Pro memoria: Was die Schweizer Neutralität ermöglichte

Kinderhilfsaktion des Schweizerischen Roten Kreuzes im und nach dem Zweiten Weltkrieg

von Marianne Bürkli

In den letzten Wochen erschienen in den sogenannten Qualitätsmedien verschiedene Artikel und Kommentare, welche die politische Haltung der Schweiz als neutrales Land in scharfer Weise angriffen. Es ist nicht neu, aber man gewinnt den Eindruck, dass die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes «weichgeklopft» werden sollen. Sie sollen ein schlechtes Gewissen bekommen, indem man ihnen eine gleichgültige Haltung gegenüber durch Kriege verursachtem Leid, mangelnde Solidarität mit den Geplagten dieser Welt und ein feiges Ducken vor der Verantwortung vorwirft. Das gehört zur Kampagne, mit der in der Schweiz seit Jahren durch Geschichtsklitterung die Leistungen und Aufgaben der Schweiz verleugnet werden. Darf die Schweiz als Ort der Hoffnung für viele durch Krieg geplagte Völker nicht mehr bestehenbleiben?

Zeitzeugen gegen das Vergessen

Glücklicherweise gibt es noch Dokumente von Zeitzeugen aus einer Zeit, als diese Verwirrungstaktik noch nicht eingesetzt wurde. Sie zeugen von einer in der Schweizer Bevölkerung zutiefst verwurzelten mitmenschlichen Haltung, ihren Beitrag leisten zu wollen, wenn es die Not erfordert. Ein Beispiel dafür sind die vielen Frauen, die sich im und nach dem Zweiten Weltkrieg freiwillig gemeldet haben, um Kindern aus kriegsgebeutelten Ländern einen Erholungsaufenthalt in der Schweiz zu ermöglichen. Eine von ihnen war meine Mutter Olga Bürkli-Stutz (1911–1997). Sie war eine der Rotkreuz-Helferinnen, welche für die Begleitung der Kinderzüge verantwortlich waren, mit denen von 1942 bis 1956 181 000 Kinder aus den verschiedensten Nachbarländern ein Ferien- und Erholungsaufenthalt in der Schweiz ermöglicht wurde, als Europa am Boden lag. Die Not war gross! So wurde die grösste Kinderhilfsaktion der Schweiz während und nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Beine gestellt. Besonders in den Städten war damals die Ansteckung an Tuberkulose im Steigen begriffen. Um dieser unheilvollen Entwicklung vorzubeugen, kamen viele prätuberkulöse Kinder in die Schweizer Berge. Sie sollten sich an der frischen Bergluft erholen können. Aus Jugendheimen und Hotels wurden Sanatorien, die damals 7000 kranke Kinder aufnahmen. Finanziert wurde diese Kinderhilfe vorwiegend mit Geld- und Sachspenden aus der Bevölkerung, auch durch Basare und Abzeichenverkauf.
  Bereits 1942 waren Züge unterwegs nach Frankreich und Belgien, um Kinder in unser Land zu holen. Leider öffneten sich erst 1946 die Grenzen auch für die Kinderzüge nach Deutschland und Holland. Für Deutschland mussten vorgängig umfangreiche Verhandlungen geführt werden mit den Besatzungsmächten USA, Grossbritannien, Frankreich und der Sowjetunion.
  Auch andere Kinder, traumatisiert vom Kriegsgeschehen, unterernährt und geschwächt, kamen auf diesem Wege in die Schweiz. Sie fanden einen Platz in den vielen Gastfamilien, welche sie verköstigten und pflegten und ihnen eine Zeit der Erholung ermöglichten.
  Meine Mutter hinterliess mir ihre aufgezeichneten Erinnerungen an diese Zeit.

