Wir leben in einer Zeit der vielleicht grössten geopolitischen Kluft, wenn es darum geht, eine menschliche und menschenwürdige Weltordnung zu schaffen. Der Traum von Jalta von 1945, Kriege hinter uns zu bringen und bilaterale Aggression durch multilaterale Zusammenarbeit zu ersetzen, war ein kurzer. Er wurde ersetzt durch einen bis heute wirkenden Alptraum der Furcht, der Ungewissheit und der Konfrontation.
Vom Traum geblieben ist lediglich die Charta der Vereinten Nationen mit ihrer zeitlosen Ethik und ihrer profunden Vision für alle acht Milliarden Bürger unserer Welt.
Die vielen internationalen Kriege und nationale Konflikte, die es weltweit seit Schaffung der Uno gegeben hat, bezeugen, dass die politische Uno, als Legislative, besonders der Sicherheitsrat, weitgehend unfähig geblieben ist, ihr Friedensmandat zu erfüllen.
Eine Hauptursache hierfür ist, dass die USA bei der Verfolgung ihrer weltweiten geopolitischen Interessen mittels einer unilateralistischen Aussenpolitik ihre militärische und wirtschaftliche Macht, sowohl in den Vereinten Nationen als auch anderswo, nach nationalem Ermessen und nicht nach rechtsstaatlichen und multilateralen Grundsätzen eingesetzt haben.
Dieses Verhaltensmuster ist die einzige einleuchtende Erklärung, sowohl für die Turbulenzen in den internationalen Beziehungen als auch für die oft enttäuschende Leistung der Vereinten Nationen.
Möge dies als ernstzunehmendes Faktum und nicht als ideologische Aussage gewertet werden.
Die multilaterale Baustelle für eine neue, friedliche und gerechte Weltordnung ist wahrlich riesig.
Es geht um die geographische Anpassung eines unrepräsentativ gewordenen Sicherheitsrats.
Es geht um eine reformierte Anwendung des Vetos.
Es geht um die Zusammenarbeit zwischen der Generalversammlung, als Staatenmehrheit, und dem Sicherheitsrat, als Staatenminderheit.
Es geht um die bestehende ungenügende Autorität der Generalversammlung, als Auftragsgeber für den Sicherheitsrat.
Es geht um die Unabhängigkeit der Arbeit des Generalsekretärs und der Sonderorganisationen und deren Schutz gegen bilaterale Einmischung.
Es geht um die Finanzierung der Uno.
Ich möchte hinzufügen: Die Uno ist «billig». Das Jahresbudget des Uno-Generalsekretärs für 2025 beläuft sich auf 3,7 Milliarden US-Dollar oder 0,46 Euro pro Weltbürger.
Nicht zu vergessen: Es geht auch um eine neue und gerechtere internationale Wirtschaftsordnung, die seit langem von der nicht-westlichen Welt gefordert wird, aber von den OECD-Staaten abgelehnt bleibt.
Kurzum, es geht um die Demokratisierung des gesamten Uno-Systems und die Verpflichtung der Mitgliedsstaaten, internationales Recht einzuhalten, und dass Nichteinhaltung Konsequenzen hat.
Ein solcher Katalog von Herausforderungen hätte, laut der Uno-Charta, bereits 1955 von der Generalversammlung diskutiert werden sollen. Mit 70jähriger Verspätung ist nun im September letzten Jahres, auf einem Sondergipfel der Generalversammlung, der sogenannte «Pakt für die Zukunft» verabschiedet worden.
Die gegenwärtige geopolitische Weltlage mag als Hinweis gelten, dass der Weg zu einer neuen Weltordnung und der Schaffung einer entsprechend reformierten Uno, die den Bedürfnissen der Menschheit, aller Menschen, wo immer sie leben, gerecht wird, ein langer sein wird. Es wird auch ein gefährlicher Weg sein, mit vielen Hindernissen und Schlaglöchern.
Es ermutigt, dass die Uno-Generalversammlung trotzdem entschlossen zu sein scheint, diesen Weg zu gehen. Eine Mehrheit der Staaten und nichtstaatlicher Einrichtungen ist einfach nicht länger bereit, eine west-zentrisch beherrschte Welt zu akzeptieren.
Bereit steht ein wertvoller internationaler Handwerkskasten, der fast alles enthält, was für einen umfassenden Umbruch gebraucht wird.
