von Eliane Perret
Als ich in der Vorweihnachtszeit in meinem Lieblingscafé sass, eine Zeitung durchblätterte (genaueres Lesen lohnte sich nicht) und an meiner heissen Schokolade nippte, setzten sich zwei Männer an den Nebentisch. Wahrscheinlich Geschäftsleute in ihrer Mittagspause, vermutete ich, als ich ihre Kleidung – Hemd, Anzug und Krawatte – bemerkte. Ich beugte mich wieder über meine Zeitung. Bald drangen Gesprächsfetzen an mein Ohr, die ich nicht überhören konnte, aber auch nicht wirklich begriff. Es war eine bunte Mischung deutscher und englischer Ausdrücke. Da war von Aktien die Rede, was meine Vermutung der beruflichen Tätigkeit der beiden bestätigte. Auch zu Change Management hatte ich sofort eine Assoziation: Das hatte man doch in unseren Schulen und im Bildungswesen angewendet, um sie auf den Kopf zu stellen. Bei Assessment überlegte ich mir dann noch, ob wohl einer der beiden Personalchef war oder Head Hunter (wie man auf Neudeutsch sagt), der die Bewerber einem stressreichen Auswahlverfahren aussetzte. Hingegen machte ich bei Financial Covenants, Break-even-Point, Agio, EBIT, Balanced Scorecard, Cross-Selling, Free Cash Flow und Job enrichment schlapp. Ich verstand gar nichts mehr. Das war Banken-Slang für Insider, in dem die beiden sich angespannt und sichtlich erschöpft unterhielten. Langsam nahmen meine Gedanken einen anderen Weg… Was machen Menschen mit so viel Geld und mit so viel Verantwortung? Denken sie auch an die Armut in der Welt, an ihre notleidenden Mitmenschen, auf deren Kosten andere ihr riesiges Vermögen anhäufen? Oder haben sie einfach einen «Job», mit dem man gutes Geld verdienen kann? «Wieviel Erde braucht der Mensch?»1, eine Erzählung von Leo Tolstoi, ging mir durch den Kopf. Ich hatte sie einmal meinen Schülern vorgelesen. Da war es doch auch um dieses Thema gegangen?
Die Verlockung des Besitzes
In Tolstois Erzählung besucht die in der Stadt wohnende ältere Schwester die jüngere, die in einem Dorfe wohnt und einen Bauernhof führt. Als sie zusammen Tee trinken, beginnt die Städterin zu prahlen und malt die Vorzüge ihres Lebens als Ehefrau eines Kaufmanns mit einer geräumigen Wohnung, schönen Kleidern und Vergnügungsangeboten im städtischen Umfeld aus. Ihre jüngere Schwester fühlt sich gekränkt und hält dagegen: Sie preist die Vorzüge des Bauernlebens, mit dem alltägliche Bedürfnisse gut und sicher gestillt werden können. «Der Verlust ist der ältere Bruder des Gewinns. Es kommt ja wirklich vor, dass jemand heute reich ist und morgen betteln geht», meint sie. Das könne ihnen auf dem Land nicht passieren, denn sie seien an der Quelle dessen, was sie im Alltag brauchen. So geht das Gespräch hin und her. Die jüngere Schwester hält den Prahlereien und herablassenden Bemerkungen ihrer älteren Schwester mit klugen Entgegnungen erstaunlich gut stand. Das im Gegensatz zu ihrem Mann Pachom, der auf dem Ofen liegt und dem Gespräch der beiden Frauen zuhört. Ein stechendes Gefühl der Eifersucht beginnt ihn zu bedrängen, und er murmelt vor sich hin, dass sie tatsächlich zu wenig Land hätten und er sich mehr davon wünschen würde. Hätte er genug davon, würde er nicht einmal den Teufel fürchten, meint er.
Damit beginnt ein leidvoller Weg, denn der Teufel hat hinter dem Ofen gesessen und die Gier des Bauern angestachelt. Er will Pachom mit so viel Land ködern, wie er es sich wünscht, ihn aber auf diese Weise in seine Falle locken.
