«Es hat keinen Platz für unterschiedliche Meinungen»

Über den Krieg in der Ukraine

Interview von Robin Delobel mit Anne Morelli

Anne Morelli ist Historikerin, Professorin an der Université Libre de Bruxelles (ULB) und Spezialistin für historische Medienkritik. Sie hat das Standardwerk «Principes élémentaires de propaganda de guerre» («Die Prinzipien der Kriegspropaganda») veröffentlicht. Wir befragten sie zur Kriegspropaganda, die im Ukraine-Konflikt angewandt wird. Die Schuldzuweisung an die andere Seite, die in den letzten Tagen in den Medien zu sehen war, entspricht einem der zehn Prinzipien, die sie in ihrem Buch aufgestellt hat. Sie argumentiert, dass die Dämonisierung des Gegners, dessen Wort ständig diskreditiert wird, nicht zum Verständnis des Konflikts beiträgt.

Robin Delobel: Unsere Medien geben Putin die volle Verantwortung. Warum betrachten sie nicht die Folgen der vorangegangenen Handlungen des westlichen Lagers, d. h. der USA, Europas und der ukrainischen Führung?
Anne Morelli: Wir befinden uns in einer Situation, in der es keinen Platz für Meinungsverschiedenheiten gibt. Ich bin verblüfft, an der ULB Plakate mit der Aufschrift «Rettet die Ukraine», «Putin Mörder» und ähnliche Botschaften zu sehen. Es ist das erste Mal, dass ich sehe, dass sich Studenten in einem militärischen Konflikt so positionieren. Man muss betonen, dass die Ukraine über Waffen verfügt und diese Waffen nicht von selbst gekommen sind. Die Ukraine wird seit 2014 bewaffnet, und die Regierung setzt ihre Waffen regelmässig gegen die «Unbotmässigen» in den sogenannten «prorussischen» Gebieten ein.
  Als sich in Jugoslawien Gebiete wie Kroatien und der Kosovo abspalteten, wurde dies bejubelt. Westliche Länder unterstützten sie direkt. Deutschland oder der Vatikan erkannten beispielsweise sofort die Unabhängigkeit Kroatiens an, während man damit beschäftigt war, ein Land zu zerlegen, das bis dahin vereint war. Wenn aber das Gegenteil der Fall ist, wie hier, wo unser Feind eine Autonomie unterstützt, dann sagen wir, dass das skandalös ist. Wir haben eine eklatante Doppelmoral. Stellen Sie sich vor, morgen würden die Basken, Katalanen oder Flamen ihre Autonomie wollen. Würden wir applaudieren?

Es ist nicht ganz klar, was Russland dazu veranlasst hat, die Ukraine anzugreifen, es sei denn, man hält Putin einfach für einen Verrückten, der die Weltherrschaft anstrebt. Eine Meldung der französischen Nachrichtenagentur AFP, die von zahlreichen Medien aufgegriffen wurde, erwähnt jedoch, was Moskau Kiew vorwirft: Völkermord im Donbass, Neonazis und Selenskis Atomwaffenansprüche … Aber die AFP erklärt, dass dies «verrückte Anschuldigungen» seien. Ist das wirklich so?
Die Dämonisierung des Feindes ist ein Grundprinzip der Kriegspropaganda, das ziemlich kontinuierlich ist. Napoleon war verrückt. Der Kaiser, Saddam Hussein, Milosevic und Ghaddafi waren es auch. Und Putin ist natürlich auch verrückt. Wir haben das Glück, dass unsere Führer alle bei klarem Verstand sind, während sie auf der anderen Seite alle verrückt sind. Das ist ein elementares Prinzip der Kriegspropaganda. Dennoch ist das Problem der Neonazis sehr real. Das Asow-Bataillon, das sind keine Chorknaben, das sind Neonazis. Man muss auch daran erinnern, dass ein Teil der Ukrainer sich mit Nazi-Deutschland solidarisiert hat. Es gibt einen Teil der Bevölkerung, der die Nazis bekämpft hat, aber auch einen Teil, der den Völkermord an den Juden und alle Greueltaten unterstützt hat.
  Wenn Putin sagt «Wir werden gegen die ukrainischen Faschisten kämpfen», weiss Russland, wovon es spricht. Auch hier hat die westliche Propaganda vergessen lassen, dass es die ehemalige UdSSR war, die am meisten an der Niederlage von Nazideutschland mitgewirkt hat. Für die belgische Bevölkerung war dies 1945 völlig offensichtlich. Doch seitdem hat die Propaganda ihre Wirkung nicht zuletzt durch Hollywood-Produktionen, Filme wie Der Soldat James Ryan und eine Vielzahl anderer Filme entfaltet.

