von Patrick Lawrence*, USA
17. Juni – Es ist einige Jahre her, dass ich Benjamin Netanjahu als den gefährlichsten Mann Westasiens bezeichnet habe. Das war damals, als wir von der Bedrohung durch das Assad–Regime in Damaskus, vom Beelzebub, auch bekannt als Irans oberster Führer, und von anderen unvorstellbar bösartigen Figuren hörten.
Seit den schockierend rücksichtslosen, völlig nihilistischen Angriffen gegen die Islamische Republik in den frühen Morgenstunden des vergangenen Freitags ist Netanjahu der gefährlichste Mann der Welt, wenn man es genau nimmt. Und jetzt hat Benjamin Netanjahu Konkurrenz bekommen. Wenn Donald Trump die Vereinigten Staaten in einen Krieg zwischen dem zionistischen Staat und der Islamischen Republik hineinführt, wie er es heute [17. Juni] angedeutet hat, wird er, wenn ich das so sagen darf, vom Unterstützer des israelischen Premierministers zu einem ebenbürtigen Partner aufsteigen, der nicht nur eine Bedrohung für das iranische Volk darstellt, sondern auch für die grössere Gruppe, die wir Menschheit nennen.
Mit Lügen und Arroganz
der Macht in den Krieg
Netanjahu behauptete in seiner ersten Ankündigung der Operation «Aufsteigender Löwe», dass der Iran eine «existentielle Bedrohung» für Israel darstelle und dass er keine andere Wahl habe, als einen Angriff anzuordnen. Das ist Unsinn, aber wir sollten dem Unsinn besser Beachtung schenken. Mit dieser belasteten Formulierung hat Netanjahu dem zionistischen Staat faktisch die Erlaubnis erteilt, eine Atomwaffe einzusetzen, falls es mit diesen Angriffen nicht gelingt, alle Nuklearprogramme der Islamischen Republik zu zerstören, was wahrscheinlich ist. Das ist meine Lesart. Und mit Trumps Aufruf zur «bedingungslosen Kapitulation» des Irans in den Sozialen Medien und der Drohung, den obersten Führer des Landes zu ermorden, ist die Gefahr, dass Israels Angriff nuklear wird, einen Schritt näher gerückt.
Seit letztem Freitag gibt es tatsächlich eine existentielle Bedrohung im Ausland. Aber sie reicht weit über den Iran und sogar Westasien hinaus. Wie die lange, schreckliche Geschichte des «jüdischen Staates» deutlich macht, scheint er keine Grenzen für die Gewalt zu kennen, die er anderen zufügt, für seine Verstösse gegen das Völkerrecht und die Normen der menschlichen Sache und für die Risiken, denen er die Welt im Namen eines biblisch autorisierten Projekts der Unterwerfung und Beherrschung aussetzt. Und nun stellt sich heraus, dass auch das Washington von Donald Trump solche Grenzen nicht anerkennt.
Um diesen Punkt abzuschliessen: letzte Woche griff der wahnsinnige Führer eines nuklear bewaffneten Staates, der nie den Bedingungen des Atomwaffensperrvertrags unterworfen war, einen nicht-nuklearen Staat an, den er als tödliche Gefahr für das Überleben Israels bezeichnet, weil er, der nicht-nukleare Staat, keine Atomwaffen besitzt.
«Operation Aufsteigender Löwe» ist eine Anspielung auf die Prophezeiung von Bileam, einem Ungläubigen mit einer sehr gemischten Bilanz, der jedoch die alten Israeliten mit seinen aussergewöhnlichen Fähigkeiten der Weissagung beeindruckte. Im Buch Moses, 23, 24, heisst es: «Siehe, das Volk wird aufstehen wie ein junger Löwe und wird sich erheben wie ein Löwe; es wird sich nicht legen, bis es den Raub verzehrt und das Blut der Erschlagenen trinkt.» So formuliert Netanjahu, der die Palästinenser als böse Amalekiter aus den Mythologien des Alten Testaments sieht, einmal mehr sein Ziel. Es scheint nun auch Trumps Ziel zu sein, das des «Friedenspräsidenten».
