Leserbriefe

«How dare you !»

Als Fördermitglied der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen erhalte ich dreimal im Jahr deren Zeitschrift Akut, die über Hilfsprojekte berichtet, die die Ärzte in mehr als 70 Ländern der Erde durchführen. Oft finde ich nicht die Zeit und die notwendige innere Ruhe, um diese oft erschütternden und berührenden Berichte über die Arbeit der Ärzte vor Ort zu lesen.
  Das war diesmal anders: Mir war es ein Bedürfnis, in Akut 3/2020 den Bericht einer jungen deutschen Kinderärztin zu lesen, von der es im Vorspann des Artikels heisst: «Im Jemen fühlt sich Annette Werner am richtigen Ort – obwohl seit Jahren Krieg herrscht und sich nun auch noch das Corona-Virus ausbreitet.» Dann wird von einem Notfall mitten in der Nacht berichtet.
  «Unerwartete Notfälle sind für Werner Alltag. Erst kürzlich klingelte um fünf Uhr morgens das Telefon. ‹Annette, wir haben hier einen stark mangelernährten Säugling im Schockzustand. Du musst sofort kommen!› rief der Kollege am anderen Ende. ‹In den zwei Minuten im Auto rief ich mir noch einmal die Schritte zur Schockbehandlung bei schwerster Mangelernährung ins Gedächtnis, die anders sind als bei einem ausreichend genährten Kind›, erinnert sich Werner. ‹Ich rannte in die Notaufnahme. Wahnsinn, wie schnell man so wach sein kann und voll aufnahmefähig ist, wenn es sein muss.› Ein Arzt und zwei Pfleger versuchten, dem Mädchen einen intravenösen Zugang zu legen. Die Kleine wog mit sechs Monaten nur 2,7 Kilogramm und war wegen anhaltender Durchfälle im Schock. Ihre Haut war eiskalt, der Kreislauf zusammengebrochen, die Augen waren eingefallen.
  ‹Ich hätte intravenös Flüssigkeit zuführen müssen, um den Kreislauf zu stabilisieren. Aber weil die Venen wegen des Schocks nicht mehr mit Blut gefüllt waren, konnte ich keinen Zugang legen›, erinnert sich Werner. ‹Zum Glück hatten sie noch einen Knochenbohrer in der Notaufnahme. Das war die letzte Möglichkeit. Ich hatte in Trainings Dutzende Nadeln in Hühnerknochen gebohrt – aber noch nie im Ernstfall und schon gar nicht bei einem Mädchen, dessen Unterschenkel kaum dicker war als mein Daumen. Die Gefahr, den Knochen zu durchbohren, war gross.›
  Doch alles ging gut. Über die Knochennadel konnte Werner die Schocktherapie beginnen und das Mädchen stabilisieren. ‹Mir wurde bewusst, wie wichtig gutes Training ist.› Nach zwei Wochen stationärer Behandlung konnte sie die kleine Patientin in gutem Zustand nach Hause entlassen. Wenig später traf die Kinderärztin sie noch einmal: ‹Sie lachte und feixte mit ihrer Mutter und hatte zugenommen. Ein Hoch auf die Hühnerknochen!›»
  Der Bericht hat mich tief bewegt und angesichts der Arbeit der jungen Ärztin mit Hochachtung erfüllt. Am nächsten Tag habe ich eine Überweisung ausgefüllt. Das wenigstens kann ich tun, dachte ich.
  Ich danke der Redaktion von Zeit-Fragen, dass sie mit der Veröffentlichung der Eröffnungsansprache von UN-Generalsekretär Guterres zur Geberkonferenz für den Jemen am 1. März 2021 einen weiteren erschütternden Beitrag geleistet hat zur Aufklärung über die aktuelle humanitäre Katastrophe im Jemen. Und Jeff Bezos oder anderen möchte ich am liebsten lauthals zurufen: «How dare you …!» Aber ich fürchte, sie werden es nicht hören.