Wie kann man unter diesen Umständen eine Friedensbewegung entwickeln, und welche Rolle können wir spielen?
Das ist im Moment sehr schwierig. Das entspricht dem zehnten Prinzip: Wenn man zum Zeitpunkt des Krieges Fragen stellt, geht man bereits zu weit. Man wird praktisch als Agent des Feindes betrachtet.
  Wenn man fragt: «Haben die Menschen im Donbass nicht das Recht, wie die Menschen im Kosovo unabhängig zu sein?» wird man verdächtigt, ein Agent Putins zu sein. Nein, ich liebe Putin nicht. Aber ich habe keine Lust auf eine Information, die so parteiisch ist, keine Lust auf eine Information, die letztlich die der Nato ist!
  Was soll ich also tun? Ich wurde mehrmals zu Fernsehsendern eingeladen, und als ich darum bat, die Karte von 1989 in Europa zu projizieren, um zu zeigen, wer seine Figuren in Richtung des anderen bewegt, wurde mir seltsamerweise gesagt, dass es nicht nötig sei, dass ich mich einmische.
  Ich denke, dass in der jetzigen Zeit mit einer derartig gewaltigen Propaganda, unsere Stimme nicht gehört wird.
  Dennoch muss man sehen, wer wen einkreist. Es sind die Nato-Truppen, die Russland einkreisen, und nicht umgekehrt. Als kürzlich eine Demonstration gegen den Krieg stattfand, kamen nur ein paar Leute. Seit dem Irak-Krieg bis heute hat es eine gewisse Entmutigung der Friedensbewegung gegeben. Wenn man sich die riesigen Demonstrationen ansieht, die es zum Beispiel in Grossbritannien und Italien gab, hat das die Regierungen nicht davon abgehalten, in den Krieg zu gehen, trotz der Reaktionen der Bevölkerung.

In einem Interview mit La Libre Belgique sagten Sie, dass für Biden «China ein zu grosser Brocken ist, weshalb ein Angriff auf Russland über die Nato zugänglicher erscheint». Ist die Realität eines Krieges zwischen den USA und Russland nicht übertrieben?
Ich glaube nicht, dass Biden ihn selbst führen wird, denn er hat seinen Wählern versprochen, keine US-Truppen mehr direkt an die Front zu schicken. Aber einerseits schickt er Militär in Länder, die früher zur Sowjetunion gehörten, wie die baltischen Staaten, Polen usw. Und zum anderen hofft er, dass die europäischen Länder den Krieg gegen Russland führen werden. In diesem Fall müsste sich Biden nicht mit der öffentlichen Meinung auseinandersetzen. Im Gegenteil, er wird den Ruf erlangen, gegenüber dem Feind mutig zu sein. Ich bin nur eine Historikerin, aber ich denke, dass Biden versuchen wird, den Krieg von anderen führen zu lassen. Die Ukrainer haben übrigens bereits eine enorme Menge an militärischer Ausrüstung erhalten.  •

Quelle: www.investigaction.net vom 26.2.2022

(Übersetzung Zeit-Fragen)

«Wenn man den Feind schwächen will, dann muss man zunächst seinen Führer als unfähig darstellen und seine Vertrauenswürdigkeit und Integrität in Zweifel ziehen. […] Dann darf keine Chance verpasst werden, dem feindlichen Führer dämonische Züge zu verleihen, ihn als Schandfleck hinzustellen, den es auszumerzen gilt, als letzten Dinosaurier, Verrückten, Barbaren, als durchtriebenen Kriminellen, Schlächter, Unruhestifter, Feind des Menschengeschlechts, Monster. Als Monster, von dem alles Übel seinen Ausgang genommen hat. […] Die Technik der Diabolisierung des feindlichen Führers ist sehr effizient und wird sicherlich noch lange Anwendung finden. Bürger und Mediennutzer brauchen offensichtlich ‹Gut› und ‹Böse›, die sie klar identifizieren können. Am einfachsten wird diese Identifikation erreicht, indem man den jeweiligen ‹Teufel vom Dienst› als neuen Hitler präsentiert.»

(Morelli, Anne. Die Prinzipien der Kriegspropaganda, S.35f. und S. 42)

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