Ein einzigartiges Projekt der Menschheit

Die Fotoausstellung «The Family of Man» – heute aktueller denn je

von Eliane Perret

Vor 70 Jahren, am 24. Januar 1955, wurde im Museum of Modern Art (MoMA) in New York die weltumspannende Ausstellung «The Family of Man» eröffnet. Verantwortlich waren Edward Steichen und sein Team, die aus der ganzen Welt Fotos zusammengetragen und für die Ausstellung ausgewählt hatten. Bis heute gilt «The Family of Man» für viele als das grösste fotografische Projekt aller Zeiten, das ein einzigartiges Porträt der Menschheit zeichnet und in 37 Themen die grossen Momente des menschlichen Lebens darstellt. Sie zeigt, wie unterschiedlich die Menschen weltweit ihr Zusammenleben ausgestalten, betont aber gerade das Verbindende und die Gleichwertigkeit aller Menschen, wie es seit 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Uno1 festgehalten ist – eine Grundlage für ein Zusammenleben in Frieden.

«Ich habe es geschafft! Ich gehöre dazu!»

Das beginnt mit dem Start ins Leben: «Der erste Schrei eines neugeborenen Kindes in Chicago oder in Zamboango, in Amsterdam oder Rangoon, hat dieselbe Aussage: ‹Ich bin es! Ich habe es geschafft! Ich gehöre dazu! Ich bin ein Mitglied der Familie!›» Das schreibt der Dichter und Schriftsteller Carl Sandburg2 in den einleitenden Worten zum Katalog, der die Ausstellung «The Family of Man» dokumentiert. Die Ausstellung versteht sich als Momentaufnahme ihrer Zeit nach zwei furchtbaren Weltkriegen und versucht die damals (und heute) anstehenden Menschheitsfragen zu beantworten. So entwirft sie eine Perspektive einer friedlichen und humanen Welt, getragen von einem Geist gleichwertigen und demokratischen Zusammenlebens. Das ist heute so aktuell wie zuvor, angesichts einer durch politische Spannungen und Herrschaftsansprüche bedrängten Welt.

Eine tiefe Abneigung gegen den Krieg

Der luxemburgisch-amerikanische Fotograf und Kunstmaler Edward Steichen (1879–1973) war der gedankliche Urheber von «The Family of Man». Die Ausstellung ist eng mit seinem persönlichen Lebensweg (siehe Kasten) verbunden.
  Als er sich 1917 freiwillig für den Einsatz in der US-amerikanischen Armee meldete, war sein Ziel, die Nachfolge von Matthew Brady, dem legendären Kriegsreporter im amerikanischen Bürgerkrieg, anzutreten. Er wurde als Leutnant in der Fotoabteilung des «US Army Signal Corps» mit der Abteilung der Überwachung der Luftaufklärungsfotografie in Frankreich betraut. Gegen Kriegsende wurde ihm bewusst, dass seine Bilder zur gezielten Zerstörung im Krieg eingesetzt werden sollten – eine klärende und wegweisende Erfahrung. Er hoffte nun darauf, dass die Kunstschaffenden sich zusammenschliessen und vereint gegen das Massenmorden auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges stellen würden. Die Erlebnisse und schrecklichen Bilder des Krieges gingen ihm nahe, und nach Kriegsende plagten ihn schwere Depressionen. Auch wenn er später vielseitig künstlerisch tätig war, so blieben für ihn soziale Themen und sein pazifistisches Anliegen wichtig.

Was hatte ich falsch gemacht?

Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1947, wurde Steichen zum Direktor der Fotoabteilung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York ernannt, eine Funktion, die er bis 1962 innehatte. Er stellte seine Karriere als Fotograf zurück, um andere Künstler zu fördern, und organisierte und kuratierte in diesen fünfzehn Jahren 44 Ausstellungen. Dank seiner Offenheit, Vielseitigkeit und Experimentierfreudigkeit konnte er ganz unterschiedlichen Künstlern eine Plattform geben. 1951, mitten im Kalten Krieg, eröffnete er seine Ausstellung «Korea – The Impact of War», in welcher er wiederum die Greuel von Kriegen darstellen wollte. Sie wurde für Steichen zu einem Wendepunkt in seiner Arbeit. Denn entgegen seiner Absicht erzeugten die Bilder des Krieges nicht Ekel und eine tiefe Abneigung gegen den Krieg, wie er sie selbst in den beiden Weltkriegen als bleibenden und schmerzhaften Eindruck entwickelt hatte. Diese Erfahrung erschütterte Steichen zutiefst und inspirierte ihn zur Idee für die Ausstellung «The Family of Man»:
  «Obwohl ich den Krieg in all seiner Härte in drei Ausstellungen dargestellt hatte, war es mir nicht gelungen, meine Mission zu erfüllen. Es war mir nicht gelungen, die Menschen wachzurütteln und zu einer offenen und kollektiven Ächtung des Krieges zu bewegen. Dieser Misserfolg veranlasste mich, meine Konzeption zu überprüfen. Was hatte ich falsch gemacht? Ich hatte eine negative Position bezogen. Was die Menschen brauchten, war etwas Positives. Ich musste ihnen zeigen, wie herrlich das Leben ist, wie wundervoll die Menschen und – vor allem – wie gleich sie sind in allen Teilen der Welt. […], Family of Man, das war das Thema für meine Ausstellung, nach dem ich gesucht hatte.»3 Er beschloss, seine Idee für die Ausstellung «The Family of Man» in die Tat umzusetzen, und schreckte auch nicht vor der Grösse der Aufgabe zurück.

Erneut drohende Spannungen

Er nutzte alle seine Ressourcen des Fotojournalismus und seine beruflich entstandenen Netzwerke, um sein Projekt zu verwirklichen. Das war zu einer Zeit, als die Welt daran war, sich vom Zweiten Weltkrieg zu erholen, von einer der bisher grössten Tragödien ihrer Geschichte. Nach den Schrecken der Geschehnisse zweifelten die Menschen an Gewissheiten und lebten mit innerer Orientierungslosigkeit. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion (UdSSR) profilierten sich bereits als neue Grossmächte, unterstützt von ihren jeweiligen Verbündeten. Die Spannungen zwischen ihnen waren schon ab 1947 immer deutlicher geworden. Im Bewusstsein der militärischen Wirkung begannen sie ein Wettrennen um die nukleare Abschreckung und wollten die stärkste Atomwaffe entwickeln. Die Gefahr eines neuen Konflikts, noch gewalttätiger und zerstörerischer als alles, was die Menschheit je erlebt hatte, drohte der ganzen Welt. Sie glitt in den Kalten Krieg ab. In diesem zeitgeschichtlichen Kontext nahm Edward Steichens Idee zu «The Family of Man» Gestalt an.

Ungeachtet ihrer Rasse,
 ihres Glaubens
 und ihrer Hautfarbe

Für Steichen war «The Family of Man» der Höhepunkt seiner Karriere, in dem sich seine langjährigen beruflichen Erfahrungen und sein menschliches Anliegen eng mit seiner eigenen Geschichte verbanden. Schon als kleiner Bub hatte er ein Erlebnis mit seiner Mutter, das sich in seinem Gefühlsleben niederschlug. «Ich war wohl 10 Jahre alt, als ich eines Tages von der Schule kam, mich an der Türe des Geschäftes umdrehte und auf die Strasse hinausrief: ‹Dreckiger kleiner Jude!› Meine Mutter rief mich an den Ladentisch, wo sie eben bediente, und fragte mich, was ich da geschrien hätte. Voll kindlicher Unschuld wiederholte ich meine Worte. Die Mutter bat ihre Kunden, sie zu entschuldigen, schloss den Laden und nahm mich mit in unsere Wohnung. Dann setzte sie sich zu mir und begann ein langes ernstes Gespräch mit mir, in dem sie mir erklärte, dass alle Menschen gleich seien, ungeachtet ihrer Rasse, ihres Glaubens und ihrer Farbe, und dass Bigotterie und Intoleranz von Übel seien.»4 Später schätzte Steichen diese Episode als entscheidendes Moment auf seinem Lebensweg ein.

