Barbarei in den internationalen Beziehungen nicht gleichgültig hinnehmen

von Karl-Jürgen Müller

Barbarei, so schreibt das Deutsche Universalwörterbuch des Duden-Verlags, bedeutet Rohheit, Unmenschlichkeit und Grausamkeit. Gleichgültigkeit, so dasselbe Lexikon, Teilnahmslosigkeit und Desinteresse. Barbarei und Gleichgültigkeit sind Folgen anhaltenden staatlichen Rechtsbruchs. In der internationalen Politik nähern wir uns diesem Abgrund. Die Beispiele häufen sich. Gleichgültigkeit darf nicht das letzte Wort sein.

In dem vor mehr als 30 Jahren (1992) in deutscher Sprache erschienenen Buch «Begegnung am Fudschijama»1, das den reichhaltigen Dialog des japanischen buddhistischen Philosophen, Theologen und Schriftstellers Daisaku Ikeda mit dem kirgisischen Publizisten und Schriftsteller Tschingis Aitmatow wiedergibt, wenden sich die Dialogpartner auch der Frage nach dem «langen Weg zu sich selbst» zu. Dabei geht es unter anderem um das Verhältnis des Menschen zu Gut und Böse. Daisaku Ikeda bringt seinem Gesprächspartner dazu Grundgedanken des Buddhismus näher. Dort finden sich Aussagen, die nicht nur für einen Buddhisten und nicht nur für das Jahr 1992 von grosser Bedeutung sind. Ein paar dieser Gedanken sollen hier am Anfang stehen.
  «Der Buddhismus bestimmt klar: Wer all seine Kräfte einsetzt, um den anderen glücklich zu machen, tut Gutes, wer einem anderen Glück und Leben raubt, richtet Böses an. Diese Definition von Gut und Böse ist eine grundlegende Wahrheit, die in verschiedenen Epochen und bei unterschiedlichen Gesellschaftsstrukturen keinem Wandel unterliegt.»
  «Wir sind heute nicht nur dazu verpflichtet, an das Wohl unserer Nächsten und der eigenen, in einer geschlossenen, kleinen Welt lebenden Menschen zu denken, sondern an das Wohl aller Menschen, ja, des Lebens schlechthin, wird es doch heutzutage mit der noch nie dagewesenen Frage konfrontiert, die in Ihren [hier bezieht sich Ikeda auf Aitmatow], leidenschaftlich vorgetragenen Worten lautet: Sein oder Nichtsein? Wir alle und jeder tragen die Verantwortung für die künftige Menschheit.»
  «Wir wollen aber nicht die Illusion nähren, dass das Gute stets siegt. Allerdings steht jeder Mensch vor der Entscheidung, wofür er einsteht. Wer das Böse gewählt hat, ist immer ein Zerstörer, ein Schänder des Lebens, auch wenn er an Exekutionen aus Ekel nicht unmittelbar beteiligt ist und im Schatten der Manipulation durch Politik, Macht, Reichtum und dergleichen verbleibt. Ich meine nicht die Theoretiker des Genozids oder deren direkte Vollstrecker, sondern diejenigen, die all das für unvermeidliches Übel, das zu bekämpfen ohnehin nutzlos sei, halten und es hinnehmen.»
  «Aber es gibt Menschen, die den Kampf aufnehmen und nicht zulassen, dass ihre eigene Menschenwürde erniedrigt wird; für sie ist auch die Verletzung eines jeden anderen Menschen oder Volkes unerträglich. Sie können also nicht schweigen, denn Gleichgültigkeit ist seelische Niedertracht, wie Tolstoi sagte.»
  «Wir haben uns das Gefühl der allgemeinen Verantwortlichkeit anzuerziehen, und zwar auf der Grundlage der allumfassenden und alles durchdringenden Liebe zum Leben und zu dessen grossem Geheimnis.»
  Diese Sätze von Daisaku Ikeda haben auch für diejenigen eine Bedeutung, die in ihren Staaten politische Verantwortung übernommen haben. Das Ringen um innerstaatliche Rechtsstaatlichkeit und Rechtlichkeit in den internationalen Beziehungen ist der wohl wichtigste Versuch, sich der von Ikeda eingeforderten Tugend auch im staatlichen und zwischenstaatlichen Zusammenleben anzunähern. Rechtsstaatlichkeit im Inneren eines Landes und Rechtlichkeit in den internationalen Beziehungen ist die Zivilisationsaufgabe schlechthin. Der Weg weg davon führt in die Barbarei.

