Dem Sturm trotzen

Demokratie und Frieden brauchen eigenständig denkende Menschen

von Dr. Eliane Perret, Psychologin und Heilpädagogin

Als vor kurzem in der Nacht ein heftiger Sturm durch unser Land fegte, erwachte ich am Morgen vom Lärm einer Motorsäge. Es zeigte sich bald, dass die Feuerwehr einen auf dem Nachbargrundstück umgestürzten Baum zersägte, damit die Strasse wieder frei wurde. Ich war etwas erstaunt. Neben dem Baum stand eine sehr hohe Säuleneiche, deren Stamm und Äste sich jeweils im Wind so stark neigen und verbiegen, dass ich stets befürchtet hatte, der Baum werde auseinanderbrechen. Nun lag aber die Fichte am Boden.
    Mittlerweile weiss ich von fachkundiger Seite, dass es an den Wurzeln der beiden Bäume gelegen hat. Die Fichte ist ein Flachwurzler und breitet ihr Wurzelgeflecht tellerförmig aus. Zudem war diese Fichte auch durch Rotfäule im Stamm geschwächt. So hatte der Wind bei ihr ein leichteres Spiel. Die Säuleneiche hingegen ist mit einer Pfahlwurzel fest im Boden verankert und sucht mit ihren Wurzeln das Wasser in der Tiefe des Bodens.

Trotz starkem Wind stehenbleiben

Mir drängte sich bei diesem morgendlichen Erlebnis der Vergleich mit uns Menschen auf. Warum bilden sich die einen eine eigene fundierte Meinung und andere ziehen im Sog der Propaganda mit? Mich haben immer Persönlichkeiten fasziniert, die in widrigen Umständen einen Weg gefunden haben, Mensch zu bleiben, einen klaren Kopf zu behalten und sich Unrecht entgegenzustellen – im Bewusstsein des damit verbundenen Risikos. Die Frage nach dem Warum stellt sich für mich heute um so drängender, als unsere Weltlage in eine bedrohliche Schieflage gerutscht ist und uns Menschen fordert, innere Stärke zu entwickeln und einen eigenen Standpunkt einzunehmen, auch wenn uns ein starker Wind entgegenbläst. Und was können wir tun, damit sich unsere Kinder diese innere Stärke aneignen?

Gefühlsmässige Sicherheit und Freude am Erkunden entwickeln

Kehren wir zum Bild mit den beiden Bäumen zurück und den Wurzeln, mit denen sie sich im Boden verankern. Geht es am Anfang des Lebens eines Kindes nicht auch darum, dass es «Wurzeln» schlägt und beginnt, sich in der Menschheitsfamilie heimisch zu fühlen? Dazu braucht es die Nähe und den Schutz seiner Beziehungspersonen. In der Entwicklungspsychologie spricht man von Bindungssicherheit, die ein Kind zu Beginn seines Lebens aufbauen muss. Nebst dem Bedürfnis nach Nähe und Schutz, das durch die Bindung gewährleistet sein soll, ist auch dasjenige nach Interaktion (Erkundung, Exploration) eine angeborene Disposition des Menschen. Diese Bedürfnisse regulieren sich gegenseitig. Im ersten zwischenmenschlichen Kontext beginnt das Kind, Urvertrauen und einen stabilen Persönlichkeitskern aufzubauen. Ein entscheidender Schritt zu innerer Stärke!

Neugier – ein Grundstein selbständigen Denkens

Kinder dabei zu beobachten, wie sie ihre Umwelt entdecken, ist faszinierend: Mit grosser Beharrlichkeit versucht Annina Bauklötze aufeinander zu stapeln, bis ein hoher Turm entsteht – der wieder einstürzt und einen Neuanfang fordert. Entdeckt Annina schliess-lich, dass ein grosser Klotz zuunterst die Standfestigkeit des Turms erhöht, hat sie ein erstes physikalisches Gesetz entdeckt, das sie künftig nutzen kann. So gibt es tausend Fragen, die Kinder gerne beantwortet haben möchten – ein natürliches Lernfeld, genährt durch Neugier und das Bedürfnis nach Echo und Anerkennung durch die Beziehungspersonen. Die Eltern haben bei ihren Kindern viel in der Hand, deren Bedürfnis zu unterstützen, etwas erfahren, genau wissen und lernen zu wollen. Der etwas ältere Marco will wissen, wie man ein Haus zeichnet, damit es «wie echt» aussieht, und lernt so die Parallelperspektive kennen. Oder Celine, die mit eindrücklicher Zuverlässigkeit ihren Eltern jeden Tag die Gratiszeitung nach Hause bringt, die sie bei der Bushaltestelle aus dem Kasten nehmen kann. Vielleicht wird sie am Familientisch einmal wissen wollen, warum diese Zeitung eigentlich – heute, wo alles etwas kostet – gratis zu haben ist.

