Von Nawalny bis Aaron Bushnell: Das Stottern der Geschichte

von Guy Mettan*

Mit der Zeit kommt die Wahrheit immer ans Licht. Doch dieses Mal trat sie überraschend schnell zu Tage. Nach nur zwei Wochen Medien- und Politikhysterie erfuhren wir aus dem Mund des ukrainischen Geheimdienstchefs Kyrylo Budanow, dass Nawalny tatsächlich an einem Blutgerinnsel, einem gewöhnlichen Schlaganfall, gestorben war und nicht als Folge der «Vergiftung Putins», wie es die unterwürfigsten Kläffer und Papageien der Nato in Endlosschleife wiederholten («Chief Budanov Says Seems Navalny Died of Detached Blood Clot» (kyivpost.com)).
  Zur gleichen Zeit verkündeten Nawalnys Verwandte urbi et orbi, dass ihr Schützling mit einem in Deutschland inhaftierten russischen Spion ausgetauscht werden sollte, den «Putin um jeden Preis freibekommen wollte», wie es in denselben westlichen Medien hiess.
  Diese zweite Meldung bestätigt die erste. Ein Austausch hätte es dem russischen Präsidenten ermöglicht, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, indem er sich eines lästigen Häftlings entledigt und gleichzeitig einen sehnlichst gewünschten Spion zurückerhält ...
  Beide widerlegen auf jeden Fall die These, der russische Präsident habe seinen Gegner aus dem Weg räumen wollen. Sie lassen uns auch verstehen, warum der Tod Nawalnys so schnell und so lautstark instrumentalisiert wurde: Es ging darum, der fassungslosen westlichen Öffentlichkeit so schnell wie möglich neue Sanktionen gegen Russland (die von den USA unmittelbar nach dem Besuch der Witwe Nawalnys in Washington beschlossen wurden) und neue Kriegsmassnahmen seitens der Europäischen Union (die auf dem letzten Ukraine-Gipfel in Paris beschlossen wurden) schmackhaft zu machen. Massnahmen, welche die Lieferung von Lang- und Mittelstreckenraketen und den möglichen direkten Einsatz von Nato-Soldaten auf ukrainischem Boden betrafen (der von Präsident Macron in einer Erklärung eingeleitet wurde, die ebenso beunruhigend wie unsinnig in Bezug auf ihre militärischen Folgen war).
  Als Sahnehäubchen kam der unerwartete Tod Nawalnys auch gerade recht, um den Fall von Awdijiwka und die Rückschläge der ukrainischen Armee verschwinden zu lassen und zu versuchen, die ins Stocken geratene Mechanik der amerikanischen Militärhilfe für die Ukraine wieder in Gang zu bringen und erneut europäische Milliarden zu bewilligen, während man sie den durch die Krise und den Anstieg der Energiepreise infolge der Unterbrechung der russischen Gasimporte verarmten Bauern vorenthält (das Europäische Parlament hat gerade 50 Milliarden Hilfsgelder für Kiew bewilligt).
  Wenn es einen Bereich gibt, in dem die Genialität des Westens nicht bestritten werden kann, dann ist es der Bereich der Propaganda und der Meinungsmanipulation. Wie im Fall von Butscha, der MH 17 oder den Skripals diente der Tod Nawalnys also als Vorwand für eine Eskalation der Spannungen und der Kriegstreiberei. Mit einem Wort: zu einer Ausweitung des Krieges, zum Nachteil der Befürworter von Verhandlungen, einer Deeskalation oder eines Waffenstillstands.
  Doch die bizarren Enthüllungen gehen noch weiter. Schlag auf Schlag erfuhren wir aus der «New York Times», ebenfalls nach Informationen von Budanow, dass die CIA nicht weniger als zwölf Spionagezentren in der Ukraine eröffnet hatte, und das noch vor dem Maidan-Putsch im Februar 2014. Warum tun sie das? Um die besten Plätzchen zum Pilzesammeln auszuspähen? Das ist unwahrscheinlich.
  Das bestätigt, dass die Ukraine schon seit mindestens 2013 unter amerikanischer Kontrolle war und die antirussische Eskalation seit vielen Jahren geplant war.

