Krieg
Wann beginnt eigentlich Krieg? Nach einem geflügelten Wort ist die Wahrheit immer das erste Kriegsopfer. Wenn das stimmt, dann beginnt jeder Krieg lange vor militärischen Gewaltakten, nämlich mit der Lügenpropaganda, wenn wir uns unter Menschen und Völkern nicht im Sinne der Uno-Charta, als mit gleichen Rechten Geborene begegnen – wenn das «Existenzrecht» (von wem auch immer) zur Debatte steht. Dann führen wir Krieg, unabhängig davon, ob wir in Militäruniformen stecken oder im feinen Zwirn von Führungsrepräsentanten, ob wir Soldaten sind, Akademiker oder Arbeiter (Adler 1919).
Wenn wir verlieren, was Albert Schweitzer «Ehrfurcht vor dem Leben» nannte, dann sinken wir unter das zivilisatorische Niveau der Tiere, bei denen innerhalb der Art eine «durch erbliche Verhaltensweise gesicherte Ordnung die Regel ist, […] welche […] im allgemeinen die tödliche Auseinandersetzung ausschaltet», wie der Schweizer Zoologe Adolf Portmann sagt (Portmann, S. 67). Deshalb müssen wir Menschen uns ein gesichertes Leben in Würde durch eine humanistische Ethik gewährleisten. Diese Geistesströmung zieht sich durch alle Zeiten und erscheint in allen Kulturen.
Die grundlegenden Probleme, die sich uns Menschen stellen, sind nicht technischer Natur, sondern sie liegen in der Gestaltung unseres Zusammenlebens. Wenn unsere Intelligenz feindseligen Zwecken dient, drehen wir die Spirale nach dem Muster «schärferes Schwert – härterer Schild» immer weiter, und die Menschheit vergeudet damit Kraft und Lebenszeit. Im Krieg können alle Wissensbestände als Waffen verwendet werden, anstatt zum Wohl der Menschen.
Atomforschung
Als die moderne Physik die Kräfte in den Atomkernen entdeckte, begann das Zeitalter der Nuklearforschung. Sie verschaffte ungeahnte Möglichkeiten, die – unter Kriegsbedingungen – leider sogleich für die Waffenentwicklung genutzt wurden. Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges fand ein Wettlauf um die Entwicklung von sogenannten Atombomben statt, welche die Wirkung von chemischen Sprengstoffen um das Zehntausendfache übertrafen. Atomwaffen töten undifferenziert, massenweise, unendlich weit und dauerhaft über das Schlachtfeld hinaus.
Die Städtebombardements in Japan – wie auch zuvor schon in Europa – waren gezielte und von den verantwortlichen «Bomber»-Generälen von Arthur Harris und Hermann Göring bis Curtis LeMay geplante Angriffe auf die Zivilbevölkerung mit der Absicht, den Wehrwillen der Bevölkerung zu zermürben und sie gegen ihre Regierungen aufzubringen – die klassische Definition für Terror. Die Urheber verwendeten selbst diesen Begriff. Solche Handlungen waren bereits nach damaligem Recht (Haager Abkommen von 1907) verboten und wurden mit der Genfer Konvention von 1949 als Kriegsverbrechen eingestuft. Aber gemäss der Doktrin von John Warden greift die amerikanische Luftwaffe bis heute gerade auch zivile Ziele an, um ein Land zu destabilisieren.
Atomkrieg
Die Bombardierung der beiden unverteidigten Städte Hiroshima und Nagasaki war nach dokumentierten Aussagen der höchsten Kommandeure wie Eisenhower (Coulmas, S. 14ff.) militärisch bedeutungslos und nicht entscheidend für das Kriegsende, wie später und bis heute rechtfertigend behauptet wird. Es gab zum damaligen Zeitpunkt diplomatische Initiativen von seiten Japans, über die Präsident Truman Bescheid wusste, wie er in seinem «Potsdam Diary» am 17. Juli 1945 persönlich festhielt (Coulmas, S. 18). Aber die US-Regierung ignorierte die Möglichkeit einer Verhandlungslösung. Vielmehr warf man diese Atombomben ab, um zu demonstrieren, dass man sie besass und vor ihrem Einsatz nicht zurückschreckte. Sie waren auch ein Signal an die Sowjetunion und ein Auftakt zum Kalten Krieg.
