Von lachenden Gesichtern, Worthülsen und leeren Worten

von Eliane Perret

Die Wahlen stehen vor der Tür. In einem gut überlegten Wahlsystem können die Schweizer Bürgerinnen und Bürger ihre Vertretungen in den National- und Ständerat wählen. Jeder Kanton stellt zwei Ständeräte, die Anzahl der Nationalräte wird nach dem Bevölkerungsanteil des jeweiligen Kantons bestimmt. Damit soll gewährleistet sein, dass die unterschiedlichen Landesteile, Sprachregionen, städtische und ländliche Gebiete ausgewogen vertreten sind. Der Frage, wer unser Land auf höchster Behördenebene vertreten soll, kommt viel Bedeutung zu und ist letztlich eine Vertrauensangelegenheit. Das Volk hat jedoch weiterhin die Möglichkeit, durch Initiativen und Referenden das Geschehen im Lande mitzugestalten.

Ein freundliches Willkommen

Mit strahlendem Gesicht begrüssen sie mich von den Plakaten am Strassenrand eingangs unseres Dorfes. Sie haben sich fein gemacht, sind sorgfältig frisiert und vorteilhaft geschminkt (den Rest hat Photoshop erledigt). Doch die Strahlefrauen und -männer haben keinen Sechser im Lotto gewonnen, sondern werben darum, dass ich ihren Namen auf die Liste der National- oder Ständeratskandidaten schreibe. Sie möchten meine Interessen in den obersten Behörden unseres Landes vertreten. Zum Glück, freue ich mich, haben wir so viele engagierte Mitbürger, pardon, Mitbürgerinnen. Es ist nötig, ich möchte nämlich, dass unser Land zu seiner integralen Neutralität zurück-kehrt und seine Pläne für eine Nato-Anbindung und einen Beitritt zur EU endgültig begräbt. Nur dann wird mein Land seine Aufgabe als Friedensmodell für die Welt wieder zurückgewinnen und eine Hoffnung für viele geplagte Mitmenschen in kriegsversehrten Ländern werden. Da ist leider in unserm Land in den letzten Jahren vieles falsch gelaufen, das muss dringend korrigiert werden. Entsprechend will ich meinen Wahlzettel ausfüllen. Nun bin ich natürlich gespannt, was die Kandidaten dazu zu sagen haben.

Von Wahrheit, Mut und
 freier Meinungsäusserung

Zunächst tönt es vielversprechend: «Für freie Meinungsäusserung». Ganz in meinem Sinne, denke ich. Unsere sogenannten Qualitätsmedien liegen leider alle «auf Linie», von Meinungsvielfalt und freier Meinungsäusserung keine Rede mehr. Es scheint so zu sein, dass sie die Interessen bestimmter Lobbygruppen vertreten oder gar der verlängerte Arm von Grossmächten sind und meine Meinung entsprechend steuern wollen (darum informiere ich mich mittlerweile anderweitig). Zum Beispiel schreiben sie, dass wir auch dann neutral seien, wenn wir auf Umwegen Waffen an die Ukraine liefern oder einseitige Sanktionen mittragen würden. Seltsam! Aber denkt mein Kandidat bei «freier Meinungsäusserung» eigentlich ans gleiche wie ich? Ich hätte es lieber etwas konkreter, mein Herr!
  Da passt mir die nächste Kandidatin schon besser: «Der Wahrheit verpflichtet». Sehr gut, dann wird sie mich sicher ganz offen über ihre politischen Vorhaben und Karrierepläne informieren und mich nie anlügen (weil lügen ja nicht schön ist, das hat sicher schon ihre Mutter gesagt). Aber warum das überhaupt betonen? Es braucht in Bern sowieso ehrliche Leute mit klarem Kopf und aufrechtem Gang. Ich nehme mir die nächste Affiche vor: «Weiter denken mit Mut und Willen». Genau, das sehe ich auch so. Doch was geht wohl dem Mann, der mich anlächelt, durch den Kopf? Ist er derjenige, der sich mit starkem «Willen» für die integrale Neutralität unseres Landes einsetzen wird? Dann hätte er meine Stimme, klare Sache! Oder steuert er mit «Mut» in eine ganz andere Richtung und will aus unserem Land einen Stiefelknecht der Grossmächte machen? Nicht mit mir!
  Vielleicht schaffen es die beiden Damen auf dem nächsten Plakat, mich zu überzeugen. Sie sind ja sogar zu zweit, strahlen mich an und hauchen: «Jetzt Zukunft wählen». Ja schon, aber welche Zukunft? Sie wissen es doch sicher auch, aber wollen es nicht sagen. Gegen solche Geheimniskrämerei bin ich allergisch. Und was sehe ich da? Ich staune: «Jetzt langt’s», steht auf dem nächsten Plakat. Mir auch! Ich gehe nach Hause.