Das ist meine Aufgabe

«Schon seit langer Zeit hatte ich Samariterkurse beim Roten Kreuz besucht und war seither mit Leidenschaft dabei. Mein Mann war im Militärdienst, wir hatten noch keine Kinder und ich keine Arbeit. Aber es gab genug zu tun. Ich meldete mich schon zu Beginn des Krieges beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK), das einen Aufruf gemacht hatte: ‹Wer kann für einen Ferienaufenthalt von drei Monaten ein Kind aus den Kriegsgebieten aufnehmen?› Es meldeten sich unzählige Familien und Ehepaare aus Stadt und Land. Pflegeplätze gab es deshalb immer genug.
  Die Auswahl der Kinder für einen Ferienaufenthalt in den Gastfamilien trafen Ärzte vor Ort in den entsprechenden Ländern nach den Vorgaben des SRK, Grund war in erster Linie eine starke Unterernährung. Und tatsächlich hatten wir in unserem Land nie solch hohlwangige Kinder gesehen, wie sie in unseren Zügen sassen. Es rührte mein Herz!

Im Zug nach Holland

Ich bekam bald eine Aufgabe und sass nun im ersten Zug, der durch Deutschland nach Holland fuhr. Im Waggon trugen wir die Schwesterntracht, auf der Strasse jedoch eine Uniform mit dem Schweizer- und Rotkreuzabzeichen am Ärmel. Nachts schliefen wir im Zug, auf Holzbänken liegend und mit einer Wolldecke zugedeckt. Die Bahnhöfe und Städte in Deutschland, die wir passierten, waren mehrheitlich zerstört. In diesen Trümmerwüsten wohnten Menschen, es war erschütternd. Die Fahrt dauerte 48 Stunden, denn die wichtigsten Eisenbahnstrecken, Tunnels und Brücken waren am Ende des Krieges zerstört oder schwer beschädigt worden und man hatte sie nur provisorisch repariert. So fuhr der Zug oft nur im Schneckentempo.

Unsere Aufgabe in Amsterdam

Wir kamen in Amsterdam an und verbrachten die Nacht im Zug. Am nächsten Morgen hiessen wir die Ferienkinder willkommen und begleiteten sie in die verschiedenen Waggons. Ihre leichten Rucksäcklein und kleinen Koffer wurden im Gepäcknetz verstaut. Nach einer letzten Kontrolle ertönte das Signal zur Abfahrt. Die Kinder lehnten sich weit aus den Fenstern, riefen und winkten den zurückbleibenden, immer kleiner und kleiner werdenden Eltern zu. Bleiche, magere Kinder sassen auf den Holzbänken und schauten uns scheu mit grossen erwartungsvollen Augen an. Geschwister hielten sich ängstlich an den Händen. Ihre Kleider waren ärmlich, zusammengewürfelt und geflickt. Die Buben hatten oft kurze Hosen und Kniesocken an, und die mageren Beinchen steckten in hohen Schnürschuhen. Die Mädchen trugen Baumwollröckchen und ihre Jacken waren aus abgetragenen Mänteln von Erwachsenen geschneidert. Um die Kinder von ihrem Heimweh abzulenken, versorgten wir sie nach der Abfahrt mit Brotschnitten, Kakao und Früchten. So tauten unsere kleinen Passagiere langsam auf und fingen bald an, lebhaft zu plaudern.

