Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! … auch wenn es um Russland geht

von Karl-Jürgen Müller

Es ist eine Beleidigung für Gefühl und Verstand, was uns tagtäglich als Kriegspropaganda serviert wird. Ein aktuelles Beispiel unter leider sehr vielen: ein am 24. Juli veröffentlichtes Interview der «Neuen Zürcher Zeitung» mit dem niederländischen Admiral Rob Bauer. Von 2017 bis 2021 war dieser Befehlshaber der niederländischen Streitkräfte und von Juni 2021 bis Januar 2025 Vorsitzender des Nato-Militärausschusses.
  Gleich zu Beginn des Interviews sagt der niederländische Admiral: «Das Schicksal der Welt entscheidet sich derzeit auf den Schlachtfeldern der Ukraine. Es geht um das Konzept der freien Demokratie und die internationale regelbasierte Ordnung.» Im weiteren Verlauf des Interviews geht es dem Nato-Admiral vor allem um Polemik gegen die Schweizer Neutralität. Zum Ende hin kommt er erneut auf Russland zu sprechen: «Eines von Russlands Zielen ist es, das ukrainische Volk auszulöschen. Man sieht es an den entführten Kindern. Es ist entsetzlich. Sie werden nicht nur missbraucht, sondern auch einer Gehirnwäsche unterzogen, um ihre ukrainische Identität abzulegen.» Und dann folgt noch der Vergleich mit Verschleppungen von Esten, Letten und Litauern in den 1940er Jahren.
  Alle diese Aussagen sind Kriegspropaganda, und am Ende dieses Textes soll noch einmal hierauf eingegangen werden. Zuvor soll auf ein Buch eines deutschen Autors und auf ein aktuelles Interview mit dem russischen Aussenminister Sergej Lawrow hingewiesen werden.

Hauke Ritz:
Vom Niedergang des Westens

Das Buch wurde 2024 veröffentlicht, mittlerweile liegt die dritte Auflage vor. Der Autor ist Hauke Ritz, Jahrgang 1975, ein deutscher Wissenschaftler und Publizist, der an der Universität Giessen, aber auch an drei russischen Hochschulen gelehrt hat. Seit 2022 leitet er gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot das European Democracy Lab e.V. Der Titel des Buches lautet: «Vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas»1.
  Hauke Ritz ist einer der wenigen deutschsprachigen Autoren, die den Krieg des Westens gegen Russland auch kulturgeschichtlich einordnen: als Krieg zwischen einem postmodernen, mit der europäischen Kultur brechenden Westen und einem Russland, das an europäischen Kulturtraditionen wie Christentum, Humanismus und Aufklärung und damit an der Idee der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen festhält. Dieser Krieg des Westens ist interessengeleitet: eine westliche «Oligarchie» – Hauke Ritz erläutert den Begriff – verspricht sich vom Bruch mit der europäischen Kulturtradition mehr Macht und Profit.
  In den Kapiteln «Die amerikanische Tragödie» und «Die machtpolitischen Implikationen einer unipolaren Weltordnung» zeichnet der Autor noch einmal nach, wie die verschiedenen US-Regierungen und die auf sie Einfluss nehmenden politischen und wirtschaftlichen Kreise – allen voran die US-amerikanischen Neokonservativen – nach dem Ende des Kalten Krieges alles unternommen haben, um die USA zur einzigen und alle anderen Staaten beherrschenden Weltmacht zu machen und alle Alternativen zu einer unipolaren Welt zu verunmöglichen. Dabei setzten sie alle Machtmittel ein. Kriege zu führen, war und ist für sie eine Selbstverständlichkeit genauso wie die Missachtung des internationalen Rechts. Insbesondere haben sie alles getan, um Russland zu schwächen und als Faktor der Weltpolitik auszuschalten.
  Russland – das in den 1990er Jahren noch zu schwach für Widerstand war – hat spätestens seit 2007 und der Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf der Münchner Sicherheitskonferenz offen Gegensteuer gegeben. Ohne dabei die Türen der Diplomatie zuzuschlagen. Im Gegenteil, Russlands politische Führung hat viele Jahre versucht, zu einer vertraglichen Einigung mit den USA, mit der Nato und mit der EU zu kommen. Auf der Grundlage der Gleichberechtigung und der ungeteilten, gemeinsamen Sicherheit für alle Staaten und Völker! Ohne Erfolg. USA, Nato und EU haben ihre Versuche, Russland zu schwächen, nicht aufgegeben. Die Nato-Ost-Erweiterung, die Kündigung von Abrüstungsverträgen, der Aufbau neuer, Russland bedrohender Waffensysteme, die Integration der Ukraine in die westliche Front und ein offener Wirtschaftskrieg waren die Mittel dabei.