Nicht zuletzt dienten die Abwürfe dieser beiden Bomben mit unterschiedlichem Spaltmaterial (Uran und Plutonium) als Test an bisher unversehrten Städten mit ihrer Bevölkerung. Zwecks Erforschung der Spontanverläufe der massenhaft auftretenden sogenannten Atomkrankheit und weiterer Spätfolgen wurde die Kommunikation zwischen den japanischen Spitälern und ebenso ins Ausland unterbunden. Japan wurde sogar gezwungen, vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz angebotene medizinische Hilfe abzulehnen (Coulmas, S. 18). Es handelte sich also, kurz gesagt, um ein durch Kriegsnebel getarntes, monströses Verbrechen.
Friedensarbeit
In dieser Welt braucht es neutrale Vermittler und humanitäre Helfer. Die Schweiz, die im Zweiten Weltkrieg durch die Vielzahl ihrer Guten Dienste als eigentliche diplomatische «Grossmacht» (Rings 1966) wirkte, muss wieder dahin zurückfinden. Wie die Erfahrung zeigt, erfordern der Schutz des Lebens und die Wahrung der Menschlichkeit mindestens so viel Mut und Opferbereitschaft wie alles kriegerische Heldentum. Und sie schützen uns vor Verrohung. Längst ist bekannt, was der Krieg aus Menschen macht und was Menschen im Krieg tun.
Krieg ist eine gesellschaftliche Katastrophe und ein Krankheitszustand der Seele, in dem allein die Macht entscheidet und die Menschlichkeit verlorengeht. Wenn wir anfangen, auf Macht zu setzen, handeln wir gegen unsere Sozialnatur, gegen unser Mensch-Sein. Feindseliges Machtstreben, wie es im Krieg auf die Spitze getrieben wird, ist eine psychische Fehlentwicklung, welche das menschliche Zusammenleben empfindlich stört.
Es muss der Menschheit gelingen, diese Spirale zu verlassen. Auch die Kriegsplaner und die Bomber-Marschälle waren einmal Kinder. In einer kriegerischen Kultur haben sie ihren Lebensweg gemacht. Gewalt erzeugt noch mehr Gewalt.
Daraus ergibt sich eine klare Aufgabe für uns alle: Unsere Kinder sollen mutige und mitmenschlich fühlende Bürger werden, die einen konstruktiven Weg gehen und für das Wohl aller Menschen Verantwortung tragen wollen.
Durch die Erkenntnisse der Tiefenpsychologie ist seit dem 20. Jahrhundert bekannt, wie ein Menschenkind den Verlockungen von Macht in all ihren Formen erliegen oder gegen sie immuner gemacht werden kann. In den Familien und in der Schule beginnt diese Friedensarbeit. Gute Kinder- und Jugendbücher wie «Sadako will leben» tragen viel dazu bei.•
Quellen und Literatur:
Adler, Alfred. Die andere Seite. Eine Massenpsychologische Studie über die Schuld des Volkes. Wien, Leopold Heidrich 1919
Boyle, Francis A. Das Verbrechen der atomaren Abschreckung. Atlanta, Clarity Press 2002
Coulmas, Florian. Hiroshima. Geschichte und Nachgeschichte. München, Beck 2005
Overy, Richard. Rain of Ruin. Tokyo, Hiroshima and the Surrender of Japan. Allen Lane, London 2025. Deutsche Ausgabe: Berlin, Rowohlt 2025
Pohlmann, Dirk. https://youtu.be/IaWqdcMd7Vc
Portmann, Adolf. Tötungshemmung und Arterhaltung als biologische Probleme. In: Schlemmer, Johannes (Hg.): Die Frage der Todesstrafe. Zwölf Antworten München, Piper 1962, S. 65–78
Rings, Werner. Advokaten des Feindes. Das Abenteuer der politischen Neutralität. Zürich, Buchclub Ex Libris 1966
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