Israel und der Iran befinden sich jetzt im Krieg, wie eine Teheranerin der «New York Times» erzählte, nachdem sie am vergangenen Freitagabend Explosionen hörte und die Brände vor ihrem Fenster flackern sah.1 Jetzt ist alles anders. Netanjahu hat sich jahrzehntelang nach diesem Krieg gesehnt und seine Begierde – eine klinisch psychotische Begierde, wie man zu Recht sagen kann – immer wieder mit endlosen Lügen und einer scheinbar bodenlosen Paranoia gerechtfertigt. Diese Lügen und diese Paranoia bringen die Welt gerade in die Gefahr einer globalen Konfrontation. Wie konnte der Präsident der Vereinigten Staaten, selbst wenn man seine kleinmütige Unterwürfigkeit gegenüber der israelischen Lobby berücksichtigt, diesem Projekt zustimmen?
Wir sind jetzt alle Iraner: Ich bin durchaus bereit, dies zu sagen.
«Neugestaltung des Nahen Ostens»
Keiner von uns braucht sich mehr über Präsident Trump und Amerikas Bereitschaft, einen regionalen oder gar globalen Flächenbrand zu riskieren, täuschen. Im Gegensatz zu vielen, die anders denken, bestehe ich weiterhin darauf, dass der zionistische Staat als rücksichtslos übervorteilter Agent zu verstehen ist und nicht als Übermeister der US-Politik. Ich will damit sagen, dass es sich um eine komplexe Dynamik handelt, aber der zionistische Staat tut jetzt das, was das Imperium in seinem umfassenderen Bestreben, «den Nahen Osten neu zu gestalten», beabsichtigt, wie es die neokonservativen Cliquen, die die US-Politik lenken, seit langem ausdrücken. Wie ich schon früher an dieser Stelle in Anlehnung an den Spookspeak [Geheimdienstjargon] festgestellt habe, erledigt Israel Washingtons Drecksarbeit2 in Westasien. Werden die Vereinigten Staaten nun die Nation unterstützen, die sie unterstützt? So stellt sich für mich derzeit die Frage.
Lauter Lügen
Wie viele Kommentatoren an vielen Stellen angemerkt haben, ist es bei den Israeli gängige Praxis, in bezug auf Ereignisse, Politik, das Verhalten der israelischen Verteidigungskräfte usw. zu lügen. Alle Regierungen lügen, wie I.F. Stone bei vielen Gelegenheiten behauptet hat, aber israelische Offizielle sind eine Klasse für sich unter den offiziellen Verlogenen, das kann man wohl sagen.
Das Besondere an diesen Israeli ist, dass sie auch dann noch lügen, wenn eine bestimmte Lüge bereits entlarvt ist. Netanjahu, ein lebendes Beispiel, redet immer noch davon, wie die Hamas-Milizen, die am 7. Oktober 2023 den Süden Israels angegriffen haben, Männer und Frauen vergewaltigt, einige Babys geköpft und andere in Öfen gebacken haben und so weiter. All dies wurde als falsch entlarvt, als Produkt des israelischen Hasbara-Apparats, der ständig in Bewegung befindlichen Maschine, die Propaganda für den Konsum des internationalen Publikums produziert. Aber Netanjahu fährt trotzdem fort, diese Verleumdungen zu verbreiten.
Seit 1992 wird iranische
Atomgefahr beschworen
Dies gilt auch für seine Behauptung, der Iran stehe seit letzter Woche kurz davor, Atomwaffen herzustellen, und es sei daher dringend notwendig, dies zu verhindern.
Als er die Operation «Aufsteigender Löwe» ankündigte, erklärte Netanjahu: «Es könnte in einem Jahr sein, es könnte in ein paar Monaten sein – es könnte weniger als ein Jahr sein.» Das muss man sorgfältig lesen. Es handelt sich um reine Panikmache, in der kein einziger Fakt enthalten ist. Diese Behauptungen haben genauso wenig Substanz wie die, die Netanjahu seit Anfang der 1990er Jahre in dieser Weise verbreitet. Jeder, der die Sachlage kennt, weiss, dass dies nur eine weitere in einer langen Reihe von Äusserungen Netanjahus in dieser Art ist. Er weiss, dass alle seine «Könnte» und Vorhersagen haltlos sind – der israelische Geheimdienst und die Central Intelligence Agency haben ihm das gesagt –, und er kann nur wissen, dass diejenigen, die aufmerksam sind, wissen, dass er das weiss. Jetzt reicht diese durchsichtige Lüge aus, um einen Krieg mit zwei Seiten zu beginnen und einen Krieg mit vielen zu riskieren.
