von Dr. Eliane Perret, Psychologin und Heilpädagogin
Vor kurzem fand ich in einer Zeitung einen Artikel über neue Regelungen der chinesischen Regierung, mit denen der Internetkonsum von Kindern und Jugendlichen beschränkt werden sollte. Er trug die Überschrift «Maximal 40 Minuten am Tag – in China regelt der Staat, wie lange Kinder im Internet surfen dürfen». Einige Wochen zuvor war bereits über die Vorgaben Chinas zum Konsum von Online-Spielen berichtet worden.1 Ich freute mich sehr, dass die Zeitung über diese Entwicklung berichtete. China wurde bei uns lange Zeit (oft mit neidischem Blick) als Land der digitalen Revolution bezeichnet. «Diesbezüglich vielleicht ein Vorbild für uns?» fragte ich mich, bevor ich mich ans Lesen machte. Aus bisherigen Recherchen wusste ich, dass die chinesischen Behörden schon seit einigen Jahren daran waren, negativen Folgen der Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen durch geeignete Massnahmen zu begegnen.2
Beschränkte Internetnutzung
Aktuell ist ein Gesetz geplant, das den Internet-Zugang von Kindern und Jugendlichen regelt. Für Kinder bis acht Jahre sind maximal 40 Minuten täglich vorgesehen. Kinder und Jugendliche zwischen acht und sechzehn Jahren sollten täglich eine Online-Zeit von einer Stunde haben und für Sechzehn- bis Achtzehnjährige wären es zwei Stunden pro Tag. Entsprechend müssen die Online-Spiel-Konzerne einen Jugendmodus anbieten. Bürger und Unternehmer konnten bis zum 2. September ihre Meinung dazu äussern. Der Zeitpunkt, wann das Gesetz in Kraft treten soll, ist noch offen.
Online-Spiele –
ein Gefahrenherd für Spielsucht
Bereits 2021 konnte man in den Medien lesen, dass die chinesische Regierung die Online-Spielzeit der Kinder und Jugendlichen einschränken wolle. Einerseits wurde die Zunahme von Spielsüchtigen als Problem erkannt, ebenso gesundheitliche Probleme wie Kurzsichtigkeit und Übergewicht und die Fokussierung der Aufmerksamkeit von Kindern und Jugendlichen aufs Gamen. Klare Worte dazu hatte damals die zur staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua gehörende Wirtschaftszeitung «Economic Information Daily», sie charakterisierte Videospiele als «geistiges Opium» und «elektronische Drogen», mit denen die Kinder vom Lernen abgehalten und von ihrer eigenen Kultur entfremdet würden3 (eine Formulierung, die sie später relativierte). Sie verlangte von den Spieleplattformen, soziale Verantwortung zu übernehmen und nicht einfach Profiten nachzujagen. Mit einer neuen Regelung sollten deshalb Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren nur noch freitags, samstags, sonntags und an gesetzlichen Feiertagen gamen dürfen, und zwar jeweils eine Stunde von 20 bis 21 Uhr. Die Anbieter dieser Spiele wurden darauf verpflichtet, entsprechende Zugangsbeschränkungen zur errichten und durch den Anmeldemodus zu gewährleisten, dass die Nutzer sich mit ihren echten Namen und ihrem Alter registrierten. Online-Unternehmen, welche diese Massnahmen nicht umsetzen, sollten gesetzlich verfolgt werden können.
Soziale Medien –
Schutz vor bestimmten Inhalten
Eine weitere Regelung betraf die Nutzungszeit von Social Media. In China (und auch bei uns) ist aktuell Tiktok sehr beliebt, das nur mit laufender Kamera funktioniert. Tiktok ist ein chinesisches Unternehmen, doch sieht Tiktok China komplett anders aus als Tiktok bei uns. In China fehlen brutale Bilder und Pornos, genauso wie die bei Kindern und Jugendliche beliebten Challenges. Mit der neuen Regelung wurde die tägliche Nutzungszeit bei Kindern unter 16 Jahren beschränkt: Nach 60 Minuten täglicher Nutzung wird der Bildschirm schwarz. Durch den Anmeldemodus wird verhindert, dass Kinder diese Regelungen umgehen können. Sie erfolgt mittels Videocall mit einem vorgelegten Ausweis. Bei Kindern, die noch keinen haben, muss das ein Elternteil übernehmen und die Geburtsurkunde in die Kamera halten. Es ist also nur schwer möglich, bei der Kontoeinrichtung zu betrügen oder ein anonymes Konto einzurichten. Nutzer sind mit Namen, Geburtstag und allen anderen Angaben registriert, und ist es kein Problem, das Angebot an Bildern und Filmen entsprechend zu schalten – und die Kinder und Jugendlichen zu schützen.