Sergej Lawrow:
Grundlagen einer Friedensregelung

Am 7. Juli veröffentlichte die ungarische Zeitung Magyar Nemzet ein Interview mit dem russischen Aussenminister Sergej Lawrow2, das die deutschen NachDenkSeiten in deutscher Sprache zusammengefasst haben.3
  Lawrow nannte noch einmal die Punkte, die für Moskau unverzichtbare Grundlagen für ein Friedensabkommen mit der Ukraine sind. Russland sei offen für eine diplomatische Lösung, wolle aber einen «dauerhaften Frieden» und keine blosse «Atempause». Eine solche Pause könne von der Regierung der Ukraine und ihren Unterstützern missbraucht werden, um ihre Truppen neu zu gruppieren, die Mobilisierung fortzusetzen und ihr militärisches Potential zu stärken.
  Eine nachhaltige Regelung erfordere, die Ursachen des Konflikts zu beseitigen.
  Eine Hauptursache für den Krieg sei die «jahrelange Expansion der Nato nach Osten», welche die Ukraine in ein «militärisches Sprungbrett zur Eindämmung Russlands» verwandelt habe. Lawrow legte das, warum die Nato kein reines Verteidigungsbündnis mehr ist, und verwies auf die Angriffskriege gegen Jugoslawien, Irak und Libyen. Die Präsenz von Nato-Basen in der Ukraine stelle eine «unmittelbare Bedrohung» für Russlands nationale Sicherheit dar.
  Lawrow erinnerte daran, dass Russland Ende 2021 Sicherheitsgarantien gefordert hatte, die den blockfreien Status der Ukraine bewahren sollten. Diese Initiative sei jedoch vom Westen abgelehnt und die Ukraine statt dessen weiter aufgerüstet worden. Was Russland «keine andere Wahl» gelassen habe, als die «spezielle Militäroperation» zu beginnen.
  Zudem sei es unerlässlich, die Menschenrechte in den von Kiew kontrollierten Gebieten zu gewährleisten. Seit 2014 habe die ukrainische Regierung versucht, alles Russische im Land – Sprache, Kultur, Traditionen, kanonische Orthodoxie und russischsprachige Medien – «auszurotten». Ethnische Russen seien verfolgt und getötet worden, insbesondere seit dem Staatsstreich in Kiew 2014. Von 2014 bis zum Februar 2022 hätten ukrainische Soldaten und Milizen «über zehntausend russische und russischsprachige Einwohner des Donbass» getötet.

Rückkehr zu den Ursprüngen
ukrainischer Staatlichkeit

Die Ukraine müsse demilitarisiert und entnazifiziert werden. Die Aufhebung antirussischer Sanktionen, der Rückzug aller Klagen gegen Russland und die Rückgabe illegal im Westen festgehaltener russischer Vermögenswerte müssten festgeschrieben werden. Lawrow forderte die Ukraine auf, zu den «Ursprüngen ihrer Staatlichkeit» zurückzukehren und den neutralen, blockfreien und atomwaffenfreien Status zu respektieren, der in der Souveränitätserklärung von 1990 festgelegt wurde.
  Ein weiteres zentrales Element eines Friedensabkommens müsse die völkerrechtliche Anerkennung der «neuen territorialen Realitäten» sein, die durch die Eingliederung der Krim, Sewastopols, der Volksrepubliken Donezk und Luhansk sowie der Regionen Saporischschja und Cherson in Russland entstanden sind. In diesen früher ukrainischen Regionen habe es Volksabstimmungen gegeben, die alle eine Mehrheit für eine Mitgliedschaft in der russischen Föderation fanden. Lawrow erinnerte an die Ausübung des in der Uno-Charta verankerten Rechts der Völker auf Selbstbestimmung. Er warf westlichen Ländern vor, die Uno-Charta selektiv zu zitieren: Sie würden sich auf die territoriale Integrität (Artikel 2 Absatz4) konzentrieren, aber das Recht auf Selbstbestimmung (Artikel 1 Absatz 2) und die Achtung der Menschenrechte (Artikel 1 Absatz 3) ignorieren.

Keine Pläne für Angriff
auf andere europäische Staaten …

Die Behauptungen westlicher Geheimdienste und europäischer Politiker, der russische Präsident plane, andere europäische Staaten anzugreifen, bezeichnete Lawrow als unbegründet. Er vermutet, dass diese «mythische russische Bedrohung» von den westlichen Führungskreisen erzeugt werde, um die Bevölkerung angesichts sozialer und wirtschaftlicher Probleme stillzuhalten und von eigenen Misserfolgen abzulenken. Er zeigte sich besorgt darüber, dass sich das «vereinte Europa» in einen «militärisch-politischen Block» und ein «Anhängsel der Nato» verwandle.