Am 11. Juni, zwei Tage bevor die Israeli ihre Luftangriffe auf den Iran starteten, postete ein Social-Media-Konto namens The United States of Israel auf X eine Zeitleiste mit Netanjahus Behauptungen, die Islamische Republik stehe kurz davor, die Schwelle zu überschreiten und zu einer nuklearfähigen Gefahr zu werden.3 Es gibt 20Einträge, beginnend im Jahr 1992 und endend Anfang dieses Jahres. Im Jahr 1996 war der Iran einige Monate bis ein Jahr vom Bau einer Bombe entfernt. Im Jahr 2010 war er ein Jahr davon entfernt, im Jahr 2021 Monate bis ein Jahr und so weiter.
Ich bin mit den Vereinigten Staaten von Israel nicht vertraut und kann nicht für jeden Eintrag bürgen, aber die, die ich kenne, sind alle korrekt. Ich denke zuerst an das Jahr 2013, als Netanjahu vor der UN-Vollversammlung die berühmt-berüchtigte lächerliche Grafik zeigte – eine Bombe in Form einer Bowlingkugel mit einer Zündschnur an der Spitze.4 Damals, vor einem Dutzend Jahren, lautete die Prognose: ein Jahr bis zur Atomwaffenfähigkeit.
Ich habe über dieses Ereignis berichtet. Es war eine Woche, nachdem Hassan Rouhani, der im Juni zum reformorientierten Präsidenten des Iran gewählt worden war, vor der Generalversammlung sprach und mutig die Hand ausstreckte, um die Aufnahme von Gesprächen zur Regelung der Atomprogramme seines Landes vorzuschlagen.5 Zwei Jahre später unterzeichnete Teheran den Gemeinsamen Umfassenden Aktionsplan,6 der dies ermöglichte. Es war genau das, was Netanjahu am wenigsten wollte, und Donald Trump kam ihm entgegen, als er das Abkommen 2018, ein Jahr nach seinem Amtsantritt, aufkündigte.
Netanjahu schuf Meta-Realität
Falls es die Leser interessiert: The Intercept veröffentlichte vor 10 Jahren einen Artikel, der viele dieser Daten bestätigt.7 Er wird jetzt unter der ursprünglichen Überschrift «Benjamin Netanjahus lange Geschichte des Wolfsgeheuls über die iranischen Atomwaffen» wiederveröffentlicht, was heute noch zutreffender ist als 2015.
Aber all das ist unwichtig. Netanjahu ist es im Laufe der Jahre gelungen, eine Art Meta-Realität zu schaffen, die in den Mainstream-Medien gedeiht, während wir sprechen.
Israel habe keine andere Wahl als anzugreifen, meinte in der «New York Times» vom 13. Juni Bret Stephens, ein langjähriger Iran-Feind: «Im Klartext: Der Iran hat die Welt jahrelang getäuscht, während er sich die Mittel zum Bau mehrerer Atomwaffen beschaffte.»8David French, ein weiterer konservativer Kolumnist der «Times», in der Ausgabe vom 16. Juni: «Die Notwendigkeit, den Marsch des Iran zu einer Bombe zu stoppen, ist heute viel offensichtlicher [sic] als noch vor drei Jahren.»9
IAEO-Resolution politisch motiviert?
Diese und andere Kommentatoren messen einem Bericht der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO)10, der dem Iran Verstösse gegen seine Verpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag vorwirft, nun grosse Bedeutung bei.
Einige Fakten: Die IAEO ist ein Organ der Vereinten Nationen und hat 35 Mitglieder. Sie trat zusammen, um über eine von den Vereinigten Staaten, Grossbritannien, Frankreich und Deutschland eingebrachte Resolution zur Nichteinhaltung abzustimmen. Diese Resolution11 wurde am vergangenen Donnerstag, dem 12. Juni, vorgelegt, einen Tag bevor Israel mit dem Angriff auf den Iran begann. Sie wurde mit 19 Ja-Stimmen, drei Nein-Stimmen (Russland, China, Burkina Faso) und 11 Enthaltungen angenommen; zwei Mitglieder des Gremiums haben nicht abgestimmt.