Challenges und Kriegsvideos
in China verboten
Viele Erwachsene hierzulande wissen kaum, was mit obengenannten Challenges an die Kinder und Jugendlichen herangetragen wird. Es sind Anleitungen zu gefährlichen oder auch pornografischen «Aufgaben», die sie filmisch dokumentieren und online stellen sollen. Ein besonders widerliches Beispiel war (in unseren Breitengraden), vor einem Jahr aktuell, die sogenannte Würge-Challenge. Es war ein Anleitungsvideo, wie man sich selber stranguliert, und zwar mit einem bestimmten Knoten, der – richtig gemacht – in dem Moment aufgehen sollte, wenn die Person ohnmächtig wurde. Diese Challenge hatte weltweit einige Todesopfer gefordert. Das jüngste Todesopfer war ein achtjähriges Mädchen in England vor laufender Kamera, das heisst, es wurde live gesendet. Solche Challenges sind in China verboten, ebenso bekommen chinesische Kinder keine Kriegsvideos zu Gesicht, weil die Algorithmen des Programms entsprechend geschaltet werden müssen.
Kaum bekannt ist auch, dass mit Beginn des Ukraine-Krieges der Krieg auf Tiktok krasser tobte als auf anderen Social Media (wie Twitter). Es tauchten völkerrechtswidrige Kriegsvideos auf, die gegen die Genfer Konventionen verstiessen. So konnte man die Namen von gefallenen Soldaten unverpixelt auf deren Uniformen lesen. Solche Videos bekommen chinesische Kinder nicht zu sehen (Bei uns werden sie erst gelöscht, wenn es von jemandem angezeigt wird. Bis dahin wurden sie jedoch von unzähligen Menschen angeklickt).
Und bei uns?
Soweit die Fakten: China reguliert den Zugang für minderjährige Kinder und Jugendliche zu Online-Spielen, Social Media und zum Internet. Es zog die Konsequenzen aus den Erfahrungen, die in diesem technikaffinen Land in den vorangegangenen Jahren gemacht worden waren.
Wer Augen und Ohren offen hat, sieht sich bei uns mit den gleichen Problemen konfrontiert, denen China mit seinen Regelungen begegnet. Digitale Medien sind überall präsent, auch schon bei den kleinsten Kindern. Sie sind damit Cyber-Mobbing, sexueller Belästigung, Gewaltvideos, Kriegsspielen ausgesetzt. Daraus resultierende psychische Störungen und Spielsucht sind schwere Probleme, die eine gesunde Entwicklung von Kindern behindern. Sie gehören bei uns zu den Arbeitsfeldern von Psychologen und Kinderärzten und zunächst nicht zum staatlichen Handeln zum Schutz der Kinder und Jugendlichen wie in China. Der Handlungsbedarf ist riesig. Nebenbei bemerkt: Im Jahr 2021 wurde mit Videospielen und Gaming in der Schweiz ein Umsatz von 1,32 Milliarden Schweizerfranken «erwirtschaftet». Bis zum Jahr 2026 wird ein Zuwachs auf 1,79 Milliarden Schweizerfranken prognostiziert.4
Meinungssteuerung durch
Manipulationstechniken
Um so erstaunlicher ist der Tonfall, mit dem hierzulande über die chinesischen Bemühungen, ihre Kinder und Jugendlichen zu schützen, berichtet wird. In den beiden Artikeln geht es um «Kontrolle», «drakonische Massnahmen», «Willen der Machthaber», «politisch erziehen», «ideologisch festigen», «nationalistische Kultur», «moralische Gralshüter», eine «Staatsführung als moralische Instanz», um ein «konservatives Weltbild des chinesischen Staats- und Regierungschefs Xi Jiping» usw. und um Massnahmen, die «wenig effektiv sein» dürften. Offensichtlich wurde hier eine objektive Berichterstattung durch Meinungssteuerung ersetzt mit einer Manipulationstechnik, die in der Fachliteratur als «Framing» bezeichnet wird. Das heisst, man gibt einem Sachverhalt einen bestimmten Deutungsrahmen, so dass er im gewünschten Licht erscheint, auch wenn durchaus andere Möglichkeiten bestünden. In diesem Fall geht es offenbar darum, die chinesischen Regelungen als autoritär, konservativ und übergriffig erscheinen zu lassen. Eine alternative Möglichkeit wäre es, die Bemühungen der Regierung als Versuch zu werten, die psychische und physische Entwicklung der heranwachsenden Generation zu schützen.