Barbarei deklariert sich nicht

Nun ist es allerdings so, dass sich die Barbarei nie als solche deklariert. Seit jeher wird versucht, sie als zivilisatorischen Fortschritt zu maskieren. Wir kennen dies – heute vor allem aus Ländern, die für sich beanspruchen, an der Spitze des zivilisatorischen Fortschritts zu stehen: aus EU- und Nato-Europa, aus den USA, aus Israel … und aus Deutschland.
  Wir nennen es Propaganda. Die Worte werden professionell gewählt. Und je gewählter sie sind, desto unerträglicher sind sie. Jüngstes Beispiel sind die Äusserungen eines deutschen Politikers. Er ist Abgeordneter der CDU im Deutschen Bundestag, langjähriger Aussenpolitiker und Oberst ausser Dienst der deutschen Bundeswehr.
  In der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 2025 hatte der Staat Israel ein erneutes barbarisches Angriffskriegsverbrechen begonnen – verlogen nannte er es einen «Präventivschlag». Sie wollen den Vorderen Orient nach ihrem Gusto und mit aller Gewalt «neu ordnen».2 
  Daraufhin meldete sich am 13. Juni der deutsche Barbar mit einer Mitteilung auf X:

«Israels gezielter Angriff auf iranische Nuklearanlagen und militärische Hochwertziele ist nötig und dient der Sicherheit der gesamten Region. Das Mullah-Regime ist die Wurzel des Übels […]. Israels Militärschlag ist auch deshalb notwendig, weil der Westen viel zu lange auf Appeasement gesetzt hat und an Schein-Verhandlungen festhielt, die der Iran zur Täuschung nutzte. […] Israel hat richtig gehandelt: Es ist das Gegenteil einer Eskalation. Israel hat damit der Weltgemeinschaft und dem iranischen Volk einen grossen Dienst erwiesen […]. Israel musste jetzt handeln, ehe es zu spät war! […] Deutschland sollte sich klar an die Seite Israels stellen. […]»

Keine rhetorischen Fragen

Privates Barbarentum ist ein individuelles Problem und ein Fall für den Psychotherapeuten oder die Justiz. Politisches Barbarentum ohne Widerspruch ist ein Problem für eine ganze Gesellschaft. Der oben zitierte deutsche Politiker konnte seine barbarischen Gedanken in deutschen Mainstream-Medien verbreiten – ohne Widerspruch … und mit dem Lobgesang von Friedrich Merz auf die israelische Barbarei («Drecksarbeit […] für uns alle»), mit seinem «grössten Respekt davor, dass die israelische Armee den Mut dazu gehabt hat, die israelische Staatsführung den Mut dazu gehabt hat, das zu machen», hat der deutsche Kanzler seinen Parteikollegen sogar noch getoppt.
  Ich erinnere an die Worte von Daisaku Ikeda: «Wer das Böse gewählt hat, ist immer ein Zerstörer, ein Schänder des Lebens, auch wenn er an Exekutionen aus Ekel nicht unmittelbar beteiligt ist und im Schatten der Manipulation durch Politik, Macht, Reichtum und dergleichen verbleibt. Ich meine nicht die Theoretiker des Genozids oder deren direkte Vollstrecker, sondern diejenigen, die all das für unvermeidliches Übel, das zu bekämpfen ohnehin nutzlos sei, halten und es hinnehmen.»
  Anders gefragt: Warum sehen so viele Deutsche den Splitter im fremden Auge, aber nicht den Balken im eigenen? Warum eskaliert man das Feindbild Russland, China, Iran – Staaten und Völker jenseits des eigenen Horizontes? Und warum schweigt man zur Barbarei der Politik des eigenen Landes, zur Barbarei der Politik seiner «Verbündeten» jenseits des Atlantiks und am östlichen Ufer des Mittelmeeres? Warum stellt man eine vermeintliche «Staatsräson» über Vernunft und Menschlichkeit?
  Das sind keine rhetorischen Fragen. •



1 Aitmatow, Tschingis/Ikeda, Daisaku. Begegnung am Fudschijama. Ein Dialog, Unionsverlag Zürich 1992; ISBN 3-293-00176-9
2 vgl. Wyss, Kurt O. Die gewaltsame amerikanisch-israelische «Neuordnung» des Vorderen Orients, Lery Verlag, Bern 2022; ISBN 978-3-033-09019-4
3 Auf die Aussage der ZDF-Journalistin im Interview mit Friedrich Merz, Völkerrechtler beurteilten den Angriffskrieg Israels gegen Iran als völkerrechtswidrig, ging Merz mit keinem Wort ein. (https://www.zdfheute.de/video/zdfheute-live/merz-interview-kananaskis-video-100.html oder https://www.youtube.com/watch?v=yHr3q9lAdFM vom 17.6.2025).


Strafanzeige gegen Friedrich Merz

Mehrere Persönlichkeiten haben Strafanzeige gegen Bundeskanzler Merz gestellt: Mit seinen Äusserungen im ZDF-Interview vom 17. Juni 2025 – «höchster Respekt» für den israelischen Angriffskrieg gegen den Iran, für die «Drecksarbeit für uns alle» – verstosse der Kanzler gegen Artikel 9 (Verpflichtung zur Völkerverständigung), 25 (Verpflichtung auf das Völkerrecht) und 26 (Strafbarkeit der Vorbereitung eines Angriffskrieges) des Grundgesetzes sowie gegen Paragraph 80a des Strafgesetzbuches (Aufstacheln zu einem Angriffskrieg). (https://www.nachdenkseiten.de/?p=134789&pdf=134789  vom 20.6.2025)

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