Diese Tatsachen verdienen eine genaue Betrachtung. Warum haben vier westliche Mächte, die Israel einhellig unterstützen und den Iran ablehnen, diese Resolution eingebracht, obwohl bereits am vergangenen Donnerstag Beamte der Vereinigten Staaten und Europas vor einem unmittelbar bevorstehenden israelischen Angriff gewarnt hatten? Warum haben 16 andere Nationen – viele von ihnen nicht-westliche, einige von ihnen (Kanada, die Niederlande, Südkorea, Japan) Verbündete der USA – es abgelehnt, die Resolution zu unterstützen? Wie Sie sich vielleicht erinnern, zog das US-Aussenministerium am Tag der Abstimmung sein diplomatisches Personal aus der Botschaft in Bagdad ab und forderte die Familien der Militärangehörigen in der Region auf, freiwillig zu evakuieren.
Der iranische Aussenminister Abbas Araghchi interpretierte die Rüge der IAEO sofort als politisch motiviert, ein Vorspiel für die Operation der Israeli am nächsten Tag. Wir sollten hier vorsichtig sein: Diese Sicht der Dinge kann nicht verifiziert werden, aber sie ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen.
Die Rüge der IAEO stützt sich auf den vierseitigen Bericht, der am 12. Juni veröffentlicht wurde. Dabei handelt es sich um ein sehr technisches Dokument, das sich mit dem Zugang der Behörde zu kerntechnischen Anlagen im Iran und den offiziellen Darstellungen der Iraner über ihre Atomprogramme im Rahmen ihrer regelmässigen Kontakte mit der IAEO befasst. Die Streitpunkte zwischen der Behörde und den Iranern reichen fünf Jahre zurück; der jüngste datiert vom November 2024. Weder in der letzten Woche noch im letzten oder vorletzten Monat ist etwas passiert, was die IAEO zu einer Rüge veranlasst hätte.
Hier ist eine Schlüsselstelle des Dokuments:
«Mit Besorgnis nimmt sie die Schlussfolgerung des Generaldirektors zur Kenntnis, zuletzt in GOV/2025/25, dass diese Probleme auf den Verpflichtungen des Iran aus seinem NPT-Sicherungsabkommen beruhen und dass die IAEO nicht in der Lage sein wird, zu gewährleisten, dass das Nuklearprogramm des Iran ausschliesslich friedlichen Zwecken dient, solange der Iran die IAEO nicht bei der Lösung der noch offenen Fragen unterstützt [sic] …»
Liest sich das für Sie wie eine Erklärung, dass der Iran am Rande der Nuklearfähigkeit steht und dringend gestoppt werden muss? Oder liest sich das wie ein weiterer in einer langen Reihe von Zwischenberichten, die Grundlage für weitere Interaktionen der Art, die seit Jahrzehnten routinemässig stattfinden? Unterstützt diese oder eine andere Passage, wenn Sie die technische Prosa lesen wollen, die jüngsten Vorhersagen von Benjamin Netanjahu, die bereits zitiert wurden? Stützen sie die Kommentare von David French und Bret Stephens? Stellen Sie diesen Bericht neben die Behauptungen dieser Leute, und Sie haben einen durchgängigen Fall von grober Verzerrung.
Logik der Abschreckung
Als Reaktion auf die Kritik der IAEO drohte der Iran damit, aus dem Atomwaffensperrvertrag auszusteigen und seine nuklearen Fähigkeiten ernsthaft zu verfolgen. Man kann dies als potentielle Horrorshow deuten oder über das Prinzip der Abschreckung nachdenken. Im Fall des Iran war ich viele Jahre lang der letzteren Überzeugung. In den Jahrzehnten des Kalten Krieges wurde Abschreckung als strategisches Konzept sehr hochgehalten. Ich bedauerte die Umstände, die der Abschreckung ihre Logik verliehen, sah aber auch die Notwendigkeit dieser Strategie. Und nun haben wir eine nuklear bewaffnete Nation mit vielfach bewiesenen gefährlichen Urteilen, die «einen Staat ohne Atomwaffen» bedroht, wie die IAEO den Iran bezeichnet. Ich komme zu demselben Schluss.