… und keine Kindsentführungen

Lawrow ging auch auf die Frage ein, ob Russland Tausende ukrainische Kinder nach Russland entführt habe. Er erwähnte, dass die ukrainische Regierung in den russisch-ukrainischen Verhandlungen eine Liste mit 339 Kindern vorgelegt habe, die den Kontakt zu ihrer Familie verloren hätten. Dies widerlege, so der Minister, «falsche Propaganda-Behauptungen Kiews» über 19 000 angeblich von Russland «entführte» Kinder. Russland prüfe jeden Fall auf dieser Liste.
  Russland hatte schon gleich nach den ersten Behauptungen über entführte ukrainische Kinder erklärt, dass Kinder ohne Familienangehörige aus den Kriegsgebieten zu ihrer eigenen Sicherheit nach Russland gebracht worden waren.

Die Oligarchie nicht siegen lassen

Damit sind wir wieder am Anfang dieses Textes und bei der Behauptung des niederländischen Admirals, Russland habe das Ziel, «das ukrainische Volk auszulöschen» und entführe deshalb ukrainische Kinder, die in Russland «nicht nur missbraucht, sondern auch einer Gehirnwäsche unterzogen» würden. Das passt nun gar nicht zu den Aussagen des russischen Aussenministers – und auch nicht zur Tatsache einer ukrainischen Liste mit lediglich 339 vermissten Kindern. Spricht nicht vieles dafür, dass der niederländische Admiral Greuelpropaganda verbreitet, wie wir sie aus allen Kriegen kennen? Der aktuelle Artikel des Schweizer Journalisten Helmut Scheben (s. Die Geschichten von russischen «Kinderräubern») bestätigt dies.
  Das Schlusskapitel im Buch von Hauke Ritz hat die Überschrift «Warum der Westen Russland so sehr hasst». Dieser Hass auf Russland passt nicht zur europäischen Kulturgeschichte, in der es vielfältige und sich gegenseitig befruchtende Beziehungen zur russischen Kultur gegeben hat. Aber er passt zur westlichen Oligarchie und zu einer von dieser Oligarchie verordneten postmodernen Ideologie der Kulturzersetzung («Dekonstruktion»). Ganz im Interesse einer Oligarchie, die nach wie vor nach der Weltherrschaft strebt und einen Klassenkampf von oben gegen alles Streben nach Gleichberechtigung und sozialer Gerechtigkeit führt. «Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen», so der US-amerikanische Milliardär Warren Buffet.
  Deshalb muss man die Formulierungen des niederländischen Admirals übersetzen. Wenn er vom «Konzept der freien Demokratie» und der «international regelbasierten Ordnung» spricht, darf man dies nicht wörtlich verstehen, sondern im Sinne eines Wortmissbrauchs, der die Herrschaft dieser Oligarchie verschleiern soll.
  In der Tat: Auf den «Schlachtfeldern der Ukraine» wird ein Stück weit auch über die Zukunft dieser Oligarchie (das «Schicksal der Welt») entschieden. Russland betont seit vielen Jahren, dass es eine Welt gleichberechtigter Staaten und Völker anstrebt und nicht länger bereit ist, eine Vorherrschaft von wem auch immer zu akzeptieren. Das ist das Gegenteil der Ziele der Oligarchie. Deshalb führt sie ihren unerbittlichen Krieg gegen Russland. Aber nicht nur gegen Russland. Das Streben der Oligarchie richtet sich gegen alle Staaten und Völker, die nach Gleichberechtigung streben – also gegen die grosse Mehrheit der Welt. Nicht zuletzt richtet sich das Streben dieser Oligarchie gegen die Bürger Europas und seine kulturelle Tradition.£
  Hauke Ritz setzt auf die Alternative eines eigenständigen, politisch und kulturell neu aufgestellten «neuen Europas», und formuliert dazu am Ende seines Buches 10 Thesen. Über diese Thesen lohnt sich eine Diskussion. 



1 Ritz, Hauke. Vom Niedergang des Westens zur Neuerfindung Europas. Promedia Verlag Wien,
 3. Auflage 2025; ISBN 978-3-85371-526-0

2 https://magyarnemzet.hu/kulfold/2025/07h/lavrov-exkluziv-interju-haboru-kapcsolatvom 7.7.2025
3 https://www.nachdenkseiten.de/?p=135749 vom 9.7.2025

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