Die Schönheit der Dinge,
die unser Leben ausfüllen

Ab 1951 begann er, unterstützt von den Fotografen Wayne Miller, Dorothea Lange und weiteren Helfern, nach Gegenbildern zum Krieg, nach Bildern des menschlichen Alltags zu suchen. Sie sollten die grossen Momente und die Schönheit des Lebens wiedergeben. Auf Reisen durch die USA und Europa sammelten sie Bilder für die geplante Ausstellung. Sie schalteten Anzeigen mit Spendenaufrufen und durchsuchten die Archive von Agenturen wie Magnum Photos und Time&Life. Es folgten vier Jahre intensiver Arbeit. Schliesslich stand die schier unlösbare Aufgabe an, aus über vier Millionen Fotografien jene zu suchen, mit denen die Ausstellung gestaltet werden sollte. Schliesslich vereinten sie 503 Bilder von 273 Profi- und Amateurfotografen aus 68 Ländern. Sie stellen jene Augenblicke dar, denen alle Menschen in ihrem Leben begegnen: Liebe, Geburt, Arbeit, Familie, Bildung, Kindheit, Krieg, Frieden … Oder wie Edward Steichen es formulierte: «‹The Family of Man› wurde als Spiegel universeller Elemente und Emotionen im Kontext des Alltagslebens konzipiert – als Spiegel der grundlegenden Einheit der Menschheit.»5 Die Fotografien offenbaren sehr bewegend, wie die Menschen einander zugewandt begegnen, sich aneinander und miteinander freuen und beweisen, dass das Leben lebenswert ist, auch wenn die Bilder manchmal von Traurigkeit oder Gewalt geprägt sind.
  1955 war es so weit, die Ausstellung stand. Zehn Jahre lang, bis 1965, wurde sie im Museum of Modern Art in New York präsentiert. Dann reiste sie um die Welt und wurde in vielen Ländern wie Indien, Russland, Frankreich, Simbabwe, Südafrika, Mexiko, Deutschland, Japan, Australien und anderen gezeigt. Dazu brauchte es zehn nahezu identische Kopien von «The Family of Man». Jede von ihnen, in 23 Kisten verpackt, wog anderthalb Tonnen. Der Aufbau der Ausstellung dauerte jeweils etwa sechs Tage. Sie wurde in fast 160 Museen präsentiert und hat mehr als 10 Millionen Besucher angezogen.

Eine Ausstellung für alle Menschen

Als Edward Steichen 1952 nach Europa gereist war, um Fotografien für seine geplante Ausstellung zu sammeln, schlug er seinem Heimatland Luxemburg vor, von dort aus die geplante Reise um die Welt von «The Family of Man» zu starten. Doch die Regierung lehnte ab. Sie betrachtete, wie damals so viele, die Fotografie nicht als Kunst, sondern als ein kommerzielles Handwerk. Erst etwa zehn Jahre später stiessen Steichens Überlegungen auf ein positiveres Echo. Im Jahr 1964 schenkte die amerikanische Regierung auf Wunsch Edward Steichens die Wanderausstellung «The Family of Man» dem Grossherzogtum Luxemburg. Es folgten noch Ausstellungen in Frankreich und Japan. Allein in Hiroshima strömten täglich über dreitausend Besucher herbei – eine Zahl, die für sich spricht. Seit Juni 1964 hat sie ihr endgültiges Zuhause im Schloss Clervaux, wo sie nun besucht werden kann.

Kritik und ein wichtiges Umdenken

Die Ausstellung löste Diskussionen und Ablehnung aus – meinungsbildend befeuert vom postmodernen Philosophen Roland Barthes. Man machte ihr den Vorwurf, die Geschichte nicht als veränderbar im marxistisch-dialektischen Sinne zu deuten, und kritisierte den der Ausstellung zugrunde liegenden Humanismus als sentimental und reaktionär. Diese Stimmen sind mittlerweile zu Recht verstummt.6 Gerade heute ist ein Umdenken im Gange, das zu einer differenzierten Betrachtung dieser komplexen und viele Menschen ermutigenden Ausstellung geführt hat. Sie spricht bis heute ihre Besucher zutiefst durch ihre zeitlos gültige Botschaft vom Mensch-Sein an.