Abbas Araghchi, der inzwischen beunruhigte iranische Aussenminister, war massgeblich an den Verhandlungen beteiligt, die vor zehn Jahren zum JCPOA (Iran Atomabkommen) führten. Am Sonntag, 15. Juni, sollte er zu weiteren Gesprächen mit den Vereinigten Staaten über ein Nuklearabkommen nach Oman reisen, das das Abkommen ersetzen sollte, gegen das Netanjahu noch vor seiner Unterzeichnung gewettert und das Trump aufgekündigt hatte. Dazu ist es aus offensichtlichen Gründen nie gekommen.
«Bedingungslose Kapitulation»
Und damit kommen wir zurück zum Fall Donald J. Trump. Ich habe den amerikanischen Präsidenten bisher nicht für so gefährlich gehalten wie Benjamin Netanjahu. Er, Trump, mag dümmer sein als Netanjahu, aber er scheint nicht so verwirrt zu sein. Das war meine Überlegung. Ich habe Trump als Netanjahus Unterstützer betrachtet, wie bereits erwähnt, und diese Rolle hat er bis heute gespielt.
Wir wissen nicht, ob Trump seine Drohungen, die er heute Nachmittag (17. Juni) über die Sozialen Medien verbreitet hat, wahr machen wird, aber ich gehe davon aus, dass dies nur eine Frage der Zeit sein wird: Es gibt keine Möglichkeit, das gesamte iranische Atomprogramm zu zerstören, ohne 30 000 Pfund (etwa 13 600 kg) schwere «Bunkerbuster»-Bomben und die dafür benötigten B-2-Bomber einzusetzen, und Israel besitzt weder das eine noch das andere. Ich muss also widerrufen: Mit seiner Forderung nach «bedingungsloser Kapitulation» erweist sich Trump als irrsinniger als Netanjahu und als ebenso gefährlich.
Trump steckt so tief in den Taschen der israelischen Lobbys und verschiedener wohlhabender amerikanischer Unterstützer des zionistischen Staates wie jeder andere amerikanische Politiker, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Aber mit seiner offenbar unbegrenzten Unterstützung einer so gefährlichen Operation wie «Aufsteigender Löwe» hat Trump sie alle übertroffen, wie mir scheint. Es ist absolut verwerflich, einen Völkermord durch unbegrenzte Waffenlieferungen, politische Unterstützung und diplomatischen Schutz zu unterstützen. Man dachte, eine schlimmere Tat könne es nicht geben. Aber ist es nicht noch unvorstellbarer, eine Aggression zu billigen, die die Gefahr eines Weltenbrandes in sich birgt? Der Grad des Zynismus scheint mir grösser zu sein als der von Joe Biden, und ich gebe zu, das ist ziemlich viel.
Täuschung für Mord
Etwa einen Tag, nachdem Netanjahus Löwe aufzusteigen begann, schickte Trump seinen glücklosen Aussenminister Marco Rubio vor die Mikrofone und Kameras, um der Welt mitzuteilen, dass die USA keine Kenntnis von Israels Plänen hatten und dass keine «amerikanischen Flugzeuge» beteiligt waren. Wie sich herausstellte, meinte Rubio damit keine Jets mit dem «USAF»-Abzeichen auf dem Flugzeugrumpf. Newsweek berichtete am Tag des israelischen Angriffs,12 dass Israel eine Vielzahl von Kampfflugzeugen aus amerikanischer Produktion im israelischen Bestand – F-35, F-16 und F-15 – gegen die Iraner eingesetzt hat. Man könnte sich fragen, ob dies auf eine stillschweigende Zustimmung hinausläuft, aber das ist nicht der Fall. Israelische Offizielle, die sich gerne damit brüsten, dass Amerika all ihre Bösartigkeiten gutheisst, haben die Sache klargestellt.