Ein Gefühl für Recht und Unrecht entwickeln

All diese Eindrücke und Erfahrungen verarbeitet ein Kind in seiner individuellen Art und entwickelt dabei ein Bild von sich und der Welt. Daraus bildet es eine Vorstellung, wie es unter den Mitmenschen Sicherheit und Geltung gewinnt. Dieser Entwicklung gilt es Sorge zu tragen, womit den Eltern und anderen wichtigen Beziehungspersonen eine anspruchsvolle Aufgabe zukommt. Bereits kleine Kinder richten sich in ihrer Stimmung und ihrem Verhalten nach dem Modell ihrer Eltern aus und verinnerlichen deren Normen und Werte. Dazu gehören beispielsweise Gerechtigkeitssinn und Friedfertigkeit, Besonnenheit und Mut, Redlichkeit, Achtung vor dem anderen, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe. So bildet das Kind ein Gewissen aus, ein Gefühl für Recht und Unrecht. Damit verfügt es über einen inneren Massstab, mit dem es die Auswirkungen seines Handelns für sich und die anderen Menschen überblicken lernt und seine Entscheidungen sorgsam abwägen kann.

Verwöhnung oder Strenge?

Ein gelungener Erziehungsprozess gibt dem Kind eine Lebensorientierung, die sich am Gemeinwohl orientiert, was keinesfalls im Gegensatz zum Wohlergehen des einzelnen Menschen steht. «Aber wie soll dieser Erziehungsprozess aussehen? Ist eher Nachgiebigkeit oder mehr Anleitung angesagt? Verwöhnung oder Strenge? Und was befähigt mein Kind, später eigenständig zu denken und zu handeln?» Diese Fragen stellen sich heute viele Eltern. Manche sind verunsichert, es fehlen ihnen die Leitplanken, an die sie sich im Umgang mit ihren Kindern halten könnten. Sicherlich möchte niemand zurück zu einer autoritären Erziehung. Es war richtig, von der damit verbundenen Härte Abstand zu nehmen. Falsch war es jedoch, gleichzeitig die damit verbundenen Werte über Bord zu werfen und beispielsweise Respekt als Unterwürfigkeit und Ehrlichkeit als Anpassertum abzuwerten.
    Heute treffen wir viele Kinder an, die drohen, verlorenzugehen, weil die Eltern ihnen keine Reibungsfläche mehr geben möchten und ihren Wünschen unbedacht nachgeben oder gar vorgreifen. Diese verwöhnende Haltung von Erziehenden ist nichts Neues, doch zeigt sie heute ein etwas anderes Gesicht. Waren verwöhnte Kinder früher eher passiv und warteten ab, was ihnen «Gutes geschehen möge» (und schmollten, falls es nicht eintraf), sind heutige verwöhnte Kinder oft hochaktiv. Sie argumentieren eloquent und unverfroren fordernd und versuchen mit unterschiedlichen Mitteln, ihren Willen durchzusetzen. Eltern verbinden das fälschlicherweise immer wieder mit einer starken Persönlichkeit des Kindes und bewundern es, weil es scheinbar weiss, was es will. Jene innere Stärke, die sich die Eltern für ihr Kind so sehr wünschen, kann auf diese Weise nicht entstehen. Im Gegenteil, wir haben dann Kinder vor uns, die sich ihren Lebensaufgaben nicht gewachsen fühlen, ihre Unsicherheit mit einem überhitzten Geltungsdrang überspielen und sich dadurch leicht manipulieren lassen. Einen eigenen Standpunkt einzunehmen und auch gegen Widerstand dabei zu bleiben, ist für diese Kinder kaum möglich.

Erwachsen werden – eine Herausforderung

Eine solche Entwicklung kann gerade in der Pubertät sehr heikel sein. Der Prozess des Erwachsen-Werdens fordert die Jugendlichen. Oft beschäftigt sie ein Gefühl der Unsicherheit, Ziellosigkeit und Entmutigung – angesichts der heutigen Weltlage nicht erstaunlich. Sie möchten dazugehören, Geltung haben. Das ist etwas Natürliches – aber wie? Je nach Umfeld kann dieses Bedürfnis missbraucht und Jugendliche können (gezielt) in eine Position gebracht werden, von der sie sich geehrt fühlen. Das hat nichts mit Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein zu tun. Einen eigenen Standpunkt einzunehmen bedeutet nicht, sich aus einer persönlichen Gefühlslage heraus schnell in Widerspruch zu setzen (zum Beispiel in Abgrenzung zu einem Geschwister oder als provokative Gesprächsaufforderung gegenüber dem Vater).

