Liebe Anwesende,
liebes Konferenz-Team von «Mut zur Ethik»
Vielen Dank für die Einladung, heute hier zu sprechen.
Gern wäre ich persönlich dabei, ich wünsche Ihnen und Euch allen eine gute und erkenntnisreiche Zeit! «Vernunft und Menschlichkeit» ist das Thema der diesjährigen Konferenz «Mut zur Ethik». In der Region, in der ich als freiberufliche Journalistin unterwegs bin, könnte man meinen, Vernunft und Menschlichkeit gibt es dort nicht.
Krisen und Kriege bestimmen den Alltag und breiten sich immer weiter aus. Im von Israel besetzten und zerstörten palästinensischen Gaza-Streifen und im Westjordanland, in Syrien, Libanon, im Jemen, im Iran und im Irak wird das Internationale Recht durch das Recht der militärischen Gewalt ersetzt.
Nach dem Internationalen Recht – gesprochen von den Vereinten Nationen – steht den Palästinensern seit 1947 ein eigener Staat zu. Israel – gegründet 1948 – ignoriert das Recht der Palästinenser Jahr für Jahr.
Seit mehr als 70 Jahren werden die Menschen in Palästina getötet oder vertrieben, ihr Land wird gestohlen, sie werden eingesperrt im Gaza-Streifen, in Gefängnissen, mit einem Apartheid-System wird ihnen ein gleichberechtigtes Leben mit Israeli versagt. Dabei steht ausser Zweifel, dass den Palästinensern gemäss der UN-Charta und zahlreicher UN-Resolutionen das Recht auf Rückkehr und ein Staat zusteht.
Sie alle haben sich damit befasst!
Niemand schützt die Palästinenser. Keine Vernunft, keine Menschlichkeit kann sie vor den Angriffen bewahren. Aus westlichen und anderen Regierungskreisen sind Phrasen und Appelle zu hören. Ein deutscher Bundeskanzler bedankt sich vor aller Welt bei Israel dafür, dass es im Iran, in Libanon, in Gaza «die Drecksarbeit für uns alle» erledigt.
Israel walzt wie ein Bulldozer über Leben und Lebensgrundlagen seiner arabischen Nachbarn hinweg. Ihre politischen Parteien, die von ihnen gewählt wurden, werden als «Terroristen» verfolgt, isoliert und – wenn sie mit oder auch ohne Waffen ihr Recht auf Widerstand gegen Besatzung und Unterdrückung behaupten – getötet.
In der Geschichte könnte man in den israelischen Kriegen vielleicht eine Parallele zum Einfall der Kreuzritter im 11./12. Jahrhundert erkennen, die von den Arabern als «Barbaren» beschrieben wurden. Doch die Barbaren von damals verfügten nicht über die Feuergewalt, die Künstliche Intelligenz, die Skrupellosigkeit des heutigen Staates Israel und seiner Führung. Den Barbaren von damals wurden keine Waffen von Staaten aus Übersee geschickt, internationales Recht, die UN-Charta existierten damals nicht. Die Barbaren von damals hatten keine Smartphones, mit denen sie sich – wie «die Barbaren von heute» – in Siegerpose über ihre Opfer und deren Eigentum lustig machen, bevor sie sie töten, ihre Häuser sprengen, ihre persönlichen Dinge zerreissen.
Die Barbaren von heute vernichten nicht nur die Palästinenser, sie greifen Libanon und Syrien, Jemen und Iran an. Und sie attackieren die Vereinten Nationen und deren Institutionen, Missionen und Hilfswerke.
Niemand schützt die Palästinenser. Niemand schützt die Menschen in Syrien, Libanon, nicht im Jemen und nicht im Irak oder im Iran.
Im Gegenteil, diejenigen, die sich als Sieger sehen – Israel, die USA, die sogenannten E3 – Deutschland, Frankreich, Grossbritannien – setzen nach, setzen noch eins drauf und ziehen die Schlinge um die scheinbar Unterlegenen weiter zu.
Wir sehen das in Palästina, in Libanon, in Syrien, und wir sehen das im Iran.
Deutschland, Frankreich und Grossbritannien wollen – aus einem nicht mehr bestehenden Atomabkommen, weil die USA einseitig im Jahr 2018 ausgestiegen sind – Sanktionen gegen den Iran in Kraft setzen, weil er sich nicht so verhält, wie man es von ihm verlangt.