Antiwar.com, die libertäre Nachrichtenseite, berichtete am 13. Juni, dass ein hochrangiger israelischer Beamter gegenüber der «Jerusalem Post» enthüllte, dass das Netanjahu- und das Trump-Regime zusammenarbeiteten, «um Teheran davon zu überzeugen, dass Diplomatie noch möglich sei, nachdem Israel bereit war, den Iran anzugreifen». Die «Jerusalem Post» berichtete: «Die für Sonntag angesetzte Runde der amerikanisch-iranischen Atomverhandlungen war Teil einer koordinierten amerikanisch-israelischen Täuschung, die darauf abzielte, die Wachsamkeit des Iran vor dem Angriff am Freitag zu verringern.»
Lesen Sie hierzu den Bericht von Dave DeCamp in Antiwar.com13 und den Bericht der «Jerusalem Post»14. Und ebenso den der «New York Times», die diese Geschichte unter der Überschrift «Eine Fehleinschätzung des Iran führte zu den zahlreichen Opfern der israelischen Angriffe, sagen Beamte»15 wiedergibt. Diese törichten Iraner: Sie haben die Amerikaner beim Wort genommen!
Um das Bild zu vervollständigen, war Trump die ganze Zeit auf seiner Truth Social Messaging-Plattform mit dieser Art von Dingen beschäftigt:
«Wir setzen uns weiterhin für eine diplomatische Lösung der Iran-Atomfrage ein! Meine gesamte Regierung ist angewiesen, mit dem Iran zu verhandeln. Das Land könnte ein grossartiges Land werden, aber zuerst muss es die Hoffnung auf den Erwerb einer Atomwaffe vollständig aufgeben. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit in dieser Angelegenheit!»
Diplomatischer Verrat
Ich möchte nicht weiter darauf eingehen, wie feige sich die USA in Staatsangelegenheiten oft verhalten. Das wurde schon oft genug festgestellt. Aber was die Vereinigten Staaten dem Iran letzte Woche mit Hilfe ihres Klientelstaates angetan haben, scheint mir das Nonplusultra des diplomatischen Verrats zu sein. Mir fällt nur ein weiterer Fall ein, der einen brauchbaren Vergleich bietet.
Damals verhandelte Wladimir Putin persönlich über eine Beilegung der Ukraine-Krise in ihrem Anfangsstadium. Der russische Präsident hatte sich viel von den beiden Minsker Abkommen erhofft, die im September 2014 und Februar 2015 unterzeichnet wurden, als vielversprechende Lösung für die Spaltungen, die nach dem von den USA unterstützten Staatsstreich in Kiew im Februar 2014 in der Ukraine offensichtlich waren. Später stellte er fest, dass weder die Ukraine noch die westlichen Mächte, die als Garanten für diese Abkommen fungierten, Frankreich und Deutschland, jemals die Absicht hatten, sie umzusetzen.
Im wesentlichen geht es in diesen beiden Fällen um Vertrauen und dessen Verletzung. Ein gewisses Mass an Vertrauen ist für die internationalen Beziehungen von grundlegender Bedeutung. Ohne sie kann es keine konstruktive Diplomatie geben, weder zwischen Gegnern noch zwischen Verbündeten. Die Nationen sind dann viel näher an einer feindlichen Haltung und einem möglichen Chaos. Die Europäer haben das Vertrauen zu den Russen gebrochen, als sie die Minsker Vereinbarungen gleich nach ihrer Unterzeichnung aufgegeben haben. Trump hat gerade das Vertrauen mit den Iranern gebrochen. Das ist eine Art von Verwüstung – man könnte es auch «Staatskunst der verbrannten Erde» nennen.
Glauben Sie wirklich, dass andere dies nicht bemerken? Die Chinesen, um den kritischsten Fall zu nennen?
Trump und Netanjahu haben vorletzte Woche mit Teheran die billigste Art von «good-cop, bad-cop»-Routine durchgeführt. Es ist eine Variante von Bidens Doppelzüngigkeit, als er Israel mit allem Nötigen ausstattete, um seinen Völkermord in Gaza fortzusetzen, während er behauptete, «Tag und Nacht» für einen Waffenstillstand zu kämpfen. Biden verriet die Palästinenser, Trump die Iraner. Beide haben uns alle verraten, und das könnte noch viel gefährlicher werden.