Annelene Neuhaus, Köln


Gesteigerte Aggressivität gegenüber Russland

Von Jahr zu Jahr bemerke ich in den deutschen Medien eine gesteigerte Aggressivität gegenüber Russland. Natürlich soll und kann man das politische Geschehen in Russland kritisch begleiten. Aber man muss sowohl feststellen, dass meist mit zweierlei Mass gemessen wird, als auch, dass der Ton zunehmend schärfer wird. – Das Vorgehen westlicher Regierungen gegen ihre Opposition ist häufig auch von Unmenschlichkeit geprägt (Beispiele: Verurteilung und Strafandrohung für katalanische Separatisten, Behandlung von Assange und anderen Whistleblowern, Ermordung eines Journalisten in einer saudischen Botschaft).
  Russland hat weder den Krieg in der Ukraine noch den in Syrien begonnen. Westliche Kräfte haben viel zur Destabilisierung und Eskalation der Lage beigetragen, so die völkerrechtswidrigen Kriege des Westens gegen den Irak, Jugoslawien, Libyen, Waffenlieferungen an Kriegsparteien in Syrien usw. Dazu gibt es zahlreiche Bücher, u. a. Michael Lüders «Wer den Wind sät …» oder «Wir sind die Guten» von Matthias Bröckers und Paul Schreyer.
  Kurzum: Man sieht den Splitter im Auge Russlands, den Balken im eigenen Auge nicht.
  Zum Titel eines Leserbriefes in der Ausgabe von Zeit-Fragen vom 9. März 2021 «Man kann nur hoffen …»: Leider wird dies wohl eine vergebliche Hoffnung sein. Denn was man von Biden hört, zielt auf eine Eskalation des Verhältnisses zu Russland. Trump war einst angetreten und wollte eigentlich ein besseres Verhältnis zu diesem Land. Damit geriet er allerdings dermassen im eigenen Land unter politischen Druck, dass sich seine Haltung wandelte. Unter Biden wird die Lage deutlich schlechter. Er hat Putin als Mörder bezeichnet – Aussagen dieser Art sind weder hinnehmbar noch angemessen. Zum Thema gibt es eine grossartige Rede von Sahra Wagenknecht im Deutschen Bundestag. Sie sprach u. a. darüber, dass die Nato etwa 900 Milliarden Dollar für die Rüstung ausgibt, Russland dagegen nur 66 Milliarden Dollar. Der unermüdliche Aufbau einer Bedrohung durch Russland für den Westen ist fadenscheinig und heuchlerisch. Ja, leider habe ich grosse Angst, dass der Westen erneut gegen Russland marschieren will wie bereits im 19. Jahrhundert (Napoleon) und im 20. (Hitler), so soll es nun wohl auch im 21. Jahrhundert versucht werden. Denkt man an die weiterhin geplante massive atomare Aufrüstung der Nato, kann man angesichts dieser irrationalen Unvernunft und der unstillbaren Gier nach Russlands Bodenschätzen leider nur verzweifeln. Dass man deutsche Soldaten für einen Krieg gegen Russland gewinnen könnte, kann ich mir angesichts unserer Geschichte kaum vorstellen. Aber auch die Armee wird immer diverser und bunter – viele dieser Menschen haben nicht mehr den Bezug zu diesem düsteren Kapitel unserer Geschichte. Nicht umsonst hat sich eine Generation deutscher Politiker – darunter u. a. Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder – für gute Beziehungen zu Russland ausgesprochen. Immerhin gibt es einige europäische Staaten, die das Feindbild Russland nicht annehmen wollen. Dazu zählen vor allem Serbien und Ungarn – in Teilen vielleicht auch Italien.
  Vor kurzer Zeit hat der Journalist Sebastian Huld auf ntv Russland eindeutig öffentlich als Feind bezeichnet. So weit ist es schon gekommen. Viele Menschen Europas dürfen nun hoffen, dass dieser «Feind» endlich seinen Impfstoff liefern und damit viele Leben retten kann.

M. Weiss, Greifswald (DE)

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