Propaganda – die Kunst der Verführung?

Dort angekommen, ziehe ich aus meinem Büchergestell zielstrebig das Buch von Edward Bernays mit dem Titel «Propaganda. Die Kunst der Public Relations» heraus. Genau das interessiert mich jetzt. Das Buch wurde 1928 zum ersten Mal veröffentlicht und seither immer wieder neu aufgelegt, zuletzt 2021 in 13. Auflage. Der Untertitel verweist darauf, dass der Begriff «Propaganda» heute eher vermieden und durch «Public Relations» ersetzt wird, seit er in den Jahren des Zweiten Weltkriegs in Misskredit geraten ist (das Buch stand auch im Büchergestell von Joseph Goebbels). Aber es gilt auch heute noch als Pflichtlektüre für PR-Berater, wie die Propagandafachleute politisch korrekt heissen. Im Vorwort des Buches steht: «Niemand sollte das Recht haben, sich PR-Berater oder ‹Public Relation Counselor› zu nennen, ohne Bernays gelesen zu haben, nicht als akademische Pflichtübung, sondern als Leitbild täglicher Praxis». Zwar muss man jedes Buch immer im Kontext seiner Entstehungsgeschichte sehen, in diesem Fall das Amerika der 1920er Jahre; es ist ein Spiegel der dortigen Verhältnisse. Aber es fand weite Verbreitung und wird bis heute als aktuell eingestuft. Erst 2007 wurde es auch auf Deutsch übersetzt – achtzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen.
  Bernays war nicht «politisch korrekt», sondern sprach Klartext über die aus seiner Sicht notwendige Steuerung der öffentlichen Meinung durch Propaganda, auch in der Politik. Deshalb schreibt er zu Beginn seines Buches: «Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen im Land.» (S. 19) Ich halte inne und lese den Satz nochmals: Manipulation als Bestandteil demokratischer Gesellschaften? Ich habe es immer so verstanden, dass wir mündige Bürgerinnen und Bürger sind mit dem Anspruch und der Fähigkeit, die Geschicke unseres Landes selbst zu bestimmen.

Manipulation – Bestandteil
 demokratischer Gesellschaften?