Unterwegs in die Schweiz

Der Zug fuhr durch die weiten Ebenen Hollands an den berühmten Windmühlen und Grachten mit Schiffen vorbei, die hinter den Dämmen verschwanden. Ein wichtiger Bestandteil unseres Zuges war der Küchenwagen, ein umfunktionierter Gepäckwagen, der mit einem Holzherd ausgestattet war. Unsere Kochequipe bereitete hier leckere Suppen zu und strich Hunderte von Butterbroten, die grossen Anklang fanden. In schweren Metallkübeln kam die Suppe in die Waggons, und wir füllten sie mit grossen Kellen in Schälchen. Die Kinder vertrugen keine schweren Mahlzeiten, sie waren nicht gewohnt, viel zu essen, und wir achteten auch darauf, dass ihnen während der Fahrt nicht schlecht wurde.
  Nach einer langen Fahrt rollte der Zug im Bahnhof Luzern ein. Beim damaligen Kunsthaus übergaben Rotkreuz-Helfer den Pflegeeltern ihre Ferienkinder. Bei regelmässigen Besuchen erfuhren wir, ob die Kinder in die Familien passten und alle zufrieden waren. Verstanden sich Pflegeeltern und Kinder nicht, wurde ein neuer Platz gesucht. Aber die meisten Kinder fassten schnell Vertrauen und erholten sich. Sie bekamen rote Wangen und nahmen an Gewicht zu, bis zu 8 kg! Viele Familien schlossen damals mit ihren Ferienkindern Freundschaften fürs Leben.

Zurück nach Holland

Nach drei Monaten fuhren erholte, wohlgenährte, zufriedene Mädchen und Buben nach Hause. Sie hatten Rucksäcke voll Naschwerk, aber auch mit Malstiften und anderen nützlichen Dingen. Ihre Koffer und zusammengeschnürte Kartonschachteln, gefüllt mit Kleidern, Schuhen und vielen wertvollen Sachen, lagerten im Gepäckwagen. Sie wogen so schwer, dass die Kinder sie kaum selber tragen konnten.
  In Amsterdam warteten die Familien darauf, ihre Kinder in den Arm zu nehmen. Die Freude war riesengross. Überall strahlende Gesichter! Die Eltern und die Kinder bedankten sich zum Abschied von ganzem Herzen.
  Dann ging es auch für uns wieder nach Hause. Es war der 1. August, unser Nationalfeiertag, der Waggon war mit Schweizer Fähnchen dekoriert. Im Küchenwagen bereiteten die Köche für alle etwas Gutes vor. Grosse Dankbarkeit erfüllte mich, an diesem besonderen Feiertag wieder in unsere gepflegte, vom Krieg verschonte Schweiz heimfahren zu dürfen.

Berlin–Dortmund:
 ausgehungert und vernachlässigt

Der Anblick der deutschen Städte war erschütternd. Zum Beispiel lebten in Dortmund vor dem Krieg 850 000 Einwohner, 1946 nur noch 85 000. Die Stadt war zu 80 % zerstört, und die Ruinen wurden langsam vom ‹Trümmergras› überwachsen. Unter den von Einsturz bedrohten Häuserruinen und Trümmerhaufen wohnten die Überlebenden in Kellern. Mehrere Familien teilten sich einen Raum. Alle mussten froh sein, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Dieser Anblick tat im Herzen weh. Die Kinder, die wir in deutschen Städten abholten, forderten unsere Aufmerksamkeit in jeder Sekunde. Viele stritten, und manche balgten sich um den besten Fensterplatz. Wir mussten aufpassen, dass keines aus dem Fenster fiel. Es war spürbar, dass während des Krieges wenig Zeit für diese Kinder gewesen war: der Vater Soldat, die Mutter sorgte für den Lebensunterhalt und arbeitete möglicherweise in der Rüstungsindustrie. Auch nach dem Krieg war der Alltag hart und der Hunger ein ständiger Begleiter. Und nun waren diese Kinder auf dem Weg in die Schweiz.
  Als wir während der Fahrt Suppe aus den grossen Kannen schöpften, zählten die Kinder begeistert die Wursträdchen, die in der Suppe schwammen, und sie bestaunten die dicken Butterbrote, bevor sie hineinbissen. Nachts schliefen die Buben und Mädchen auf den Bänken und am Boden. Wir packten sie in dicke, warme Wolldecken ein. Doch manchmal fiel ein schlafendes Kind von der Bank und weckte mit seinem Geschrei die anderen. Es brauchte manch tröstendes Wort, um die verschreckten Kriegskinder zu beruhigen, bis im Wagen wieder Ruhe einkehrte. Auch wir waren gefordert! Wir wurden jeweils für zwei Stunden abgelöst und legten uns in einem leeren Wagen auf eine Bank. Ob man schlafen konnte, war eine andere Frage!
  Auf der Rückfahrt nach drei Monaten war die Stimmung gelöster. Die Kinder waren kaum wiederzuerkennen. Sie sassen zufrieden und um einige Kilo schwerer auf den Bänken und schilderten ihren Sitznachbarn in den buntesten Farben ihre Erlebnisse in den Schweizer Familien. Ganz allein hätten sie für sich ein Bett gehabt! Sie könnten sogar den Schweizer Dialekt sprechen, das würden ihre Geschwister ja gar nicht verstehen, und so kauderwelschten sie im breitesten Schweizerdeutsch. Auch hier war die Dankbarkeit sehr gross, als wir den Eltern ihre Kinder wieder übergeben konnten, samt von den Gastfamilien gefüllten schweren Koffern und Schachteln mit Kleidern.