Die USA und Israel im Gespann mit einigen europäischen Staaten treten gegenüber den Staaten Westasiens – und nicht nur dort – in alter imperialer kolonialer Manier auf und verlangen Unterwerfung, Rohstoffe, Transportwege, Territorien, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Vor der Welt beklagen sie, «die Last des weissen Mannes» tragen zu müssen, weil in Westasien angeblich nur Terroristen, Lügner, Kriminelle und ewige Nörgler seien, die sich «wie Tiere benehmen», so der US-Sondervermittler für Syrien und Libanon Tom Barrack in einem Pressegespräch mit Journalisten in Beirut. «Verhalten Sie sich zivilisiert», sagte er zu ihnen. Sonst würden er und seine Delegation den Raum verlassen.
Herr Barrack hatte wohl vergessen, wo er sich befand, als er das sagte.
Er war in Libanon, der Heimat der Journalisten, die ihm gegenübersassen.
Er und seine Delegation waren zu Gast, sie waren nicht die Herren im Haus.
Er und seine Delegation waren zudem gekommen, um einem Teil der Libanesen ihr Land, ihre Existenzgrundlagen im fruchtbaren Süden entlang der «Blauen Linie» zu nehmen und in eine «Freihandelszone» zwischen Israel und Libanon zu verwandeln.
Die Libanesen haben allen Grund, ihre Heimat zu verteidigen, denn sie ist in Gefahr. Nicht die Libanesen sind seit Jahrzehnten immer wieder in Israel einmarschiert, es waren die israelischen Truppen, die 1982 bis Beirut kamen und in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila ein Massaker zuliessen, verübt von christlichen Milizen, die sich mit Israel verbündet hatten.
Nicht die Libanesen haben 18 Jahre lang Israel besetzt, sondern die israelische Armee besetzte Libanon, bis sie sich 2000 zurückzog. Bis heute werden die wasserreichen Scheeba-Farmen am Fusse des Bergs Hermon von Israel besetzt gehalten. Der Berg Hermon, den die Menschen der Region Jbeil Scheich nennen, den Berg des Scheichs. Wie ein Scheich, ein muslimischer Prediger, der ein weisses Tuch auf dem Kopf trägt, trägt der Jbeil Scheich im Winter und oft noch bis in den Sommer eine weisse Haube aus Schnee auf seiner Bergspitze.
Die Libanesen haben allen Grund, ihre Heimat zu verteidigen, denn Israel hält erneut Land in Südlibanon besetzt und bombardiert täglich Ziele in Libanon, tötet Menschen. Die Libanesen sehen, was den Palästinensern geschieht und wie es den Syrern ergeht, denen das Land genommen, die Lebensgrundlagen zerstört werden. Die vertrieben werden, wenn sie sich nicht unterwerfen.
Die Menschen der Region, die Staaten, alle haben das Recht, ihr Leben, ihr Land, ihre Zukunft selbst und jenseits westlicher oder US-amerikanischer oder israelischer Perspektiven zu gestalten. Doch was ist, wenn sie unterliegen, wenn sie verlieren, wenn ihnen die Waffen genommen, die Lebensgrundlagen vernichtet, die Häuser, die Schulen, die Kliniken zerstört werden? Was, wenn ihnen die Rechte auf politische Teilhabe verweigert werden, weil sie einer anderen Religion angehören, wenn sie ausgegrenzt, verhöhnt werden?
In einem Interview wurde ich neulich gefragt, ob es für die Menschen im Gaza-Streifen, die so viel Leid erfahren müssten, die alles verloren hätten, nicht besser sei, sie würden den Gaza-Streifen freiwillig verlassen, um in einem anderen Land ein besseres Leben zu finden.
Diese Frage habe ich an Palästinenser in Lagern in Libanon weitergegeben, die alle, auch nach 50 und mehr Jahren, noch immer darauf hoffen, in ihre Heimat in Palästina zurückkehren zu können.
Ein Gesprächspartner erinnerte sich, wie er früher in seinem Familiendorf bei Haifa, Palästina, als Kind mit seinem Vater und dessen Brüdern und Nachbarn abends zusammensitzen durfte und ihren Geschichten zuhörte. Eine Gesprächspartnerin, 70 Jahre alt, erzählte mir, wie sie ihren Grossvater im Dorf in den Hühnerstall begleiten und die Eier aus den Nestern einsammeln durfte. Ein Mann sah mich nachdenklich an und zeigte mir dann ein Video auf seinem Handy, das ein Journalist im Gaza-Streifen von einem Jungen gemacht hatte. Der Junge könne viel besser erklären, warum sie ihre Heimat nicht verlassen wollten
Der Junge, vielleicht 12 Jahre alt, stand zwischen Trümmern, als der Journalist ihn fragte, ob er bleiben wollte. Trotz der Schmerzen, wir bleiben, so der Junge. Der Journalist fragte: Und die Zerstörung? Das hier ist unser Zuhause, wir werden hierbleiben, sagte der Junge.
