Unsere Blase der Täuschung und Selbsttäuschung

von Patrick Lawrence*

Das Fehlen einer objektiven, prinzipientreuen Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine ist ein verkommener Zustand. Das einzige, was noch schlimmer ist, ist das Ausmass, in dem dies für die meisten Amerikaner völlig in Ordnung ist.

Es ist inzwischen für jeden, der genau hinschaut, völlig offensichtlich, dass die Mainstream-Medien in Amerika und der anderen westlichen Mächte nicht korrekt über die Ukraine-Krise berichten.
  Lassen Sie es mich anders formulieren: Die von der Regierung kontrollierte «New York Times» und die übrigen konzerneigenen Medien auf beiden Seiten des Atlantiks belügen ihre Leser und Zuschauer routinemässig in bezug auf die Gründe für die russische Intervention in der Ukraine, den Verlauf der Militäroperation, das Verhalten der ukrainischen Streitkräfte und die Rolle Amerikas bei der absichtlichen Provokation und Verlängerung der Krise.
  Soweit ich weiss, ist dies der erste Krieg in der modernen Geschichte, über den in den Mainstream-Medien keine sachliche, prinzipientreue Berichterstattung über die täglichen Ereignisse und ihre Zusammenhänge stattfindet. Keine. Es handelt sich um Propaganda von morgens bis abends, Desinformation und Lügen durch Weglassen – das meiste davon wurde vom naziverseuchten Selenski-Regime in Kiew erfunden und unkritisch als Tatsache wiedergegeben.
  Es gibt nur eines, was noch schlimmer ist als dieser verkommene Stand der Dinge. Es ist das Ausmass, in dem das Fehlverhalten der Medien für die meisten Amerikaner völlig in Ordnung ist. Sagt uns, was wir denken und glauben sollen, egal, ob es wahr ist, und wir werden es denken und glauben. Zeigt uns ein paar Bilder, denn Bilder sind alles.
  Hier gibt es umfassendere Implikationen zu bedenken. So wichtig es auch ist, dass wir diesen Konflikt verstehen, die Ukraine ist ein Spiegel, in dem wir uns so sehen, wie wir geworden sind. Für mehr Amerikaner, als mir lieb ist, bildet sich die Realität nur in Bildern ab. Diese Amerikaner sind nicht mehr im Besitz ihres eigenen Lebens. Sie riskieren ein Paradoxon: Was sie für die Realität halten, ist von der Realität losgelöst.
  Diese Mehrheit – und es ist mit ziemlicher Sicherheit eine Mehrheit – hat keine weiteren Gedanken oder Ansichten als die, die zuerst durch die Maschinerie der produzierten Bilder und «Fakten» verifiziert werden. Die Fernsehbildschirme, die Seiten der angeblich so seriösen Zeitungen, die Radiowellen der staatlich finanzierten Radiosender – NPR, BBC – dienen dazu, Realitäten zu bestätigen, die nicht real sein müssen, Wahrheiten, die nicht wahr sein müssen.
  Damit befinden wir uns in einer traurigen und sehr prekären Lage.
  Traurig: Gibt es einen bedauernswerteren Zustand, als keine echte Verbindung zu den eigenen Gedanken, Wahrnehmungen, Erfahrungen – insgesamt zum eigenen Leben – zu haben? Wenn die Amerikaner hinter all dem Lächeln, das wir in der Werbung, in idiotischen Comedy-Shows und auf Facebook sehen, nicht ein zutiefst trauriges Volk sind, dann muss ich etwas übersehen haben.
  Prekär: Im Laufe einiger Jahrzehnte – ich würde sagen, seit der Mitte des Kalten Krieges – sind die Amerikaner in hohem Masse anfällig für die Manipulationen derjenigen geworden, die die Bilder kontrollieren, mit denen die meisten Menschen leben. Jeder, der eine Geschichte des 20. Jahrhunderts gelesen hat, weiss, wohin das führen kann.
  Die fünf Wochen, die seit der russischen Intervention am 24. Februar vergangen sind, waren in beiderlei Hinsicht schockierend. Die Entgleisungen der Presse und des Rundfunks sind ohne Beispiel in meinem Leben, und mit Vietnam, dem Irak-Krieg und der verdeckten Operation in Syrien unter den Trümmern im Hinterkopf will das schon etwas heissen.
  Ich werde die Begeisterung der amerikanischen Öffentlichkeit für den ukrainischen Scherbenhaufen, das Asow-Bataillon und das lächerliche Getue von Präsident Wolodimir Selenski, dem Komiker, der nicht mehr lustig ist, für sich selbst sprechen lassen.

