Irak: Das Leben in Mossul mit den Augen eines Kindes

von Muyassar Mansour, Communication Field Officer – IKRK


Vier Jahre nach dem Ende der Gewalt sind die Spuren der Kämpfe in der einst blühenden Stadt Mossul noch immer deutlich sichtbar: verlassene Quartiere und Trümmer, so weit das Auge reicht. Die Altstadt am westlichen Ufer des Tigris, das Juwel von Mossul, liegt immer noch in Schutt und Asche. Kinder suchen in den Trümmern nach Gegenständen, die sie auf dem Markt verkaufen können.
  Der achtjährige Yasin spielt in den Überresten einer einstigen Moschee in der Altstadt von Mossul. Trotz der Hinweise, die vor nicht explodierten Kampfmittelrückständen warnen, spielt der Junge in dieser trostlosen Umgebung unbekümmert mit seinen Freunden.
  Die Kinder halten nach den weissen Flaggen Ausschau, mit denen jene Gebäude gekennzeichnet sind, die von Minen gesäubert wurden. Danach wühlen sie in den Schutthaufen, um irgend etwas zu finden, das verkauft werden könnte. Da diese Aktivität ihre Haupteinnahmequelle ist, wagen sie sich auch an Orte, die nicht gesäubert wurden.
  »Es gibt gefährliche Orte hier, wo wir wegen der Minen nicht spielen dürfen», erklärt die elfjährige Yaqeen. Sie lebt in der Altstadt von Mossul und erinnert sich an die Zeit vor dem Krieg: «Vor dem Konflikt hatten wir hier einen Laden, und ich hatte Freunde, mit denen ich oft draussen spielte.»
  Viele der früheren Bewohnerinnen und Bewohner von Mossul sind wegen der nicht explodierten Kampfmittelrückstände nicht zurückgekehrt. Unschuldige werden von Granaten, Bomben und Raketen überrascht. Eine einzige falsche Bewegung genügt, um ein Leben für immer zu verändern.

Die Kämpfe mögen zwar vorüber sein, aber der Krieg geht weiter

Tausende Menschen, die vor den Kämpfen geflüchtet sind, können oder wollen nicht zurückkommen. Ohne riesige Investitionen für den Wiederaufbau der Stadt gibt es kaum Geschäftsmöglichkeiten.
  Mossul, die Hauptstadt der Provinz Ninawa, liegt nicht weit entfernt von der türkischen und der syrischen Grenze und gehörte einst zu den wichtigsten Städten auf der Handelsroute des Mittleren Ostens.
  Obwohl grundlegende Infrastrukturen wie Leitungen und Strassen repariert wurden, muss noch viel mehr getan werden, insbesondere für die Wohnhäuser und die Gesundheitsversorgung.
  Die Situation ist desolat, und es ist eine Herausforderung, in dieser feindlichen Umgebung zu überleben. Dennoch sind einige Familien zurückgekehrt. Andere sind nie weggegangen und ertragen die schrecklichen Folgen des Krieges.
  Ghanem ist einer von ihnen. Er war 2017 acht Jahre alt und befand sich in Westmossul, als sein Haus von einer Rakete getroffen wurde. Dabei verlor er ein Bein. Die Szene war so fürchterlich, dass seine Mutter Angst hatte, ihn mitzunehmen und Hilfe zu holen. «Ghanem hatte fürchterliche Schmerzen und schrie. Überall war Blut», erzählt seine Mutter Anwar.
  Er erholte sich nur langsam, und der Junge, der sich wie andere Kinder in seinem Alter gerne bewegte, litt sehr unter dieser Situation. Nach zwei langen Jahren erhielt er im physischen Rehabilitationszentrum des IKRK in Mossul eine Beinprothese.
  Dank dem künstlichen Bein erhielt Ghanem seine Kindheit zurück. »Ich kann wieder rennen, mit dem Ball spielen und einkaufen gehen. Einmal ging ich mit meinen Freunden auf den Markt und lief so schnell, dass sie mich aus den Augen verloren. Ich musste alleine heimgehen», erzählt er lachend.
  Sarah, Ghanems Schwester, war auch im Haus, als die Rakete einschlug. Sie muss ihre Tage nun im Rollstuhl oder im Bett verbringen. Ihre Mutter Anwar erklärt, dass Sarahs Rückenverletzungen zu kompliziert sind, als dass sie im lokalen Gesundheitszentrum behandelt werden könnten. Sie ist verzweifelt, da sie es sich nicht leisten kann, Sarah in einem anderen Spital operieren zu lassen. Je länger Sarah nicht richtig behandelt wird, desto geringer sind ihre Chancen, dass sie jemals wieder stehen und gehen kann.
  Das Trauma dieses schrecklichen Tages zu verarbeiten, wird für alle Familienmitglieder nicht einfach sein. Sarah und Ghanem haben bei der Explosion zudem einen Bruder und eine Schwester verloren.  •

Quelle: https://www.icrc.org/de/document/irak-mossul-leben-aus-sicht-eines-kindes vom 13.12.2021

Humanitäre Hilfe allein reicht nicht aus

Wasser und Strom sind Mangelware in der Stadt. Aus einer vor kurzem erschienenen Studie des IKRK geht hervor, dass weniger als 15 % der Menschen am linken Ufer des Tigris – in der östlichen Hälfte der Stadt – zurzeit genügend Wasser für den täglichen Gebrauch haben. Am rechten Flussufer ist der Anteil höher, jedoch auch nur gerade bei 35 %. Dies ist teilweise darauf zurückzuführen, dass im Krieg wichtige Infrastruktur wie Pumpwerke zerstört wurde.
  Der Konflikt mag zwar zu Ende sein, doch die Bedürfnisse der Menschen in Mossul und in der Provinz Ninawa sind nach wie vor enorm. Das Ausmass des Schadens bedeutet, dass humanitäre Hilfe alleine nicht ausreichen wird. Mossul wird weiterhin auf nationale und internationale Investitionen angewiesen sein, um seine vollkommen zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen und sicherzustellen, dass die Grundbedürfnisse der Bevölkerung wie Unterkünfte, Wasser, Strom und Gesundheitsversorgung gedeckt werden können.

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