Kein Mensch darf vergessen werden

von Moritz Nestor

Es habe ihn innerlich sehr mitgerissen, als er seinen ersten Toten fand. «Dass sie hier liegen, unbestattet, unbekannte Soldaten», bewegt den jungen Russen tief. Vor ihm und einer Gruppe anderer «Sucher», wie sie sich nennen, die in der Umgebung von Wolgograd (ehemals Stalingrad) nach gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkrieges graben, liegen die sterblichen Überreste eines Menschen aus einem dreckigen Erdloch. Sie wissen noch nichts über ihn, nicht, welcher Nationalität er ist.
  Niemand hat diese «Sucher» dorthin befohlen. Der «Grosse Vaterländische Krieg» ist 75 Jahre zu Ende. Nur allein, dass da Menschen einfach verscharrt sind, in der russischen Erde liegen, ohne dass sie bestattet sind und man ihre Namen kennt, ohne dass die Nachwelt sie noch kennt – das bewegt diesen Russen und habe ihn dazu gebracht, dass er zu den «Suchern» ging.
  Welch erstaunliches Zeugnis menschlicher Grösse inmitten einer Welt voller Gewalt und lächerlicher Banalitäten. Welch erstaunliches Zeugnis der Kraft des menschlichen Herzens strahlt dieser Mensch aus. So können wir Menschen auch sein, denke ich, als ich ihm zuhöre, wenn nicht irgendeine überwertige Idee das Mitgefühl ertötet: dass wir «Gottes eigene Nation», ein «auserwähltes Volk» seien, auf der «richtigen Seite der Geschichte» stünden oder einer höherwertigen «Rasse» angehörten usw. Die jüngste Geschichte hat viele Spielarten dieses Machtstrebens hervorgebracht.
  So wie dieser junge Russe, der an den Menschen denkt, können wir Menschen auch sein. Die Natur gibt’s uns mit ins Leben. Es ist nur die Frage, was im Laufe eines Lebens daraus wird.
  Dieser «Sucher» ist nicht vermögend, das sieht man. Aber er kann leben. Und es reut ihn nicht, anderen etwas zu geben. Es ist etwas Kostbareres als Macht und Geld, was ihn durch die russische Steppe und über die blutgetränkten Schlachtfelder von Stalingrad treibt: Es schnürt ihm das Herz zu, dass Tote vergessen werden. Ihnen soll man wenigstens ihre Namen wiedergeben. Einige Zeit später hat man die Eltern des Toten ermittelt, deren Sohn nun ein Grab gefunden hat. Der Tote hat seinen Namen wieder.
  Bei den Worten des Russen wandern meine Gedanken zurück in jenes Alter, wo man anfängt, alles mit etwas skeptischeren Augen zu sehen als in den Kindertagen, in denen noch böse Geister in den Wänden des dunklen Kellers hausten und unsichtbare Kräfte allgegenwärtig waren – damals versuchte uns einmal Pfarrer Hartlieb, bei dem wir evangelischen Religionsunterricht hatten, begreiflich zu machen, was «ewiges Leben» sei. Wir jungen Leute wollten eine Antwort auf diese Frage: Wie soll sich der endliche, sterbliche Mensch vorstellen, was ewig, was unendlich sei?
  «Wisst ihr», begann der grossgebaute breite Mann in Talar und Bäffchen mit hohem Ernst, «es ist doch so: Wenn ihr euren Vater oder eure Mutter oder jemand Nahestehenden verliert, den ihr sehr, sehr gerne habt, dann vergesst ihr diesen Menschen doch nie. Oder? Dieser liebe Mensch wird immer in euch weiterleben. Aber es ist ein anderes ‹Leben› als zu jener Zeit, als dieser Mensch lebendig, von Fleisch und Blut war. Dennoch ist er in euch lebendig. Und ich glaube, dass ‹ewiges Leben› heisst, dass so, wie jeder von uns diejenigen nicht vergisst, die er liebt und die von uns gehen, dass genau so, aber noch in sehr viel grösserem Ausmass, der unendlich gütige Gott keinen von uns Menschen, der je geboren wurde und wird, vergisst, auch wenn dieser gestorben ist. So gross ist seine Güte. Weil wir seine Kinder sind und weil jeder Mensch unschuldig geboren wird und daher irgendwo immer als dieses Geschöpf Gottes liebenswert ist. Auch wenn er im Leben später auf schlimme Bahnen geraten sein mag.» Pfarrer Hartlieb, der gestorben ist, lebt noch heute als Teil von mir, lebt sein Bild vom «ewigen Leben» und was es aus mir gemacht hat. Dieser Pfarrer weckte damals in mir etwas Neues: Menschen dürfen nicht vergessen werden. Darüber hatte ich nie zuvor nachgedacht.
