Peter Scholl-Latour – «Der Fluch der bösen Tat»

zf. In Peter Scholl-Latours Ende 2014 posthum erschienenem Buch «Der Fluch der bösen Tat» hat der Verlag das Grusswort von Bundeskanzler a. D. Helmut Schmidt (SPD) zum 90. Geburtstag des Autors am 8. März 2014 aufgenommen. Helmut Schmidt sagte: «Seit Jahrzehnten beeindruckt Peter Scholl-Latour durch seine Expertise fremder Kontinente und Kulturen. Sie ist begründet durch unzählige persönliche Begegnungen und Erfahrungen. Seine Reportagen sind nicht nur kenntnisreiche Beobachtungen, sondern überzeugen durch ihre geopolitische Scharfsicht. […] Natürlich weiss ich von den Kritiken, welche dieser Mann auch von seiten mancher zeitgenössischer Wissenschaftler erfährt. Es ist aber gerade sein sehr subjektives Urteil, welches seine Meinungen wertvoll macht. Ich kann mich darauf verlassen: Das, was Scholl-Latour schreibt, ist kritisch geprüft, es ist seine wohl erwogene Wahrheit.»
    Im Klappentext des Buches von Peter Scholl-Latour heisst es: «Ausführlich beleuchtet Scholl-Latour auch den immer unkontrollierbareren Konflikt in der Ost-Ukraine, dessen Ursachen er nicht zuletzt in der fragwürdigen Politik des Westens gegenüber Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sieht.» Und auf der Rückseite des Buches ist zu lesen: «Mit der ihm eigenen Scharfsicht beleuchtet Peter Scholl-Latour eine Region, über die nach jahrzehntelanger politischer und militärischer Intervention des Westens ein Fluch zu liegen scheint – der Fluch der bösen Tat heilloser Einmischung.»

«Gefangene der eigenen Lügen»

Das Buch beginnt mit dem Kapitel «Gefangene der eigenen Lügen» und den Unterkapiteln «Sarajewo im Donbass» und «‹Fuck the EU›».
    Zu Beginn ist zu lesen:

«Vor einem Jahr noch konnte die Welt mit Gelassenheit auf das anstehende Jahr 2014 blicken. Eine kriegerische Konfrontation auf europäischem Boden schien nicht mehr vorstellbar. Man redete sich ein, aus den schrecklichen Lektionen des Ersten Weltkrieges gelernt zu haben. Heute sind diese Illusionen zerplatzt, und wir sehen uns mit einer ganzen Serie von weltweiten Konflikten konfrontiert, die den Regierenden ein schändliches Zeugnis ausstellen. Alte Wunden, von denen man annahm, sie seien längst verheilt, brechen wieder auf.»

Schon im folgenden Absatz heisst es:

«Der absurdeste Territorialkonflikt spielt sich in der Ukraine ab, und das Blutvergiessen erreicht seinen Höhepunkt präzis in einer Region, die im Zweiten Weltkrieg zu den blutigsten Schlachtfeldern gehörte. Noch ist es hoffentlich zu früh, von ‹Sarajewo im Donbass› zu sprechen. Der Wunsch der ost-ukrainischen Provinzen Lugansk und Donezk, sich aus der Bevormundung durch Kiew zu lösen, zumindest einen gewissen Grad an Autonomie zu erreichen, wäre vielleicht auf diplomatischem Wege zu regeln gewesen. Aber da passierte der tragische Absturz der Malaysian-Airways-Maschine MH 17, der den bislang kontrollierbaren Widerstreit vollkommen aus dem Ruder laufen liess.»

Weiter lesen wir:

«Es lag bestimmt nicht im Interesse Wladimir Putins, eine solche Tragödie heraufzubeschwören. Das dramatische Ereignis, das Russland sofort der allgemeinen Verurteilung aussetzte, war für den russischen Staatschef ein schwerer Rückschlag. Wenn eine Regierung ein Interesse daran hatte, eine solche Eskalation zu vermeiden, dann diejenige im Kreml. Aber der Schuldspruch war schon gefällt.»