Auch die Schule ist gefordert

Nebst dem Elternhaus und dem näheren Umfeld eines Kindes ist auch die Schule gefordert, ihren Beitrag zu leisten, damit es ein eigenständig denkender Mitmensch werden kann. Es wäre an der Zeit, dass sich unsere vom Volk beauftragten Bildungsverantwortlichen wieder darauf besinnen, welche Aufgabe der Schule zukommt, dass sie wissenschaftliche Forschungsergebnisse und Kritik ernst nehmen und längst gescheiterte Reformprojekte korrigieren. Dann kann die Schule ihren Auftrag wieder wahrnehmen und die Kinder und Jugendlichen zu selbständig denkenden mündigen Staatsbürgern heranbilden. Die Schulklasse muss ein wichtiges Modell des Zusammenlebens sein, wo ein Kind erleben kann, wie man sich in gemeinsamer Arbeit und mit der nötigen Sorgfalt Wissen aneignet und gegensätzliche Standpunkte im Dialog und gegenseitigem Respekt diskutiert, sich in das Anliegen des Gegenübers einfühlend. Es muss dort auch erleben können, dass sich nicht die Macht des Stärkeren durchsetzen kann. Diesen Ansprüchen an sozialer Durchbildung muss ein modernes Bildungssystem genügen und mit entsprechenden Unterrichtsformen und Bildungsinhalten einhergehen. Dann werden Begriffe wie Demokratie und Menschenrechte bei den Kindern und Jugendlichen keine hohlen Phrasen bleiben, mit denen man später gegebenenfalls Diskussionen ins Leere laufen lassen und das Gegenüber als Unmensch hinstellen kann. Gerade heute ist unsere heranwachsende Generation darauf angewiesen, dass sie erkennt, wie versteckte Bedürfnisse vom Zeitgeist aufgegriffen, Emotionen hochgekocht und Meinungen durch Propaganda und Desinformation gesteuert werden. Jugendliche denken sich gerne in solche Themen ein und werden auf diese Weise fähig, selbständig zu denken und sich eine eigene, sorgfältig begründete Meinung zu bilden.

Stellen wir uns vor …

Heute prasseln viele Meldungen von allen Seiten auf uns herein, die uns das Weltgeschehen erklären wollen. Wie kann nun ein junger Mensch wissen, wie er das beurteilen soll? Oft wird bei Propagandatechniken auf der Ebene des Mitgefühls agiert, um Unwahrheiten zu verbreiten und die Menschen mit sprachmanipulativen Techniken täuschen zu können. Deshalb braucht es neben einer fundierten Bildung eben jenes eigenständige Denken, das es erlaubt, solche Vorgänge zu durchschauen und einen klaren Blick zu bewahren, verwurzelt im Gefühl, dass es auf mich ankommt. Und stellen wir uns vor: In der Familie und mit den Freunden wird wieder vermehrt engagiert darüber diskutiert, warum bestimmte Meinungen verdreht wiedergegeben und deren Exponenten diffamiert oder gar psychiatrisiert werden. Man beobachtet und durchschaut diese stock-autoritären Vorgänge und benennt sie als solche. In einer solchen Stimmung und mit entsprechender Bildung wird die heranwachsende Generation genau wissen wollen, wie die Vorgeschichte eines Krieges war, was das Humanitäre Völkerrecht ist und warum und von wem die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verfasst wurde. Sie stellt auch die Frage, warum die Schweiz in den letzten Jahren so massiv unter Druck gesetzt wurde und weshalb sie unbedingt neutral bleiben muss. Solche jungen Menschen werden die Medienmeldungen vergleichen und stutzen, wenn überall – sprachlich etwas variiert – immer wieder das Gleiche steht, und sie werden sich sorgfältig informieren, wie die Realität ist. Ihre Verankerung in einem Netz zwischenmenschlicher Beziehungen schützt sie vor Irrwegen. Damit schaffen sie sich die Grundlage für eine eigene Meinung, die sie mit innerer Sicherheit vertreten können. Stellen wir uns das vor!

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