Deutsch-Russische Städtepartnerschaften – Brücken zwischen den Völkern nicht abbrechen

von Eva-Maria Föllmer-Müller

Zeit-Fragen hat immer wieder über die menschliche und politische Bedeutung und verschiedene Projekte von deutsch-russischen Städtepartnerschaften berichtet. Auf sie wird erheblich Druck ausgeübt, ihre Verbindungen abzubrechen – nicht erst seit dem 24. Februar. Zunehmend macht sich auch Russenfeindlichkeit breit.

Obwohl in vielen gesellschaftlichen Bereichen: Kultur, Sport, Musik, Wissenschaft, Politik, Medien – angefeuert von einem unerträglichen Medienhype (Kriegspropaganda) – in einer unbeschreiblichen Hektik und fast wettbewerbsmässig bestehende Verbindungen zu Russland abgebrochen wurden, gibt es Menschen mit Rückgrat, die die über Jahrzehnte sorgfältig, mit persönlichem Einsatz und liebevoll aufgebauten freundschaftlichen Beziehungen zwischen Menschen, Ämtern und Organisationen verschiedener deutscher und russischer Städte aufrechterhalten. Es gibt über 100 Städtepartnerschaften.
  So betonte der Präsident des Deutschen Städtetages, Oberbürgermeister Markus Lewe aus Münster, seinen Entschluss, den diplomatischen Faden auf kommunaler Ebene nicht abzuschneiden. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (rnd) sagte er: «Ich rate dringend davon ab, Städtepartnerschaften zu russischen Städten jetzt zu beenden. Denn hier laufen die Verbindungen von Mensch zu Mensch, eben nicht auf staatlicher Ebene.» Durch Dialog entstehe Vertrauen und Verständnis. «In diesem Sinne können Städtepartnerschaften Friedenssignale senden und deeskalierend wirken.»
  Als Oberbürgermeister der Stadt Münster hatte er sich bereits am 25. Januar mit einem persönlichen Schreiben an seine Amtskollegin Yulia Rokottyanskaya in Münsters russischer Partnerstadt Rjasan gewandt: «Mit grosser Besorgnis verfolge ich die extrem schwierige Lage. Es ist mir ein grosses Bedürfnis, mit diesem Schreiben unsere Freundschaft und unsere Verbundenheit mit der Stadt Rjasan und ihrer Bevölkerung zu versichern.» Städtepartnerschaften hätten schon in der Vergangenheit einen wichtigen Beitrag zur Versöhnung der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg geleistet. «Ich bin dankbar für das starke, freundschaftliche und vertrauensvolle Band, das seit 33 Jahren die Menschen in Rjasan und Münster verbindet. Es ist eine stabile Grundlage für unsere Beziehungen auch in schwierigen politischen Zeiten.» Mit einer Videobotschaft wandte sich Markus Lewe an die 500 000 Bürger der Stadt Rjasan: «Viele Menschen in Europa sind beunruhigt […]. Deshalb ist es mir ein Herzensanliegen, gerade jetzt deutlich zu machen, wie wichtig unsere Freundschaft ist», so Lewe in dem Video. Die Münsteranerinnen und Münsteraner hätten in Rjasan stets Gastfreundschaft und Verantwortung erfahren. «Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten. Vielleicht gelingt es uns ja, damit ein Friedenszeichen zu setzen», sagte Lewe in seiner Videobotschaft.
  Laut einer Umfrage des Spiegels unter 82 deutschen Städten, die mit russischen Städten Partnerschaften pflegen, habe keine diese grundsätzlich beendet. 44 Städte gaben an, die Partnerschaft aufrechtzuerhalten, u. a. Braunschweig, Berlin und Cottbus, ebenso Fulda, Bad Homburg und Offenbach.
  In manchen Städten kämpfen die Bürger regelrecht für die Aufrechterhaltung ihrer Partnerschaft, zum Beispiel in Erlangen oder in Düsseldorf. Auch Wolfsburg hält seine Verbindung mit Toljatti aufrecht, ebenso Gera mit Pskow, Suhl mit Kaluga; Villingen-Schwenningen hält ebenfalls an seiner Partnerschaft mit Tula fest sowie Krefeld mit Uljatowsk. Auch der Oberbürgermeister von Stuttgart, Frank Nopper, bleibt bei der 30jährigen Städtepartnerschaft mit Samara, dies obwohl der ukrainische Generalkonsul den Abbau gefordert hatte.
  Thomas Kufen, Oberbürgermeister der Stadt Essen, die seit 30 Jahren eine Partnerschaft mit Nischnij Nowgorod hat, schreibt am 18. März an seinen Amtskollegen Juri Schalabajew, Bürgermeister der Stadt Nischnij Nowgorod: «Gemeinsam möchte ich auf den guten partnerschaftlichen Beziehungen aufbauen und gemeinsam auf eine friedliche Lösung für die Ukraine, Russland und Europa hinarbeiten. Ich bin davon überzeugt, dass die bisherige Zusammenarbeit im Rahmen unserer Städtepartnerschaft gezeigt hat, was im Sinne von Völkerverständigung und an wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Zusammenarbeit möglich ist. […]
  Mit jedem Tag wird es schwerer, öffentlichen Forderungen nach einem Abbruch partnerschaftlicher Beziehungen erfolgreich zurückzuweisen. Ich habe mich, wie auch der Deutsche Städtetag, dafür ausgesprochen, die Städtepartnerschaften mit Nischni Nowgorod und zu russischen Städten nicht zu beenden. Denn hier laufen die Verbindungen von Mensch zu Mensch, eben nicht auf staatlicher Ebene. In diesem Sinne kann Städtediplomatie Friedenssignale senden und deeskalierend wirken. Wir appellieren an unsere Partnerstadt Nischni Nowgorod, gemeinsam alles dafür tun, den Frieden wiederherzustellen und zu bewahren.»
  Die lebendige Städtepartnerschaft Wladimir/Erlangen existiert fast 40 Jahre und wurde vielfach ausgezeichnet, 2002 vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. Vor Corona gab es über hundert Austausche jährlich, von Chören, Sportmannschaften und Schulklassen, an denen jedes Jahr tausende Bürger teilnahmen, wie die frühere Sozialbürgermeisterin Elisabeth Preuss an einer Kundgebung für die Fortführung der Partnerschaft betonte. 2018 ehrten der deutsche Aussenminister Maas und der russische Aussenminister Lawrow den Blog der Partnerschaft mit einer Dankesurkunde. Der Antrag zweier Erlanger Stadträte, die Partnerschaft «auf den Prüfstand zu stellen», führte zu lebhaften Diskussionen und Kundgebungen. An der Stadtratssitzung am 1. April wurde eine Resolution zur Fortführung der Städtepartnerschaft fast einstimmig angenommen.  Für den Oberbürgermeister Florian Janik steht weiterhin der Dialog der Bürger über Grenzen und Kulturen hinweg im Zentrum.
  Die Stadt Gera hat zwei russische Städtepartnerschaften mit Rostow am Don (34 Jahre) und mit Pskow (26 Jahre). Wie Oberbürgermeister Julian Vonarb gegenüber der «Ostthüringer Zeitung» am 16. März betonte, sei die Verbundenheit Geras zu den russischen Städten ungebrochen. «Denn Vertrauen und Verantwortung ist der Anker, der uns dauerhaft zusammenhält.» Für die freundschaftlichen Beziehungen, die auf Respekt, gegenseitiger Achtung und gewachsenem Vertrauen fussen, wäre es «ein fatales Zeichen, die Partnerschaften aufzulösen».  •

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