Von Gier getrieben
Tatsächlich beginnt nun der Bauer zu überlegen, wie er zu mehr Land kommen könnte. Und das gelingt ihm mit List und Schlauheit und mit unsäglichem Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen. Auch seine Frau unterstützt ihn in seinem Ansinnen. Sein Besitz mehrt sich, aber sein brennendes Gefühl, zu wenig zu haben, lässt nicht nach. Ruhelos und unzufrieden sucht er immer wieder nach neuen Möglichkeiten, sich zu bereichern. Er macht nun das, worunter er früher selber gelitten hat: Er nutzt die Not und die Bedrängnis seiner Nachbarn und Freunde aus, um seinen Landbesitz zu vergrössern, lebt aber zunehmend in Hader und Streit mit seinen Mitmenschen, die ihm seine Ungerechtigkeiten heimzahlen. – Wer die Geschichte Tolstois kennt, weiss, dass Pachom seine Heimat verlässt, um seinen Besitz und sein Land zu vergrössern. Letztlich kostet ihn seine Gier das Leben. Und nun, wieviel Erde braucht er noch? Es lohnt sich, die ganze Geschichte zu lesen.
«Ich möchte
möglichst viel Geld verdienen …»
Das alles ging mir durch den Kopf, als ich den beiden Männern zuhörte. Es waren keine «bösen» Menschen, aber es schien mir, als wären sie in einem goldenen Käfig gefangen, den sie selbst gar nicht richtig wahrnahmen. Gefangen in einem goldenen Käfig einer seelenlosen Geldpolitik, bei der eine dünne Schicht von Menschen – getrieben von krankhafter Gier und Machtstreben und ohne Anstand – von den Börsengewinnen der globalen Geldströme auf Kosten ihrer Mitmenschen profitierte. Da blieb keine Zeit nachzudenken über Gerechtigkeit, über den Sinn des Lebens, über ein gleichwertiges Zusammenleben in Freiheit. Vielleicht wäre ihnen oder auch andern in ähnlichen Situationen die Geschichte Tolstois ein befreiender Denkanstoss. Vielleicht wäre sie auch eine Lektüre für ein Managerseminar einer Grossbank, der Bildungskonzerne oder des militärisch-industriellen Komplexes? Ich erinnerte mich an die Bekenntnisse von John Perkins, einem «erfolgreichen Finanzberater» von Entwicklungsländern, der in seiner Biografie beschreibt, wie er als Economic Hit Man diesen Ländern durch Kredite bei der Weltbank oder der USAID eine nicht zu bewältigende Schuldenlast aufbürdete und sie dadurch dem politischen Diktat der USA auslieferte. Eine der Wurzeln von Kriegen, die heute unsere Welt mit Leid und Elend erschüttern!
Ich dachte aber auch an Schülerinnen und Schüler, die als Berufswunsch äusserten: «Einen, mit dem ich viel Geld verdienen kann.» Solche Ziele sollen unser zwischenmenschliches Zusammenleben tragen? Und was beschäftigte die beiden Kaffeehausbesucher? Ein übertriebener Ehrgeiz? Ein überhitzter Wunsch, bewundert zu werden?
Ein psychologisch
hochkomplexer Vorgang
Auch sie sind einmal Kinder gewesen, die den Weg ins Leben suchten und dabei ihre innere Einstellung zum Leben, zu ihren Mitmenschen, zur Welt und zu den Aufgaben, die das Leben ihnen heute stellt, erworben haben. Ein aus psychologischer Sicht gefühlsmässig hochkomplexer Vorgang, der sich bei jedem Kind im Wechselspiel mit seinem menschlichen Umfeld vollzieht und später in individueller Weise sein Fühlen, Denken und Handeln bestimmt. Die Eltern und alle weiteren Beziehungspersonen (insbesondere auch die Lehrer) sind dabei gefordert, denn für eine gesunde Entwicklung braucht das Kind ihre pflegende, schützende und sorgende Unterstützung, eingebettet in eine sichere Bindung. Nur dann kann es echte Beziehungsfähigkeit entwickeln, die sich darin zeigt, dass es seine eigenen Anliegen in gesunder Weise wahrnehmen und sinnvoll verwirklichen kann, ohne dabei das Wohl der Mitmenschen ausser Acht zu lassen.2
Kulturelle Werte sind nicht zufällig