Dann begann er zu singen:
«Wir werden bleiben, damit der Schmerz vergeht, wir werden wieder aufblühen und die Melodie wird schöner werden. Meine Heimat, meine Heimat, meine Heimat.
Meine Heimat, du bist eins mit mir.
Trotz der Pläne der Feinde, trotz aller Sorgen, werden wir nach einem besseren Leben streben, auf dem Weg zu einem grossen Ziel. Und eines Tages werden wir wirklich die beste Nation unter allen Nationen sein.
Wir werden hierbleiben, damit die Schmerzen vergehen, damit die Melodien wieder schöner werden. Ihr Erinnerungen von gestern, wie schwer ist die Sehnsucht zu ertragen. Unsere Sehnsucht ist stärker geworden als unser Leid. Sag’ doch, warum sind die Mauern um uns so still geworden? Haben sie aufgegeben und vergessen? Die Fremdheit unserer Seelen ist schwer.»
Die Tränen konnte der Junge kaum zurückhalten, als er anfing zu singen und während er sich beim Singen umsah. Doch um so stärker wurde seine Stimme, und er beendete das Lied mit einem Lächeln.
Ja, er wisse, dass Trump kommen und den Gaza-Streifen umbauen wolle, so der Junge auf die Frage des Journalisten. Aber er werde es nicht können, wir sind hier, so der Junge, wir werden bleiben. Unter dem Baum dort zu wohnen ist besser, als unser Land zu verlassen.
Die Begegnung zwischen dem Jungen und dem Journalisten in den Trümmern von Gaza zeigt, dass es doch Menschlichkeit und auch Vernunft in den umkämpften Ländern im östlichen Mittelmeerraum gibt. Es gibt Herz und Verstand, denn der Journalist hat mit dem Jungen gesprochen, seinem Lied zugehört, es aufgenommen, damit die Seinen im Land und ausserhalb, damit auch wir ihn hören, ihn sehen können.
Mit seinem Lied verteidigt er seine Heimat, auch wenn sie in Trümmern liegt.
Er verteidigt auch sich selbst, sein Recht auf Leben in seiner Heimat, auf seine Zukunft.
Und er verteidigt seine Familie, seine Herkunft.
Denn diese Hoffnung, diesen Willen haben seine Eltern und die Generationen vor ihm dem Jungen überlassen, damit er sein Leben gut und stark, mit Vernunft und Menschlichkeit wiederaufbauen kann.
Wir sollten zuhören, es sollte uns zum Nachdenken bringen.
Auch über unser europäisches Leben, das so fremd geworden ist.
Jedes Land Westasiens kann so eine Geschichte erzählen. Das Lied des Jungen aus Gaza ist ein Beispiel für all die Menschen, deren Heimat in Gefahr ist.
Als Journalistin berichte ich darüber, weil dieser Junge jedes Recht auf seine Heimat hat, auf eine gute Zukunft. Wir müssen alles tun, um dieses Recht mit ihm und für ihn und die Seinen einzufordern und zu verteidigen.
Das sagt das Herz und der Verstand.
Vielen Dank! •
Karin Leukefeld legt in ihrem Buch dar, wie das Gebiet zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Persischen Golf nach Ende des Ersten Weltkriegs unter den Einfluss geopolitischer Interessen geriet. Als 1948 der Staat Israel gegründet wurde, übernahmen die USA und ihre europäischen Verbündeten die Kontrolle über die Region, die auf Grund ihrer geostrategischen Lage von grossem Interesse war und es nach wie vor ist. Das erklärt auch, warum Israel trotz seines grausamen, mörderischen Agierens immer noch von westlichen Ländern in Schutz genommen und weiterhin mit Militärausrüstung beliefert wird. Einen Frieden wird es so nicht geben.
Karin Leukefeld, Jahrgang 1954, ist Ethnologin, Islam- und Politikwissenschaftlerin sowie Historikerin. Seit 2000 arbeitet sie als freie Korrespondentin. Ihre Schwerpunkte sind der Nahe und Mittlere Osten.
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