Da ist langjährige Erfahrung auf allen Gebieten menschlichen Wissens, sowohl in der Uno und ihren Sonderorganisationen, als auch in anderen multilateralen und nationalen Einrichtungen, die sich mit dem Ausbau von Institutionen für erneuerbare, friedliche, inklusive und gerechte Entwicklung befasst haben.
Reformvorschläge für neue internationale Finanzstrukturen gibt es seit langem.
Klimawandel-Wissenschaftler und Fachleute für Tradition und lokales Wissen stehen bereit, sich einzubringen.
Die Uno-Charta und die beiden Pakte für politische, bürgerliche, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sind wertvolle Reformwegweiser für die Zukunft.
Da ist aber etwas Entscheidendes, ohne das weder eine neue Weltordnung noch eine reformierte Uno entstehen können: der politische Wille der Grossmächte, sich einstimmig für einen zukünftigen und menschlichen Multilateralismus zu bekennen.
Niemand kann erwarten, dass sich kurzfristig ein dramatischer Wandel von bilateralem Egoismus zu multilateralem Gemeinsinn vollziehen kann. Die gegenwärtig so zerstrittene Welt macht es selbst schwer, an die Utopie des Friedens zu glauben.
Dennoch: Der Reformschlüssel ist durch den Uno-Pakt geschmiedet.
Die apokalyptischen Gefahren, die der Welt auflauern – wie Klimawandel, Nuklearwaffen, Pandemien, Künstliche Intelligenz und Menschenwanderungen, bedingt durch Krisen, Verfolgung und Armut – sind weltweite Herausforderungen, die ausnahmslos alle 193 Uno-Mitgliedsstaaten betreffen.
Alle Länder, besonders aber China, die USA, Russland, und aufstrebende Mächte wie Indien und Brasilien, sollten diese Herausforderungen sehr ernst nehmen, nicht nur aus pragmatisch geopolitischen Gründen.
Hier besteht eine einmalige Gelegenheit, eine Überlebensgemeinschaft zu schaffen, mit dem hehren Ziel, dem Frieden auf der Welt näherzukommen.
Durch Zusammenarbeit würde es möglich, den multilateralen Teamgeist zu entwickeln, eine Versammlung von Nationen zu einer Allianz von vereinten Nationen, den United Nations, aufzubauen.
«Neues schaffen heisst Widerstand leisten. Widerstand leisten heisst Neues schaffen!»
Der grosse Franzose Stéphane Hessel darf nicht vergessen werden! •
* Hans von Sponeck, geboren 1939 in Bremen, studierte Demographie und Physische Anthropologie an den Universitäten Bonn, Tübingen und Washington und erhielt 2010 einen Ehrendoktortitel der Universität Marburg. Von 1968 bis 2000 war er für die Vereinten Nationen tätig. In dieser Zeit arbeitete er u.a. in New York, Ghana, Pakistan, Botswana, Indien und war Direktor des Europa Büros von UNDP in Genf. Von 1998 bis 2000 war er als UN-Koordinator und beigeordneter UN-Generalsekretär verantwortlich für das Programm «Öl für Lebensmittel» im Irak. Im Februar 2000 trat er aus Protest gegen die Sanktionspolitik gegen den Irak zurück. Diverse Auszeichnungen und Veröffentlichungen. Im Juli 2024 erschien bei Stanford University Press sein neues Buch, Liberating the United Nations. Realism with Hope, das er gemeinsam mit Richard Falk geschrieben hat. Der hier veröffentlichte Text folgt einem Vortrag, den Hans von Sponeck am 12. Juli 2025 in Berlin an der Konferenz «Der Mensch ist nicht des Menschen Wolf» gehalten hat.
«‹Liberating The United Nations› ist eine gründliche Überprüfung der Gründung und Geschichte der Vereinten Nationen (UN), die jene kritischen Wendepunkte nachzeichnet, welche den Weg zu einer starken und gerechten UN, die sich an das Völkerrecht hält, verschleiert oder von ihm abgebracht haben. Das Buch basiert auf dem umfassenden Fachwissen zweier ehemaliger UN-Insider, Richard Falk und Hans von Sponeck, und geht über Kritik und Diagnose hinaus, indem es Wege zu einer effektiveren und handlungsfähigeren UN aufzeigt. Der historische Überblick des Buches bietet eine einzigartige breite Perspektive auf die Entwicklung der UN seit ihrer Gründung und wie diese Entwicklung die Weltpolitik widerspiegelt und von ihr definiert wurde.» (Buchrückseite; Übersetzung Zeit-Fragen)
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