Natürlich, es ist anzunehmen, dass es auch bei diesen Regelungen Schlupflöcher geben wird und Menschen, die nach Wegen suchen, sie zu umgehen. So wie zum Beispiel bei uns rasende Autofahrer versuchen, mit Radarfallen-Apps einer Bestrafung zu entgehen und damit sich und andere Menschen gefährden. Niemand würde deswegen die Geschwindigkeitsbeschränkungen aufheben wollen. Vielmehr: Es ist ein gutes Zeichen für eine Gesellschaft, wenn sie nach Lösungen für Probleme sucht. Gerade im Internet ist vieles noch nicht geregelt. Zur Erinnerung: Wir haben es mit einer sehr jungen Technologie zu tun. Das erste Smartphone kam 2007, diese Geräte sind also erst 16 Jahre alt, also noch nicht einmal volljährig und heute schon im Besitz von kleinen Kindern. Es steht deshalb die Aufgabe an, diesem anarchistischen Zustand mit Regeln und Gesetzen und entsprechender Eltern- und Schulbildung zu begegnen. Unsere sich als westliche Demokratien rühmenden Länder könnten durchaus in Wettbewerb treten mit den Bemühungen Chinas und durch entsprechende Massnahmen! Wäre das nicht ein konkretes Wahlkampfthema gewesen?
Übrigens: Chinesische Konzerne
Eine der grössten chinesischen Internetfirmen ist Tencent. Sie produziert Online-Spiele für den weltweiten Markt. Selbstverständlich gehen die Vorgaben und Gesetze ihrer Regierung nicht spurlos an ihnen vorüber. Aber auch hier ist eine Lösung angedacht: Tencent soll gemeinsam mit dem Online-Anbieter Alibaba und anderen Unternehmen verbesserte Computerbausteine, sogenannte Computerchips5, produzieren, die aktuell sehr gefragt sind und China von ausländischen Importen unabhängig machen sollen. Ein Ersatzmarkt für die auf Kosten der Kinder und Jugendlichen bisher eingefahrenen Gewinne! •
1 «Neue Zürcher Zeitung» vom 17.10.2023 und «Neue Zürcher Zeitung» vom 1.9.2023
2 vgl. Kreiss, Christian. Social Media und zwanghafte Internetnutzung schaden auch der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit (1) In: Zeit-Fragen Nr. 22 vom 17. Oktober 2023, S. 7.
3 Eine Charakterisierung, die an den Opiumkrieg erinnert, mit dem die Zeit der Unterwerfung Chinas unter die wirtschaftlichen Interessen westlicher Grossmächte begann. Eine Beschreibung, die man nicht einfach ad acta legen sollte.
4 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/221310/umfrage/prognose-der-umsaetze-mit-video-games-in-der-schweiz/
5 Ein Computerchip enthält Millionen von mikroskopisch kleinen elektronischen Bauteilen, die Transistoren genannt werden und Datensignale übertragen. Sie kommen in unseren Alltagsgeräten von der Mikrowelle bis zur Zahnbürste vor.
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