  Ich war nach jener Religionsstunde tagelang in mich gekehrt, überdachte, wer von denen, die ich kannte, nicht vergessen gehen würde.
  Meine Schulfreundin Gabi habe ich nie vergessen, seitdem sie damals die Mutter Maria so lebensecht spielte – obwohl sie doch gar noch nicht Mutter war! – und mütterliche Tränen vergoss, als sie im Krippenspiel ihr Jesus-Kind vor dem Zugriff der Herodes-Schergen derart lebensecht schützte, dass einem gar nicht in den Sinn kam, ihre Tränen könnten gespielt sein! Den gutmütigen Schulfreund Otto habe ich auch nicht vergessen, ihn, den Rektor Bauer wegen irgendeiner Dummheit durch die Gänge der Schule prügelte, an den offenen Klassenzimmern vorbei, in denen unsere Herzen sich zusammenzogen und keiner mehr dem Lehrer folgte. Wer wohl Rektor Bauer nicht vergessen würde? Die beiden Menschen, die mir jungem Studenten das Leben gerettet haben, habe ich über ihren Tod hinaus nie vergessen.
  Der Begründer der Individualpsychologie, Alfred Adler, hat auf die Frage, wer denn von der Nachwelt vergessen werde und wer nicht, geantwortet: Unsterblich würden unter uns Menschen jene, die zum Wohl der menschlichen Gemeinschaft Beiträge zur Humanität hinterliessen. Der jahrtausendealte chinesische Humanist Konfuzius, dessen Nachkommen als grosse Familie heute noch in einem Tal mit seinem Grab leben, ist so ein Unsterblicher. Auf die Frage eines Schülers, was Mitmenschlichkeit sei, antwortete Konfuzius: «Nächstenliebe». Der Begründer des Christentums kam nach ihm und gab der Menschheit auch dieses unsterbliche Geschenk der Nächstenliebe und der Hoffnung. Unvergessen ist mir persönlich jener Handwerker, der beim Reparieren der schadhaften Wasserleitungen in seiner Gemeinde innehält, weil ihm bewusst wird, dass die Rohre drei Generationen lang ihren Dienst getan hatten: «Ich bewundere meine Vorfahren,» sagt er, «dass sie so weit vorausschauend gearbeitet haben, ohne dass sie davon einen persönlichen Nutzen gehabt hätten. Sie haben nicht nur an sich gedacht, sondern immer auch an die nach ihnen Kommenden.» Alfred Adler nannte diese Haltung «Gemeinschaftsgefühl».
  Nichts fehlt unserer vom Machtstreben aufgepeitschten Zeit mehr als diese humane Haltung im Denken, Fühlen und Handeln: Alles Individuelle und alles Politische lebt davon, ob es für den Menschen oder gegen ihn ist. So wie jener Russe, der es nicht aushält, dass Menschen vergessen werden, könnten wir alle leben. Er ist Mensch wie wir. Ein anderes Land. Die gleiche mitfühlende Natur.
  Der vor über 200 Jahren, am 18. Dezember 1803 in Weimar verstorbene grosse Denker der Humanität Johann Gottfried Herder suchte nach einem Bündnis zwischen fortschrittlichen Intellektuellen und dem «einfachen» Volk: «Du Philosoph und du Plebejer: Macht einen Bund, um nützlich zu werden.» Ohne Volksverbundenheit und Interesse für die Eigenarten des Volkes und der Völker – mit Herz und Verstand – könne Humanität nicht leben, sagt Herder. «Ich muss zu dem Volk in seiner Sprache, in seiner Denkart, in seiner Sphäre reden» und «mit philosophischem Geist den Menschen im Selbstdenken, und im Gefühl der Tugend» bilden sowie «den Patrioten, den Bürger, der da handelt». So heisst es in Herders «Wie können die Wahrheiten der Philosophie zum besten des Volkes allgemeiner und nützlicher werden».
  Herders Humanitätsdenken gehört zum leider vergessenen Kulturerbe des deutschen Volkes. Aber man soll nicht klagen über das Vergessen. Denn Herders Werk ist ein unsterbliches Geschenk und ein uneingelöstes Vermächtnis an die Nachwelt. Und das sind wir. •

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