen Stock gespielt wurde.
  Und noch ein Eissport machte Furore: Curling, welches 1880 von Schottland den Weg nach St. Moritz fand. Ja, sogar Tennis wurde im Winter gespielt, auf freigeschaufelten Plätzen, umgeben von Schneemauern. Bewundert wurden speziell die tollkühnen Bobpiloten und Skeletonfahrer. 1885 war die Eröffnung des Cresta Runs. Weil aus Sicherheitsgründen das Bobfahren auf der Landstrasse von St. Moritz nach Celerina verboten werden musste, entstanden die Bobbahnen, deren erste 1903. Der welterste Bobrun war aber bereits im Winter 1895/96 in St. Moritz gebaut worden, und die Gründung des St. Moritz Bobsleigh Club erfolgte ein Jahr darauf.

Skisport in allen Facetten

Jedoch: Die Winterdisziplin mit dem grössten Potential war der Skisport. Erste Erfahrungen auf den langen Brettern holten sich die Anfänger auf sanft geneigten Wiesen. Wer bis Salastrains oder sogar bis Corviglia hinaufstieg, um sich in die Abfahrt zu stürzen, war der Bewunderung sicher. Die eigentlichen Gladiatoren jedoch waren die Skispringer. Für sie wurde 1906 die Julierschanze gebaut. Skirennen und Skispringen wurden vom 1903 gegründeten Skiklub Alpina organisiert, und 1929 erfolgte die Gründung der Skischule St. Moritz – notabene der schweizweit ersten.
  Da Engländer Pferdenarren sind und damals die Rosse das Hauptverkehrsmittel waren, begann auch der ganzjahrestaugliche Reitsport zu boomen. Im Winter beliebt war Skikjöring, wovon ein erstes Rennen 1906 stattfand. Auch hier zwangen Sicherheitsgründe, von den Strassen auf den gefrorenen See auszuweichen. Die Gründung eines Reitvereins liess nicht lange auf sich warten, und bereits 1907 folgten Flach-, Trab- und Hürdenrennen. Den Polo-Sport hatten englische Kavallerie-Offiziere schon früher gebracht; denn bereits 1898 war in St. Moritz Bad die Polo-Wiese hergerichtet worden.

Mehr Gäste – mehr Wünsche

Die Reise ins Oberengadin war damals noch abenteuerlich. Ab 1850 verkehrten in elfstündiger Holperfahrt wöchentlich sechs Postkurse von Chur über den Julierpass nach Samedan. Auch sämtliche Waren wurden mittels Hafermotoren transportiert. Kein Wunder, dass in St. Moritz oft bis an die 400 (!) Pferde  standen.
  Doch je mehr Kurgäste, desto mehr Aktivitäten und um so grössere Ansprüche. Die Aufgaben im aufstrebenden Kurort wuchsen. So mussten die Strassen ausgebaut und mit Trottoirs versehen werden. Und weil man den Kurgästen nicht zumuten konnte, im abendlichen Ausgang eine Laterne mitzuführen, wurde eine elektrische Strassenbeleuchtung eingeführt. Die allerersten elektrischen Bogenlampen der Schweiz brannten übrigens an Weihnachten 1878 im Speisesaal des Engadiner Kulm Hotels; der initiative Badrutt hatte sie an der Weltausstellung in Paris entdeckt – und gleich ein kleines Wasserkraftwerk eingerichtet.
  Aber auch profane Probleme wie Kehrichtentsorgung und Abwasserregime harrten der Lösung; denn es ging nicht mehr an, Abwässer ohne vorgeschaltete Sickergrube in den See zu leiten. Und weil der Wunsch nach einer bequemen Verbindung vom Dorf ins Bad laut wurde, entschloss man sich für eine Strassenbahn: 1896 nahm die «Tramway électrique» ihren Betrieb auf. Kurz: Was mit einer simplen Wette des Hotelier- und Wettkönigs Johannes Badrutt begonnen hatte, liess das damals noch verschlafene Bergdorf St. Moritz wie einen Phönix aus der Asche aufsteigen und zu einer der weltbekanntesten Glamour-Tourismusdestinationen werden.  •

Vom Winter- zum Sommersport

hh. Engländer haben nicht nur den Wintersport initiiert; sie gaben auch Anstoss für die Entwicklung des Tourismus in den Alpen ganz generell. Animiert durch Werke von Malern und Dichtern wie William Turner und Lord Byron strömten sie in Scharen herbei. Eine der ersten Alpeneroberinnen war notabene die englische Alpinistin, Schriftstellerin und Fotografin Elisabeth Maine, ab 1884 in St. Moritz Stammgast im Kulm Hotel. Am 31. Januar 1898 realisierte sie zusammen mit einem Engadiner Bergführer die waghalsige Wintererstbesteigung des Piz Morteratsch (3754 m).

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