«Krasse Einmischung in die Macht-verteilung eines souveränen Staates»

Im zweiten Unterkapitel, «Fuck the EU», greift Scholl-Latour eine abgehörte und dann veröffentlichte Aussage der Abteilungsleiterin für Europafragen im State Department der USA, Victoria Nuland, von Anfang Februar 2014 auf. Frau Nuland hatte mit dem amerikanischen Botschafter in Kiew, Geoffrey Pyatt, telefoniert und die US-Pläne für die künftige Ukraine – die sich nicht mit denen der EU deckten – durchgegeben. Peter Scholl-Latour schrieb dazu: «Demnach erteilte das State Department seinem Repräsentanten in der Ukraine die Weisung, dafür zu sorgen, dass bei der Bildung einer Übergangsregierung in Kiew nach der Maidan-Revolte und der unrühmlichen Flucht des amtierenden Präsidenten Janukowitsch das Amt des Ministerpräsidenten dem Oppositions-politiker Arsenij Jazenjuk zufiel. Dieser genoss offenbar das Wohlwollen der USA und verfügte über die unentbehrliche CIA-Connection.»
    Scholl-Latour nennt dies eine «krasse Einmischung in die Machtverteilung eines souveränen Staates, die ja vor der Ukraine in einer Vielzahl anderer Fälle weltweit durch Washington vorexerziert worden war», und zugleich einer «unterwürfigen Haltung der europäischen Nationen gegenüber ihrem amerikanischen Hegemon».

«Umfassende Desinformation»

«Ich bin mir bewusst», schreibt Scholl-Latour im folgenden Absatz, «dass ich mich mit dieser Einführung dem Vorwurf des Antiamerikanismus aussetze. Aber wir erliegen spätestens seit dem zweiten Irak-Feldzug einer umfassenden Desinformation, die […] durch perfekt organisierte Institutionen betrieben wird […].» Und: «Der dümmste Ausdruck, der den deutschen Kommentatoren in den vergangenen Monaten eingefallen ist, um jene Stimmen zu diffamieren, die ein Minimum an Objektivität bei der Beurteilung der russischen Diplomatie anforderten, lautet ‹Putin-Versteher›.»

Wenige Seiten weiter blickt Peter Scholl-Latour auf die Geschichte nach 1990 zurück und fragt mit Blick auf die Russen, die sich «nach der Auflösung der Sowjetunion mit einer ganzen Serie von Enttäuschungen und Demütigungen konfrontiert sahen»:

«Was war die Rechtfertigung für den aus Amerika gesteuerten ‹Drang nach Osten› der Atlantischen Allianz, der schon bei der Orangen Revolte des Jahres 2004 mit Hilfe subversiver NGOs und obskurer Finanzmächte eine Ausweitung der amerikanischen Militärpräsenz in der Ukraine, in Weissruss-land, in Georgien, ja sogar im zentralasiatischen Kirgistan anstrebte?» Dabei könne Helmut Kohl [der 2014 noch lebte] bestätigen, «dass die westliche Allianz bei der Preisgabe der DDR dem Generalsekretär der KPdSU Michail Gorbatschow die feierliche Zusage machte, ein Beitritt der Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts zur Nato bliebe ausgeschlossen, was allerdings nicht schriftlich dokumentiert wurde».

Deutschlands Wortbruch

«‹Deutschland, wir reichen Dir die Hand, wir kehren zurück ins Vaterland›, so hatte ein Chor der Roten Armee», schreibt Scholl-Latour, «auf der grossen Truppenverabschiedungs-Veranstaltung in Berlin gesungen. Der Kreml, der eine halbe Million Soldaten für ein finanzielles Linsengericht und ohne den geringsten Zwischenfall aus der ehemaligen DDR abzog, hatte vermutlich erwartet, dass das wiedervereinigte Deutschland mit Dankbarkeit, zumindest mit Anerkennung reagieren würde. Doch aus Berlin ertönte nicht der geringste Einwand, als die ultrakonservative Mannschaft von Präsident George W. Bush – nachdem die Orange Revolution nicht zum Ziel geführt hatte – die früheren Ostblock-Staaten von Estland bis Bulgarien in das Atlantische Bündnis integrierte und somit die USA unmittelbar an die Grenzen des noch verbliebenen russischen Machtbereichs in Europa heranschob.»