In diesem Prozess werden einem Kind auch die tragenden Werte seiner Lebenswelt vermittelt. Es wäre gerade heute wichtig, sich wieder vermehrt darauf zu besinnen. In unserem christlich-abendländischen Kulturkreis sind Werte wie Mitmenschlichkeit, Gemeinsinn, Verantwortungsbewusstsein, Hilfsbereitschaft und Kooperationsfähigkeit grundlegend. Aber auch die Bereitschaft, durch die eigene Leistung zum Wohle aller beizutragen, gehören dazu. Genauso wie Eigenständigkeit, Mut, Ehrlichkeit, Toleranz, der Wille zu gewaltfreier Konfliktlösung und die Achtung der Würde der Mitmenschen. Diese Werte sind keineswegs zufällig oder rein geschichtlich oder wirtschaftlich bedingt. Jede lebenswerte Kultur und Gesellschaft gründet auf diesen Werten, die sich aus der Sozialnatur des Menschen ergeben und durch die Forschungsergebnisse der Humanwissenschaften eindeutig belegt sind. Heute ist leider zu beobachten, dass sie Zeitgeisteinflüssen, politischen Strategien und menschlicher Willkür geopfert werden – ein destruktiver Vorgang, der keinesfalls gedankenlos und gleichgültig hingenommen werden darf. Wertevermittlung und Werteerhaltung gehören zu den Grundlagen jeder Erziehung. Sie sichern den Fortbestand und die Weiterentwicklung einer humanen, dem Allgemeinwohl dienenden Kultur und sind unverzichtbarer Teil einer Erziehung zum Frieden.3
Fragen zum Nachdenken
Was hatten wohl die beiden Männer bis anhin erlebt? Wie hatten sie sich in ihrem familiären Umfeld eingefunden, in der Beziehung zu ihren Eltern, den Geschwistern, aber auch später in Kindergarten, Schule und Berufsbildung? Wo wurden die Weichen in ihrem Leben gestellt? Wer waren ihre Vorbilder? Woher hatten sie den Drang, sich in der Welt des Geldes zu profilieren? Woher diese Gier nach Reichtum, die Pachom das Leben gekostet hatte? Sie waren in diesem Prozess aktiv beteiligt gewesen und hatten sich so ihre Sicht der Welt erworben und ihre Rolle, die sie heute darin einnehmen.
Ich wünschte mir für die beiden Männer, dass ihre Kinder oder ihre Frauen ihnen zu Weihnachten die Erzählung von Leo Tolstoi unter den Weihnachtsbaum gelegt hätten. Ein Anstoss zum Nachdenken darüber, welche Welt wir haben wollen und welche Verantwortung jedem einzelnen von uns obliegt. Nicht nur für sie! •
1 vgl. Tolstoi, Leo; Abesinova, Elena. Wieviel Erde braucht der Mensch. Zürich: Speer-Verlag 1994
2 vgl. Buchholz, Annemarie; Vögeli Erika. «Wertevermittlung – eine Aufgabe der Persönlichkeitsbildung und der Kulturerhaltung». In: VPM/MZE (Hrsg.). Mut zur Ethik. Eine Besinnung auf gesellschaftliche Grundnormen und menschliche Grundhaltungen im Individuum. Zürich: Verlag Menschenkenntnis 1993. https://iphg.ch/wertevermittlung-eine-aufgabe-der-persoenlichkeitsbildung-und-der-kulturerhaltung/ (abgerufen am 27.12. 2023)
3 a.a.O.

«‹Sag mir, Mutter Erde, sag mir die Wahrheit: Können die Menschen leben ohne Krieg?› ‹Eine schwierige Frage hast Du mir da gestellt, Tolgonai. Es gab Völker, die durch Kriege ausgerottet wurden, es gab Städte, die in Schutt und Asche fielen, und es gab Jahrhunderte, da ich davon träumte, eine menschliche Spur zu finden. Und jedesmal, wenn die Menschen wieder einen Krieg anzettelten, rief ich ihnen zu: ‹Haltet ein, lasst das Blutvergiessen!› Und auch jetzt wiederhole ich: ‹Ihr Menschen hinter den Bergen und Meeren! Ihr Menschen auf der ganzen Welt, was fehlt euch – Land? Hier bin ich – das Land, die Erde! Ich bin für euch alle dieselbe, und für mich seid ihr alle gleich. Nicht euren Hader brauche ich, sondern eure Freundschaft, eure Arbeit! Werft ein einziges Korn in die Furche, und ich gebe euch hundert Körner dafür zurück. Steckt ein winziges Reis in den Boden, und ich ziehe euch eine Platane gross. Legt einen Garten an, und ich überschütte euch mit Früchten. Züchtet Vieh, und ich werde Gras sein. Baut Häuser und ich werde Mauer sein. Pflanzt euch fort, vermehrt euch, und ich werde euch allen eine herrliche Heimstatt sein. Ich bin unendlich, ich bin grenzenlos, ich bin tief und ich bin hoch, ich habe Platz für euch alle!› Und da fragst du noch, Tolgonai, ob die Menschen ohne Krieg leben können. Das hängt nicht von mir ab, das hängt von euch Menschen ab, von eurem Willen und eurem Verstand.›» (Tschingis Aitmatov. Goldspur der Garben)
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