von Eliane Perret
Im April und Mai dieses Jahres führte das Institut für Generationenforschung in Augsburg unter der Leitung von Rüdiger Maas die sogenannte Schweizer Jugendtrendstudie 2025 durch.1 Junge Menschen in der Schweiz im Alter von 16 bis 29 Jahren (parallel dazu auch in Deutschland2) wurden zu ihren Überlegungen und Einstellungen zu gesellschaftlichen Problemen befragt.3 Die Schweizer Ergebnisse geben interessante, vielleicht auch unerwartete Einblicke in die Grundstimmung der jungen Generation in unserem Land.
Was denkt die Schweizer Jugend?
Vom April bis Mai wurde eine Umfrage, die sogenannte Jugendtrendstudie Schweiz 2025, mit 709 Personen im Alter von 16 bis 29 Jahren aus verschiedenen Sprachregionen der Schweiz durchgeführt. Das betrifft eine breite Altersspanne, sind doch die jüngsten noch in der Pubertät und daran, ihren Weg ins Leben zu finden, während die älteren bereits im Berufsleben stehen und allenfalls schon familiäre Verpflichtungen haben. Dennoch sind die Ergebnisse der Umfrage sehr aufschlussreich. 657 Personen füllten einen Fragebogen aus, und 52 wurden interviewt. Auch in Deutschland wurde die entsprechende Personengruppe befragt, so dass die Studie insgesamt 2219 Befragungen umfasste. Im weitesten Sinne ging es um Fragen, die das Selbstverständnis der Schweiz als Nation und die damit verbundenen Aufgabenstellungen für künftige Generationen betreffen.
Stolz auf das eigene
Land und politisches Interesse
Die Umfrage ergab, dass heute in der Schweiz viele junge Menschen stolz oder sogar sehr stolz auf ihr Land sind. Das sagten über 80 % der weiblichen und männlichen Befragten, unabhängig davon, ob sie in der Stadt oder auf dem Land wohnen, ausschliesslich schweizerische Wurzeln haben oder ob einer oder beide Elternteile einen Migrationshintergrund hat. Und nicht nur das: 50 % der befragten männlichen Personen weisen ein ausgeprägtes Interesse für Politik auf (bei den jungen Frauen liegt der Anteil mit knapp 30 % deutlich niedriger). Eine knappe Mehrheit der Befragten hat das Gefühl, die Politik in unserem Land aktiv mitgestalten zu können und Gehör für ihre Anliegen zu finden. Das stimmt optimistisch, denn es geht um die künftigen Verantwortungsträger in unserer direkten Demokratie. Viele junge Menschen ordnen sich bereits einem politischen Spektrum zu. Je 35 % sehen sich eher links oder rechts im Parteienspektrum, während sich 30 % der politischen Mitte zuordnen. Fast zwei Drittel von ihnen gehen davon aus, dass sie ihre politische Orientierung in den nächsten zehn Jahren beibehalten werden.
Freiwilliges Engagement
Viele der Befragten sind nicht einfach passive Konsumenten der Vorteile, die es mit sich bringt, in unserem Land leben zu können. Fast jeder Dritte von ihnen engagiert sich ehrenamtlich. Favoriten sind Sport, Feuerwehr, Kultur, Tierschutz und kirchliches Engagement. Das ist eine sehr wichtige Feststellung, denn Vereine haben gerade in unserem Land eine lange Tradition. Sie verbinden über Generationen hinweg Menschen mit gleichen Interessen. Mit dem Engagement für eine gemeinsame Aufgabe entstehen freundschaftliche Beziehungen, die weit in den Alltag hineinreichen und eine wichtige Grundlage eines gleichwertigen Zusammenlebens sind.
Dienstpflicht abschaffen – sicher nicht!