«Fragwürdige Richtigkeit»

Zehn Tage nach der russischen Intervention war die Propaganda aus Kiew bereits so absurd, dass sich die «New York Times» gezwungen sah, einen Artikel mit der Überschrift «Der Informationskrieg in der Ukraine: eine Mischung aus Fakten und Fiktion» («In Ukraine’s Information War, a Blend of Fact and Fiction») zu veröffentlichen. Dies war eine lapidare Entschuldigung für die vielen «Geschichten von fragwürdigem Wahrheitsgehalt», wie die «Times» es ausdrückte, die damals im Umlauf waren. Ich liebe die «Times» für ihre delikaten Formulierungen, wenn es darum geht, heikle Dinge zu beschreiben.
  Da war die «Phantom von Kiew»-Geschichte über einen heldenhaften Kampfpiloten, der, wie sich herausstellte, aus einem Videospiel stammte. Da waren die Helden von Snake Island, 13 ukrainische Soldaten, die auf einem kleinen Fleck im Schwarzen Meer bis zum Tod ausharrten, nur dass sie sich dann doch ergaben, nicht bevor Selenski ihnen posthum Ehrenmedaillen verlieh, die nicht posthum waren.
  Nachdem die «Times» jahrelang gegen Desinformation gewettert hat, will sie uns nun weismachen, dass Desinformation in der Ukraine in Ordnung ist, weil die Ukrainer auf unserer Seite stehen und sie lediglich «die Moral stärken».
  Wir können nicht sagen, wir seien nicht gewarnt worden. Das Phantom von Kiew und die Schlangeninsel erweisen sich jetzt als blosses Vorspiel, als Auftakt zu einer der umfangreichsten Propagandaoperationen, an die ich mich erinnern kann.
  Da war die Entbindungsstation in Mariupol, die die Russen angeblich bombardiert haben. Und dann das Theater, und dann die Kunstschule. Allesamt gefüllt mit kauernden Bürgern, die die russische Luftwaffe zynisch ins Visier nahm, denn «das ist Völkermord», wie der stets jähzornige Selenski ohne Zögern zu behaupten pflegt.
  All dies wurde in der «Times» und anderen grossen Tageszeitungen und natürlich von den grossen Fernsehsendern als Tatsache dargestellt. Es wurden Bilder gezeigt. Es gab Videos, die allesamt sehr überzeugend wirkten.
  Und dann, als sich die Beweise häufen, dass diese Vorfälle als Propaganda inszeniert wurden, um den Russen etwas anzuhängen und die Nato-Truppen direkt in den Krieg hineinzuziehen, kehrt eine Stille ein, die einer katholischen Kapelle würdig ist. Wir lesen nichts mehr über die Entbindungsstation, die sich als improvisierter Asow-Stützpunkt entpuppte, oder das Theater, in dem die Bürger zusammengetrieben, in zerlumpten Decken fotografiert und weggeschickt wurden. Dasselbe gilt für die Kunstschule: Nichts mehr darüber, seit die ersten Berichte in sich zusammenfielen. Keine Leichenzählung, keine Erwähnung der Tatsache, dass russische Jets Mariupol an den fraglichen Tagen gar nicht überflogen haben.
  Bevor ich zu Butscha, dem aktuellen Skandal, komme, muss ich ein Zitat aus dem Propaganda-ist-okay-Beitrag wiedergeben, den die «Times» in ihrer Ausgabe vom 3. März veröffentlichte. Es stammt von einem Twitter-Nutzer, der sich darüber aufregte, dass bekannt wurde, dass sich das Phantom von Kiew als Phantom entpuppte und die Helden von Snake Island nicht viel getan haben, um die Stellung zu halten.
  «Warum können wir die Leute nicht einfach an bestimmte Dinge glauben lassen?», wollte dieser nachdenkliche Mann oder diese Frau wissen. Was ist falsch daran, wenn man schöne Dinge denkt und glaubt, die nicht wahr sind, damit man sich besser fühlt?
  America the beautiful oder so ähnlich.
  Butscha ist ein Vorort mit 35 000 Einwohnern einige Kilometer nördlich von Kiew und eine der Städte, mit deren Räumung die russischen Streitkräfte am 29. März begannen, als die Friedensgespräche in Istanbul voranschritten. Zwei Tage später feierte der Bürgermeister, Anatoli Fedoruk, die Befreiung der Stadt in einer Selfie-Rede an seine Bürger. Er erwähnte nichts Ungewöhnliches in den Strassen, Hinterhöfen oder öffentlichen Räumen von Butscha.
  Vier Tage später, am 2. April, rückte eine Spezialeinheit der ukrainischen Nationalpolizei nach Butscha aus. Und plötzlich entpuppt sich der Ort als Höllenloch: Leichen auf den Strassen – laut Generalstaatsanwaltschaft in Kiew 410 –, Beweise für Greueltaten in Hülle und Fülle, Menschen gefesselt und aus nächster Nähe erschossen. Kurz gesagt, das ganze Programm.