2003 von der Unesco zum
Weltdokumentenerbe erklärt

Das letzte Bild der Ausstellung – ein Foto eines Wasserstoffbombenabwurfs – ist begleitet vom mahnenden Zitat Bertrand Russells: «Die besten Experten sind sich einig, dass ein Krieg mit Wasserstoffbomben höchstwahrscheinlich das Ende der Menschheit bedeuten würde … und wir würden den universellen Tod erleben – für eine glückliche Minderheit nur plötzlich, für die Mehrheit jedoch eine langsame Qual durch Krankheit und Zerfall …»7
  Das können sich nur Kriegstreiber und von Kriegspropaganda und Machtgier verwirrte Geister wünschen!  •



1  Resolution 217 A (III) der Generalversammlung vom 10. Dezember 1948 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte; https://www.ohchr.org/sites/default/files/UDHR/Documents/UDHR_Translations/ger.pdf
2  Carl Sandburg (* 6. Januar 1878 in Galesburg in Illinois; † 22. Juli 1967 in Flat Rock, North Carolina) war ein Kind von schwedischen Einwanderern. Er war mit Lilian Steichen verheiratet, der jüngeren Schwester von Edward Steichen. Er arbeitete mit Steichen am Text für die Fotoausstellung und dem dazugehörigen Buch The Family of Man (1955) mit. Sandburgs erstes Buch, Chicago Poems, erschien 1916, und seine letzte Gedichtsammlung, Honey and Salt, erschien 1963, als er 85 Jahre alt war. 
3 Hurm, Gerd. Edward Steichen. Luxemburg. Editions Saint-Paul 2019, S. 131
4 a.a.O. S. 29
5 Steichen, Edward. https://www.thefamilyofman.education/fr/contexte-historique/the-family-of-man-un-livre-de-lhumanite
6 Zu Kritik Anlass gab, dass die Ausstellung mit Unterstützung der United States Information Agency (USIA) präsentiert wurde, einer US-Regierungsorganisation, die mitten im Kalten Krieg gegründet worden war, um im Ausland ein positives Bild der Vereinigten Staaten zu vermitteln (vgl. Hurm, S. 144f.).
7 Steichen, Edward. The Family of Man. New York: Museum of Modern Art 1955, S. 179

Weitere Quellen:
Steichen, Edward. The Family of Man. New York: Museum of Modern Art 1955 (nach wie vor erhältlich)
Webseite zu «The Family of Man»: ​​​​​​​https://steichencollections-cna.lu/deu/collections/1_the-family-of-man

Edward Steichen

ep. Edouard Jean Steichen oder Edward Steichen, wie er später genannt wurde, ist heute bekannt als Pionier der Fotokunst, der sich unermüdlich, vielseitig und ideenreich für die Anerkennung der Fotografie als künstlerische Ausdrucksform einsetzte. Er wurde am 27. März 1879 in Bivange in Luxemburg geboren. Kaum war er zwei Jahre alt, siedelten seine Eltern nach Amerika um, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Mit 15 Jahren begann er eine Ausbildung zum Drucker und Lithographen. Gleichzeitig begann er zu malen und zu fotografieren, zu einer Zeit, als die Fotografie um Anerkennung als künstlerische Ausdrucksform rang. Diese Wertschätzung hatte sie freilich später: Seine piktorialistische Aufnahme mit dem Titel «Der Teich-Mondschein» (1904) gehört zu den teuersten Fotos, die jemals an einer Auktion verkauft wurden. Steichen sah die Aufgabe der Kunst losgelöst von den damaligen engen Vorstellungen, die weit entfernt waren von der Realität, den Problemen seiner Zeit und den grossen Fragen, die die Gesellschaft bewegten. Gerade diese wollte er darstellen. Wichtige Einschnitte in seinem Leben waren seine Erlebnisse als Soldat. Sie wurden die gefühlsmässige Grundlage für den Widerspruch zum Krieg.
  Die Ausstellung «The Family of Man», die heute im luxemburgischen Clervaux besucht werden kann, gehört zum Unesco-Weltdokumentenerbe und ist eine der bekanntesten Ausstellungen weltweit und zog und zieht Millionen von Besuchern an. Edward Steichen starb am 25. März 1973 in West Redding, Conneticut, zwei Tage vor seinem 94. Geburtstag. Sein Vermächtnis für die Fotografie und das, was er uns über ihre Bedeutung lehrte, inspirieren bis heute Generationen von Fotografen.

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