In Frieden zu leben und die bewaffnete Neutralität der Schweiz zu erhalten, bedeutet für jeden Einzelnen, seine bürgerlichen Pflichten wahrzunehmen. 77 % aller männlichen Befragten erachten eine Dienstpflicht für alle als sinnvoll, deutlich weniger sind es bei den Frauen nur 42 %. Für die Mehrheit aller Befragten steht jedoch eine Abschaffung der Dienstpflicht nicht zur Diskussion; diesmal gehen sogar die weiblichen Befragten mit 64 % voran, bei den Männern sind es 57 %. Einer von ihnen fasst seine Überlegungen pragmatisch wie folgt zusammen: «Ich finde es gut, dass es das gibt, auch wenn ich gar keinen Bock drauf habe.» Viele der Befragten würden jedoch den Zivildienst dem Militärdienst vorziehen (ausser denjenigen, die sich eher der SVP und teilweise der FDP zugehörig fühlen). Zu dieser durchaus als positiv einzuordnenden Einstellung sei aber als Vorbehalt angemerkt, dass die Führungsriege unserer Armee ihre Position nicht dazu missbrauchen darf, die jungen Menschen ideologisch auf eine künftige Einbindung der Schweizer Armee in die internationalen Kriegsbündnisse einzustimmen – ein Ziel, das sie seit Jahren ohne Diskussion und Volksauftrag betreibt.
Das Land verteidigen in Kriegszeiten?
Bei den Überlegungen zur konkreten Umsetzung solcher Bürgerpflichten mag spürbar werden, dass sich viele heutige junge Menschen damit befasst haben, was es bedeutet, Kriegsdienst zu leisten. Manche unter ihnen sind zudem über digitale Medienportale differenzierter über das Weltgeschehen informiert als Konsumenten von Mainstreammedien, die unkritisch dem jeweiligen, durch Propagandamethoden erzeugten Narrativ folgen. Die Bilder und Nachrichten von Kriegen mit den vielen unschuldigen Opfern könnten ebenfalls zur Einstellung der jungen Menschen beigetragen haben. Im Unterschied zu den Computergames, die viele von ihnen spielen (oder gespielt haben), stehen die Getöteten nach ihrer Ermordung nicht wieder auf. Sie fehlen als ein lebendiges menschliches Gegenüber, das mag manchem bewusst geworden sein. Auch wird die gegenwärtige politische Lage für viele ein Warnruf sein. Knapp 40 % der befragten jungen Menschen kreuzten an, mässige bis maximale Angst vor einem Krieg gegen die Schweiz zu haben. Doch wären laut Umfrage 57 % von ihnen nicht dazu bereit, unser Land mit einer Waffe zu verteidigen, und 79 % wären auch nicht stolz darauf, für unser Land zu sterben. Solche Überlegungen sind ihnen vermutlich auch als Bürger eines neutralen Landes eher fremd, denn es gehört seit langem nicht mehr zum Selbstverständnis der Schweiz, militärisch in «fremde Händel» einzugreifen oder sich gar als Söldner zu verdingen, wie es zu Zeiten der Reisläuferei geschah.
Und doch wissen die jungen Leute, dass die Schweiz nicht gleichgültig ist gegenüber dem, was auf der Welt geschieht, das zeigen ihre spontanen Aktionen der Hilfeleistung, wenn es gefordert ist (was in den Fragebogen nicht erfasst wurde). Darum müsste man die Frage vielleicht differenzierter stellen und unterscheiden zwischen der Bereitschaft, das eigene Land zu verteidigen und Kanonenfutter zu sein für Machtinteressen von Imperien im Rahmen von Militärbündnissen.
«Leben ist Leben, das leben will»
Die befragten jungen Leute zeigen auch in aller Deutlichkeit, was sie sich wünschen: Sie wollen in Ruhe und Frieden zusammenleben – mit anderen Worten das, was der Nobelpreisträger, Pazifist, Arzt, Musiker und Menschenfreund Albert Schweitzer vor vielen Jahren sagte: «Leben, ist Leben, das leben will. Inmitten von Leben, das leben will.» Wem gehen da nicht die vielen sinnlosen, machtgetriebenen Kriege durch den Kopf, welche heute die Menschheit erschüttern, die vielen toten Kinder, Frauen und Männer?
Staatskundliche Bildung als Grundlage
Die Studie zeigt, dass eine Auseinandersetzung mit diesen Grundsatzfragen ansteht – nicht nur für die Schweiz. Da sind auch unsere schulischen Lehrpläne angesprochen. Es braucht wieder Schulen, die allen ein breites Grundlagenwissen vermitteln, unter anderem mit einem seriösen, ideologiefreien Geschichtsunterricht, der den Heranwachsenden den Weg unseres Landes hin zu einem unabhängigen Staat aufzeigt. Gerade heute muss es für alle Menschen in unserem Land wieder klar werden, dass die Schweiz während langer Jahrzehnte weltweit eine wichtige Verantwortung übernommen hat – als Vermittlerin von Friedensverhandlungen, mit den Guten Diensten und der Aufnahme und Unterstützung von Kriegsflüchtlingen – und eine zutiefst mitmenschliche Ethik und staatsmännische Verantwortung vertrat. Wenn das von heutigen Politstrategen schlechtgeredet wird, die offen oder verdeckt andere Ziele verfolgen und unsere Neutralität verscherbeln wollen, so sollten sie sich die Meinung der betroffenen jungen Generation zu Herzen nehmen und ihnen diese Inhalte und die nötige staatskundliche Bildung auf ihrem Bildungsweg vermitteln.