Sofortige Empörung

Die Empörung aus Washington, London und Paris – «weltweite Empörung» würde man sagen – war sofort da. Es gab keine Forderung nach einer unparteiischen Untersuchung, forensischen Inspektionen oder Ähnlichem. Niemand fragte, warum die Leichen, die fünf Tage lang auf der Strasse lagen, frisch zu sein schienen, oder warum die Angehörigen der Toten sie dort liegen liessen, bis die Kiewer Kommandoeinheit eintraf. 
  António Guterres, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, war besonnen genug, um zu erklären: «Es ist wichtig, dass eine unabhängige Untersuchung zu einer wirksamen Rechenschaftspflicht führt.» Das ist zum jetzigen Zeitpunkt der einzig vernünftige Standpunkt. Aber wir wissen aus einer langen Geschichte, wie weit die Generalsekretäre der Vereinten Nationen mit dieser Art von Rede kommen.
  Meiner Meinung nach ist dies nur eine weitere der vielen Falschmeldungen, die das Kiewer Regime nun fast täglich auffährt. Aufmerksamen Beobachtern wird die frappierende Ähnlichkeit zwischen diesen Vorfällen und den zahlreichen Täuschungsmanövern im Rahmen der verdeckten Operation Washingtons in Syrien und der Kampagne der berühmten «gemässigten Rebellen», die die USA unbedingt in den Konflikt hineinziehen wollten, nicht entgehen.
  Grundsätzlich müssen wir auf Beweise für die Geschehnisse in Butscha warten, auch wenn wir wissen, dass wir wahrscheinlich genauso viel über die Ereignisse dort erfahren werden wie über die in Mariupol. Wir wissen auch, dass für die meisten Menschen weder Beweise noch deren Fehlen eine Rolle spielen.
  Man hat uns wieder einmal gesagt, was wir denken und glauben sollen, und die meisten von uns werden es denken und glauben.
  Wir müssen dies zu den verschiedenen anderen «Wahrheiten» hinzufügen, die inzwischen fast allgemein akzeptiert werden: Die russische Intervention hatte nichts mit der Nato-Erweiterung zu tun und war «unprovoziert» – ein beliebter Begriff im Biden-Regime. Die ukrainischen Streitkräfte haben die Russen zum Rückzug gezwungen: nicht, dass der Druck auf Kiew ein russisches Ablenkungsmanöver war, um die ukrainischen Streitkräfte vom Donbass fernzuhalten, wo die Kämpfe stattfinden.
  Nach der Veröffentlichung der Pentagon Papers im Jahr 1971 veröffentlichte Hannah Arendt in der New York Review of Books einen Essay mit dem Titel «Lying in Politics». Darin schrieb sie über Amerikas Abgleiten in eine Art kollektive Psychose, die sie als «Defaktualisierung» bezeichnete. Fakten sind zerbrechlich, schrieb Arendt, da sie für sich genommen keine Geschichte erzählen. Sie können so zusammengesetzt werden, dass sie das bedeuten, was man will. Das macht sie anfällig für die Manipulationen von Geschichtenerzählern.
  «Die bewusste Lüge befasst sich mit bedingten Tatsachen», erklärt Arendt in diesem bemerkenswerten Werk, «das heisst, mit Dingen, die keine eigentliche Wahrheit in sich tragen, keine Notwendigkeit, so zu sein, wie sie sind; Tatsachenwahrheiten sind niemals zwingend wahr.»
  Einer Leiche in einer ukrainischen Strasse kann also eine Bedeutung zugewiesen werden, die, wenn sie erst einmal feststeht, auch durch gegenteilige Beweise nicht mehr gelöscht werden kann.
  Es ist ein halbes Jahrhundert her, dass Arendt «Lügen in der Politik» veröffentlichte. Und auf diese Zeit, die 1960er und 1970er Jahre, müssen wir die Entstehung dessen zurückführen, was heute als Amerikas grosse Blase der Täuschung gilt. Die Welt, wie sie ist, hat seit Arendts Zeit immer weniger Bedeutung, die Welt, wie wir sie uns gewünscht haben, hat immer mehr Bedeutung.