Netanjahu, Biden, jetzt Trump: Diese Leute handeln aus Verzweiflung, so meine abschliessende Einschätzung. Vergessen wir nicht, warum das so ist und in welche Richtung sich das Rad der Geschichte dreht. •
1 https://www.nytimes.com/2025/06/13/world/middleeast/iran-israel-strikes-nuclear-talks.html
2 https://scheerpost.com/2024/11/11/patrick-lawrence-israel-does-the-wet-work/
3 https://substackcdn.com/image/fetch/f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2Fab9b7775-7ff7-4f89-936e-57d81c99cfd3_567x679.png
4 https://www.timesofisrael.com/full-text-netanyahus-2013-speech-to-the-un-general-assembly/
5 https://www.c-span.org/clip/united-nations/user-clip-hassan-rouhani-addresses-the-un-general-assembly/4567701
6 https://2009-2017.state.gov/e/eb/tfs/spi/iran/jcpoa/#:~:text=On%20July%2014%2C%202015%2C%20the,program%20will%20be%20exclusively%20peaceful
7 https://theintercept.com/2015/03/02/brief-history-netanyahu-crying-wolf-iranian-nuclear-bomb/
8 https://www.nytimes.com/2025/06/13/opinion/iran-israel-strikes.html
9 https://www.nytimes.com/2025/06/14/opinion/israel-iran-russia-nuclear-weapons.html
10 https://www.IAEA.org/newscenter/focus/iran/IAEA-and-iran-IAEA-board-reports
11 https://www.iaea.org/newscenter/focus/iran/iaea-and-iran-iaea-resolutions
12 https://www.newsweek.com/us-air-weapons-show-dominance-israels-strike-iran-2085074
13 https://news.antiwar.com/2025/06/13/official-us-israeli-deception-gave-iran-false-security-ahead-of-attack/
14 https://www.jpost.com/middle-east/iran-news/article-857608#google_vignette
15 https://www.nytimes.com/2025/06/13/world/middleeast/iran-israel-strikes-nuclear-talks.html
Erstveröffentlichung The Floutist vom 17.6.2025
(Übersetzung Zeit-Fragen)
* Patrick Lawrence, langjähriger Auslandskorrespondent, vor allem für die «International Herald Tribune», ist Kolumnist, Essayist, Autor und Dozent. Sein vorletztes Buch ist «Time No Longer: Americans After the American Century», Yale 2013. 2023 ist sein neues Buch «Journalists and Their Shadows» bei Clarity Press erschienen. Im März 2025 erschien sein Buch in deutscher Übersetzung. Seine Webseite lautet patricklawrence.us. Unterstützen Sie seine Arbeit über patreon.com/thefloutist.
zf. Während Israels Premierminister Benjamin Netanjahu die seit dem 13. Juni laufenden Bomben-Angriffe auf den Iran im Kern damit begründet, dass Teheran unmittelbar vor dem Griff zur Atombombe stehe, gibt es in den USA einen Disput: zwischen Präsident Donald Trump – und seiner Geheimdienst-Koordinatorin Tulsi Gabbard.
Auf dem vorzeitigen Rückflug vom G-7-Gipfel in Kanada wurde Trump von einer Journalistin damit konfrontiert, dass seine Geheimdienst-Koordinatorin im März 2025 bei einer offiziellen Kongress-Anhörung folgende Aussage machte:
«Die Geheimdienste gehen weiterhin davon aus, dass der Iran keine Atomwaffen baut und dass der Oberste Führer Khamenei das 2003 ausgesetzte Atomwaffenprogramm nicht wieder genehmigt hat. Die Geheimdienste beobachten weiterhin aufmerksam, ob Teheran beschliesst, sein Atomwaffenprogramm wieder aufzunehmen.»
Seither hat die US-Geheimdienst-Koordinatorin ihre Bewertung nicht verändert. Sollten ihren Aussagen unverändert belastbar sein, besteht nach Ansicht von Kritikern des Kriegskurses in der republikanischen Partei «keine akute Notwendigkeit, gegen Teheran militärisch vorzugehen».
Sie stützen sich dabei auch auf Aussagen der in Wien ansässigen Internationalen Atomenergie-Behörde. IAEO-Direktor Rafael Grossi sagte kürzlich in einem CNN-Interview, bezogen auf den Iran: «Wir hatten keine Beweise für systematische Bemühungen, in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen.»
Quelle: Berliner Morgenpost vom 18.6.2025
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