Auch in der Schweiz

Bei unserer Arbeit konnten wir mit einem grossen Rückhalt in der Schweizer Bevölkerung rechnen. 1942 wurde der Wochenbatzen eingerichtet: Schweizer Haushalte konnten wöchentlich 10 Rappen spenden. Schulkinder, Samariter und Freiwillige gingen den Wochenbatzen von Haus zu Haus einsammeln. Bis Ende 1946 kam allein durch den Wochenbatzen die eindrückliche Summe von 8,5 Millionen Franken zusammen.
  Für Patenschaften gewann man in der Schweizer Bevölkerung ab 1946 über 70 000 Paten. Diese schickten Kindern, die nicht in die Schweiz eingeladen werden konnten, jeden Monat ein Paket, vollgepackt mit Lebensmitteln, Kleidern und Bettwäsche. So wurden sie und ihre Familien mit dem Nötigsten versorgt.
  Der Bundesrat initiierte 1944 die Schweizer Spende und stellte 150 Millionen Franken bereit. Die Bevölkerung sammelte bis 1948 noch über 50 Millionen Franken dazu. Mit der Schweizer Spende erhielten Kinder in Kriegsgebieten einmal pro Tag eine warme Mahlzeit. Diese Hilfsaktion wurde dort mehrheitlich dem Roten Kreuz anvertraut. Zum Beispiel hatte es in Dortmund eine Milchspendezentrale eingerichtet. Von weit her kamen jeweils die Frauen, um eine Ration Milch, Milchpulver oder Kondensmilch für ihre Kinder abzuholen.

Erinnerungen, die bleiben

Meine Reisen gingen auch nach Hamburg und Wien. Ein Zug mit 400 bis 450 Kindern wurde von etwa 40 Rotkreuz-Mitarbeiterinnen begleitet, dazu kamen die Küchenmannschaft und das Bahnpersonal. Es war nicht immer ohne Risiko. Auf einer Fahrt nach Wien wurde auf unser Abteil geschossen. Ich war gerade dabei, aus dem grossen Topf Suppe zu schöpfen und bückte mich, als über meinem Kopf ein Schuss krachte und zum nächsten Fenster hinausflog. Zum Glück hatte ich mich gebückt, und die Kinder hatten auf den Bänken gesessen. Niemand wurde verletzt, aber der Schreck war gross. Meine Knie fühlten sich noch lange weich und zittrig an. – So habe ich vieles erlebt und gesehen, Schönes, aber auch unsäglich Trauriges. Die Fahrten mit den Kindern und ihre dankbaren Eltern gaben mir eine grosse Genugtuung. Unter den Helfern war die Zusammenarbeit immer sehr freundschaftlich. Deshalb war die Arbeit beim Roten Kreuz für mich und mein Leben ausgesprochen bereichernd.»  •

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