Endlich wieder
diplomatische Grossmacht werden
Und noch etwas: Die Schweiz ist durch die junge Generation auch aufgerufen, endlich wieder unerschrocken und engagiert ihren Beitrag zu einem friedlichen Zusammenleben auf der Welt zu leisten, so wie sie im Zweiten Weltkrieg eine diplomatische Grossmacht war und verfeindete Parteien zusammenführte.4 Um so mehr gibt die unbedachte Flatterhaftigkeit von Schweizer Politikern (auch Frauen mitgemeint!) zu denken, wie sie sich selbst als abgehobene «Classe politique» (statt als Volksvertreter) inszenieren und mit verantwortungslosen Neutralitätskonzepten die Glaubwürdigkeit unseres Landes verspielen. Sie handeln nicht im Sinne der Mehrheit unserer nachfolgenden Generation, wie deren Antworten in der Umfrage deutlich machen.
Welche Zukunft erwartet mich?
Die Umfrage zeigt auch: Die künftige Generation ist zwar stolz, in unserem Land zu leben, äussert sich aber auch kritisch zu Entwicklungen und hat Bedenken bezüglich ihrer Perspektiven für die Zukunft. Zwar fühlen sich nur 30 % in der Schweiz unsicher, und die Sicherheitsbehörden geniessen hohes Vertrauen. «Ich fühle mich sicherer in der Schweiz als anderswo. Aber so wie es momentan in der Welt abgeht, nicht komplett sicher», meinte einer der Befragten. Ein anderer: «Nicht so hundertprozentig, aber im Vergleich zu Nachbarländern schon.» Damit hängt auch ein weiteres Thema zusammen, das in der Umfrage angesprochen wurde: 37 % der männlichen und 44 % der weiblichen Befragten haben Angst vor einer Eskalation des Ukraine-Kriegs.
Auch finanzielle Befürchtungen beschäftigen sie, ein allfälliger Anstieg der Lebenshaltungskosten, ein persönlicher finanzieller Abstieg oder auch der Zusammenbruch unseres Rentensystems. Und dennoch zeigt sich, dass Schweizer Jugendliche viel weniger Ängste als ihre Nachbarn in Deutschland haben. So sehen sie auch der aufkommenden Künstlichen Intelligenz nicht angstvoll entgegen (die sie vor allem bei der Arbeit und in der Schule bereits nutzen) und haben eher Respekt vor dem, was diesbezüglich noch kommen könnte, wie sie sagen. Selbstverständlich sind mit all diesen Fragen Probleme verbunden, mit denen sie sich gerne an ihre Eltern (71 %) oder Freunde (70%) wenden, aber auch ChatGPT/ Bots (33 %) in Anspruch nehmen.