  Selenski seinerseits gestand, dass die Pläne für die ukrainische Gegenoffensive im letzten Sommer vor deren Beginn an die Russen weitergegeben worden waren, was deren Scheitern erklären würde.
  Warum kommen diese Informationen zu diesem Zeitpunkt heraus? Auf wen zielen sie ab? Was will man uns damit sagen? Warum beginnen ukrainische Beamte damit, Thesen auseinanderzunehmen, die von ihren westlichen Freunden verbreitet werden? Es gibt nie einen Zufall bei dieser Art von Kommunikation, die auf den ersten Blick erratisch erscheint, in Wirklichkeit aber sorgfältig kalibriert ist.
  Zu diesem Zeitpunkt sind drei Erklärungen möglich. Es könnte sich um interne Abrechnungen handeln, bei denen Kiew versucht, politische Gegner (zum Beispiel den Clan des entlassenen Generals Saluschni) zu diskreditieren, oder um einen Versuch, den Druck auf ihre Verbündeten zu erhöhen, um ihnen mehr Unterstützung abzuringen, oder um Gegenfeuer, die zukünftige Enthüllungen entschärfen sollen, welche für Joe Bidens Wahlkampf sehr peinlich wären. Der Artikel in «Le Temps» vom Mittwoch, dem 28. Februar, der – trotz des Flops von Russiagate in den Jahren 2017–2019 – die These einer Einmischung Russlands in den Präsidentschaftswahlkampf wiederbelebt, indem er sich auf die «Enthüllungen» einer mysteriösen Hackergruppe stützt, bestärkt diese These. Es geht darum, die Kampagne der Demokraten durch einen Präventivschuss zu panzern.
  Die drei Thesen schliessen sich übrigens nicht aus. Es dürfte nicht lange dauern, bis wir mehr wissen.
  In der Zwischenzeit kann man sich inmitten dieses wilden Mediengeheuls fragen, ob der vernünftigste Mensch nicht jener Geheimdienstmitarbeiter der US-Luftwaffe, Aaron Bushnell, ist, der sich am vergangenen Montag vor dem Weissen Haus als Zeichen des Protestes gegen das israelische Massaker an den Palästinensern selbst verbrannt und zur «Befreiung Palästinas» aufgerufen hat. Diese Tatsache wird von den europäischen Medien bewusst ignoriert, sie erinnert aber auf seltsame Weise an das Opfer des buddhistischen Mönchs Thich Quang Duc, der sich 1963 aus Protest gegen die Regierung Diem auf einem Platz in Saigon selbst verbrannte (siehe Caitlin Johnstone: «He Burned Himself Alive to Turn Eyes to Gaza» (consortiumnews.com)).
  Die Geschichte scheint wieder einmal zu stottern. In jedem Fall offenbart diese Verzweiflungstat, die nur eine Wiederholung einer Kaskade von Suiziden der gleichen Art ist, das tiefe seelische Unbehagen, das Soldaten befällt, wenn sie Aufträge ohne jeglichen moralischen Sinn erfüllen müssen.  •

(Übersetzung Zeit-Fragen)


Guy Mettan ist Journalist und Abgeordneter im Grossen Rat des Kantons Genf, den er 2010 präsidierte. Er arbeitete für das «Journal de Genève», Le Temps stratégique, Bilan, «Le Nouveau Quotidien» und später als Direktor und Chefredaktor der «Tribune de Genève». 1996 gründete er den Swiss Presseclub, dessen Präsident und späterer Direktor er von 1998 bis 2019 war.

Agenda-Setting

ep. Mit ihrer Auswahl und Aufbereitung der Themen sind Medien der Wahrheit und der Wahrung der Menschenwürde verpflichtet. Durch ihre Berichterstattung sollen sie eine differenzierte Meinungsbildung zu gesellschaftlichen Ereignissen und Entwicklungen möglich machen. Das ist die Grundlage jeder demokratischen Gesellschaft.
  Heute ist deutlich sicht- und spürbar, dass sich Redaktionen, speziell der sogenannten Qualitätsmedien, als sogenannte Agenda-Setter bestimmten politischen Strategien, Lobbygruppen oder Geldgebern verpflichtet fühlen, deren Meinung sie – scheinbar objektiv – bevorzugt darstellen. Statt gründlicher Recherchen oder einem zurückhaltenden Abwarten, werden Vermutungen als Wahrheiten dargestellt, immer mit dem Ziel, Stimmungen zu erzeugen, die politisch genutzt werden können. Wenn sich nachher die dargestellten «Fakten» als falsch herausstellen, erfolgt ein ohrenbetäubendes Schweigen. (vgl. Christian Hardinghaus. Kriegspropaganda und Medienmanipulation. Was Sie wissen sollten, um sich nicht täuschen zu lassen. Europa-Verlag 2023)

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