Denn er führt weiter aus: «Ein seriöser und talentierter Politiker ist dank des Instrumentariums der Propaganda glücklicherweise in der Lage, den Volkswillen zu formen und zu kanalisieren.» Er beklagt, dass die Politiker sich diesbezüglich zu wenig an der Wirtschaftswelt orientiert hätten. (S. 83) Denn «…sorgfältig auf die Bedürfnisse der Massen zugeschnittene Propaganda ist essentieller Bestandteil der Politik». (S. 84) Und er meint sogar: «Gute Regierungsarbeit kann ebensogut verkauft werden wie jedes andere Produkt auch.» (S. 92)
  Deshalb rät er den Parteien und Politikern: «Zur Vorbereitung des Programms sollte eine wissenschaftlich genaue Untersuchung der Wahlbevölkerung mit ihren Bedürfnissen stattfinden. Ein Überblick über die Wünsche und Nöte der Öffentlichkeit ist für den politischen Strategen unerlässlich, wenn er an seine Aufgabe geht, die Aktivitäten der Partei und ihrer gewählten Protagonisten für die bevorstehende Amtszeit zu planen und zu entwerfen» (S. 87). Dabei darf auch die Gefühlswelt der Menschen nicht vergessen werden, wie Bernays schreibt: «Es ist sinnvoll, in einer politischen Kampagne an die Gefühle der Menschen zu appellieren – und sogar ein unverzichtbarer Faktor jeder Kampagne.» (S. 89) Dafür sind heute die zahlreichen PR-Agenturen verantwortlich, welche Wahl- und Abstimmungskampagnen führen – auch das Bundeshaus in Bern ist mit einer riesigen Abteilung ausgestattet. Nach einer entsprechenden Vorbereitung soll deren minutiöse Umsetzung folgen: «Wenn die Leitziele und der Basisplan der Wahlkampagne verabschiedet sind und der Hauptansatzpunkt, mit dem an die Gruppen appelliert werden soll, definiert, muss die Botschaft passgenau jeweils über die Medien übermittelt werden, die diese am effizientesten zu den anvisierten Zielgruppen bringen». (S. 90) Welcher Zielgruppe werden wohl meine Freunde und ich zugeordnet?

Eine führende Elite
 und entsprechende Propaganda

Wer sich in die Ausführungen von Bernays vertieft, wird nicht umhin kommen, nach dessen Menschenbild zu fragen. Offensichtlich geht er davon aus, «dass die Organisation und Fokussierung der öffentliche Meinung für ein geregeltes Zusammenleben unerlässlich ist». (S. 21) Und dazu braucht es – so Bernays – eine führende Elite und entsprechende Propaganda, welche die Informationen filtern und aufbereiten: «Die Lücke zwischen den Intellektuellen und der Masse wird in der komplexen Gesellschaft mithilfe von Propaganda überbrückt. Nur Propaganda versetzt die Regierung, ein Organ des Volkes, in die Lage, eine enge Beziehung zur Bevölkerung aufrechtzuerhalten, was für das Funktionieren einer Demokratie unerlässlich ist.» (S. 98) Wie war das genau? Ich gehe davon aus, dass ein gebildetes Volk ein unverzichtbarer Teil jeder lebendigen Demokratie ist und unsere Volksschule fundiertes Wissen vermitteln soll, so dass jeder junge Mensch seine staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten kennt, sein Handeln danach ausrichten kann und damit den Fortbestand unserer direkten Demokratie und ein Leben in Freiheit gesichert sind. Wer also meine Stimme will, damit er mich in Bern vertreten darf, muss mein Vertrauen gewinnen. Ob das gelingt mit dem Slogan «Hält, was er verspricht!», darf durchaus hinterfragt werden.
  Nun möchte ich den strahlenden Frauen und Männern, die mich von ihrer Kandidatur überzeugen wollen, nicht unterstellen, dass sie sich Edward Bernays’ Ratschläge vollumfänglich zu eigen gemacht haben. Aber eine Beratung, wie sie mit ihrer Kandidatur möglichst wenig Diskussionsstoff und Angriffsfläche bieten, scheint mir angesichts der farblosen Sprüche doch offensichtlich. Haben sie das Wesen unserer direkten Demokratie so wenig verstanden? Darum stimmt mich auch jene Kandidatin nicht zuversichtlich, die mit «Mut zur Lösung» für ihre Wahl wirbt. Was will sie lösen? Wie in unserer Welt wieder Frieden einkehren kann? Was sagt sie zur Frage der integralen Neutralität, zur drohenden Nato-Anbindung und Einverleibung in die EU? Diese Fragen können nicht mit nichtssagenden Floskeln und Worthülsen beantwortet werden, sondern brauchen eine ehrliche Auseinandersetzung mit uns Bürgerinnen und Bürgern. Auf einem Plakat stand noch: «Dranbleiben!» Genau, das machen wir!  •

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