Klarere Regeln für Social Media
Eine Befragung der jungen Leute wäre unvollständig, wenn sie sich nur auf berufliche und gesellschaftliche Perspektiven beschränken würde, denn viele von ihnen sind bereits Eltern oder befassen sich mit der Planung einer Familie als Zukunftsperspektive. Als Generation, deren Lebensalltag seit ihrer frühen Kindheit stark durch die Digitalisierung geprägt ist, wissen sie um die damit verbundenen Probleme, und sie haben einen entsprechenden Erfahrungshintergrund, den sie in der Befragung einbringen. «Meine Schwester ist zwölf, und es ist wirklich schlimm, wie viel sie am Handy ist und was sie alles postet. Meine Meinung, man sollte ihnen das Handy einfach wegnehmen, aber sie können nix dafür», meint einer von ihnen. Sie fordern klarere Regeln für Kinder und Jugendliche, Regeln, die sie selbst nicht hatten: «Jetzt, wo es nicht eingeschränkt ist, sehen sie Sachen, die sie verstören könnten, und dann drehen sie komplett am Rad.» Sie beziehen ihre eigene Situation durchaus mit ein: «Für die jüngere Generation braucht es definitiv eine Einschränkung, aber für uns auch, weil wir recht handyabhängig sind. Also bei Social Media definitiv, wenn man beobachtet, was es macht, menschlich, gesellschaftlich, sollte es eigentlich recht reduziert werden.» Der Befragte bringt hier zum Ausdruck, was Albert Schweitzer zu seiner Zeitepoche formuliert hatte: «Der moderne Mensch wird in einem Tätigkeitstaumel gehalten, damit er nicht zum Nachdenken über den Sinn und das Ziel seines Lebens und der Welt kommt.» Deshalb fordern 92 % der befragten Männer und Frauen, dass Social Media erst ab 16 Jahren, 53 % sogar erst ab 18 Jahren zugelassen sein sollten. Zudem sind 83 % der Befragten für ein Verbot der Smartphone-Nutzung in den Primarschulen, 53 % der Männer und sogar 58 % der Frauen möchten es auf die Sekundarschulen ausdehnen, denn knapp 70% der Jugend glaubt, dass Social Media der Gesellschaft mehr schaden als nützen (nur knapp 2 % der Männer und 5 % der Frauen antworteten mit «Keine Altersbeschränkung»). Zudem zeigt die Studie auch, dass die Ängste unserer jungen Generation grösser sind, je mehr Social-Media-Konsum sie haben.
Warum zögert die «Classe politique»?
Die Schweizer Jugendtrendstudie 2025 verweist auf interessante Überlegungen der befragten jungen Menschen. Sie zeichnen ein anderes Bild von sich als diejenigen ihrer Generation, die durch ihr kriminelles und psychisch auffälliges Verhalten in den Fokus der Medien gespielt werden. Ein Hoffnungsschimmer am Horizont einer künftigen Schweiz! Warum zögert die «Classe politique» noch, ihr politisches Denken auf die Anregungen, Stellungnahmen und Forderungen dieses aktiven und gesunden Teils der künftigen Schweiz auszurichten? Was hindert sie an unabhängigem Denken und Entscheiden? Es wäre ihnen der nötige Mut zu wünschen, sich den Herausforderungen, die sie mit ihrer Wahl in ihr Mandat übernommen haben, zu stellen und Neues zu lernen. Eine Haltung, wie sie die grosse Schweizer Philosophin Jeanne Herrsch beschrieb: «Belehrbar zu sein, bedeutet nicht nur, dass man etwas vom anderen bekommt, sondern dass man eine empfängliche Aktivität entfalten kann, und diese empfängliche Aktivität ist etwas, woran man vielleicht heutzutage nicht genügend denkt.»5 •
1 Schweizer Jugendtrendstudie. https://www.generation-thinking.de/post/jugendtrendstudie-schweiz-2025. Die Zitate im Text sind den Protokollen der Befragungen entnommen.
2 Vergleichsstudie in Deutschland. https://www.generation-thinking.de/post/jugendtrendstudie-2025
3 Heute sind Meinungsumfragen beliebt, um zu erfahren, wie sich bestimmte Bevölkerungsgruppen je nach Alter, Geschlecht oder Kulturkreis zu aktuellen Themen stellen. Solche Umfragen können durchaus sinnvoll sein und Hinweise geben, wie Verantwortungsträger ihre Aufgaben verstehen und überdenken könnten. Aber Vorsicht: Meinungsumfragen gehören heute auch zum Werkzeugkasten politischer Gremien, die sie mit Unterstützung der PR-Berater (früher Propagandisten genannt) nutzen, um mit entsprechenden Strategien steuernd in die Meinungsbildung einzugreifen. Und ausserdem: Meinungsumfragen ersetzen nie das Gespräch und die persönliche Verbindung der Menschen untereinander und geben auch keinen Einblick in die individuellen Motive, die Gestimmtheit oder auch das Engagement beim Beantworten der Fragen.
4 vgl. Rings, Werner. (1966). Advokaten des Feindes – Das Abenteuer der politischen Neutralität. Wien/Düsseldorf: Econ-Verlag
5 Hersch, Jeanne. (2010). Erlebte Zeit. Menschsein im Hier und jetzt. Zürich: NZZ libro
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