  Neun Jahre bevor Arendt ihr Werk in der NYRB veröffentlichte, brachte Daniel Boorstin das Buch «The Image: Or, What happened to the American Dream», ein zu Unrecht vernachlässigtes Werk. «Ich beschreibe die Welt, die wir geschaffen haben», schrieb er, «wie wir unseren Reichtum, unsere Bildung, unsere Technologie und unseren Fortschritt dazu benutzt haben, das Dickicht der Unwirklichkeit zu schaffen, das zwischen uns und den Tatsachen des Lebens steht.»
  Wie Sie sich vorstellen können, entging auch die Presse nicht Boorstins genauer Prüfung. «Die Aufgabe des Reporters», schrieb er denkwürdig, «ist es, einen Weg zu finden, diese Fäden der Unwirklichkeit zu einem Gewebe zu verweben, das der Leser nicht als völlig unwirklich erkennen wird.»
  Das ist unser Zustand. Die Ukraine-Krise ist der Spiegel, der uns reflektiert, wie wir sind.
  Nun möchte ich von einem merkwürdigen Zufall berichten, der für unseren Fall von Bedeutung ist.
  Letzte Woche habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Marcel Ophüls’ «Das Haus nebenan» zu sehen, und zwar alle vier Stunden. Dies ist der berühmte brisante Dokumentarfilm, der die Franzosen dazu zwang, sich mit dem Ausmass ihrer Kollaboration mit den Nazis während der drei Jahre, in denen sie Frankreich besetzt hielten, auseinanderzusetzen.
  Dieser Film hat für mich eine besondere Bedeutung. Er kam 1969 heraus, als ich gerade in Paris zum Studium ankam. Frankreich war wegen Ophüls’ Film in Aufruhr. Die Ausstrahlung im französischen Fernsehen war bis 1981 verboten. Damals verstand ich nicht viel davon.
  «Das Haus nebenan» zertrümmerte schonungslos den nationalen Mythos, dass die Franzosen alle Helden des Widerstands gewesen seien oder ihn unterstützt hätten oder sich in irgendeiner Weise gegen das kollaborierende Vichy-Regime von Marschall Pétain gestellt hätten, Held von Verdun im Ersten Weltkrieg, Kapitulant im Zweiten Weltkrieg. Das war nicht der Fall.
  Jetzt verstehe ich, was der junge Student vor langer Zeit nicht ganz begreifen konnte. Die Franzosen waren einfach nicht in der Lage, Ophüls’ unnachgiebige Entlarvung dessen, was sie gewesen waren, zu ertragen. Ophüls hatte die dauerhafte Blase der Täuschung durchbrochen, in der sie nach dem Sieg in Europa 1945 für 25 Jahre gelebt hatten.
  Die Menschen können sehr lange in diesen Blasen leben. Die Unwirklichkeit in diesen Blasen kann sehr überzeugend sein. Die Franzosen sind schliesslich aus ihrer Blase herausgekommen. Es war schmerzhaft, eine Zeit voller Ängste, aber sie hatten Glück, dass sie entkommen sind.
  Werden wir unsere Zeit der Trauer und des Mitleids haben und aus unserer Blase herauskommen, weil es uns dann besser geht? Mögen wir eines Tages so gesegnet sein.  •

Quelle: https://consortiumnews.com/2022/04/05/patrick-lawrence-the-us-bubble-of-pretend/ vom 5.4.2022.
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

(Übersetzung Zeit-Fragen)



* Patrick Lawrence, langjähriger Auslandskorrespondent, vor allem für die «International Herald Tribune», ist Kolumnist, Essayist, Autor und Dozent. Sein jüngstes Buch ist «Time No Longer: Amerikaner nach dem amerikanischen Jahrhundert». Auf Twitter findet man ihn bei @thefloutist. Seine Webseite lautet Patrick Lawrence.

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