Eine Lektion in Gleichwertigkeit

von Eliane Perret

Miro – nein, das ist kein trendiger Name für Jungs – sondern … ein Meerschweinchen, das sich darum sorgt, wie es in seiner Meerschweinchen-Gesellschaft eine bedeutsame Position einnehmen kann. «Wenn ich das grösste von allen Meerschweinen wäre, dann würden mich alle kennen. Aber ich bin nicht gross. Schon gar nicht das Grösste. Wenn ich das Kleinste von allen Meerschweinen wäre, würden sich alle um mich sorgen. Aber ich bin nicht klein. Schon gar nicht das kleinste. Ich bin mittendrin.» Miro kann auch nicht Lieder pfeifen oder singen und auch sonst nichts Besonderes. «Ich bin mittendrin», meint er unzufrieden mit sich und der Welt. 
  So beginnt die Geschichte im Bilderbuch von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer. «Das Beste überhaupt. Meerschwein sein», heisst der sinnige Buchtitel. Ist damit nicht ein Menschheitsproblem angesprochen? Was braucht es vom einzelnen Menschen für das Zusammenleben in der Menschheitsfamilie, gleichwertig und doch nicht gleich? Oder auch: Welchen Anforderungen müssen Verantwortungsträger auf unserer Welt genügen, damit sie zu einem gleichwertigen Zusammenleben beitragen – heute dringender denn je?
  Denn wie sieht die Welt heute aus?
  Ein bisschen so, wie bei Miro und seinen Kameraden. Für sie steht nämlich die jährliche Wahl des besten Meerschweins an. Miro hätte es fast vergessen und eilt den anderen hinterher, die sich – von Ehrgeiz und dem Wunsch herauszuragen getrieben – schon auf den Weg gemacht haben. Spontan gehen mir da einige unserer Politiker (äxgüsi auch Politikerinnen) durch den Kopf, die sich immer wieder mit Extravaganzen, Überheblichkeit oder chamäleonartigem Anpassertum statt mit Sachkenntnis und Verantwortungsgefühl hervortun. Vergleichbar mit Gloss, einer Meerschwein-Kollegin von Miro, die auf ihrem Weg zur Siegerkür die anderen überholt und zu einem vermessenen, man könnte sagen leichtsinnigen Sprung über einen Bach mit wildem Wasser und rutschigen Steinen ansetzt – und sich dabei am Bein verletzt. Nun ist sie im besten Fall noch eine sportliche Dreibeinerin, wie ihre Kollegin feststellt und die anderen zu gemeinsamem, umsichtigem Tun anregt. Gemeinsam, vorsichtig von Stein zu Stein turnend und sich gegenseitig unterstützend, kommen alle langsam, aber trocken und sicher ans andere Ufer (und helfen sogar der hinkenden Gloss). 
  Auch hier – mancher mag es irrtümlicherweise gesucht finden – liegt der Vergleich mit grossmäuligen Politikern nicht fern, die sich hervortun und versuchen, mit verantwortungslosem Gehabe sich ins Zentrum und andere in den Schatten zu stellen – die Besonnenen, Nachdenkenden! 

So klug wie ich ist niemand

Genau wie Pfulme, der von sich denkt, dass niemand so klug sei wie er und der den anderen eine Abkürzung vorschlägt – nur landen sie so im dichten Gebüsch und befinden sich plötzlich vor einem schlafenden Jaguar. Au weia! Sind solche Irrwege im heutigen Polit-Dschungel nicht üblich – auch wenn sie gut vertuscht werden. Da nehmen sich zum Beispiel einige heraus, ihre Wähler an der Nase herumzuführen (als Diener des Volkes notabene) und ihnen einen Weg schmackhaft zu machen, der ins Dickicht führt, zum Beispiel ins Dickicht der Europäischen Union. Das ist fast so dumm (oder durchtrieben) wie Litze, die nun vorgibt, die anderen aus ihrer prekären Situation zu retten, indem sie den Jaguar in den Schwanz beisst. Von ihm abgeschüttelt verliert sie ihre Zähne. Ihre nun zahnlose Sprache ist nur noch schwer verständlich, und trotzdem behauptet sie: «Iff habe das Monster befiegt. Iff bin der Mutigste überhaupt!» Ja, manche verwechseln Dummheit mit Mut. Auch da kommen mir einige Exponentinnen auf der politischen Bühne in den Sinn.

Ist Einsicht so schwierig?

Manche kommen jedoch zur Einsicht, wie Raff, der letztjährige Gewinner des Meerschweinchen-Concours, der gelangweilt, einsam und faul auf seinem Thron sitzt und sichtlich froh ist, dass sein Jahr als bestes Meerschweinchen sich zu Ende neigt. Nun muss er sich aber noch anhören, was alle Besonderes getan haben. Ja, sie haben ihre peinlichen Heldentaten «vergessen», flunkern oder, besser gesagt, lügen munter drauf los und präsentieren sich als besonders mutig, besonders klug oder auch besonders schön. Geradezu prädestiniert als Meerschweinchen des Jahres. Wer sie kennt, weiss, dass sie ein märchenhaft falsches Bild von sich zeichnen. Fast könnte man meinen, sie hätten zuvor ein Briefing bei einem Kommunikationsberater in der Propagandaabteilung gehabt (wie es heute bei vielen Politikern üblich ist). Doch – wäre Einsicht wirklich so schwierig? Oder ist sie etwa gar nicht gewollt? Das fragt man sich oft bei einem Blick auf den Laufsteg der «Politstars».

Ich will mittendrin sein.
Wir alle sind mittendrin!

Es ist verständlich, Raff wird die Grosstuerei seiner Meerschwein-Kolleginnen sichtlich zuviel, und so fragt er schliesslich Miro nach seinen besonderen Leistungen. «Ich kann nichts besonders gut. Ich habe hier geholfen und da mitgemacht, habe mir Mühe gegeben und war einfach mittendrin.» – Stille. Ein Nachdenken setzt ein, endlich: Aber er hat uns doch allen geholfen, er war immer da, wenn wir leichtsinnig und verantwortungslos waren. Er tut, was er kann und so gut er es kann! Das Beste, was man tun kann. So die Einsicht aller, und Miro staunt: Plötzlich ist ER gewählt. Der Weg zum Thron ist frei für ihn, und er hat einen Wunsch offen. Er will das gar nicht, er will nicht allein oben auf dem Gewinnerstein ausharren und sagt: «Ich will das Beste überhaupt: Ich will mittendrin sein. Wir alle sind mittendrin.» Das gibt es zu feiern – gemeinsam. Was nun? Würde man diese Erfahrung nicht all jenen wünschen, die sich heute hervortun, besonders schön, besonders klug, besonders mutig zu sein – getrieben von überhitztem Ehrgeiz und Machtgier? Und bis sie endlich so weit sind? Vielleicht könnten sie sich von Meerschweinchen Miro beraten lassen …

PS. Das tiefsinnige und schön gestaltete Buch von Lorenz Pauli (Text) und Kathrin Schärer (Illustrationen) ist allen, speziell auch Eltern und Lehrpersonen wärmstens zu empfehlen: Das Beste überhaupt. Meerschwein sein. 

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