«Eine systematische Kampagne der Diffamierung»

Ein paar Zeilen später ist zu lesen:

«Als Boris Jelzin aus dem Kreml schied und die Regierungsgewalt an den bislang unbekannten Wladimir Putin übertrug, erwartete man offenbar in Washington, dass sich dieser Newcomer den westlichen Vorstellungen von parlamentarischer Demokratie und kapitalistischer Marktwirtschaft unterwerfen würde. Sobald jedoch deutlich wurde, dass Putin mit autoritären Methoden sein Vaterland aus der entsetzlichen Misere herausführen wollte, in der er es vorgefunden hatte, zeigte man sich am -Potomac enttäuscht und empört. Schon setzte eine systematische Kampagne der Diffamierung ein.»
    «Aber die neue Führung Russlands», so Scholl-Latour weiter, «konnte darauf verweisen, dass in der postsowjetischen Phase des Übergangs das russische Volk bereits eine extrem ernüchternde, negative Erfahrung mit den sogenannten freiheitlichen Werten des Westens gemacht hatte, die man ihm aus Washington oktroyieren wollte. Nur wer zur Zeit der Perestroika und Glasnost, zur Zeit der Verschleuderung des Staatsvermögens an unersättliche Oligarchen an Ort und Stelle war, kann sich eine Vorstellung machen von dem Massenelend, von der ausufernden Kriminalität, die damals über Russland hereinbrachen.»

«Kern eines neuen
russischen Selbstbewusstseins»

«Diesen Verwerfungen», so heisst es wenig später, «ist Wladimir Putin nicht als ‹lupenreiner Demokrat›, sondern als Autokrat entgegengetreten. Vielleicht brauchte es einen Eingeweihten der sowjetischen Geheimdienste, um Schritt für Schritt die Ordnung wiederherzustellen, die Macht der ‹neuen Bojaren›, der Oligarchen, zu zügeln und in die Trümmer der zerfallenen Sowjetunion den Kern eines neuen russischen Selbstbewusstseins zu pflanzen.»
    Aber: «Damit setzte sich der neue Zar einer systematischen Kampagne durch die ferngesteuerten Medien Europas und deren politische Einflüsterer aus, die die strategische Konsolidierung der immer noch furcht-erregenden Atommacht Russland durch innere Subversion und Verhängung von Sanktionen zu hintertreiben suchten.»
    Und: «Man muss kein ‹Putin-Versteher› sein, um nachzuempfinden, dass das Angebot einer Wirtschaftsassoziation der Ukraine mit der Europäischen Union im Kreml als Vorstufe einer Ausdehnung der Nato nach Osten über den Dnjestr und Dnjepr hinaus empfunden wird. […] Die Erwartung, dass Barack Obama den Geboten der neuen weltpolitischen Multipolarität Rechnung trüge, erwies sich als Illusion.»

Geschichte und Gegenwart

Schliesslich blickt Peter Scholl-Latour noch einmal weiter in die Geschichte zurück:

«Ich erinnere an die zwielichtigen Zustände, die während des Zweiten Weltkriegs in Ost-Galizien, im ehemals österreichischen und polnischen Teil der heutigen West-Ukraine vorherrschten. […] Der Zeitung ‹Le Monde›, die derzeit an der Spitze der Anti-Putin-Kampagne in Frankreich steht, entnehme ich folgendes Zitat: ‹Die Nazis waren der Ansicht, die westlich des Dnjepr lebende Bevölkerung assimilieren zu können. Östlich davon führten sie einen Vernichtungskrieg … Im Westen der Ukraine wurden die Deutschen oft als Befreier empfangen.› Dort haben sich […] ‹150 000 ukrainische Nationalisten in die Waffen-SS oder Verteidigungsmilizen gemeldet … sie waren unentbehrlich für die Ausführung der Shoa. Im Lager Belzec (600 000 Opfer) gab es nur fünfzehn bis zwanzig deutsche Soldaten.›»

Und er stellt Bezüge zur Gegenwart her:

«Während der Maidan-Unruhen 2014 brachen aus der Umgebung von Lemberg […] militärisch organisierte Stosstrupps auf, die sich bei ihrem Kampf für ein nach Westen ausgerichtetes Regime auf den Nationalhelden Stephan Bandera beriefen, obwohl dieser zur Zeit des von Nazis eingerichteten Generalgouvernements Jagd auf Polen, Russen und Juden gemacht hatte. Aber an diese düstere Vergangenheit […] wagt im Westen offenbar niemand zu rühren.»

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